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Ein farbenprächtiger Roman über einen maßlosen Kaiser von China und einen englischen Uhrmacher, über die Vergänglichkeit und das Geheimnis, dass nur das Erzählen über die Zeit triumphieren kann.
Der mächtigste Mann der Welt, Qiánlóng, Kaiser von China, lädt den englischen Automatenbauer und Uhrmacher Alister Cox an seinen Hof. Der Meister aus London soll in der Verbotenen Stadt Uhren bauen, an denen die unterschiedlichen Geschwindigkeiten der Zeiten des Glücks, der Kindheit, der Liebe, auch von Krankheit und Sterben abzulesen sind. Schließlich verlangt Qiánlóng, der gemäß einem seiner…mehr

Produktbeschreibung
Ein farbenprächtiger Roman über einen maßlosen Kaiser von China und einen englischen Uhrmacher, über die Vergänglichkeit und das Geheimnis, dass nur das Erzählen über die Zeit triumphieren kann.

Der mächtigste Mann der Welt, Qiánlóng, Kaiser von China, lädt den englischen Automatenbauer und Uhrmacher Alister Cox an seinen Hof. Der Meister aus London soll in der Verbotenen Stadt Uhren bauen, an denen die unterschiedlichen Geschwindigkeiten der Zeiten des Glücks, der Kindheit, der Liebe, auch von Krankheit und Sterben abzulesen sind. Schließlich verlangt Qiánlóng, der gemäß einem seiner zahllosen Titel auch alleiniger Herr über die Zeit ist, eine Uhr zur Messung der Ewigkeit. Cox weiß, dass er diesen ungeheuerlichen Auftrag nicht erfüllen kann, aber verweigert er sich dem Willen des Gottkaisers, droht ihm der Tod. Also macht er sich an die Arbeit.
  • Produktdetails
  • Verlag: S. Fischer
  • 8. Aufl.
  • Seitenzahl: 304
  • Erscheinungstermin: 27. Oktober 2016
  • Deutsch
  • Abmessung: 220mm x 136mm x 28mm
  • Gewicht: 454g
  • ISBN-13: 9783100829511
  • ISBN-10: 3100829514
  • Artikelnr.: 44955537
Autorenporträt
Ein Schriftsteller? Ein Dichter? Ein Erzähler? Christoph Ransmayr erhebt keinen Anspruch auf Titel: "Nennen Sie mich, wie sie wollen." In "Geständnisse eines Touristen - ein Verhör" (2004) verrät er vielmehr, dass er in Formularen am liebsten die Felder mag, in die man das Wort "Tourist" eintragen kann, "denn Ahnungslosigkeit, Sprachlosigkeit, leichtes Gepäck, Neugier oder zumindest die Bereitschaft, über die Welt nicht bloß zu urteilen, sondern sie zu erfahren, zu durchwandern, von mir aus: zu umsegeln, erklettern, durchschwimmen, notfalls zu erleiden, gehören wohl mit zu den Voraussetzungen des Erzählens."Geboren 1954 in Wels, Oberösterreich, wuchs Ransmayr in Roitham am Traunsee auf und besuchte das Stiftsgymnasium der Benediktiner in Lambach. Nach dem Studium der Philosophie und Ethnologie in Wien arbeitete er zunächst als Kulturredakteur bei der Wiener Monatszeitschrift Extrablatt und als Verfasser von Reportagen und Essays für Zeitschriften wie TransAtlantik, Merian oder Geo. Ransmayr verfasste Romane wie "Der Schrecken des Eises und der Finsternis" (1984), "Die letzte Welt" (1988), "Morbus Kitahara" (1995) und "Der fliegende Berg" (2006) sowie Prosaarbeiten zu Spielformen des Erzählens wie "Geständnisse eines Touristen" (2004), das Theaterstück "Odysseus, Verbrecher" (2010) oder den "Atlas eines ängstlichen Mannes" (2012), eine Erzählung, die in siebzig Episoden durch die ganze Welt führt.Wie in seinem neuen Roman "Cox oder Der Lauf der Zeit" (2016) verknüpft Ransmayr in vielen seiner literarischen Werke historische Begebenheiten mit Fiktionen. Oftmals schildert er dabei grenzüberschreitende Erfahrungen und bearbeitet historische Ereignisse, verbindet und bricht sie mit Momenten aus der Gegenwart.Wegen seiner poetischen und rhythmischen Sprache, seiner stilistischen Eleganz und seiner bildmächtigen Traum- und Albtraumwelten wurde sein Roman "Die letzte Welt" (1988) von der Kritik gelobt. Dessen historischer Ausgangspunkt ist die Verbannung des römischen Dichters Ovid durch Kaiser Augustus im Jahr 8 nach Christus. Als Gerüchte um den Tod Ovids in Rom umgehen, macht sich der Römer Cotta am Schwarzen Meer auf die Suche nach dem Verbannten, in deren Verlauf er immer rätselhaftere Zeichen der "Metamorphosen" in Bildern, Figuren und wunderbaren Begebenheiten findet.In dem Roman "Der fliegende Berg" (2006) erzählt Ransmayr die Geschichte zweier Brüder, die im Transhimalaya, in dem Land Kham und in den Gebirgen Osttibets wider besseres, durch Satelliten und Computersysteme gestütztes Wissen nach einem namenlosen Berg suchen, dem vielleicht letzten weißen Fleck auf der Weltkarte. Zentrales Motiv in Ransmayrs Werk ist "die Erfahrung des Fremden, die das Geheimnis von Menschen, Orten und Geschichten nicht zu lüften versucht", wie die Kritikerin Felicitas von Lovenberg schreibt. Diese Erfahrung steht auch im Mittelpunkt von Ransmayrs neuestem Roman "Cox oder Der Lauf der Zeit."
Rezensionen

buecher-magazin.de - Rezension
buecher-magazin.de

Aus dem Nebel taucht ein britischer Dreimaster auf, Uhrmacher Cox & Co. sind am Ziel: Als Gäste von Qiánlóng, dem Kaiser von China, gehen sie an Land. Des Volkes Schaulust gilt anderem: der Hinrichtung von Wertpapierhändlern, die ihre Luftgeschäfte mit Steuergeldern decken wollten. Der österreichische Schriftsteller Christoph Ransmayr überantwortet üble Finanzhaie einem grausamen Herrscher. Einem Machtbesessenen, dem auch eine musisch-kindliche Seite eignet. Qiánlóng dichtet, sammelt fantastische Uhren - und trotzt so der keimenden Rebellion in seinem Reich. Cox und Qiánlóng sind historische Figuren. Ransmayr ändert ihre Vornamen und überhöht ihre Biografien, um von Macht, Hasard, existenzieller Prüfung oder Liebe zu erzählen - und von der Vergänglichkeit: "Wie schnell die Zeit vergeht", zitiert Qiánlóng das barocke tempus fugit, und lässt die Briten magische, luxuriöse Zeitmesser bauen, etwa für das subjektive Zeitempfinden eines Kindes/Verliebten/Sterbenden. Vor allem aber will er eines: das Perpetuum mobile - wie Cox insgeheim auch. Doch diese ultimative Ewigkeits-Uhr würde Qiánlóng, den selbst ernannten "Herrn der Zeit", überdauern, ihn zum gewöhnlich Sterblichen machen - und für Cox & Co. das Todesurteil bedeuten. Welch teuflisches Spiel!

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Andreas Platthaus dachte schon, Christoph Ransmayrs Kunst zu kennen. Allein, erst in diesem Roman, den Platthaus überschwänglich das Ereignis des Bücherherbstes nennt, bringt der Autor laut Rezensent seine "elegante Prosa" zur Vollendung. Das Buch, das von der Reise eines englischen Uhrmachers im Jahr 1757 zum Hof des chinesischen Kaisers erzählt, ist für Platthaus ein Roman über die Zeit an sich, über ferne Zeiten und die heutige Zeit, ein meisterhafter Versuch zudem, zwischen Orient und Okzident zu vermitteln, und sei es auch nur, indem der Autor Grausamkeit und Autokratie hüben wie drüben vergleicht. Aus dem Nachwort erfährt Platthaus, was an dieser Geschichte authentisch ist und was nicht.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 27.10.2016

Die Zeit, die ist ein sonderbares Ding

Dieser "Cox" geht uns nicht mehr aus dem Kopf: Christoph Ransmayr kleidet die existentielle Frage des Zeitempfindens ins Gewand einer Romanphantasie um einen englischen Uhrmacher in China.

Heute erscheint der schönste deutschsprachige Roman dieses Herbstes - spät genug, dass sein Autor sich den Buchpreis- und den Buchmesse-Trubel ersparen konnte, früh genug, dass man noch ermessen kann, was dieses Werk auf beide Trubel für eine Auswirkung hätte haben können. "Die Zeit", singt die Marschallin im "Rosenkavalier" von Hofmannsthal, "die ändert doch nichts an den Sachen." Und so wird Hofmannsthals Landsmann Christoph Ransmayr auch jetzt noch Furore machen mit seinem neuen Werk.

Es heißt "Cox oder Der Lauf der Zeit" und ist eine große historische Phantasmagorie mit vielen Widerhaken, die den Stoff dann doch an die reale Geschichte ketten. Im achtzehnten Jahrhundert gab es einen englischen Uhrmacher namens James Cox, der auf Bestellung der Britischen Ostindien-Kompanie 1766 eine aufwendige Automatenuhr anfertigte, die dem seit 1735 in China regierenden Qianlong-Kaiser zum Geschenk gemacht wurde. Dieser Herrscher wurde in der Folge der wichtigste Kunde für die Coxsche Manufaktur, doch kein Mitarbeiter der Firma kam je nach China. Hier setzt Ransmayr an und lässt seinen Cox, der den Vornamen Alister trägt und etwa dreißig Jahre älter ist als der historische James, auf Einladung des Kaisers in dessen Reich reisen. Im Herbst 1757 kommt Alister Cox mit seinen drei wichtigsten Mitarbeitern per Schiff in Hangzhou an - just in dem Moment, als dort gerade 27 betrügerischen Steuerbeamten und Wertpapierhändlern öffentlich die Nasen abgeschnitten werden.

Wie Ransmayr die Ankunft, die Strafe und die wechselseitige Beobachtung beider Teilnehmer zum Auftakt seines Romans parallel führt, das lässt bereits das im Untertitel verheißene Thema anklingen: die Zeit. Das ganze Buch ist ein großer erzählerischer Versuch über die Bestimmung des Laufs der Zeit, über deren Außerkraftsetzung und die Paradoxien von Gleichzeitigkeit. Was den europäischen Gästen an der vom Qianlong-Kaiser dekretierten Bestrafung rückständig und barbarisch erscheint, ist Ausdruck einer rigorosen Moderne, die nach bürokratischen Maßstäben der abendländischen weit voraus ist, aber alles auf das archaische Ideal des vergötterten Monarchen gründet, dessen im Roman häufigst genannter Beiname "Herr der zehntausend Jahre" lautet. Qianlong, der am längsten regierende Kaiser der chinesischen Geschichte, nahm wie alle seine Vorgänger und Nachfolger für sich in Anspruch, außerhalb der Zeit zu stehen. Gerade deshalb erhofft er von seinen englischen Gästen den Bau von Uhren, die ihn verstehen lassen, was die Zeit für die Menschen bedeutet. Cox konstruiert für ihn zunächst ein Chronometer, das das Zeitempfinden von Kindern simuliert, dann eines für das von Todgeweihten.

Für Cox ist die Reise nach China eine Flucht aus der Gegenwart. Zwei Jahre zuvor ist die kleine Tochter gestorben, seine junge Frau spricht seither kein Wort mehr. In seinen Uhren sucht der Handwerker nach Möglichkeiten zur Verlebendigung des toten Kindes: Sei es, dass er noch in England eine Uhr für den Grabstein der Tochter gebaut hat, die aus dem Verfallsprozess der Begrabenen die fürs Laufwerk nötige Energie gewinnt; sei es, dass er in China den ersten kaiserlichen Wunsch subversiv erfüllt und im Automaten zur Messung kindlicher Zeit ein geheimes zweites Uhrwerk unterbringt, das seiner eigenen Zeit entspricht. So wird das Auftragswerk zur Wiederauferstehungsbeschwörung: "Nun liefen beide Werke wieder gleichzeitig, nicht synchron, aber in einem sie verbindenden Zeitraum." Die Zeit heilt die Wunden, die das Leben schlägt. Vielleicht hat Ransmayr deshalb einen argen Chronologiefehler in der Handlung übersehen, der Cox' Vergangenheit betrifft.

In China treffen Cox und seine drei Begleiter auf eine für sie aus der Zeit gefallene Kultur, wobei Ransmayr es meisterhaft versteht, durch Gedankenspiele seiner Protagonisten die prinzipielle Ähnlichkeit von Orient und Okzident in Sachen Grausamkeit, Autokratie und Manipulation herauszustellen. Schon wie Cox an sein Unternehmen kam, ist eine kleine frühkapitalistische Räuberpistole und in der Irrationalität des Geschehens dem chinesischen Aberglauben, der alles im Reich der Mitte zu beherrschen scheint, durchaus ähnlich. Man muss es nur mit chinesischen Augen sehen.

Ransmayr legt diese Perspektive nahe, nimmt sie jedoch nie konsequent ein. Zwar weiß er als Autor, was im Kopf des vom Kaiser für seine Gäste engagierten Übersetzers Joseph Kiang vorgeht, der sich in seinem Bemühen um Balance zwischen beiden Kulturen als die komplexeste Figur erweist, doch er verleugnet nicht das Staunen eines europäischen Schriftstellers über die Bizarrerien des chinesischen Herrschaftsmodells, in dem nur ein Individuum zählt, das sich gerade nicht als Individuum, sondern gottgleich versteht: der Kaiser. Qianlong ist bei Ransmyr ein Fürst der Schönheit, der im eindrucksvollsten Auftritt des Buchs als lachender Herrscher inszeniert wird, als Glücksverheißung, hinter der doch immer die Lebensgefahr lauert: "Wenn der Herr der Welt lachte, mußten dann nicht ganze Erdteile in sein Lachen einfallen, gleichgültig, ob auf Knien oder hochaufgerichtet und aus vollen Lungen? Aber vielleicht war es auch eine unverzeihliche Beleidigung des Erhabenen, ohne seine Erlaubnis auch nur zu lächeln."

Beide Welten begegnen sich und verstehen sich doch nie in diesem Roman, der erzählt, wie am Schluss selbst den Herrn der zehntausend Jahre das Grausen über die Zeit überkommt und in einem wahrhaft Hofmannsthalschen Moment seine Allmacht für einen Augenblick aufgibt, der ihn tatsächlich außerhalb der Zeit setzt. Dass darin eine Vorwegnahme jener Entscheidung des historischen Qianlong-Kaisers liegt, die ihn berühmter machte als seine langen Regierungsjahre und die Tausende von Gedichten, die er geschrieben hat, nämlich der nie zuvor dagewesene Thronverzicht des dann bereits vierundachtzigjährigen Herrschers über China, muss man Ransmayrs Nachwort entnehmen, in dem er offenlegt, was er verfremdet hat und was nicht. Dieses Kapitel trägt als einziges keinen chinesischen Titel, sondern heißt lapidar "Zuletzt". Auch das wieder eine Zeitbestimmung, wie der ganze Roman eine ist - auch unserer Zeit.

Denn das ist Ransmayrs "Cox" auch, und zwar gegen die Behauptung, diese Figuren wären "keine Gestalten unserer Tage": ein Exerzitium über eine anthropologische Grundfrage und damit absolut modern. Die elegante Prosa, die noch dem Schrecklichsten Schönheit zu verleihen versteht, ist ein Charakteristikum dieses Autors, das wir lange zu kennen glaubten. Doch erst hier gelangt es zur Vollendung.

ANDREAS PLATTHAUS

Christoph Ransmayr: "Cox oder Der Lauf der Zeit". Roman.

Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2016. 303 S., geb., 22,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 29.10.2016

Die Uhr
aus Worten
Christoph Ransmayrs Roman
„Cox oder Der Lauf der Zeit“ über
Schönheit und Vergänglichkeit
VON THOMAS STEINFELD
Vom Reisen handelt der jüngste Roman des vielgereisten österreichischen Schriftstellers Christoph Ransmayr, so wie die meisten der gut zwei Dutzend Bücher, die er bislang veröffentlicht hat. Zu einer Reise gehört, so will man meinen, die Begegnung mit dem Unbekannten und Unerwarteten (dadurch unterscheidet sich das Reisen im engeren Sinn vom Tourismus wie von den Reisen für das Geschäft), und das heißt auch: durch das Risiko und die Gefahr.
  Zu einer Reise gehört aber ebenfalls, dass sie das Zufällige und Willkürliche in eine geschlossene Form überführt. Denn sie kennt den Aufbruch, die Ankunft und ein Ende, was niemand besser weiß als der Heimgekehrte, der von dieser Reise erzählt. Das gilt auch für die Reise, von der Christoph Ransmayr in „Cox oder Der Lauf der Zeit“ erzählt. Sie führt irgendwann um die Mitte des 18. Jahrhunderts den Reisenden in ein fernes, unbekanntes Land.
  „Cox“, das ist Alister Cox, ein Mann, der aus Liverpool aufbricht, um zusammen mit drei Gefährten an den Hof des Kaisers von China zu reisen. Uhrmacher und Automatenbauer ist er von Beruf, weithin bekannt für besonders komplizierte und schmuckvolle Instrumente der Zeitmessung, und seine drei Begleiter sind erfahrene Handwerker, die ihm zuarbeiten. Die Gestalt dieses Alister Cox ist aus der Geschichte entlehnt, in der es tatsächlich einen Londoner Uhrmacher namens James Cox gab, dessen außerordentliche Schöpfungen bis nach St. Petersburg und nach Peking gelangten.
  Alister Cox dagegen ist eine literarische Figur, einem Märchenhelden ähnlicher als dem Helden einer Abenteuergeschichte. Sieben Monate währt seine Reise, zweimal erleidet das Schiff einen Mastbruch, sie führt an malariaverseuchten Küsten entlang, doch am Ende erreicht der Barkschoner das chinesische Festland: „Nebelbänke zogen an diesem milden Herbsttag über das glatte Wasser des Qiántáng.“ Es war Aufbruch, und es war Ankunft, und in diesem Augenblick verwandelt sich die Reise in eine geschlossene Form.
  Eine geschlossene Form ist aber, wie es sich erweist, auch das Ziel der Reise: Das China des Kaisers Qiánlóng, eines bürokratischen Feudalstaats von gigantischen Ausmaßen, und mitten darin die Stadt des Herrschers, ein Gemeinwesen, in dem jede Bewegung der Kontrolle zu unterliegen scheint und in dem es dennoch lauter unerwartete Bewegungen gibt. Ein plötzlich aufkommender Wind, eine Verschiebung in der Formation der Soldaten, vier langnasige Fremde, die wie Fürsten aufgenommen werden – all das wird mit einer Aufmerksamkeit wahrgenommen, die man mit der Betrachtung eines Kunstwerks assoziieren würde.
  Siebenundzwanzig Steuerbeamten und Spekulanten werden die Nasen abgeschnitten, Wasserbüffel ziehen ihre Gespanne durch Reisfelder, dem Kaiser tränen die Augen. Das alles ist, wie es ist. Aber es ist doch in einer Ordnung gefasst. In dem Maße, wie die geschlossene Form das Zufällige, das Willkürliche und auch das Schreckliche in sich aufzunehmen vermag, ohne ihnen das jeweils Eigene zu rauben, entwickelt sie einen ästhetischen Reiz. Dieser Reiz ist ohne ein schmerzliches Bewusstsein von Vergänglichkeit nicht zu haben.
  Alister Cox wurde nach China gerufen, weil der Kaiser eine Leidenschaft für Uhren hegt. Aber er ist nicht nur Sammler, der alle Zeiten unter seinem Dach zusammenführen will, sondern auch Forscher, und so verlangt er nach einer Uhr, wie es sie nie zuvor gab. Die Arbeit daran führt den Uhrmacher und seine Gefährten zuerst zum Bau einer „Winduhr“, die das Zeitempfinden eines Kindes wiedergeben soll, dann zur Konstruktion eines zweiten Instruments, einer „Glutuhr“, welche die Zeit eines Sterbenden erfassen soll, so, wie sie ihm schmerzlich als schwindende Zeit bewusst wird, und schließlich zu einem Werk, das „über alle Menschenzeit in den Sternenraum hinausschlug, ohne jemals stillzustehen, und deren Grenzen allein in der Dauer und im Geheimnis der Materie selbst lagen“.
  James Cox, der historische Uhrmacher, hatte etwas Verwandtes im Sinn gehabt, als er um das Jahr 1760 eine „atmosphärische Uhr“ schuf, die von Luftdruckschwankungen betrieben wurde, was den Eindruck erweckte, sie arbeite aus eigener Kraft, sei also ein „perpetuum mobile“. Christoph Ransmayr lässt für seinen Helden die Wirkung als die Sache selbst gelten und die Geschichte ins Märchen übergehen. Und so bekommen Meister Cox und seine Gefährten den Auftrag, eine geschlossene Form zu produzieren, die alle anderen geschlossenen Formen – und mit ihnen das darin enthaltene Zufällige und Willkürliche – in sich birgt und aufhebt. Er soll eine „zeitlose Uhr“ bauen.
  Die Uhr ist das Instrument der Aufklärung schlechthin, und sie hat eine doppelte Wirkung: Sie überträgt ihren mechanischen Charakter nach außen, auf den Rest der Welt, und sie überträgt ihn nach innen, auf ihren Benutzer. Sie ist Beherrschung der Zeit und Unterwerfung unter die Zeit zugleich. Sie kann diesen doppelten Charakter nur besitzen, indem sie absolut gleichmäßig tickt, alles und jeden einem gleichen Maß unterwirft. Christoph Ransmayrs Cox aber ist ein Dichter unter den Erfindern. Er kennt unterschiedliche Zeitmaße, kriechende, schleichende, hüpfende, scheinbar stillstehende Zeiten, Zeiten für jungen Menschen, Zeiten für alte Menschen und Zeiten für chinesische Kaiser.
  Alister Cox ist nicht ganz Teil der Aufklärung, oder er ist über die Aufklärung hinaus. Und dennoch verwandelt die Uhr, eben weil sie eine Uhr ist, alles, was zuvor eine mythologische Idee gewesen war, in ein technologisches Projekt. Auch die Uhr ist eine geschlossene Form. Sie ist eine geschlossene Form, die viele andere geschlossene Formen in sich birgt.
  Einen Augenblick gibt es in diesem Roman, in dem alle geschlossenen Formen transzendiert werden. Alister Cox verliebt sich in Ān, die Konkubine des Kaisers. Ihre Begegnung währt nur für die kurze Zeit, in der sich die beiden anschauen, beinahe zufällig: „Er empfand, dass dieser eine Augenblick im Angesicht des Kaisers und seiner Geliebten keiner Zeit mehr angehörte, sondern ohne Anfang und ohne Ende war, um vieles kürzer als das Aufleuchten eines Meteoriten und doch von der Überfülle der Ewigkeit: von keiner Uhr zu messen.“ Man kann diese Szene für einen Anfall von schwerem Kitsch halten, aus gutem Grund. Aber er gehört zur Konstruktion dieser Geschichte, und dieses Märchen handelt von den prekären Verhältnissen, die zwischen Schönheit und Vergänglichkeit walten. Dann ist dieser Augenblick vorüber, und die absolute Maschine, die Uhr aller Uhren, wird zwar vollendet, und selbstverständlich funktioniert sie. Und doch ist sie für immer beschädigt.
  Nun fürchten die englischen Uhrmacher um ihre Heimkehr. Warum sollte der Herr der Welt sie gehen lassen, da sie doch ihren Zweck erfüllt haben? Aber auch der Kaiser ist ein Dichter, und allmählich entdeckt sich ihm das Wesen der geschlossenen Form. Zu Beginn der Geschichte gilt seine Leidenschaft dem fertigen Werkstück, allmählich aber ändert sich seine Perspektive. Immer wieder besucht er die Uhrmacher in ihrer Werkstatt. Von der Begeisterung für den vollendeten Apparat geht er über zum Genuss der Schönheit des Vollzugs, des Machens, die einer fertigen Maschine nicht anzusehen ist.
  Am Ende sitzt der Kaiser vor der „Zeitlosen Uhr“ und bedenkt das Vergehen der Zeit und das Vergehen der Macht – und setzt die Maschine nicht in Gang. Der historische Kaiser Qiánlóng, verrät Christoph Ransmayr im Nachwort, sei der einzige Herrscher über China gewesen, der auf den Thron verzichtete, nach Jahrzehnten an der Macht.
  Doch schon lange bevor die Geschichte an diesem Punkt angekommen ist, versteht der Leser, dass dieses Märchen nicht lediglich von geschlossenen Ordnungen handelt, sondern selbst eine geschlossene Ordnung ist. Er versteht, dass die Muße, die Aufmerksamkeit und die Präzision, die Alister Cox seinen Uhren oder die der Kaiser seinem Reich zuwendet, aufgehoben sind in einem System, das alle anderen Systeme transzendiert. Diese Ordnung ist die Sprache. Sie ist das Schönste an diesem Buch.
Die Uhr überträgt ihren
mechanischen Charakter auf
ihre Benutzer – und die Welt
Vollkommene Instrumente
sind schön. Das schönste
Instrument ist hier die Sprache
Wie misst man
die fließende Zeit?
Eine Wasseruhr in
Gestalt eines Elefanten, konstruiert im
13. Jahrhundert.
Foto: dpa Picture-Alliance

    
      
    
    
    
            
Christoph Ransmayr:
Cox oder Der Lauf der Zeit. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016, 304 Seiten, 22 Euro. E-Book 19,99 Euro.
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ein großer Beschreiber. [...] Man kann in seinen Büchern ins Kino gehen, so sehr sind sie Wort für Wort [...] fein ziseliert. Jörg Magenau taz 20161026