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Als HipHop sich aus New York über die ganze Welt verbreitete, machte er auch vor dem Eisernen Vorhang nicht Halt und begeisterte ab den frühen 1980er Jahren Jugendliche in der DDR. Die jungen HipHopper gründeten Breakdance-Crews, sprühten Graffiti und fanden sich zu Parties zusammen, auf denen Rapper ihre Reime und DJs ihre Musik zum Besten gaben. Damit forderten sie nicht nur die Volkspolizei und die Staatssicherheit heraus, sondern auch die sozialistischen Jugendorganisationen, in deren Plan jugendliche Subkulturen nicht vorkamen.
Leonard Schmieding untersucht den Kulturtransfer des
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Produktbeschreibung
Als HipHop sich aus New York über die ganze Welt verbreitete, machte er auch vor dem Eisernen Vorhang nicht Halt und begeisterte ab den frühen 1980er Jahren Jugendliche in der DDR. Die jungen HipHopper gründeten Breakdance-Crews, sprühten Graffiti und fanden sich zu Parties zusammen, auf denen Rapper ihre Reime und DJs ihre Musik zum Besten gaben. Damit forderten sie nicht nur die Volkspolizei und die Staatssicherheit heraus, sondern auch die sozialistischen Jugendorganisationen, in deren Plan jugendliche Subkulturen nicht vorkamen.

Leonard Schmieding untersucht den Kulturtransfer des HipHop von der Bronx in die DDR und analysiert seine spezifische Aneignung durch jugendliche und staatliche Akteure. Die offizielle Wahrnehmung als afroamerikanische Kultur und damit als das "andere" Amerika prägte den staatlichen Umgang mit HipHop und die Interaktion mit den Jugendlichen, die sich Freiräume erschlossen, um ihre Version von Breakdance, Graffiti, DJing und Rap zu praktizieren. Dabeidistanzierten sie sich immer mehr vom Sozialismus und brachen auf imaginärer Ebene aus der DDR aus, um - in einem Prozess des kulturellen schwarz-Werdens - gefühlt und gedanklich in "Amerika" zu sein.
  • Produktdetails
  • Transatlantische Historische Studien Bd.51
  • Verlag: Franz Steiner Verlag
  • Artikelnr. des Verlages: 400010663
  • Seitenzahl: 267
  • Erscheinungstermin: 16. April 2014
  • Deutsch
  • Abmessung: 234mm x 165mm x 23mm
  • Gewicht: 512g
  • ISBN-13: 9783515106634
  • ISBN-10: 3515106634
  • Artikelnr.: 40714509
Rezensionen
Besprechung von 20.02.2015
Die Normalverrenker hatten das nicht drauf

Aus der Reihe tanzen: Der Historiker Leonard Schmieding schreibt die Geschichte des Hip-Hop in den letzten Jahren der DDR.

Es lief ganz nach Erich Honeckers Geschmack. Im Defilee zum 750. Geburtstag Berlins zog 1987 an der Tribüne des Staatsratsvorsitzenden in bunten Historien-Kostümen vorbei, was das Geschichtsbild der inzwischen geteilten Stadt nach östlicher Lesart verkörperte: Antiklerikale Bauern schwangen die Sense, 1848er die Fahne, spartakistische Matrosen die Faust. Eine Schalmeien-Kapelle des Rotfrontkämpferbundes fehlte ebenso wenig wie die Kalaschnikows der siegreichen Rotarmisten, und im Finale wedelten Volkspolizisten und Jungpioniere mit Blumen. Mitten im Historienumzug aber eskortierten Jugendliche in bunter Sportbekleidung mit abgehackten Tanzschritten und akrobatischen Verrenkungen einen als Computer gestalteten Festwagen: Eine Hundertschaft Ost-Berliner Breakdancer war irgendwie in den Umzug geraten. Doch der Spuk war schnell vorüber. Vor der Tribüne trieben Sicherheitskräfte die Tänzer nervös an, bloß weiterzugehen - und so entging dem greisen Vorsitzenden eine eigens für ihn einstudierte Choreographie des "HipHop made in GDR".

Die kleine Szene illustriert beispielhaft die Position einer DDR-Jugendkultur, die oftmals mitten auf dem Präsentierteller agierte, in der Kulturlandschaft aber immer wieder aneckte. So jedenfalls beschreibt Leonard Schmieding die bislang wenig bekannte Szene. Anhand von Akten, Interviews und Artefakten wie Skizzenbüchern, Graffiti und Rap-Texten untersucht der Historiker die Szenebildung der achtziger Jahre. Ihre Initialzündung verortet er in den Vereinigten Staaten.

Der amerikanische Film "Beat Street" brachte Schmieding zufolge die Modewelle 1985 erst richtig ins Rollen. Im Unterschied zu den westlichen Rundfunkwellen erreichte er auch das sogenannte "Tal der Ahnungslosen" im Dresdner Raum, wo sich fortan eines der Zentren der Bewegung formierte. Dass der vom Calypso-Sänger und Bürgerrechts-Aktivisten Harry Belafonte produzierte Film überhaupt in die DDR-Kinos kommen durfte, lag an einigen Fehlern, die Schmieding den Gutachtern der Hauptverwaltung Kultur nachweist: Sie missinterpretierten eine Partyszene als "Friedensfeier" und unterschlugen, dass die im Film porträtierten Party People aus der Bronx ein eher lockeres Verhältnis zum Staatseigentum unterhielten, indem sie mit ihren Mischpulten die Stromkabel von Straßenlaternen anzapften: eine Praxis, die im DDR-Staat nicht gut angekommen wäre.

Die Interpretation der gleichzeitig entstandenen Techniken des Breakdance, Rap, Musikmixens und des Writing genannten Graffiti-Sprühens als ganzheitliche Hip-Hop-Kultur benachteiligter Afroamerikaner fiel in der antiamerikanischen DDR jedoch auf fruchtbaren Boden. Schmieding zitiert den Kulturwissenschaftler Erhard Ertel, der 1985 in einem Aufsatz den Breakdance als "zweite Kultur" im Sinne Lenins deutete. Zwar galten Ertel auch Graffiti als politische Inbesitznahme des öffentlichen Raumes (in Anlehnung an Jean Baudrillard), doch wurden solche potentiell subversiven Aktivitäten in der Praxis mit den seit den fünfziger Jahren erprobten Methoden geheimpolizeilicher "Zersetzung" und "Verunsicherung" verfolgt.

Verunsichert waren aber auch die Organe des Sicherheitsapparates selbst, wie Schmieding anhand von Regionalstudien zeigt. In Rostock etwa hatten Stasi-Beamte Schwierigkeiten mit der Interpretation der Worte "Spray Time! Crazy" in einem Graffito, und in Stralsund wurde die B-Boy-Crew "Melodic Dancer" auf der Wache zusammengeschlagen - allerdings erst, nachdem sie ein Auto umgedreht und sich stundenlang durch die Stadt hatte jagen lassen.

Solche harten Konflikte waren die Ausnahme; insgesamt gab sich der Staat eher indifferent gegenüber der wenig politisch auftretenden Szene. Gerade das B-Boying genannte Breakdancing war mit seinem Streben nach akrobatischer Perfektion erstaunlich kompatibel mit der in der DDR hochgehaltenen Turnertradition, solange es unter dem vereinnahmenden Förderdach der Jugendpolitik stattfand. Voraussetzung für diesen Burgfrieden zwischen dem Staat und seiner abweichenden Jugend war die "Einstufung" von Popmusikern durch die Behörden, auf deren Grundlage die Spiel- beziehungsweise Tanzerlaubnis ausgestellt wurde.

Derart bürokratisch legitimiert, fanden etwa im Leipziger Breakdance-Wettbewerb exotische Tanzfiguren wie die "Cresi-Lex-Technik" oder die "Bäckspinne" Eingang in die Regularien der Bezirkskommissionen für Unterhaltungskunst. Wichtige Einfallstore für solche westlichen Techniken waren die Sendungen von Lutz Schramm im Jugendradio DT 64 und die massenwirksamen Auftritte des Dresdner Rappers TJ Big Blaster Electric Boogie. Viele Breaker praktizierten sogar problemlos innerhalb der FDJ.

Die Stärke von Schmiedings flüssig geschriebener Studie liegt darin, Oral-History-Quellen, auf die populäre Darstellungen sich oftmals beschränken, systematisch mit zeitgenössischen Behördenakten zu konfrontieren und auch Praktiken der Jugendlichen eingehend zu untersuchen. Ob man aber die zunehmend pluralistischen Leibes- und Lockerungsübungen der späten DDR als Krisensymptome einer Auflösung interpretieren soll oder eher als zu späte kulturelle Normalisierung, ist eine Frage, die sich nicht anhand des Ausschnitts einer äußerst überschaubaren Szene beantworten lässt. Auch fehlen für die von Schmieding vorgeschlagene Stilisierung der Jugendkultur zur "Generation" nicht nur die von den B-Boys als "Normalverrenker" bezeichneten Mehrheitsjugendlichen, sondern auch B-Girls, da seine Studie ausschließlich männliche Protagonisten hat.

Wie sehr die Szene aber mit der DDR verflochten war, zeigt das Fazit im Ausblick. Nach dem Mauerfall beginnt keinesfalls deren lang erhoffte kreative Blüte in Freiheit, sondern der rasche Verfall, zu dem auch der Kommerzialisierungsdruck privatisierter Jugendclubs und das Ausbleiben staatlicher Förderung beitragen. Die Wende kam hier als Ende - nicht nur für die Partei, sondern auch für die Party.

BODO MROZEK.

Leonard Schmieding: "Das ist unsere Party". HipHop in der DDR.

Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2014. 267 S., geb., 49,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Bodo Mrozek ist beeindruckt, was der Historiker Leonard Schmieding aus vor allem der Auswertung von Oral-History-Quellen über den "HipHop made in GDR" herausgefunden hat, über Graffiti, Rap und Breakdance, letzterer mit eigenwilligen Figuren-Übersetzungen wie der "Bäckspinne" oder der "Cresi-Lex-Technik" adaptiert. Dass die HipHop-Szene der DDR nach dem Mauerfall zusammenbrach, ist nur eines der Zeichen dafür, wie abhängig sie von den staatlichen Förderungen der Jugendkultur war, die ihr trotz des allgemeinen Antiamerikanismus zugute kamen, berichtet der Rezensent.

© Perlentaucher Medien GmbH
"Its multi-perspectival approach and incorporation of a broad range of sources combined with excellent historical contextualization of both the political and cultural history of the GDR as well as Hip Hop in the US provide a differentiated portrayal and analysis of this youth subculture and lay the groundwork for further research in this area." Sabine von Dirke Social History 12, 2015