Zwischen Unterhaltung und Revolution - Steen, Andreas
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Phonograph und Grammophon zählen zu den Erfindungen des Westens, die im ausgehenden 19. Jahrhundert den Weg Chinas fanden. Ausgehend von Chinas erster Begegnung mit dem Medium und den ersten in China hergestellten Schallplatten zeichnet Andreas Steen den Aufbau der internationalen Schallplattenindustrie Shanghais bis zum Beginn des chinesisch-japanischen Krieges 1937 nach. Im Mittelpunkt stehen die praktische Anwendung des Gerätes, die Organisation der Musikindustrie sowie ausgewählte Tonträger unterschiedlicher Perioden. Die Schallplatte berührte nahezu alle Felder der Unterhaltungswelt im…mehr

Produktbeschreibung
Phonograph und Grammophon zählen zu den Erfindungen des Westens, die im ausgehenden 19. Jahrhundert den Weg Chinas fanden. Ausgehend von Chinas erster Begegnung mit dem Medium und den ersten in China hergestellten Schallplatten zeichnet Andreas Steen den Aufbau der internationalen Schallplattenindustrie Shanghais bis zum Beginn des chinesisch-japanischen Krieges 1937 nach. Im Mittelpunkt stehen die praktische Anwendung des Gerätes, die Organisation der Musikindustrie sowie ausgewählte Tonträger unterschiedlicher Perioden. Die Schallplatte berührte nahezu alle Felder der Unterhaltungswelt im "halbkolonialen" Shanghai, überdies importierte sie eine Fülle ausländischer Musikformen. Via Pekingoper und Jazz, Revolutionslied und europäischer Klassik war sie in Rundfunk, Film, Tanzhallen und Privathaushalten präsent. Dabei war die Schallplatte ebenso ein Ort kommerziell motivierter internationaler Kooperation und Unterhaltung wie der eines aktiven Widerstands gegen die Moderne und den Imperialismus, ein Ort, dessen Zensur letztlich den besonderen Be-dingungen der Stadt unterlag. Auf der Basis einer breiten Quellengrundlage folgt die Arbeit dem Aufstieg der Tonträgers in China und zeigt auf, wie der bis heute populäre Klang Shanghais seinerzeit zwischen Unterhaltung und Revolution entstand.
  • Produktdetails
  • Verlag: Harrassowitz
  • Erscheinungstermin: August 2006
  • Deutsch
  • Abmessung: 250mm x 184mm x 33mm
  • Gewicht: 1155g
  • ISBN-13: 9783447053556
  • ISBN-10: 3447053550
  • Artikelnr.: 23177990
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 22.10.2007

Die subversive Musik wächst wie auf Hefe
Zwischen Unterhaltung und Revolution: Andreas Steens faszinierendes Buch über den Siegeszug von Grammophon und Schallplatte in China
Es ist Krieg, das kennt man. Die beiden feindlichen Heere liegen auf Hörweite, da hört der eine General, dass im Lager des Gegners schon die eigenen Lieder angestimmt werden. Sofort weiß er, die Lage ist aussichtslos. Wer Besitz von der Musik ergriffen hat, ist Herr des Verfahrens geworden. Der General stürzt sich ins Schwert, seine Truppen ergeben sich kampflos.
In China ist diese Geschichte zur Metapher geworden, Historiker und Politiker kennen sie, die Opernliteratur bewahrt die Begebenheit, den gesamten Stoff im kulturellen Gedächtnis. Musik zählt zu den wichtigen Angelegenheiten des Staates, der Aufbau und das Bewahren von Tönen sind auch ein Instrument von Herrschaft und Kontrolle. Konfuzius hat das bereits gelehrt, als er dem weisen Herrscher riet, sich die Lieder seiner Untertanen, gerade auch die aus den stets gefährdeten Randgebieten des Reiches, vorsingen zu lassen, damit der Souverän verlässlich die Stimmung im Lande einschätzen könne.
Dieser Ratschlag geht bis in die jüngere Geschichte des Landes nicht verloren. Vor gut siebzig Jahren schreibt ein spröder Beamter aus dem Büro für Volkserziehung in der Provinz Jiangsu über die Schlager aus dem fernen Westen, die nach China eingedrungen sind: „Würde man die Existenz dieser sich ausbreitenden Saat dulden, dann würden die Alten, die über die Volkssitten wachen, um den Aufstieg und Fall des Landes wissen. Angenommen, diese Schallplatten ersetzten die Musik Chinas, müsste man letztere zweifellos als die ‚Musik einer untergehenden Nation‘ bezeichnen.”
Weitergeben-Sprache-Röhre
Die Warnung stammt aus dem Herbst 1934, China befindet sich im Bürgerkrieg, Jiang Kaishek, Führer der Nationalisten, hat selbst gerade ein Lied komponiert (oder komponieren lassen), das seiner politischen Bewegung programmatisch „Neues Leben” verleihen soll. Hand in Hand mit den Schöpfern der neuen Kultur operiert die Zensur; verboten und verfolgt werden die Melodien und Gesänge der Kommunisten, der Staatsfeinde und der „liederlichen Elemente”. Doch die Popularität der subversiven Weisen wächst wie auf Hefe. In Shanghai wird nach wie vor unbekümmert Jazz gespielt, Spielfilme und Plattenindustrie verbreiten so eingängige wie seichte Schlager, traditionelle Musik muss ihre Zuhörer auf dem Lande suchen, dort, wo die Zuhörer noch die Zusammenhänge und die Anspielungen verstehen und Qualität zu schätzen wissen. Auch die künftigen, die neuen Herrscher gerieren sich zunächst einmal als radikale musikalische Ikonoklasten. Im Hauptquartier der Roten Armee, in Yen’an, tanzen Mao und seine Heerführer, wenn ihnen die Revolution einen freien Abend gewährt, zu neuen Klängen einen ausgelassenen Foxtrott oder den wilden Jitterburgh.
Solcherlei bewirkte die Macht von Grammophon und Schallplatte, die seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert erst zögerlich, dann machtvoll ihren Triumph in China befestigten. Es ist die Geschichte einer kulturellen Eroberung und einer freiwilligen kulturellen Unterwerfung, oder sagen wir freundlicher Akzeptanz. Der junge, gerade an die Universität von Aarhus berufene Sinologe Andreas Steen hat sie jetzt (für die Zeit zwischen 1878 und 1937) in einer packenden Monographie festgehalten. Eine kenntnisreiche Arbeit, die zu Gedanken weit über die hier beschriebene Zeit hinaus anregt. Die Lektüre wird selbst Leser in ihren Bann schlagen, die sich gemeinhin der Erotik kunstgerecht ausgefeilter Fußnoten eher widerstrebend hingeben. Denn Steen schildert in fesselnder Detailarbeit, gleichwohl stets mit dem festen Blick auf die prägenden narrativen Grundmuster, das Kapitel einer Kulturgeschichte, in dem auf dem Gebiet der Musik fremdes Neues sowohl auf populär Vertrautes wie auf fragwürdig gewordenes Vertrautes stößt. Durch das besondere Medium, nämlich die jederzeit reproduzierbare elektronische Aufnahme, wird aber nicht nur das Importierte festgehalten. Erstmals verfügt eine Kultur, deren akustischer Zusammenhalt in Musik und Sprache immer höchst fragil war, eine verbindliche Ortung.
Gewiss, auch in China gab es schon lange Regeln etwa für das Stimmen von Instrumenten, für den Umfang von Klangintervallen, es gab, jedenfalls rudimentär, eine Notenschrift und Vorschriften für die Orchestrierung von Stücken. Musik ist gleichzeitig Kunst und strenges Handwerk, das sich nach gültigen Regeln vollziehen muss. Aber die Größe des Landes und der immense Reichtum lokaler Varianten ließen nie zu, dass jener Anspruch auf Erfassung, geschweige denn Ordnung im Reich der Töne eingelöst werden konnte. Oder dass, politisch nützlich gedacht, der Norden verbindlich seine Hoch- und Herrschaftssprache auch jenseits der engen Grenzen der Regionen um die chinesische Hauptstadt auszubreiten vermochte. Das Radio und seine später allgegenwärtigen Lautsprecher kamen erst später.
Das Grammophon, jenes „Speicher-Ton-Gerät”, anfangs bisweilen auch in angestrengt wortwörtlicher Übersetzung kärglich „Weitergeben-Sprache-Röhre” genannt, schuf also gleichzeitig die Möglichkeit, das Eigene wie das Fremde zu erfahren und aufzuheben. Da es sich um ein mechanisches Instrument handelte, das aus „dem Westen” importiert werden musste, begegnete es in konservativen Kreisen zunächst dem Misstrauen, das in China (und nicht nur dort) allen Erfindungen entgegengebracht wurde, die neu und ausländisch waren. Doch die Attribute „neu” und „ausländisch” bedeuteten, wie Andreas Steen in seiner den zeitlichen Rahmen des Falls gescheit überschreitenden Analyse darlegt, für die chinesische Kultur nie ein ernsthaftes Hindernis.
Bockigkeit und Pragmatismus
Schon immer haben sich Virtuosen der Deutung eingefunden, die einer wünschenswerten Innovation flugs bescheinigten, genauer besehen handele es sich bei dem Import nur um die banale Weiterentwicklung einer uralten chinesischen Erfindung. So sei auch das Grammophon früher bereits in der Gestalt des legendären „Hahnenkrähkissens” in den entsprechenden Quellen der Klassiker urkundlich vermerkt. Oder in der im Altertum bekannten Technik, präparierte Schilfrohre als Träger von Schall zu verwenden. Das neumodische Grammophon zu benutzen, könne daher keinesfalls als ein Kniefall vor dem Fremden ausgelegt werden. Jenes Instrument der sogenannten Moderne füge sich vortrefflich in die Bedürfnisse sowohl der neuen Zeit und der heiligen Tradition.
Diese Haltung offenbarte kein neues Denkmuster, ähnlich war schon argumentiert worden, als im 17. Jahrhundert die europäischen Jesuitenmissionare dem Hof in Peking mit ihren fortschrittlichen Uhren, Spinetten, Astrolabien, Teleskopen oder Kanonen zu imponieren versuchten. So sehr nämlich zutrifft, dass Beharrung ein bockiger Wesenszug der chinesischen Kulturweise ist, so sehr ist auch wahr, dass wesentlicher Teil dieser Beharrung die Tradition des ungenierten Pragmatismus ist. Das Reich der Mitte war stets offen für Importe, deren offensichtlicher Nutzen dem eigenen Land (oder dem Importeur) zum Vorteil gereichten. Hier offenbarte und offenbart sich, nebenbei bemerkt, eine Form der Rationalität, die der einschlägige Fundamentalist Max Weber in seinen berühmten, kanonischen Aufsätzen über China nie auf den Schirm bekam.
Muss man wissen, dass viele wichtige Aufnahmen der chinesischen Musiktradition nur deshalb entstanden, weil geschäftstüchtige Tonunternehmer in Berlin, London oder Chicago sie auf Walzen oder Platten pressen ließen? Produzenten, die keine Ahnung hatten, mit welchen Werten sie handelten? Ändert sich unser Bild von der chinesischen Gesellschaft, wenn wir erfahren, wie vernarrt der berühmteste Gangster von Shanghai in die westlichen und chinesischen Melodien war, die sein Grammophon ihm vorspielte? Oder dass er auch gleich eine einschlägige Produktionsfirma seinem finsteren Imperium einverleibte?
Natürlich muss man das wissen, sonst versteht man nie, warum ein Heerführer sich beim Klang eines Liedes ins Schwert stürzt. Warum die ehrgeizige Gattin eines Parteivorsitzenden der Kommunistischen Partei nur noch eine streng festgelegte Zahl von Modellopern zulässt und dieser Befehl unter den Titel „Kulturrevolution” fällt. Warum es wichtig ist, welches Motiv angeschlagen wird, wenn von einem Glockenturm in Shanghai der Stand der Zeit verkündet wird.
Dies alles sind auch die besten Gründe, das gründliche Buch von Andreas Steen zu lesen und sich von ihm zum Nachdenken anregen zu lassen. Stünde es nicht so trostlos um unsere Akademien, würde man diese Studie zur Erlangung eines Doktorgrades mit Vergnügen und Respekt „akademisch” nennen. Sie verweist auf eine hochzuhaltende Tradition, in der auch Fußnoten noch zum Fesselballon werden konnten. TILMAN SPENGLER
ANDREAS STEEN: Zwischen Unterhaltung und Revolution. Grammophone, Schallplatten und die Anfänge der Musikindustrie in Shanghai, 1878-1937. Harrassowitz, Wiesbaden 2006. XIX und 525 Seiten, 78 Euro.
Kein Kniefall vor dem Fremden! Chinesische Musikerinnen mit traditionellen Instrumenten und Grammophon, um 1920. Foto: Getty Images
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Als überaus inspirierend und fesselnd preist Tilman Spengler die Dissertation von Andreas Steen, der darin den Vormarsch des Grammophons und der Schallplatte in China zwischen 1878 und 1937 unter die Lupe nimmt. Bis in die Fußnoten hinein gelinge es dem Sinologen, klug und enorm spannend dieses wichtige Kapitel chinesischer Kulturgeschichte zu erzählen und den Lesern plausibel zu machen, warum diese technischen Errungenschaften auch politisch von so großer Bedeutung waren, lobt der Rezensent. Glänzend sieht Spengler herausgearbeitet, woraus die Musik, die nun mit dieser Entwicklung nicht nur Altes konservieren, sondern Neues und Fremdes importieren konnte, ihre subversive Kraft in China bezog, und er findet die Studie auch dazu anregend, sich noch über den Zeitrahmen des Autors hinaus Gedanken zu machen. Wenn es mittlerweile nicht schon negativ verstanden würde, eine Studie "akademisch" zu nennen, meint der Rezensent abschließend, diese Dissertation hätte das Prädikat im besten Sinne des Wortes verdient.

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