Was ist der Mensch? - Elsner, Norbert / Schreiber, Hans-Ludwig (Hgg.)
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Prominente Vertreter verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen geben Antworten auf die uralte Frage "Was ist der Mensch?", die angesichts der Forschung an menschlichen Embryonen oder der (vermeintlichen) zunehmenden Machbarkeit von Dingen brandaktuell bleibt.
Hervorgerufen durch die aktuellen Diskussionen über die Entschlüsselung des Humangenoms, die Kontroversen um die Forschung an menschlichen Embryonen sowie über die Möglichkeiten und Grenzen der modernen Transplantations- und Intensivmedizin stellt sich heute erneut die alte Frage "Was ist der Mensch?". Angesichts der Machbarkeit von…mehr

Produktbeschreibung
Prominente Vertreter verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen geben Antworten auf die uralte Frage "Was ist der Mensch?", die angesichts der Forschung an menschlichen Embryonen oder der (vermeintlichen) zunehmenden Machbarkeit von Dingen brandaktuell bleibt.
Hervorgerufen durch die aktuellen Diskussionen über die Entschlüsselung des Humangenoms, die Kontroversen um die Forschung an menschlichen Embryonen sowie über die Möglichkeiten und Grenzen der modernen Transplantations- und Intensivmedizin stellt sich heute erneut die alte Frage "Was ist der Mensch?". Angesichts der Machbarkeit von Dingen, die bisher dem Menschen entzogen waren oder dem Glauben daran, daß nun alles Wünschbare möglich sein wird, ist sie Gegenstand dieses von dem Neurobiologen Norbert Elsner und dem Rechtsphilosophen Hans-Ludwig Schreiber herausgegebenen Buches. Die Frage nach dem Menschen wird aus biologischer, medizinischer und soziologischer ebenso wie aus juristischer, philosophischer und theologischer Sicht gestellt. Themen sind unter anderem die physische Natur des Menschen und seine Stellung in der Welt, seine Entwicklung sowie die Frage, ob er mehr ist als nur ein Abbild seiner Gene, und was ist die "conditio humana" im Lichte der modernen Hirnforschung?
  • Produktdetails
  • Verlag: Wallstein
  • 2. Auflage
  • Seitenzahl: 303
  • Deutsch
  • Abmessung: 225mm
  • Gewicht: 449g
  • ISBN-13: 9783892446040
  • ISBN-10: 3892446040
  • Artikelnr.: 10661812
Autorenporträt
Norbert Elsner, geb. 1940, ist Professor für Zoologie in Göttingen. Arbeitsschwerpunkte: Neuro-, Sinnes- und Verhaltensphysiologie, insbesondere Untersuchungen der neuronalen Grundlagen des Verhaltens und der akustischen Kommunikation von Insekten. Er ist Mitherausgeber des Bandes "Das Gehirn und sein Geist"
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 07.02.2003

Selbstbild und Wirklichkeit einiger seltsamer Kohlenwasserstoffe
Die Akademie der Wissenschaften zu Göttingen bekam Antworten auf die Frage: Was ist der Mensch?
Unter dem öffentlichen Eindruck, dass die Wissenschaften wieder einmal damit beschäftigt sind, dem Menschen Grauenvolles anzutun, versammelte die Göttinger Akademie der Wissenschaften im vergangenen Jahr zwanzig Gelehrte, um eine Vortragsreihe für das Laienpublikum zu veranstalten, aus der nun ein Sammelband hervorgegangen ist. Unvermeidbar, dass die Brandherde der Tagespolitik die Gemüter erhitzen würden – Stammzellen, Genmanipulation, 11. September –, dass sich die akademische Tugend, ohne Eifer und ohne Zorn zu argumentieren, erst mit größerer Distanz entfalten kann. „Was ist der Mensch?” wurde als Generalfrage an alle Autoren auserkoren – aus dem tiefsten Grunde unserer baren Existenz (Psalm 8), weit weg von allen Alltagsproblemen. „Dabei war von Anfang an klar, daß die ethische Diskussion nicht abgehoben von den biologischen Grundlagen zu führen ist, und deshalb kommen hier nicht nur Geistes-, sondern auch Naturwissenschaftler zu Wort”, schreiben die Herausgeber.
Was tun die Naturwissenschaftler? Sie teilen Tatsachen mit. Viele Tatsachen, die zwar nicht immer auf den ersten Blick erkennbar etwas mit dem Thema zu tun haben, aber ganz ohne Zweifel wissenschaftlich erhoben wurden und also für wahr gehalten werden sollten. Aus naturwissenschaftlicher Sicht interessieren besonders die die elementaren Lebensabschnitte betreffenden Tatsachen, Geburt, Kopulation und Tod.
Beispielsweise die Schwangerschaft. Was dem unbedarften Menschenfreund ein Anblick reinen Glückes ist, das entstehende neue Leben im Bauch der Mutter, ist biochemisch betrachtet ein „Schlachtfeld mit Toten auf beiden Seiten” – wie schon 1899 der Pathologe W. E. Fothergill erkannte. Es ist nicht so, dass die Natur in kluger Voraussicht der gemeinsamen Interessen ein Optimum bei der Verteilung der Nährstoffe zwischen Mutter und Embryo gefunden hätte. Tatsächlich sondert der Embryo Enzyme und Zellen ab, die ohne Rücksicht auf die Gesundheit der Mutter die Nährstoffversorgung der Plazenta vergrößern. Der Körper der Mutter wiederum reagiert mit chemischen Gegenmaßnahmen. Im Ergebnis wird das Blut der Mutter mit zahlreichen gegensätzlich wirkenden Substanzen überschwemmt, jeweils in Überdosis. „Diese gegeneinander gerichteten Aktionen treiben die Gesamtaufwendung für Mutter und Kind ,unnötig‘ in die Höhe und verhindern eine ideale Gesamt-Effizienz”, schreibt der Zoologieprofessor Wolfgang Wickler in seinem Beitrag. Die Handlungen der Natur gehorchen keiner Harmonie, sondern den taktischen Zwängen der chemischen Kriegsführung, wobei das natürliche Optimum der Entwicklung des rücksichtslosen Egoismus der Individuen haarscharf an der Grenze zum kollektiven Selbstmord liegt: Die Menge der vom Embryo getöteten Mütter und vorzeitig abgestoßenen Embryonen ist unter Säugetieren gerade noch klein genug, dass die Arten nicht aussterben. Wicklers These lautet: Wir sollten uns an der Natur kein Vorbild nehmen. Unsere moralischen Systeme müssen wir aus anderen Überlegungen entwickeln und rechtfertigen.
Was Wickler nicht sagt: Womöglich war unsere Moral nur ein cleverer Trick der Natur, die offensichtlichen Effizienzdefizite bei der Durchsetzung der egoistischen Interessen von unbeseelten Lebewesen zu beseitigen. Wenn Krähen in Kolonien nisten (ein anderes Beispiel von Wickler), neigen sie dazu, die Zweige für ihre Nester einfach von den halbfertigen Nestern ihrer Nachbarn zu klauen. Das ist für das Individuum viel bequemer, als die Zweige aus dem Wald zu holen; andererseits würde, wenn das alle Krähen so machen würden, kein Nest fertig werden. Auch hier hat die unbeseelte Natur als Optimum nur einen Zustand etabliert, bei dem der Kompromiss zwischen Egoismus und kollektivem Vorteil nur knapp das Überleben der Kolonie ermöglicht. Wieviel ökonomischer könnten Krähen ihre Nester bauen, wenn sie ein paar ihrer Ressourcen in ein Rechtssystem investieren würden, das den Zweigeklau unterbindet?
Der Mensch ist ein kompliziertes Gebilde. Erwachsen besteht er aus etwa 1013 Zellen, aber nur aus knapp 300 verschiedenen Zelltypen. Die biochemische Steuerung seines Organismus liegt in einem Genom, bestehend aus einer Sequenz von rund 3 Milliarden Buchstaben des genetischen Alphabets, wovon allerdings nur unter 2 Prozent am Lebensprozess real beteiligt sind. Und diese 2 Prozent sind zu 99, 99 % bei sämtlichen Menschen identisch. Die genetischen Unterschiede zwischen verschiedenen Menschen betreffen nur den winzigen Rest.
Der ganze Aufwand mit der sexuellen Fortpflanzung, die Mühen von Rivalenkämpfen und Partnerwahl, der ganze intellektuelle Überbau, die unendliche Beschäftigung der Menschen mit dem Konkurrenzkampf vermeintlich über- oder unterlegener Rassen, hat als biologische Grundlage nur diesen winzigen Rest. Verschiedene Rassen hat die Spezies Mensch keine, dafür ist sie aus evolutionsbiologischer Sicht viel zu jung. In der kurzen Zeit, da es Menschen auf der Erde gibt, konnten sich die verschiedenen Siedlungsgruppen der Menschen – vom Aborigine, über den Mitteleuropäer bis zu den Zulus, genetisch weniger voneinander differenzieren, als beispielsweise zwei Kaninchenpopulationen aus bayrischen Nachbargemeinden. Die Vorstellung, es könnte in unserem Genom etwas Inhaltliches aus dem Schatz an intellektuellen Ideen, mit denen wir uns definieren, gespeichert sein, verbietet sich schon aus dem Vergleich der Datenmengen.
Man wundert sich über einen Beitrag mit dem Titel „Der suchtkranke Mensch – In unserer Mitte”. Eine philosophische Reflexion über die menschliche Willensfreiheit und ihre Grenzen enthält er nicht. Stattdessen die minutiöse Beschreibung eines neuen Therapiekonzepts für Alkoholkranke. Offenbar ist die Therapie von Alkoholkranken ein endloser Aufwand, für den Patienten wie für Heerscharen von Therapeuten, um die Chance des Kranken auf ein menschenwürdiges Leben auch nur minimal zu vergrößern.
Der Sammelband der Göttinger Akademie folgt keiner Logik. Trotzdem ist er ein seltener Glücksfall, mit hoher Informationsdichte und echtem Bemühen der Autoren, ihre Meinung klar zu vermitteln. Dass dadurch geklärt wäre, was der Mensch ist, ist weniger offensichtlich.
Der Chirurg Axel Haverich versucht die Behauptung zu entkräften, wonach die jüngsten medizinischen Entdeckungen im Bereich des Klonens einen „Dammbruch” bewirkt hätten, das Überschreiten des Rubicons zu neuer wissenschaftlichen Inhumanität. Eines seiner Argumente ist ein historisches: „Als 1910 das Salvasan als erstes wirksames Medikament für die Behandlung der Syphilis eingeführt werden sollte, widersprach die katholische Kirche. Schicksal und Strafe Gottes sei diese Geschlechtskrankheit, eine Behandlung kirchlicherseits nicht zu unterstützen.” Vielleicht ist der moderne Mensch nur zu abgeklärt, um moralische Debatten zu ernst zu nehmen.
Das Thema „Mensch” franst nicht nur an den Rändern aus. Auch Kardinal Lehmann ist mit einem Beitrag vertreten. Er entwirft ein freundliches christliches Menschenbild, aufgeschlossen gegenüber wissenschaftlichen Entdeckungen, allerdings ohne auf hässliche Details in der Wissenschaft einzugehen. Und zuletzt kommt auch noch ein Dichter zu Wort, Günter Kunert – aber wer das Vorherige gelesen hat, wird sich kaum noch für Dichtung interessieren: wegen der viel zu geringen Informationsdichte dieser Sprachform.
ULRICH KÜHNE
NORBERT ELSNER, HANS-LUDWIG SCHREIBER (Hrsg.): Was ist der Mensch? Wallstein Verlag, Göttingen 2002. 304 Seiten, 19 Euro.
„Karao, halb Affe, halb Frau”, die 1884 und 1894 im Frankfurter Zoologischen Garten zu sehen war.
Foto: Aus d. bespr. Band
/ Wallstein Verlag
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

In einem sehr dichten Überblick über neue Bücher zur Evolution und dem Selbstverständnis des Menschen kommt Rezensent Helmut Mayer auch auf das Buch "Was ist der Mensch" des Philosophen Michael Pauen zu sprechen. Er hat es offenkundig mit Interesse gelesen, denn Pauen geht darin der Frage nach, wie sich naturwissenschaftliche Erkenntnisse in der Biologie mit "unseren erprobten Begriffen von Freiheit, Selbst und Verantwortung" miteinander vereinbaren lassen. Dafür liefert Pauen auch einen instruktiven Abriss der Debatte, angefangen bei Descartes bis zum deutschen Materialismusstreit.

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