Vertraulicher Bericht über den Verkauf einer Kommode und andere Kunstgeschichten - Kemp, Wolfgang
  • Buch mit Papp-Einband

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Wenn Sie schon immer den Verdacht hatten, dass sich in Ateliers, Galerien und Museen überdurchschnittlich viele seltsame Menschen versammeln, dann hat der Kunsthistoriker Wolfgang Kemp das richtige Buch für Sie geschrieben. Seine haarsträubenden Geschichten führen Sie in alle Geheimnisse dieser Welt ein.…mehr

Produktbeschreibung
Wenn Sie schon immer den Verdacht hatten, dass sich in Ateliers, Galerien und Museen überdurchschnittlich viele seltsame Menschen versammeln, dann hat der Kunsthistoriker Wolfgang Kemp das richtige Buch für Sie geschrieben. Seine haarsträubenden Geschichten führen Sie in alle Geheimnisse dieser Welt ein.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser, Carl
  • Artikelnr. des Verlages: 505/20232
  • Erscheinungstermin: 29. Juli 2002
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783446202320
  • ISBN-10: 3446202323
  • Artikelnr.: 10632100
Autorenporträt
Wolfgang Kemp, geboren 1946 in Frankfurt am Main, ist Professor für Kunstgeschichte an der Universität Hamburg. Veröffentlichungen zur Geschichte und Theorie der Fotografie, zur Rezeptionsästhetik und Erzählforschung.
Rezensionen
Besprechung von 09.10.2002
Im Schatten alter Meisterblüte
Wolfgang Kemp hat der Versuchung nachgegeben, die Realsatiren des Kunst- Milieus aufzuschreiben
Satiren auf die Welt der modernen Kunst haftete früher häufig etwas Epörtes an, ein Geist des Galgenhumors und der zynischen Bitterkeit. Der Protest des „gesunden Menschenverstandes” wusste sich in der Defensive. Der Bruch mit der künstlerischen Tradition Europas durch Cézanne oder Kandinsky oder wen immer man als Vorboten der neuen Zeit ansehen will, erschien vielen als ein Aufstand gegen die Evidenz, der jeden, der die revolutionäre Entwicklung nicht mitvollziehen konnte oder wollte, in eine Art Verzeiflung stürzte: Wie hätte, wo es um den Begriff des Offensichtlichen – oder dessen, was man dafür hielt – ging, eine Diskussion noch aussehen sollen? Inzwischen sind die einst wagemutigen Avantgarden zum juste milieu geworden, auch wenn das dem Publikum noch nicht so lange klar ist. Eines der Merkmale für dies Hineingewachsensein der neueren Kunst in einen vom Kommerz bestimmten Alltag ist gewiss der gewandelte Charakter der Satiren über die Kunstwelt.
Gutgelaunte Bosheit
Es sei hier zunächst Yasmina Rezas brillanter Boulevard- Komödie „Kunst” gedacht, die mit spielerischer Intelligenz alle erdenklichen Positionen, die man zu einem monochromen Gemälde einnehmen kann, durchdeklinierte. Für den inzwischen zeittypischen Blick ist die Kunst gleichsam „Natur” geworden, selbstverständlicher Begleitumstand auch des kleinbürgerlichen Lebens, Konsumartikel und Sondermüll, Video-Clip und möglichst häufig auszutauschende Innendekoration. Wolfgang Kemp hat nun unter dem Titel „Vertraulicher Bericht über den Verkauf einer Kommode” eine Reihe von Erzählungen versammelt, die über die verschiedensten Aspekte des gegenwärtigen Kunstbetriebes Auskunft geben. Betrachtet man Kemps bisherige Veröffentlichungen, überrascht sein Sujet zunächst. Als Kunsthistoriker hat er sich vorwiegend in von der Gegenwart weit entfernten Regionen aufgehalten: sein Interesse galt den Anfängen der christlichen Kunst, den mittelalterlichen Glasfenstern, Giotto und Ruskin, allerdings auch einer umfangreichen „Theorie der Fotografie”. Es spricht also kein Spezialist für zeitgenössische Kunst. Darin liegt wahrscheinlich ein besonderer Vorzug seines Buches. Spezialistentum mag in Kunst und Literatur erstaunliche Aufschlüsse zutage fördern, dispensiert den Kenner aber nicht davon, das Ganze künstlerischer Äußerungen im Auge zu behalten; nichts ist so trostlos wie ein Literaturwissenschaftler, der erklärt, sich zur Prosa nicht äußern zu können, weil er „Lyrik-Fachmann” sei. Wer seine analytischen Fähigkeiten und sein Apperzeptionsvermögen an Giotto ausgebildet hat, mag besonders befähigt sein, die für unsere Gegenwart bezeichnenden Phänomene zu erfassen.
Wissenschaftliche Systematik spricht aus der Vollständigkeit, mit der Wolfgang Kemp alle Bereiche künstlerischen Treibens unter die Lupe nimmt. Die Künstler verschiedenster Provenienz, vom großen alten Mann bis zum perennierenden schrillen Underground, die Sammler, die Händler, die Schreiber, Kuratoren und vielseitigen Kunst-Unternehmer, werden sämtlich in Szene gesetzt. Besondere Aufmerksamkeit gilt der inzwischen unter der Nomenklatur „Bobo” gleich Bohemien-Bourgeois erfassten Spezies, die die Kunst zwischen Werbung, Public relations und Design zu einer Methode entwickelt hat, nach unternehmerischen Maßstäben den Markt zu bedienen. Kemp kreist in immer neuen, immer unterhaltsameren Anläufen eine Mentalität ein, die sich in dem Paradox zwischen hehrer Disegno-und-Genialitätsideologie und dem auf den Augenblick berechneten, zur marktgerechten Vervielfältigung bestimmten Gag auf das Komfortabelste eingerichtet hat.
Vor den Augen des Lesers entsteht der gigantische Apparat, der sich in der Gegenwart um die Kunst herum aufbaut, verschwenderischer ausgestattet als in den fruchtbarsten Perioden der europäischen Kunst; weder das Florenz der Medicäer, noch das Venedig des Cinquecento oder die französische Akademie haben auch nur ahnungsweise so viel Geld, Förderung, Publizität und Geschäft für und durch die Kunst in Bewegung gesetzt wie die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.
Gänzlich unwissenschaftlich aber ist die Methode, deren Kemp sich bei der Schilderung des Kunst-Milieus bedient. Stimmung, Atmosphäre und Mentalität lassen sich bloß essayistisch nicht erfassen. Seinen reichen Stoff hat er deshalb in Geschichten entfaltet, die mit den Mitteln der Literatur das sonst Unwägbare fassbar machen. Die Stücke treten als Satiren auf und wahrscheinlich werden die meisten Leser sie auch als Satiren empfinden. Die Verhältnisse im Reich der Kunst lassen tatsächlich häufig an den alten Satz denken: „es sei schwer, keine Satire zu schreiben”. Aber trifft das Gegenteil nicht noch mehr zu? Wenn die Zustände einen derart grotesken Charakter angenommen haben wie in den verschiedenen Kunst-Szenen, wird es sehr schwer, ja beinahe unmöglich, eine Satire zu schreiben, weil die Realität jede erdenkliche Übertreibung des Schriftstellers alsbald einholt oder noch übertrifft. So komisch Wolfgang Kemps Geschichten auch sind, man wird den Verdacht nicht los, dass sie keine Satiren, sondern krassester Naturalismus sind.
Dazu tragen die detaillierten Kenntnisse Kemps aller soziologischen, modischen, ästhetischen Erscheinungsformen des Kunst-Milieus bei. In der Beschreibung der Interieurs von Museen, Wohnzimmern, Künstlerateliers und Galerien erweist sich der geschulte Bildbetrachter, dem keine bedeutungsträchtige Nuance entgeht. Es bedarf der Sprache, solche Räume wirklich sichtbar zu machen; keine Fotografie könnte Ähnliches leisten, weil uns auf Bildern diese Welt längst viel zu vertraut und selbstverständlich geworden ist. Kemp bewegt sich in seiner Sprache wie ein Fisch im Wasser, mit überwältigend guter Laune und nicht einem halben Gran Kulturpessismismus präsentiert er seinen Künstler-und-Kunstmanager-Schmetterlingskasten, in dem selbst die grauen Motten noch zum Vergnügen beitragen.
Besonderes Glanzstück des Bandes ist die Beschreibung der „Großen alten Maler”, die in ihren Atelierhäusern am Mittelmeer ein Denkmal ihrer selbst geworden sind, während in ihrem Hintergrund diskret die Verwertungsmaschinerie auf Hochtouren summt: „In ästhetischen Fragen schweigen die Alten wie Tischler.” Die Zeit der vollmundigen Programme und Manifeste ist vorbei. Dennoch, man weiß nicht wie, ergeben ihre gesammelten Äußerungen einen mittelstarken Band, der auch in Vorzugsausgabe inklusive Originalgrafik erscheint... Sie sagen: „Die Malerei befindet sich seit dem Höhlenzeitalter im Niedergang.” Oder: „Je lokaler etwas ist, desto universaler kann es sein” ... oder: „Bei mir ist ein Bild die Summe von Zerstörungen.”
Satire? Jeder hat solche Bücher schon in Händen gehalten. Die Zitate sind sämtlich Originale: Sie geben Kemps heiteren Geschichten ihren Biss. „Vertraulich” wird der „Bericht über den Verkauf einer Kommode” deshalb hoffentlich nicht bleiben.
MARTIN MOSEBACH
WOLFGANG KEMP: Vertraulicher Bericht über den Verkauf einer Kommode und andere Kunstgeschichten. Hanser Verlag, München 2002. 214 Seiten, 15.90 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Besprechung von 23.11.2002
Weinkolleg mit ferngesteuerten Personauten
Freigang aus dem selbstgewählten Gefängnis: In seinen Erzählungen unternimmt Wolfgang Kemp Streifzüge durch den Kunstbetrieb

Mit kannibalischer Lust und angefeuert von unstillbarem Beutetrieb blickt Wolfgang Kemp, im gewöhnlichen Leben ordentlicher Professor für Kunstgeschichte an der Universität Hamburg und Autor zahlreicher ebenso ordentlich erhellender Bücher und Essays zu John Ruskin, zur christlichen Kunst, zur Theorie der Fotografie und zu den Räumen der Maler, in das große Terrarium des zeitgenössischen Kunstbetriebs. Es reizt ihn sichtlich, zu beobachten und zu erkunden, was dort so alles stolziert, sich spreizt und aufplustert, umherhuscht, kriecht und - stets wichtig, kreativ und genial - zappelt. Dabei betrachtet er das hyperrealistisch dargestellte, nur hier und da verführerisch glitzernde Terrain mit den Augen eines Riesen, der über jenen Niederungen wandelt, in deren sumpfig-schwülem Dunst auch er für gewöhnlich zu agieren gezwungen ist. Satiren sind häufig Lockerungsübungen Festgeketteter oder eine Art temporärer Freigang aus dem selbstgewählten Gefängnis. So auch hier.

Denn statt trockener Wissenschaft hat sich der eloquente Ordinarius, der schon seit Jahren hin und wieder gern die dokumentenechte Tinte der Wissenschaft gegen die ätzende Säure der Kritik eingetauscht hat, der heiteren Schreibkunst hingegeben, fuchst den kundigen Historiker die Dominanz der Jetztzeit doch so gewaltig, daß er deren selbstsüchtige Gestalten nun auf die feinen Nadeln satirischer Gegenwehr zu spießen versucht. Schließlich ist nichts so verkommen wie die eigene Gegenwart, nichts so verhaßt wie jener Bezirk des gesellschaftlichen Lebens, in dem man sich selbst allzugern tummelt.

Folgen wir dem hellsichtigen Autor und seinen Protagonisten auf ihren Streifzügen, so muß der Kunstbetrieb, läßt man seinen quirligen Zeitgeist flugs aus der Flasche, ein schnell und unkontrolliert aufschäumendes, mehr oder weniger klebriges Getränk sein: eine Substanz wie das legendäre Afri-Cola, in dem bekanntlich "alles" steckt. Personal und Kulissen der mal mehr, mal weniger erheiternden Geschichten sind denn auch danach. Sie handeln von begierigen Sammlern und halbgebildeten Groupies, von allerlei "postidentischen Existenzen", genialischen Impresarios, alten, mürrischen Meistern und jungen Kreativen, von einem willfährigen, eventhungrigen Museumsdirektor und einem routiniert kalauernden Vortragshecht, von den Assistentinnen und Assistenten der Berühmten, "lebenden Freisprechanlagen", die sich in "einer Erreichbarkeitslücke" so verloren fühlen wie "wir als Kinder, wenn uns die Eltern im Kaufhaus abhanden kamen".

Ob die karitativ aufgelegte Fabrikantengattin, die Witwe im Wartestand, der grausame Etatquetscher oder der Ostler mit der Geschäftsidee, einem Museum im dichten Gewebe politischen Filzes abhanden gekommene Leihgaben wiederzubeschaffen, ob die Feministin, die einen winzigen Laptop in einem bezaubernden italienischen Futteral mit sich herumträgt und an einem Buch über die Marginalisierung des weiblichen Hausfleißes arbeitet, oder der alte Malerfürst, der in seinem Atelier auf einer Ferieninsel Kaufhauskunst übermalt und dabei unversehens in Konflikt mit einem Konzeptkünstler gerät - hier bekommt jeder sein Fett weg. Grund zum Schmunzeln gibt es also genug.

Indes, oft tut Kemp des Guten zu viel. Er erzählt nicht einfach eine Geschichte und läßt diese für sich sprechen. Statt dessen deutet und ordnet er ein, noch bevor seine Erzählung richtig in Fahrt kommen kann. Je virtuoser Kemp aber kommentiert und ironisiert, abschweift und satirisiert, um so mehr wächst die Skepsis des Lesers: Vertraut der Autor wirklich auf die Kraft des Erzählens? Spult er den geschmeidigen Faden des Geschehens wirklich flüssig genug ab, um die Knoten und Knäuel zu vermeiden, die Wissen und Deuten verursachen? Der Autor, dem man, im Unterschied zu einer seiner Protagonistinnen, keine "extracurricularen Aktivitäten" vorwerfen kann, arbeitet zwar mit sichtlicher Lust am Fabulieren an seinem Talent als Erzähler, agiert dabei aber oft eine Spur zu selbstverliebt und trunken von der eigenen Gabe der treffenden Formulierung. Zu viel der Girlanden flicht der auch hier seine Kennerschaft Beweisende, bis dem Leser all die Sätze, die nach Szenenapplaus rufen, sauer aufzustoßen beginnen.

Nur selten findet die menschliche Schwäche auch nur ein wenig Gnade vor den Augen des gestrengen, zum Scherzen aufgelegten Kritikers. Was ihn allein interessiert, ist der Typus des neuen Kunst-Menschen, der, wie es einmal heißt, kein sprechendes Subjekt darstellt, sondern ein Mensch ist, der gesprochen wird: des "Personauten", der etwas "Ferngesteuertes" an sich hat. Zugegeben: Das Gestelzte und Hypokrite, das Eitle und Selbstverliebte des Kunstbetriebs, Kemp bläst es zur Übergröße auf, um es sogleich prunkvoll zum Platzen zu bringen. Statt aber wahrhaft satirisch das Florett zu schwingen, begnügt er sich damit, einige sprachliche Wunderkerzen inmitten eines terrain vague abzubrennen.

Wolfgang Kemp: "Vertraulicher Bericht über den Verkauf einer Kommode und andere Kunstgeschichten". Hanser Verlag, München 2002. 214 S., geb., 15,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

""Mit den Augen eines Riesen" blickt Wolfgang Kemp, im normalen Leben Professor für Kunstgeschichte, wie Rezensent Thomas Wagner uns wissen lässt, seiner Ansicht nach "in das große Terrarium des Kunstbetriebs". Es reize ihn sichtlich, "zu erkunden, was dort so alles stolziert, sich spreizt und aufplustert". Statt der trockenen Wissenschaft habe sich der Verfasser "ordentlich erhellender" Bücher über Kunst nun der heiteren Schreibkunst hingegeben und eine Weile ist der Rezensent dem "hellsichtigen Autor und seinen Protagonisten", sprich "begierigen Sammlern und halbgebildeten Groupies, genialischen Impresarios, alten, mürrischen Meistern und jungen Kreativen" inklusive eines "willfährigen, eventhungrigen" Museumsdirektors gern gefolgt. Jeder bekomme sein Fett weg, freut er sich und findet zunächst genügend Gründe zum Schmunzeln. Aber dann wird es den Rezensenten "des Guten zu viel". Je virtuoser der Autor kommentiere und ironisiere, abschweife und satirisiere, um so mehr wächst seine Skepsis. Agiert hier nicht ein Erzähler "zu selbstverliebt und trunken von der eigenen Gabe der treffenden Formulierungen"? Am Ende sah der Rezensent enttäuscht, dass sich der Erzähler meistens schon mit dem Zünden sprachlicher Wunderkerzen "inmitten eines terrain vague" begnüge.

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