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Die erste russische Revolution 1905: Studentenunruhen, Streiks und blutige Straßenkämpfe. Im Zentrum des Geschehens: Wiktor Wawitsch, ein Polizist aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, der eine Liaison mit der Gattin des Polizeichefs hat. Fasziniert von der Macht der Uniform, gerät er als Handlanger des reaktionären Terrors in einen tiefen moralischen Konflikt.
Das "beste Buch über die russische Revolution" (Boris Pasternak), ein großes - in den 30er Jahren entstandenes und nun erstmals ins Deutsche übersetztes - Gesellschaftspanorama Russlands.
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Produktbeschreibung
Die erste russische Revolution 1905:
Studentenunruhen, Streiks und blutige Straßenkämpfe. Im Zentrum des Geschehens: Wiktor Wawitsch, ein Polizist aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, der eine Liaison mit der Gattin des Polizeichefs hat.
Fasziniert von der Macht der Uniform, gerät er als Handlanger des reaktionären Terrors in einen tiefen moralischen Konflikt.

Das "beste Buch über die russische Revolution" (Boris Pasternak), ein großes - in den 30er Jahren entstandenes und nun erstmals ins Deutsche übersetztes - Gesellschaftspanorama Russlands.

  • Produktdetails
  • Verlag: HANSER
  • Deutsch
  • Abmessung: 22 cm
  • ISBN-13: 9783446203952
  • ISBN-10: 3446203958
  • Artikelnr.: 11797804
Autorenporträt
Boris Stepanowitsch Schitkow wurde 1882 in Nowgorod geboren. 1923 siedelte er nach Petrograd über und veröffentlichte in den folgenden Jahren mehr als sechzig Kinderbücher. Schitkow starb 1938 in Moskau, ohne die Publikation seines Hauptwerks, des Romans "Wiktor Wawitsch", erlebt zu haben, an dem er in seinen letzten Lebensjahren gearbeitet hatte.
Rezensionen
Besprechung von 06.10.2003
Das proletarische und das bourgeoise Brot
Boris Schitkows atemberaubendes Revolutionspanorama „Wiktor Wawitsch”
Keine Diktatur ist vollkommen, nicht einmal die sowjetische im „Großen Vaterländischen Krieg”. Um ein Dutzend Exemplare überlebte Boris Schitkows Buch „Wiktor Wawitsch” die Zensur, damals, 1941, als der Vorsitzende des Schriftstellerverbandes, Alexander Fadejew, das bereits gedruckte Werk las und ein vernichtendes Urteil fällte: „Wiktor Wawitsch” enthalte „wunderschöne psychologische Betrachtungen”, weise aber „kolossale Mängel” auf und sei „einfach nicht von Nutzen in diesen Tagen.” Die Auflage wurde eingestampft, ein Dutzend Bände aber schmuggelten die Drucker hinaus. Ein Exemplar erhielt eine Freundin Schitkows, Lidija Tschukowskaja, Kopien kursierten, man flüsterte vom Ruhm des Werkes, das Pasternak – mit dessen „Doktor Schiwago” es oft verglichen wird – das „beste Buch über die russische Revolution” nannte. Gedruckt aber wurde es auch nach dem Ende der Sowjetunion lange nicht: „Wiktor Wawitsch”, so Michail Posdnjajew im Vorwort zur russischen Ausgabe, war wieder einmal „nicht von Nutzen”.
Heute, nach mehr als sechzig Jahren, weiß man, dass es umgekehrt war, dass das Buch verboten wurde, gerade weil es in jene Tage passte, weil Schitkow nicht nur ein atemberaubendes Panorama der historischen Kompressionsstufe von 1903 bis 1906 entworfen hat, sondern viel mehr. Wie der Chemie-Student Sanka ein Blatt Papier auf seine Bestandteile untersucht („Jaja, die Zusammensetzung. Wir zerlegen alles.”), analysierte Schitkow die toxische Wechselwirkung von menschlicher Schwäche und politischer Repression.
Alles beginnt in der Stadt N., jenem literarisch oft frequentierten Provinzkaff aus Gogols „Toten Seelen”. An einem trägen Sonnentag, als „gegen Mittag die leeren Straßen schlappgemacht” hatten, stolziert Wiktor in Uniform über den väterlichen Hof. Wiktor liebt Grunja, die Tochter des Gefängniswärters, und weil er beiden imponieren will, aber bei den Soldaten gescheitert ist, versteift er sich auf den verhasstesten, gefürchtetsten Beruf seiner Zeit: Er wird Polizist. Mitten hinein stolpert er ins Mahlwerk von Spitzelei, Folter und Korruption, das sich im Revolutionsjahr 1905 knirschend dreht, um die Selbstherrschaft zu schützen – so wie sich dreißig Jahre später das stalinistische Räderwerk drehen wird, um ein anderes Regime zu schützen. „Wo werden sie ausgebrütet die Quartieraufseher? Die Popen aus den Popenfamilien, die Doktoren aus den Studenten, aber die Quartieraufseher? Jedenfalls nicht aus den Wawitschs”, hadert Wiktors Vater. Er ist eine Turgenjew-Figur, nachsichtig, liberal, aber ohnmächtig, wie alle Väter in diesem Buch, wie Andrej Stepanowitsch Tiktin, der aufrechte, gebildete Abgeordnete. Auch Tiktin begreift zu spät, dass seine Kinder längst vom Strudel der Revolution erfasst sind: Tochter Nadja, die sich gern wie tot auf dem Sofa drapiert, findet anfangs zu den Sozialisten aus romantischem Pathos und später aus Liebe zu dem Arbeiter Filipp, den sie lesen lehrt. Sanka, der Chemiker, verspottet ihren Salon-Marxismus. Als sie ihn um ein Stück Brot bittet, fragt er: „Ein bourgeoises oder ein proletarisches Stück?” Aber dann lässt auch er sich blenden von den radikalen Studenten, am Ende verübt er einen Überfall wie eine Mutprobe. Und schließlich gibt es Baschkin, einen exaltierten Aufschneider und Freund des Hauses, der im Gefängnis zu Spitzeldiensten gezwungen wird. In 150 Szenen beobachtet Schitkow, wie die Tiktins und die Wawitschs auf die Aggregatzustände ihres Landes reagieren, wie sich fiebrige Erwartung und künstliche Ruhe entladen: Im Generalstreik, in Studentenprotesten, im Verfassungsmanifest des Zaren und inszenierten Pogromen, dann in der Rache des Regimes und im Terror, der dem Terror folgt.
Schitkow, der Geiger, Seemann und Kinderbuchautor, der fünf Jahre an seinem „Wawitsch” schrieb und 1938 starb, bevor das Buch das erste Mal gedruckt wurde, Schitkow lässt in seinem Text eine Erschütterung nachzittern, die er selbst gespürt hat: 1882 in Nowgorod geboren, zog er nach Odessa, schmuggelte Waffen für die Revolution und schützte 1905 als Student die Juden vor dem Mob. Doch seine Figuren sind keine Helden, sondern Unsympathieträger mit Tschechowschen Abgründen, und der unangenehmste ist Wiktor. Aufgehetzt wirft er sich auf die Juden, verfolgt fasziniert, wie eine Frau an ein Tor genagelt wird: Ein Triebstau entlädt sich da wie auf einer Dorfschlägerei.
Die große Provokation aber lag nicht darin, dass Schitkow einen Polizisten zum Titelhelden gemacht hatte, sondern dass alle Figuren, auch die Revolutionäre, nicht aus Überzeugung handeln, sondern aus Dummheit, Feigheit und verletztem Stolz. Unentwegt erröten sie, brechen in Tränen aus oder in Wutanfälle und stürzen sich ins Unglück wie in eine Schmollecke. Es ist eine Gesellschaft am Rande des Nervenzusammenbruchs, ein stotterndes, trotziges Volk, dem Jahrhunderte voller Denkverbote die Sprache verschlagen und die Seele verkrüppelt haben. Die Dialoge sind ein fluchgesättigtes Keuchen: „Du sitzt hier, während dort, daß die doch zu Tod, doppelt und dreifach, bis sie platt sind!” Die Blicke sehen nichts, sondern bohren sich in den Gegenüber „wie ein Bratspieß”, und wenn der grausame Polizist Gratschek seinen Opfern die Augen ausdrückt, ist dies auch eine Entwaffnung. Einzig im kalten Rauch der Papyrossi lässt sich die kranke Psyche ohne Gefahr entziffern.
Schitkow hat unvergessliche Metaphern geschaffen – „Sanka balancierte über die Menge wie ein Korken in kochendem Wasser” – und Rosemarie Tietze hat das elastische Stakkato ins Deutsche übertragen (allerdings wirkt „Pipifax” neben dem altmodischen „Bitten fürliebzunehmen” ein wenig seltsam). Mit kühlem Blick zeichnet Schitkow Gerüche, Klänge, Licht und Schatten auf, das Heulen der Menge vor dem Kosaken-Angriff, die Hitze einer Berührung. Doch was seine Figuren nicht sehen, erfahren auch wir nicht, und so entsteht ein Text wie ein kunstvoller, in feinen Anspielungen verästelter Scherenschnitt, dessen Aussparungen neue Romane füllen würden.
Er sei ein jämmerlicher Tropf, kein Held, klagt Baschkin einmal: „Was ist das für eine Zeit, die nur Helden will?” Doch nicht fehlendes Heldentum führt in die Katastrophe, sondern ein zivilisatorisches Defizit, ein Mangel an menschlicher Reife. Beides, so zeigt Schitkow, ist ebenso Folge der Unterdrückung wie Ursache ihres Fortbestehens. Das Zarenreich hat seine Untertanen zu unmündigen Halbstarken gemacht. Doch gut zehn Jahre später werden diese Unmündigen nicht nur die Monarchie hinwegfegen, sondern das ganze Land.
SONJA ZEKRI
BORIS SCHITKOW: Wiktor Wawitsch. Roman. Aus dem Russischen von Rosemarie Tietze. Hanser Verlag, München 2003. 736 Seiten, 27,90 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Dass Boris Schitkows Roman zur Zeit des Großen Vaterländischen Krieges (sprich: im Zweiten Weltkrieg) aus Sicht der sowjetischen Zensur "nicht von Nutzen" schien (also eingestampft wurde), und dass sich auch später in Russland niemals die Zeit kam, in der er als nützlicher betrachtet worden wäre, wundert Rezensentin Sonja Zekri kein bisschen. Denn um die Gunst der Apparatschiks zu finden, ist er einfach zu gut. Er ist sogar, wie Pasternak sagte, das "beste Buch über die russische Revolution". Schitkow entspinne sein "atemberaubendes Panorama der historischen Kompressionsstufe von 1903 bis 1906" um den aus Berechnung zum Polizisten gewordenen Wiktor Wawitsch, der eher unwillkürlich mitten hineintaucht in die Machenschaften der politischen Repression. In 150 Szenen schildere Schitkow, "wie die Titkins und die Wawitschs auf die Aggregatzustände ihres Landes reagieren, wie sich fiebrige Erwartung und künstliche Ruhe entladen". Doch sind seine Figuren "keine Helden", meint Zekri, eher "Unsympathieträger mit Tschechowschen Abgründen", und der "Unangenehmste" von allen ist eindeutig Wiktor. Die "größte Provokation" des Romans liege in eben dieser Einsicht: Dass alle, auch die "Revolutionäre" nicht etwa "aus Überzeugung" handelten, sondern aus "Dummheit, Feigheit und verletztem Stolz". In der gnadenlosen Offenlegung einer "Gesellschaft am Rande des Nervenzusammenbruchs" zeichnet Schitkow in "unvergesslicher" Metaphorik das Porträt eines "stotternden, trotzigen Volkes", das nicht an "fehlendem Heldentum" scheitert, sondern an mangelnder "menschlicher Reife", lobt die faszinierte Rezensentin.

© Perlentaucher Medien GmbH
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