Von deutschem Adel - Conze, Eckart
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Nach 1918 geriet der deutsche Adel politisch ins Abseits. Gleichwohl blieb er sozial und kulturell eine einflußreiche Gruppe. Zum ersten Mal liegt eine Darstellung vor, die auf breiter Materialbasis den Weg einer Adelsfamilie im zwanzigsten Jahrhundert nachzeichnet.Am Beispiel von drei Familienzweigen der Grafen von Bernstorff beschreibt Eckart Conze Kontinuitäten und Brüche im politischen Selbstverständnis, dem Wirtschaftsleben und der privaten Lebensführung eines Adelsgeschlechts. Die Bernstorffs, 1237 auf dem Rittersitz Bernstorf in Mecklenburg seßhaft geworden, konfrontierte sie erstmals…mehr

Produktbeschreibung
Nach 1918 geriet der deutsche Adel politisch ins Abseits. Gleichwohl blieb er sozial und kulturell eine einflußreiche Gruppe. Zum ersten Mal liegt eine Darstellung vor, die auf breiter Materialbasis den Weg einer Adelsfamilie im zwanzigsten Jahrhundert nachzeichnet.Am Beispiel von drei Familienzweigen der Grafen von Bernstorff beschreibt Eckart Conze Kontinuitäten und Brüche im politischen Selbstverständnis, dem Wirtschaftsleben und der privaten Lebensführung eines Adelsgeschlechts. Die Bernstorffs, 1237 auf dem Rittersitz Bernstorf in Mecklenburg seßhaft geworden, konfrontierte sie erstmals die junge Weimarer Republik mit dem Verlust ihrer jahrhundertelangen Herrschaftsstellung. Nach 1918 suchten sie, teilweise in Opposition zur Demokratie, nach Möglichkeiten, ihre Rechte und ihren Einfluß zumindest auf lokaler Ebene zu wahren. Die letzten Überreste adeliger Gutsherrschaft vernichtete schließlich der Nationalsozialismus. Nach 1945 ging das Bestreben, wirtschaftlich zu überleben,
einher mit der fortdauernden Festigung der Familienzusammengehörigkeit, ein bis heute bedeutender Bestandteil adeliger Selbstbehauptung.

Dem Autor gelingt es, Geschichte lebendig zu erzählen und den Adel in die Gesellschaftsgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts einzubetten. Politisches und Privates verwebt sich zu einem Bilderbogen des Adels im zwanzigsten Jahrhundert.
  • Produktdetails
  • Verlag: Dva
  • 2000.
  • Seitenzahl: 560
  • 2000
  • Ausstattung/Bilder: 560 S. m. Fotos u. Ktn.
  • Deutsch
  • Abmessung: 220mm
  • Gewicht: 918g
  • ISBN-13: 9783421053442
  • ISBN-10: 3421053448
  • Best.Nr.: 08632960
Autorenporträt
Eckart Conze, geboren 1963, ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Marburg. Bei DVA erschien der von ihm mitherausgegebene Band Fünfzig Jahre Bundesrepublik Deutschland und die vielbeachtete Monographie Von deutschem Adel.
Rezensionen
Besprechung von 24.11.2000
Der schwere Zacken
Eckart Conzes Buch über deutschen Adel als Krone der Gesellschaft

Je größer das Interesse der Regenbogenpresse für den Adel, desto geringer das Interesse der Wissenschaft für diese Sozialgruppe. Eckart Conze betritt mit seiner Habilitationsschrift über die "Grafen von Bernstorff im 20. Jahrhundert" nach seiner eigenen Einschätzung "terra incognita". Zwar gehört solche Beurteilung wohl zum wissenschaftlichen und publizistischen Geschäft, um den Stellenwert einer Arbeit herauszustreichen. Doch völlig von der Hand zu weisen ist dies angesichts des Forschungsstands keineswegs, erforschten Historiker doch vorwiegend die Geschichte des Adels vor 1900.

Dramaturgisch geschickt setzt Conze mit der Revolution von 1918 ein. Als der Rittmeister Andreas von Bernstorff-Wedendorf von der Abdankung des Kaisers hörte, notierte er in sein Tagebuch: "Da konnte ich mich nicht so schnell fassen, und die Tränen liefen mir herunter . . . Alles soll nun von der roten Revolution hinweggefegt werden . . . Der Sattlergeselle Ebert Reichskanzler." Damit sind Autor und Leser mitten in einer der drei entscheidenden Dimensionen adeligen Lebens im zwanzigsten Jahrhundert: dem Bereich von Herrschaft und Politik. Conze hat sich "Max Webers Auffassung zu eigen gemacht, nach welcher Herrschaft, Wirtschaft und Kultur drei gleichrangige Dimensionen einer jeden Gesellschaft darstellen", und das Buch entsprechend in diese drei Blöcke unterteilt.

Ausgewählt hat Conze das im Mecklenburgischen und Hannoverschen angesiedelte Adelsgeschlecht der Bernstorffs. Drei Generationen - jene der zwischen 1860 und 1880, zwischen 1900 und 1920 sowie der um 1930/1940 geborenen Bernstorffs - werden vorgestellt. Der Haupttitel verspricht daher mehr, als sich der Autor überhaupt vorgenommen hat. Allerdings durchzieht die Frage nach der Repräsentativität der ausgewählten Familie das Buch, und eine gewisse Allgemeingültigkeit ist unübersehbar. Dennoch fragt man sich, ob manche adeligen Verhaltensweisen nicht als eher eliten- statt adelstypisch anzusehen sind.

Die Revolution von 1918 läutete keineswegs das Totenglöcklein für den deutschen Adel. Zwar brachen mit dieser Zäsur die traditionellen adeligen Herrschaftsmechanismen zusammen, doch verstand es der Adel, auf lokaler Ebene seinen Elitenstatus zu verteidigen und auf nationaler Ebene sich gegen die Republik erbittert zur Wehr zu setzen. Die Bundesrepublik hatte dagegen wesentlich bessere Startbedingungen. Durch das "konservative Grundgepräge der Ära Adenauer", die wirtschaftlichen Möglichkeiten der Wirtschaftswunderjahre und nicht zuletzt durch das Gedenken an den 20. Juli 1944 als von Adeligen mitinitiierten Widerstand gelang eine positive Integration in die Gesellschaft nach 1945.

Läßt sich im Herrschaftsbereich noch am ehesten ein Einflußverlust konstatieren, so gilt dies für die beiden anderen Themenblöcke nicht mehr. Unternehmerisches Geschick, unterschiedliche betriebliche Strukturen, individuelle Dispositionen ließen eine ganze Palette wirtschaftlicher Existenzweisen zu. Während das im Kreis Lüchow-Dannenberg gelegene Gut Gartow sich bereits im neunzehnten Jahrhundert zu einem kapitalistischen Forstunternehmen entwickelte und bis heute Bestand hat, nahmen der Stammsitz Bernstorff und das Gut Wedendorf südlich von Grevesmühlen einen anderen Weg. Dort wurde eine extensive, vor allem auf Getreide spezialisierte Landwirtschaft betrieben, die den Wechsellagen landwirtschaftlicher Krisen ausgesetzt war. Mißmanagement, verspätete und halbherzige Modernisierung taten ein übriges, um noch vor der Zwangsbewirtschaftung im Zweiten Weltkrieg und der Bodenreform die Güter in ihrer wirtschaftlichen Substanz zu erschüttern.

Den nicht erbberechtigten Söhnen ohne "Ar und Halm" wurde mit hervorragenden Ausbildungen ihre berufliche Existenz gesichert. Eine Ausnahme stellte Andreas von Bernstorff-Wedendorf dar, der seine militärische Karriere vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges infolge einer Krankheit beenden mußte und außerhalb des Militärs nie richtig Fuß faßte. Er war es auch, der in wütenden Tiraden gegen die Weimarer Republik polemisierte, sich dem völkischen Antisemitismus verschrieb und ein glühender Anhänger Hitlers wurde.

Eine von Generation zu Generation vermittelte kulturelle Form der Adeligkeit konnte Andreas von Bernstorff-Wedendorf nicht weitergeben. Er mußte mit ansehen, wie sein einziger Sohn sich aus der Welt des Adels entfernte und als Seemann bei der Handelsmarine arbeitete. Ansonsten aber beherrschten Exklusivität, adelsinterne Heiratskreise und ein ausgeprägtes Familienbewußtsein das Bild von Adeligkeit im zwanzigsten Jahrhundert.

Conze hat eine überzeugende Gesellschaftsgeschichte des Adels vorgelegt und dabei zugleich die Vor- und Nachteile einer so strukturierten Geschichtsschreibung vor Augen geführt. Die Konzentration auf die einzelnen Themenblöcke erlaubt eine bestechende analytische Tiefenschärfe und bietet dem Leser, der sich nur mit einzelnen Aspekten adeligen Lebens beschäftigen möchte, einen schnellen Zugriff. Andererseits läuft diese Vorgehensweise Gefahr, einzelne biographische Aspekte wiederholen zu müssen. Der Niedergang Andreas von Bernstorff-Wedendorfs beispielsweise wird in drei verschiedenen Themenzusammenhängen geschildert. Dennoch ermöglicht Conzes Buch einen Blick in die Welt des Adels, den kein Paparazzo und kein Blatt der Regenbogenpresse zu bieten haben.

JÜRGEN SCHMIDT

Eckart Conze: "Von deutschem Adel". Die Grafen von Bernstorff im zwanzigsten Jahrhundert. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2000. 560 S., Abb., geb., 58,- DM.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

"Überwiegend positiv bespricht Jürgen Schmidt diesen Band, auch wenn er moniert, dass der Autor eine Beurteilung des Buchs schon selbst vorweggenommen hat mit seiner Behauptung, dass er hier `terra incognita` betreten habe. Damit hat er allerdings nicht ganz Unrecht, gibt Schmidt zu, denn schließlich habe sich bisher kaum ein Autor mit dem Adel im 20. Jahrhundert beschäftigt. Das Buch ist - wie der Leser erfährt - in drei Blöcke unterteilt, die sich an die Aspekte "Herrschaft, Wirtschaft und Kultur" anlehnen. Dies ist nach Schmidt Schwäche und Stärke des Buchs zugleich. Denn einerseits habe diese Gliederung dem Autor eine "bestechende analytische Tiefenschärfe" bei der Betrachtung seines Themas erlaubt und auch erleichtere diese Form dem Leser ein gezieltes Nachschlagen. Nachteil ist nach Schmidt Ansicht bei dieser Form der Darstellung jedoch, dass bestimmte Wiederholungen unvermeidbar werden. Letztlich zeigt sich Schmidt jedoch recht angetan von dem Band, der seiner Ansicht nach deutlich aufzeigt, wie sich der Adel und sein Einfluss im zwanzigsten Jahrhundert gewandelt haben.

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