Die Hure H wirft den Handschuh - Vries, Katrin de; Feuchtenberger, Anke

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Wie weit kann die existenzielle Wanderung, mit der die Hure H ihre Leser und Betrachter in den ersten beiden Bänden verstört und entzückt hat, noch gehen? Gibt es noch eine Steigerung, ein bislang unberührtes Territorium? In drei neuen Bilderzählungen rührt der abschließende Band an eine überaus heikle Stelle: Es ist die intime Naht, zu der die strengsten Rituale der menschlichen Kultur mit dem Natürlichen verwachsen sind. Was haben Tier und Pflanze mit der kostbaren Balance zwischen Mann und Frau zu tun? Was verraten uns das Vegetative, das Animalische über die steilsten und kältesten…mehr

Produktbeschreibung
Wie weit kann die existenzielle Wanderung, mit der die Hure H ihre Leser und Betrachter in den ersten beiden Bänden verstört und entzückt hat, noch gehen? Gibt es noch eine Steigerung, ein bislang unberührtes Territorium?
In drei neuen Bilderzählungen rührt der abschließende Band an eine überaus heikle Stelle: Es ist die intime Naht, zu der die strengsten Rituale der menschlichen Kultur mit dem Natürlichen verwachsen sind.
Was haben Tier und Pflanze mit der kostbaren Balance zwischen Mann und Frau zu tun? Was verraten uns das Vegetative, das Animalische über die steilsten und kältesten Anstrengungen unserer Arbeit? Die Hure H erlebt es. Und die Bilder des neuen "Hure H"-Bandes durchstoßen dabei eine Schallmauer des Obszönen.
  • Produktdetails
  • Verlag: Reprodukt
  • Erscheinungstermin: Februar 2007
  • Deutsch
  • Abmessung: 297mm x 211mm x 8mm
  • Gewicht: 635g
  • ISBN-13: 9783938511794
  • ISBN-10: 3938511796
  • Artikelnr.: 22549279
Autorenporträt
Die Autorin Katrin de Vries, geboren 1959, lebt mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Georg Klein, und zwei Söhnen in Ostfriesland. Sie schreibt Prosa und Theaterstücke. Anke Feuchtenberger, geboren 1963 in Berlin (DDR). Seit 1997 als Professorin an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, lebt sie mit ihrem Sohn Leo und dem Zeichner Stefano Ricci an der Elbe.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Es ist bereits der vierte Band um die Hure H, den das Autorinnen-Duo Katrin de Vries und Anke Feuchtenberger vorgelegt haben, doch wie Rezensent Burkhard Müller erklärt, haben die einzelnen Bände nur die hohe Qualität und die tiefgründigen Geschichten miteinander gemein. Die Hauptfigur hat sich so gewandelt, dass Müller gar nicht mehr von einer Figur sprechen möchte. Und die Hure bezieht sich auch nicht auf einen Beruf, sondern auf das "bildsame Dasein jenseits der Bedingtheit des Persönlich-Biografischen", wie er uns belehrt. In diesem Band jedenfalls hat die Hure H ein gewisses Alter, einen Job und ein Kind, schon im Titelbild erscheine sie wie die "leibhaftige Doppelt- und Dreifachbelastung" und Müdigkeit, Enttäuschungen und Niederlagen haben ihre Spuren hinterlassen, schreibt Müller. Die im Titel verheißene Vieldeutigkeit, so verspricht Müller, löst der Comic tatsächlich ein. Einige Passagen findet er auf geradezu schauerliche Weise ergreifend, folgerichtig nur, dass Anke Feuchtenberger diesmal in Kohle gezeichnet hat.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 31.10.2007
Das Rätsel des Augapfels
Katrin de Vries und Anke Feuchtenberger setzen ihren Comic „Die Hure H” fort
Die Hure H: Um ihre Figur kreisen die Bücher, die die Schriftstellerin Katrin de Vries und die Zeichnerin Anke Feuchtenberger zusammen produziert haben; dieses ist das vierte. Aber vielleicht sollte man die Hure H nicht als eine Figur bezeichnen, wozu ja ein gewisser unveränderlicher Grundbestand erforderlich wäre. Sie hat sich, seit de Vries sie erfand und Feuchtenberger ihr sichtbare Gestalt gab, bis zur Unkenntlichkeit verwandelt. Nicht einmal einen Namen hat sie, das H klingt bloß als das Echo der Hure nach; und Hure, das meint kein Berufsbild und schon gar keine Beleidigung, sondern es ist etwas wie ein Kind, ein unabgeschlossenes, überaus bildsames Dasein, jenseits der Bedingtheit des Persönlich-Biographischen. Damals, am Anfang, war sie von kindlichem, fast fötalem Habitus, mit großem Kopf, kleinen Gliedern und ohne Haar, unerfahren in der Welt und erstaunt über das, was sich in der Zone des Geschlechtlichen begab.
Dazu hatte es gepasst, dass eine starke Kontur sie einband und ohne Zwischentöne auf die Fläche fixierte. Seither ist sie älter geworden, ja erstmals mit so etwas wie einem vermutbaren Alter ausgestattet, und hat das Medium gewechselt. Sie hat zur Kohle gefunden. Kohle schmiert; das ist die Gefahr für jeden Künstler, der sie zur Hand nimmt. Feuchtenberger hat der Kohle mit ihren vielen schwärzlichen Werten und dem unberechenbaren Strich, der manchmal dick und stockend auftritt und manchmal huscht wie die geisterhaften Nebenerscheinungen auf den alten Bildschirmen, Unglaubliches entbunden. Dank der Kohle ist die Hure H in einem Reich jenseits der Reinheit angelangt.
„Kohlenhof” heißt die zweite Geschichte; und aus ihren Panels, die mit großer Beständigkeit immer als zweifaches Querrechteck die Seiten füllen, schlägt einem geradezu am Gaumen schmeckbar das alte Braunkohlenland DDR entgegen. Die Hure H ist hier zur modernen Frau geworden, wie der Arbeiter- und Bauernstaat sie empfahl, werktätig und doch weiblich attraktiv. Schon durch das Auftaktbild schreitet sie, in Rückenansicht, wie die leibhaftige Doppelt- und Dreifachbelastung, im knielangen figurbetonten Kleid, mit Schuhwerk, das zwischen dem Erotischen und dem Praktischen den Kompromiss sucht, in der einen Hand einen Koffer schleppend, im anderen Arm einen Säugling. Der Säugling reitet auf der Hüfte und zwingt die Körperachse aus dem Lot; der Hure H muss das Kreuz wehtun. So bahnt sie sich den Weg durch eine städtische Trümmerlandschaft und weckt das Erstaunen verschiedener Frauen, die mit der schweren Arbeit von Männern befasst sind, Teer kochen, Steine karren – bis sie ihn endlich findet, den Hof. Dort ist, mit einer Dampfwalze zwischen Haufen von Kohle oder wohl eher Kohlegrus, der Mann zugange. Der Mann ist wie ein Kind proportioniert, er trägt Sonnenbrille und Locken, das Unentwickelte, Unentwickelbare steht ihm ins Gesicht geschrieben. So kontrastiert es mit dem der Frau, in dem Müdigkeit und Enttäuschung ihre Spuren hinterlassen haben.
Du willst mir den Hof machen?
In der Ermattung tritt, was hübsche Fasson schien, als von außen angetane Starrheit hervor: der Büstenhalter, der an das Exoskelett eines Insekts erinnert, das Haar, in dem der Festiger regiert. Im zartesten dieser Bilder lehnt sich die Hure H an eine Hauswand, dass es ihr die Frisur zerdrückt wie einen verbeulten Helm und man den Schmutz der Mauer am eigenen Hinterkopf zu spüren meint, während der Mund sich für einen verzweifelten Augenblick allen Zwangs entledigt und von der fein geschlossenen Linie der Wimpern der Schatten der Niederlage herunterrinnt.
Es ist klar, diese Frau hat Forderungen an den Mann zu stellen. Diese fasst sie in dem altmodischen Satz zusammen: „Du wolltest mir den Hof machen. Fang an.” Der Mann beginnt, mit seiner Maschine im Hof herumzukurven und die Kohlehaufen umzuschaufeln. Aber der Vorgang geht im bockigen Wortspiel, das er veranstaltet, nicht auf. Die alte, die höfische Metapher wird ereilt und ausgelöscht vom tristen Inhalt der Arbeitswelt, ganz unbildlich mit der Dampfwalze. Wo wäre hier Raum für das Glück der Geschlechter? „Er merkt nichts”, sagt die Hure H zu sich selbst. Er würde es nicht einmal merken, wenn sie für ihn ein Taschentuch oder einen Handschuh fallen ließe. Doch welches Taschentuch? Welchen Handschuh? Die Frau besieht sich ihre kohlegeschwärzten Handflächen und findet keinen Trost darin. „Die Hure H wirft den Handschuh” haben de Vries und Feuchtenberger ihren Band genannt. Es steckt viel in diesem Titel: das alte, rituelle, scheinbar beiläufige Spiel zwischen Frau und Mann; die Provokation des hingeworfenen Fehdehandschuhs; und der Anklang ans geworfene Handtuch, das für ein entmutigtes Aufgeben steht.
Die große beunruhigende Qualität dieser Bilder liegt darin, wie sich die vollkommene narrative Evidenz ihrer Abfolge mit einer traumhaften Vieldeutigkeit des Handlungsgangs verbindet. Sie tritt am nachdrücklichsten in der dritten und letzten Geschichte hervor, die fast ohne Text auskommt, „Ballsaal”. Die Gegenstände sehen sämtlich aus, als wären sie aus einer besonderen Art von Hartgummi gefertigt, mit gerundeten Leisten; die Tiere (denn es gibt hier auch Tiere), als hätte sich David Lynch einen Spaß daraus gemacht, Walt Disney zu parodieren. Hier darf, wenigstens bei den Augen von Rehlein und Häslein, neben der Kohle auch die Tusche als äffendes Zitat erscheinen.
Anders steht es mit den Affen selbst. In ihrer Käfiglandschaft parkt oder deponiert die Hure H ihr behindertes Kind oder was immer sonst dieses abhängige schwache Wesen sein mag, um auf den Ball zu gehen. Ohne dass sie darüber aufhörten, Tier zu sein, ist in ihre dunklen Gesichter mit den glimmenden Augensternen eine traurige Konzentriertheit eingesenkt, dass die Grenze von Tier und Mensch die Bedeutung verliert. Um Gleichwertiges zu finden, muss man Kafkas „Bericht an eine Akademie” lesen. Der Ball erweist sich zuletzt als ein gigantischer Augapfel, den die Hure besteigt. „Andere Bälle gibt es nicht mehr”, heißt es – mitleidig? höhnisch? Es ist ergreifend auf eine schauerliche Weise.
BURKHARD MÜLLER
KATRIN DE VRIES / ANKE FEUCHTENBERGER: Die Hure H wirft den Handschuh. Reprodukt Verlag, Berlin 2007. 104 Seiten, 20 Euro.
Eine Wiedergängerin aus dem untergegangenen Braunkohleland DDR: Die Hure H, werktätig und weiblich attraktiv, ersonnen von der Zeichnerin Anke Feuchtenberger und der Autorin Katrin de Vries Foto: Reprodukt Verlag
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