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Die DDR-Spionage gilt gemeinhin als das Aushängeschild des Bundesnachrichtendienstes. Seine nun erstmals gründlich ausgewerteten Unterlagen zeigen, wie weit Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklafften. Denn nach einem kurzen Höhenflug geriet die DDR-Aufklärung des BND im Vergleich zu den anderen westlichen und westdeutschen Diensten deutlich ins Hintertreffen - schon vor dem Mauerbau. Mehr noch: Dem KGB gelang es, die BND-Berichterstattung an die Bundesregierung an entscheidenden Stellen zu manipulieren. Ronny Heidenreich untersucht Praxis und Ertrag der Pullacher DDR-Spionage und zeigt, wie…mehr

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Produktbeschreibung
Die DDR-Spionage gilt gemeinhin als das Aushängeschild des Bundesnachrichtendienstes. Seine nun erstmals gründlich ausgewerteten Unterlagen zeigen, wie weit Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklafften. Denn nach einem kurzen Höhenflug geriet die DDR-Aufklärung des BND im Vergleich zu den anderen westlichen und westdeutschen Diensten deutlich ins Hintertreffen - schon vor dem Mauerbau. Mehr noch: Dem KGB gelang es, die BND-Berichterstattung an die Bundesregierung an entscheidenden Stellen zu manipulieren. Ronny Heidenreich untersucht Praxis und Ertrag der Pullacher DDR-Spionage und zeigt, wie der BND seine Schwächen gegenüber der Öffentlichkeit und den eigenen Mitarbeitern mit inszenierten Erfolgen überdeckte. (Band 11 der Veröffentlichungen der Unabhängigen Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes 1945-1968)

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  • Produktdetails
  • Verlag: Christoph Links Verlag
  • Seitenzahl: 704
  • Erscheinungstermin: 30. Oktober 2019
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783862844661
  • Artikelnr.: 58011522
Autorenporträt
Jahrgang 1980, Studium der Neueren und Neuesten Geschichte, Politikwissenschaften und Osteuropastudien in Leipzig und Berlin; 2007-2009 Mitarbeiter der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur; 2009-2011 wiss. Mitarbeiter der Gedenkstätte Berliner Mauer; 2011-2017 wiss. Mitarbeiter der Unabhängigen Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes, seit 2019 Referent beim Berliner Beauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 03.02.2020

Stark
begrenzte Sicht
Ronny Heidenreich belegt: Der BND hat bis
zum Bau der Mauer in allen großen Krisen versagt
VON NORBERT F. PÖTZL
Wenn ein deutscher Historiker sich mit der hiesigen Geheimdienstgeschichte befasst“, weiß der Militärhistoriker Sönke Neitzel, „dann ist sehr wahrscheinlich, dass er mit moralischem Impetus zu dem Schluss kommt: Es war alles noch viel schlimmer als gedacht.“
Der junge Geschichtswissenschaftler Ronny Heidenreich, Jahrgang 1980, bestätigt das Verdikt des erfahrenen Kollegen. Man ahnte ja schon immer, dass der Bundesnachrichtendienst (BND), von Kanzler Helmut Schmidt als „Dilettantenverein“ verspottet und von allen Bonner Regierungschefs gering geschätzt, trotz Riesenaufwand wenig Ertrag brachte. Nun belegt Heidenreich, gestützt auf breite Aktenbasis, dass der Pullacher Geheimdienst, jedenfalls in der Frühphase bis zum Bau der Berliner Mauer, bei allen großen Krisen versagt hat.
BND-Gründer Reinhard Gehlen, vormals Chef der Wehrmachtsabteilung „Fremde Heere Ost“ (FHO), hatte im Sommer 1945 seine alten Kameraden sowie Zehntausende von Karteikarten und Analysen dem US-Geheimdienst CIA angedient. Aus FHO wurde die westdeutsche CIA-Filiale „Organisation Gehlen“, kurz „Org“. Durch sein Auftreten konnte der Generalmajor a. D. den Eindruck erwecken, er sei ein ausgebuffter Nachrichtenfuchs. Dabei war er als FHO-Chef, wie Sönke Neitzel ätzt, „im Grunde das Orakel von Delphi“ gewesen: „Er hat nicht eine Offensive der Roten Armee richtig vorausgesagt.“
Auch die Erwartungen der CIA wurden immer wieder enttäuscht. So schürte die Org im März 1948 Ängste vor einem sowjetischen Angriff, als sie umfangreiche Treibstoff-Verlegungen von Berlin nach Magdeburg meldete. Als Fehlalarm erwiesen sich Tatarenmeldungen der Org, bei dem für Pfingsten 1950 in Ostberlin geplanten „Deutschlandtreffen der Jugend“ könnten in die Westsektoren eingeschleuste Volkspolizisten Krawalle provozieren.
Als nordkoreanische Truppen im Juni 1950 die Demarkationslinie auf der Halbinsel überschritten und den Koreakrieg auslösten, befand sich ein Teil der Pullacher Führung auf einer Bergtour. Erst tags darauf wurde die Org durch einen Anruf der CIA aufgeschreckt. Als Stalin 1952 anbot, über einen Friedensvertrag und ein neutrales vereintes Deutschland zu verhandeln, unternahm die Org nicht einmal den Versuch zu ergründen, ob die Offerte ernst gemeint war oder das Ziel verfolgte, eine weitere Westintegration der Bundesrepublik zu verhindern. Ihre Berichte beschränkten sich auf knappe Kommentare, die sich auf Zeitungslektüre stützten. Die Org, resümiert Heidenreich, „erweckte nicht einmal den Anschein, ihre Kenntnisse aus Ostberlin oder gar Moskau zu beziehen“.
Ein einziges Mal schien die Org eine Quelle im Zentrum der DDR-Macht platziert zu haben. Aber Elli Barczatis, eine Sekretärin im Vorzimmer von Ministerpräsident Otto Grotewohl, wurde ohne ihr Wissen durch ihren Geliebten abgeschöpft und hatte nur randständige Kenntnisse. Das „Gänseblümchen“, so ihr BND-Deckname, wurde enttarnt und hingerichtet.
Vom Volksaufstand am 17. Juni 1953 erfuhr die Org aus dem Radio. Sie hielt die Demonstrationen der Arbeiter für eine Inszenierung der Sowjets, um den Boden für eine deutsche Wiedervereinigung nach dem Muster der Stalin-Note zu bereiten; dementsprechend falsch wurde das Kanzleramt informiert. Weil der Organisation Gehlen „Zugänge in die politischen Entscheidungszentren in Ostberlin oder gar Moskau“ fehlten, wie Heidenreich schreibt, bezog sie ihre Informationen aus antikommunistischen Westberliner Vereinen wie dem „Kampfbund gegen Unmenschlichkeit“: „Ihre Interpretation basierte auf eigenen Überzeugungen, die durch Einflüsterungen aus Pressekreisen und von zwielichtigen Ostexperten bestärkt wurden.“
Die mangelnde fachliche Qualifikation sowohl der westlichen Führungskräfte wie auch ihrer ostdeutschen Zuträger erleichterte es der DDR-Staatssicherheit und anderen östlichen Diensten, die Org zu unterwandern. Zahlreiche Informanten in der DDR wurden verhaftet, etliche exekutiert, was auf potenzielle V-Leute abschreckend wirkte und deren Anwerbung erschwerte. Das Defizit wurde auch nicht geringer, als die Organisation Gehlen 1956 zum amtlichen Auslandsnachrichtendienst der Bundesregierung avancierte. Besonders blamabel war die Rolle des BND vor dem 13. August 1961. Dass das DDR-Regime schon lange erfolglos in Moskau darauf drängte, wegen der anhaltenden Fluchtbewegung die Westsektoren Berlins abzuriegeln, war seit 1959 allgemein bekannt. Doch noch im Juli 1961 rechnete der BND allenfalls „mit Sofortmaßnahmen innerhalb der Zone“, einem Sperrgebiet um Berlin herum mit Reisebeschränkungen für DDR-Bürger.
Der BND ging den Desinformationen des KGB-Doppelagenten Willi Leisner auf den Leim. Wiederholt berichtete Leisner, Moskau habe den Wunsch des SED-Parteichefs Walter Ulbricht nach einer radikalen Absperrung Westberlins zurückgewiesen. Der BND-Informant berief sich auf Gespräche mit sowjetischen Gewährsleuten und mit SED-Propagandachef Albert Norden, demzufolge die Sowjetunion „allen Wünschen der SED auf ‚Berliner Sperrmaßnahmen‘ ein schnelles Ende bereiten werde“. Diese Entwarnung legte der BND am 1. August dem Kanzleramt vor.
Auch in den folgenden Tagen ließ sich der BND von Leisner in Sicherheit wiegen. Noch am 9. August informierte der BND das Kanzleramt, Moskau habe Ulbrichts Begehren strikt abgelehnt; tatsächlich hatte der SED-Chef bereits freie Hand bekommen. Eine genaue Beobachtung des sowjetischen Militärs, der Nationalen Volksarmee der DDR und der um Berlin eingesetzten Grenzsicherungseinheiten hätte dem BND Hinweise auf eine andere Entwicklung der Lage geben können. Aber der Geheimdienst vertraute lieber seinem vermeintlichen Spitzenagenten und dessen angeblich exklusiven Zugängen. Das bei der DDR-Aufklärung mit dem BND konkurrierende Bundesamt für Verfassungsschutz kam durch Aussagen von Flüchtlingen und Deserteuren aus den Reihen der bewaffneten Organe sowie augenscheinlich eigenen Quellen mit Zugang zur Ostberliner SED-Bezirksleitung zu besseren Erkenntnissen.
Mit der minutiösen Rekonstruktion der internen Informationsabläufe widerlegt Heidenreich auch die zuerst vom Spiegel 2001 in die Welt gesetzte Legende vom „wohl größten Coup“ des BND, ein V-Mann habe am 11. August vor einer unmittelbar bevorstehenden Grenzschließung gewarnt. Der windige Informant, „politische Unterquelle“ eines Westberliner Boulevardjournalisten, hatte einen schlechten Ruf in Pullach; er weigerte sich, die Herkunft seiner Information preiszugeben, sodass sich ihre Glaubwürdigkeit nicht überprüfen ließ. Deshalb nahm der BND den Hinweis nicht ernst.
Am 13. August hüllte sich der BND erst einmal in Schweigen, dann versuchte er, seine Fehlprognose kleinzureden. Nun argumentierte der Dienst, „das Zonenregime“ habe „nach allen Anzeichen kurzfristig“ die Erlaubnis zum Bau der Mauer erhalten. Eine solch überraschende Entwicklung sei angesichts der hermetisch abgeriegelten Parteizentralen in Ostberlin und Moskau für niemand vorhersehbar gewesen – obwohl der BND durch Leisners Berichte genau diesen Einblick gehabt zu haben glaubte.
Norbert F. Pötzl ist freier Autor und beschäftigt sich vorwiegend mit DDR-Themen. Über west-östlichen Agentenaustausch hat er ein Buch geschrieben („Basar der Spione“). Jüngste Buchveröffentlichung: „Der Treuhand-Komplex“.
Am 1. August legte der BND dem
Kanzleramt eine Entwarnung vor,
die SED plane keine Maßnahmen
Ronny Heidenreich:
Die DDR-Spionage des BND. Von den Anfängen bis zum Mauerbau. Ch. Links Verlag, Berlin 2019.
704 Seiten, 50 Euro.
E-Book: 29,99 Euro.
Als es zu spät war, merkte auch der BND, dass in Berlin nun eine Mauer stand. Im Bild US-Präsidenten-Berater Lucius D. Clay im November 1962.
Foto: dpa
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 18.02.2020

Alte Kameraden
Ein vernichtendes Urteil über die DDR-Spionage des frühen Bundesnachrichtendienstes

Wenn es nicht Ergebnis einer gediegenen Analyse des Historikers Ronny Heidenreich wäre, würde man seine Quintessenz im "Neuen Deutschland" verorten: "Die DDR-Spionage blieb in der Amtszeit Reinhard Gehlens weitgehend dysfunktional und defizitär." Sie habe sich in den Jahren von 1949 an bis 1968 in einer "desolaten Verfassung" befunden. Bis zum Jahre 1953 sei es dem Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes (BND) zwar gelungen, ein mehrere hundert V-Personen umfassendes und wahrscheinlich flächendeckendes Netz für die Beobachtung der sowjetischen Truppen aufzubauen - von in der Summe etwa 1000 V-Personen in der DDR. Aber: Das reichte zwar für einfache Beobachtungsoperationen, nicht jedoch für Quellen in Spitzenpositionen von Wirtschaft und Verwaltung oder des Militär- und Sicherheitsapparates.

Mehr noch: "In dieser Frühphase wurden die eigenen Mitarbeiter regelrecht verheizt", konstatiert Heidenreich. Dabei stand der BND-Vorläufer in direkter Konkurrenz zum Bundesamt für Verfassungsschutz sowie dem Berliner Landesamt für Verfassungsschutz, die jeweils eigene DDR-Spionage betrieben. Durchaus erfolgreicher als der BND: Das Berliner Landesamt erhielt beispielsweise durch eine Innenquelle beim Ministerium für Staatssicherheit (MfS) bereits ab Juli 1953 zeitnah Vernehmungsprotokolle - sowie auch zuletzt aus dem MfS-Auslandsnachrichtendienst Hauptverwaltung A Quellenmeldungen, die das inoffizielle Netz in der Bundesrepublik empfindlich berührten. Deren Quelle etwa im BND, Alfred Spuhler, wurde durch das Berliner Landesamt enttarnt; operative Leistungen in der DDR-Spionage, an die der BND zu keiner Zeit hat anknüpfen können. Das konstatiert auch Heidenreich: "Abweichend von einer in der Forschung teilweise vertretenen Meinung, welche die Fähigkeit der westlichen Dienste, sich Zugänge in die Entscheidungszirkel des Ostblocks zu verschaffen, als sehr gering einschätzt" - was die geringe operative Ausbeute des BND als Normalfall erklären könnte -, "liefern die BND-Akten reichlich Hinweise, dass die amerikanischen Dienste, aber auch der Verfassungsschutz über Quellen und Methoden der Informationsverarbeitung sowie über das analytische Potential verfügten, um an belastbare Informationen aus dem SED-Parteiapparat zu gelangen."

Die Verhaftungswellen von V-Personen des BND in der DDR in den Jahren 1953 und 1955, die damit verbundenen Schauprozesse, schreckten nicht wenige potentiell Interessierte ab, für den Nachrichtendienst in Pullach zu arbeiten. Bis zum Mauerbau schmolz die Anzahl von V-Personen des BND auf 250, bis zum Jahre 1968 war sie auf "weniger als 20 gesunken". Heidenreich macht für diese "Lähmung" operativer Arbeit vor allem die "alten Kameraden" verantwortlich, die von einem angenommenen Nimbus zehrten und erkannte Sicherheitsmängel nicht bereinigt hätten, sowie die Qualitäten der Spionageabwehr des MfS. Die Enttarnung des Leiters der BND-Spionageabwehr, Heinz Felfe, als KGB-Maulwurf im November 1961 unterstreicht das.

Mithin gibt es nun durch die Analyse Heidenreichs einen Mythos weniger: Seit Oktober 2016 legt die Unabhängige Kommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes einen Band nach dem anderen vor. Mit Heidenreich also den elften Band, den er als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Kommission in den Jahren bis 2017 erstellt hat.

Das Erfreuliche an dieser Analyse - teils im Unterschied zu anderen Arbeiten der Unabhängigen Kommission - ist die Nutzung eines breiten Quellenfundus - der amerikanische wie britische Akten ebenso einbezieht wie einen entspannteren Umgang mit anderen Historikern pflegt wie etwa zu Erich Schmidt-Eenboom, dem Heidenreich "kenntnisreiche Arbeiten" zuschreibt, die ihm wichtige Anknüpfungspunkte geboten hätten. Was gefällt, ist überdies das harmonische Inein- andergleiten von Mikroebene - teils recht umfassend - und Makroebene.

Im Sommer 1961 stand mit Blick auf die "Republikflucht" aus der DDR allein die Frage im Raum, wann es zu einer Grenzschließung kommen würde. Eine Äußerung des Staatsratsvorsitzenden der DDR, Walter Ulbricht, im März 1961 beflügelte das, was sicherlich Anfang August 1961 - nach längeren Vorbereitungen - mit sowjetischem Segen beschlossen wurde. Heidenreich klopft die Aktenlage ab und registriert für den BND über den möglichen Zeitpunkt eine glatte Fehlbewertung.

Auf Basis von Angaben einer vermutlich vorsätzlich falsch informierenden, vom KGB gesteuerten Quelle ging die BND-Auswertung von einer Entspannung der Situation aus, erwartete direkte Verhandlungen, wie es im BND-"Wochenbericht" denn auch hieß; die SED habe sich diesem sowjetischen Willen zu unterwerfen.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz gelangte auf Basis seiner Quellenauswertungen zu einem anderen Schluss, wonach es der SED gegenwärtig nur darauf ankomme, "den Zugang nach West-Berlin zu versperren". Der bisher gültigen Bewertung der Historiker Armin Wagner oder Klaus Wiegrefe, die auf eine Quellenmeldung vom 11. August 1961 abstellen, nach der mit einer baldigen Grenzschließung zu rechnen sei, beruhe nach Heidenreich auf einer "falschen Interpretation des Dokuments". Das könnte Stoff für einen veritablen Deutungsstreit werden.

Unbeschadet davon gab es tatsächlich präzise Informationen zum Mauerbau: Nicht der BND, sondern das Ostbüro der SPD verfügte in Gestalt seiner Quelle V-610 über einen Potsdamer Arzt, der in einem Krisenstab in unmittelbare Vorbereitungen zum Mauerbau eingebunden war. Er informierte am 5. August 1961: Ulbricht habe sich "mit Plänen bei Chruschtschow durchsetzen" können und sei mit seiner "Forderung bezüglich einer Abriegelung der Sektorengrenze in Westberlin auf großes Verständnis gestoßen". Das zu einem Zeitpunkt, als der BND noch von einem strikten Nein der sowjetischen Seite ausgegangen war.

Der BND geriet mit seiner DDR-Spionage am 13. August 1961 in Erklärungsnöte. In einer Lageunterrichtung in den späten Abendstunden unterstrich er, wie Heidenreich ausführt, "wie wenig der BND die mit der Grenzsicherung befassten Einheiten von Polizei und Kampfgruppen im Blick hatte". Selbst die am Brandenburger Tor für die Berliner unübersehbar agierenden Kampfgruppen konnte der BND "noch nicht" bestätigen. Sieben Jahre später allerdings gestand der BND intern ein, dass "der Bau der Mauer nur eine der Möglichkeiten und insbesondere hinsichtlich des Termins nicht zu erfassen" gewesen sei. De facto waren die militärischen Vorbereitungen in der DDR vom BND nicht erfasst worden, was durchaus als defizitär zu werten ist. Und es wird als dysfunktional anzusehen sein, durch sowjetische Desinformation auf die "falsche Spur gelockt" worden zu sein. Nicht die Bundesregierung war auf Höhe der Lage gesetzt worden, sondern der Regierende Bürgermeister Willy Brandt. Der kannte die Information von V-610 - vor dem Mauerbau.

Ronny Heidenreich hat ein Grundlagenwerk zur DDR-Spionage des BND der Jahre bis 1961 vorgelegt, auch wenn darin einige Operationen fehlen, die sich auf die DDR bezogen, aber über andere Staaten und auch andere Struktureinheiten des BND realisiert worden sind. Das ändert jedoch nichts am Gesamtergebnis.

HELMUT MÜLLER-ENBERGS

Ronny Heidenreich: Die DDR-Spionage des BND. Von den Anfängen bis zum Mauerbau.

Ch. Links Verlag, Berlin 2019. 704 S., 50,- [Euro].

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