Produktdetails
  • KiWi Taschenbücher Nr.930
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • Deutsch
  • Abmessung: 19 cm
  • Gewicht: 295g
  • ISBN-13: 9783462036657
  • ISBN-10: 3462036653
  • Artikelnr.: 20757437
Autorenporträt
Joachim Lottmann, geboren 1956 in Hamburg als Sohn des Lyrikers und FDP-Mitbegründers Joachim Lottmann. Publikationen in den Organen Jungle World, Freitag, die tageszeitung, De:Bug, Neues Deutschland und ak (Analyse und Kritik). Der Autor lebt im Belgischen Viertel in Köln.
Rezensionen
"Der geniale, der einmalige Herr Lottmann, die deutsche Antwort auf Robert de Niros 'Taxi Driver': verantwortungslos, trotzig, unerwachsen." Süddeutsche Zeitung

"Joachim Lottmann schreibt seine unverwechselbare Lottmannprosa ... so unglaublich lässig." Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

"Wenn es ein Pendant zu Houellebecq in Deutschland gibt, ohne dessen gesamten Weltekel gleich mitzuschultern, dann ist es Lottmann." Der Spiegel

"Lottmanns ironische Wirklichkeitssimulationen machen einfach Spaß." Literaturen

Die Presse über "Die Jugend von heute":

"Das Buch der Saison." die tageszeitung

"Lottmanns Meisterstück und scharfsinnige Vision." Welt am Sonntag"

Ein süßer Höllentrip in große Emotionen und die Gegenwart." MAX
Besprechung von 06.05.2006
Trau keinem unter fünfzig
Joachim Lottmann kuschelt mit der Jugend von heute

Joachim Lottmanns Comeback als "Jugendbuch-Starautor" war zu fulminant, als daß seine kulturethnologische Feldstudie "Die Jugend von heute" ohne Fortsetzung hätte bleiben können. Schreib doch mal was über deine Familie, forderte der Verleger vom Paten der Popliteratur, so eine Art Trash-"Buddenbrooks" für die reifere Jugend, und Lottmann läßt sich nie zweimal bitten. Angeblich lagern in den Schubladen des schreibfreudigen Schwadroneurs noch etliche unveröffentlichte Romane; die alten Reportagen des neuen "Spiegel"-Autors harren auch noch einer Resteverwertung, und außerdem kann es Lottmanns Stammbaum ja wirklich mit dem der Mann-Dynastie aufnehmen. Der Vater war quasi der "Beckham der Hamburger FDP", blond und draufgängerisch, die Mutter eine zickig-romantische Kreuzung aus Ava Gardner und Verona Feldbusch, Großvater ein hanseatischer Kaufmann von altem Schrot. Zu Lottmanns (genauer: Johannes Lohmers) Ahnen gehören ferner ein Vizeflottenchef im Dritten Reich, im Brockhaus namhafte Hofchirurgen, Physiker und Chemiker, ein von Fürst Pückler geschwängertes Milchmädchen und sogar ein Hofnarr des Mainzer Kurfürsten. Stoff genug jedenfalls für eine postironische Familienserie; an der flotten Schreibe und Chuzpe des Borderline-Journalisten fehlt es Lottmann ja nicht.

"Alles neu erfinden, alles umlügen, daß sich die Balken biegen, aber so verblüffend intim, daß jeder es glaubt": so reitet er frohgemut durch Deutschland, ein Land der lebenden Leichen, auf schmalem Grat zwischen Genie und Peinlichkeit, hellwacher empirischer Beobachtung und öden Klischees, witzigen Bonmots und kabarettistischem Geblödel. Die Botschaft ist ganz die alte: Kinder, was seid ihr doch für eine verschnarchte Sippschaft! Die Jugend von heute, so der durch extensive Feldforschung erhärtete, in WDR-Talkshows verteidigte und jetzt dutzendfach wiedergekäute Befund, unterwirft sich wehr- und willenlos dem "Geschmacksfaschismus" kregler Punk-Omas, iPod-Opas und jener "neuen Alten", die weder das Zepter der kulturellen Hegemonie noch den Löffel abgeben wollen. So dürfen Vicky Leandros und Wim Wenders, Peter Maffay und Peter Zadek, Madonna und Thomas Gottschalk ungestraft die ewig jungen Rocker geben; die Jungen, zufrieden, überhaupt mitspielen zu dürfen, wollen ja nur "kuscheln statt bohnern" und kuschen, statt zu rebellieren. Nur auf Altkanzler Schröder, Rudi Dutschkes Sohn Marek, Lohmers Ziehvater Rainer Langhans und - seit einem Damaskuserlebnis beim Weltjugendtag in Köln - auf den Papst läßt Lottmann nichts kommen; für alle anderen gilt: "Trau keinem unter fünfzig". Die Pointe dabei ist, daß der Jugendvertreter, der für seine Annäherungsversuche gern die Maske des gutmütigen "Onkels Jolo" und intellektuelle Kinderschokolade benutzt, selber auf die Fünfzig zugeht. Aber Logik ist ein geriatrisches Phänomen, Widersprüche halten jung.

Den Jugendkult einer alternden Gesellschaft familiär vertraulich zu überbieten und gleichzeitig zu unterlaufen ist ein feiner Trick, und Sottisen und Insider-Klatsch über eingerostete Edelfedern und frühverrentete Hipster liest man immer gern. Die episch-genealogischen Verästelungen seiner Familiensaga verliert der Ahnenforscher dagegen rasch aus den Augen, und das ist auch gut so: "So ein Stammbaum ist langweiliger, als man sich ihn vorstellt." Lottmann kuschelt lieber mit Karline, der erschreckend klugen Derrida-Schülerin, oder grabscht unter den Augen Benedikts nach brasilianischen Jesus-Groupies.

Im letzten Drittel des ausufernden Dokumentarromans verliert Lottmann vollends den Faden und plündert wahllos seine Notizen aus dem Bundestagswahlkampf 2005, als er sich auf ZDF-Sommerpartys und in Zeitungsartikeln als leidenschaftlicher Schröderist outete. Endlose Erfolgsmeldungen über seinen tollen Feriensex mit "der Barbi", seiner dominanten Frau, stützen die These "Was Frauen den Männern antun, ist der eigentliche Irak-Krieg unserer Epoche", verprellen aber auch die geduldigsten Freunde von Onkel Jolos wahren Märchen.

Unter seinesgleichen soll der "Vater der Popliteratur" als ganz gefährlicher Hund gelten; angeblich haben alte Freunde eine "Fatwa" gegen den Renegaten verhängt. In Wahrheit ist er natürlich, trotz seiner Lust an schnoddrigen Bosheiten und politischer Inkorrektheit, so sanft- und gutmütig wie Lizzy, der Hund, der ihm den Platz in Barbis Bett streitig macht. Man hat Lottmann schon einen "Roger Willemsen auf Speed" genannt; aber viel eher ist er ein Harald Schmidt auf Valium, ein jugendfreier, notorisch gutgelaunter Bruder von Michel Houellebecq und schlimmer Großvetter von Peter Hahne. Vermutlich wird der "staatlich anerkannte Jugendforscher" noch als alter Mann Clubs, Castingshows und Weltjugendtage inspizieren, die Finger immer am schwachen Puls der Schein- und Untoten. Als Seismograph und Geschmackspolizist einer vergreisenden Republik, als tragikomischer Parzival auf der Suche nach einer jugendlichen Unschuld, die er nie gehabt hat und nirgends finden wird, ist er stets einsatzbereit.

Joachim Lottmann: "Zombie Nation". Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2006. 398 S., br., 9,95 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Mit eindeutigen Zuschreibungen ist Joachim Lottmann nicht beizukommen, und auch Ulrich Rüdenauer hält es in seiner Rezension lieber schön zweideutig. "Zombie Nation", meint Rüdenauer, enthalte alles, was man an Lottmanns Bücher verachten und bewundern müsse, wozu Rüdenauer unter anderem Gefallsucht und "literarische Impotenz bei ausgestellter sexueller Potenz" rechnet sowie "hinterhältigen Witz, ein Faible für Nazi-Kitsch und spröden Charme". Aber Rüdenauer muss Lottmann auch eines zugestehen: Er ist unglaublich komisch. Und so reist er mit ihm amüsiert durch die Dämmerung der rot-grünen Politik, durch Talkshows und zum Papstbesuch nach Köln, immer auf der Suche nach sich selbst und den familiären Wurzeln. Denn Familienromane sind derzeit en vogue und so tue sich natürlich auch Lottmann an ihnen gütlich. Sein Alter Ego Johannes Lohmer allerdings muss weit in die Vergangenheit zurückreisen. Er findet sich selbst erst im Urgroßvater seines Urgroßvaters, um zu der bitteren Einsicht zu gelangen: "Der Verfall der Familie ist unaufhaltsam."

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