Unter dem Licht der Zeit - Adonis, Esber; Analis, Dimitri T.
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Produktdetails
  • Verlag: Jung und Jung
  • Seitenzahl: 85
  • Abmessung: 12mm x 121mm x 190mm
  • Gewicht: 157g
  • ISBN-13: 9783902144133
  • ISBN-10: 3902144130
  • Artikelnr.: 09795833
Rezensionen
Besprechung von 10.10.2001
Wie leben mit Göttern, die kein Gesicht haben?
Perlenfischer des Mittelmeeres: Der syrische Dichter Adonis und sein griechischer Freund Dimitri T. Analis im Briefwechsel
Manche Bücher gleichen Muscheln. In dieses ist das Rauschen des Mittelmeers eingeschlossen. Am Ufer unterhalten sich zwei Stimmen, keine spricht ihre Muttersprache. Die jüngere gehört dem Dichter und Historiker Dimitri T. Analis, geboren 1938 in Athen, ausgebildet in Genf, Lausanne und Paris, wo er seit langem lebt. Die ältere gehört dem Dichter Adonis, der 1930 in einem syrischen Dorf geboren wurde, lange im Exil in Beirut lebte und von dort nach Paris ging. Im Sommer 1998 schrieben sie diese Briefe. Eine dritte Stimme hat sie dazu angeregt. Auch sie ist in die Muschel eingeschlossen. Wie den Gedichtband „Land für sich” (1999) von Dimitri Analis hat Peter Handke auch diese griechisch-syrischen Briefe aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt.
Der Ton den sie anschlagen, heißt im Deutschen der „hohe Ton”. Einmal, in einem unwirtlichen Hotel bei Palermo, liest Adonis in Rilkes Florentiner Tagebuch. Was ihm darin „gut tut”, ist keine Entdeckung, sondern die Bestätigung der eigenen Überzeugung, „daß die Kunst die Zeit und das Volk , überspringt-”. Die Sprache ist ihm ein zweites Mittelmeer, ein „Ozean von Bildern und Symbolen, von Anspielungen und Zeichen, von Musik und Rhythmus.” Analis assistiert dem mit der Theorie der Sprache als Schlüssel zum Bild, mit Verweisen auf Konstantin Kavafis und Odysseas Elytis. Das Neue ist hier Verjüngung des Alten, nicht festgelegt auf den Begriff des noch nie Dagewesenen.
Zu Beginn des Sommers schreibt Analis im Flugzeug nach Athen: „Das Mittelmeer, das abgeschlossenste der Meere, ist zugleich das offenste. Es hat uns geholfen, gegen die Fatalität die Freiheit zu erfinden. Sich von Gott abzuwenden ist unser Wein gewesen, und wir sind davon immer noch betrunken. Aber es stellt auch die Familie dar, und das besagt, man kann es niemals loswerden.” Am Ende des Sommers preist er Paris, in das er zurückgekehrt ist, als „die letzte antike Stadt”, als Endpunkt der Reihe Athen, Rom, Alexandria, Beirut. Analis ist in diesem Buch der Heimatdichter. Für ihn hat nur Bestand und Gewicht, was sich in den Raum und die Zeit des Mittelmeers einfügen lässt. Zwischen seinen Zeilen spürt man die tiefe Skepsis gegenüber der atlantischen Welt.
Als Analis Paris in die Perlenkette mittelmeerischer Städte einflicht, ist Adonis auf dem Weg von Sizilien in sein Heimatdorf Kassâbîn. Er ist der Unruhigere, Ausschweifende, zugleich der Gelassenere. Bei ihm streunt die Skepsis auch an den eigenen Ufern: „Bisweilen scheint mir, unsere , gemeinsamen- Gestade seien nichts als eine riesige Menschenschädeldämmerung.” Wenn Adonis in Princeton einen Lehrauftrag hat, gehört auch New York zu seiner Welt, und zwar nicht nur als Negation. Es klingt ein wenig wie eine Warnung an den Freund, wenn er schreibt: „Wer von der Konsumgier New Yorks redet, darf keinesfalls sein frenetisches Produzieren vergessen. So wird er von der ersteren besser reden in dem Maße, in dem er die Geheimnisse der zweiteren versteht.” Die atlantische Metropole hat ihre eigene Mythologie: „Dem einen streckt der Beton New Yorks Seidenarme entgegnet, für andere verkehren die Wolkenkratzer mit den Engeln. Ich werde mich da nicht einmischen.”
Zu dieser Nicht-Einmischung gibt es in den Briefen von Adonis ein charakteristisches Gegenbild: seine Empörung angesichts der Moschee von Córdoba: „Ich war wahrhaftig vor den Kopf gestoßen von der im Zentrum der Moschee errichteten christlichen Kirche (und sagte das auch vielen spanischen Freunden, und sie hatten das gleiche Gefühl). Ich sage: Ich wurde von der Kirche vor den Kopf gestoßen, künstlerisch , denn sie erschien mir, mit ihren lastenden Elementen und Blöcken, in ihrer Dichte, ihren Farben und Räumen als eine imposante ,Armee-, samt Schildern, Lanzen und Schwertern – hingestellt da vor die Moschee, diesen durchsichtigen und magischen Raum –, oder als ein bewaffnetes ,Tribunal-, welches brüllt: Ergib dich, und auch du, und auch ihr, ihr Gewölbe, Säulen, Farben, Linien, Türen, wo sind die Schlüssel? Ich sagte mir: Die Moschee von Cordoba ist der Horizont wo die Kirche ihr bewaffnetes Lager aufgeschlagen hat.”
Nicht der Gott des Islam steht hinter dieser Empörung. Sondern das Unbehagen am Monotheismus, das als mediterranes Erbe in beiden Dichtern rumort. Während Adonis in Sizilien auf arabische Ortsnamen und die Spuren des Odysseus stößt, reist Analis von Athen auf die kykladischen Inseln, zu Meer, Wind Licht. Auf dem Schiff zurück schreibt er: „Griechenland und mit ihm das ganze Mittelmeer und der Vordere Orient leiden noch darunter, ihre Sonnengötter aufgegeben zu haben für einen einzigen, unsichtbaren Gott. Wie leben mit Göttern, die kein Gesicht haben, entsprechend unserem Gesicht? Das ist vielleicht der Sinn unserer langen, hervorgewürgten, monotonen Gesänge.”
LOTHAR MÜLLER
ADONIS / DIMITRI T. ANALIS: Unter dem Licht der Zeit. Briefwechsel. Aus dem Französischen und mit einer Nachbemerkung von Peter Handke. Verlag Jung und Jung, Salzburg 2001. 85 Seiten, 39,90 Mark.
Im Exil der Glyptothek: „Wir Leute des Südens beweinen noch immer das Lächeln der Götter aus Stein”, schreibt Dimitri T. Analis an Adonis.
Foto: R. Schmeken
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Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Das Schweigen, die Langsamkeit, die Leere und der Tod. Klingt nicht unbedingt aufregend, was Marica Bodrozic da als raumgreifend in diesem Briefwechsel der beiden reisenden Mediterranäer Adonis und Analis kennzeichnet. Die Rezensentin allerdings zeigt sich beeindruckt von dem "Fluidum der Verzauberung", das den Briefen eigne und das sie leider nur sehr diffus zu fassen vermag als "leuchtende Wegspur eines anderen Verstehens" und "notwendiges Im-Geheimnis-Belassen der Dinge". Aber so ist das eben mit der Verzauberung.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 02.01.2002
In der Muschel tönt der Triangel
Adonis und Analis schreiben sich Briefe, die Peter Handke liest

Das ist ein Büchlein wie die Muschel, die man sich ans Ohr hält, um das Meer rauschen zu hören. Man hört ein Rauschen, gewiß, aber ob es das der See ist, wie einem die Großmutter erzählt, oder nur der eigene Blutkreislauf, wie man im Biologieunterricht lernt, ist eine Glaubensfrage. Sie aber entscheidet alles. Denn wenn die Muschel, ihrer Herkunft eingedenkt, immer die Brandung zitiert, dann "leuchten", wie Peter Handke schreibt, auch in dem schmalen Briefwechsel von Adonis und Analis "die Mittelmeergestade noch einmal auf". Im anderen, prosaischen Fall haben wir hier einfach ein paar schöne, seltsame Töne.

Handke, der syrische Lyriker Adonis und der in französischer Sprache dichtende Grieche Analis treffen sich in einem libanesischen Restaurant in Paris. Es reden vor allem Adonis und Analis, Handke hört zu. Beide monologisieren, berichtet er, und doch spricht aus beiden das Mittelmeer. Es gibt zwischen ihnen einen "Rhythmus", einen "Zusammenklang". Handke schlägt vor: "Was ihr da jetzt miteinander redet, gebt ihm die Zusatzdimension des Schriftlichen. Ich werde es übersetzen."

Die syrisch-griechisch-österreichische Triangel, die so zusammengelötet wurde, gibt viele fremde Töne von sich. Grollende und trauernde eher als heiter-versöhnliche. Beide Dichter schreiben sich von unterwegs, nicht aus ihrer Wahlheimat Paris. Adonis verbringt den Sommer in seinem Heimatdorf Kassabin in den küstennahen syrischen Bergen. Zum ersten Mal sieht er, nach fast siebzig Jahren, das Meer vom Fenster seines Hauses: "In meiner Kindheit war es nicht sichtbar, verdeckt von etwas, das mir als Gebirge erschien. Können auch die Berge ,sterben', kann der Untergrund das auffressen, was aufragt? Oder ,emigrieren' sie, auch sie, schmelzen weg auf den Wegen?" Das ist, aller Verstiegenheit zum Trotz, fast schon Musik. Adonis denkt viel über den Tod nach, und das plötzliche Auftauchen des Meers im Blick ist ebenso befreiend wie unheimlich. Meist sind seine Briefzeilen seiner Lyrik zum Verwechseln ähnlich. Denn, wie er einmal schreibt, nur die Poesie kann die Einsamkeit und damit die Sprachlosigkeit überschreiten.

Bei Analis geht die Sprachlosigkeit nicht ganz so weit. Wo Adonis den Brief als Gedicht schreibt, gerät er ihm zum Essay. Auch ihn schmerzt die Strandverschandelung durch den Tourismus und der Verlust der Kindheitsorte: "Jene Angst, nicht einmal das kleinwinzigste Gefühl unserer Vergangenheit wiederzufinden." Doch wie immer die Welt sich wandelt, am Mittelmeer ertrinkt aller Kummer im Licht: "Du weißt ja: unter der Sonne vom Glück oder vom Unglück zu reden, das kommt auf dasselbe hinaus." Vielleicht sind deshalb Schmerz und Trauer bei Analis manchmal zu grell. Man sehnt sich dann nach einem versöhnlichen Ton, nach dem Trost der Poesie, wie ihn Adonis spendet. Oder Handke mit seiner Übersetzung, und sei es nur dank eines Wortes wie "kleinwinzig".

Verschiedentlich fliegt dem Leser die Sprache aber auch um die Ohren. Besonders wenn Handke auf Adonis trifft, verdichten sich die Worte so sehr, daß man im selben Moment begeistert sein kann und wütend, weil man kaum Zugang findet: "Sicher ist, Dichter, daß die mittelmeerischen Wolken ihre Leiber nur den Schenkeln der Sterne zuwenden und daß jene Flüssigkeit, genannt ,Regen', nur den Schweiß absondert der von unseren Vorfahren erlebten Reise in der Wüste des Weltraums." Wer Adonis (und Handke) nicht kennt, dürfte das für überspannt halten. Doch in Verse umgebrochen und mit einem Rhythmus versehen, könnte man diese Briefe leicht als Gedicht lesen. Wo der gewöhnliche Übersetzer das in Briefprosa verbannte Dichterische aufzulösen bemüht wäre, tut Handke alles, es zu bewahren, ja er verstärkt es bisweilen sogar. Man kann das Rauschen für eine Interferenz halten oder für die Stimme des Mittelmeers, je nachdem, wie phantasiebegabt man ist oder wie empfänglich für Poesie. Doch selbst die Nüchternen unter den Lesern werden manchmal mit Adonis ausrufen wollen: "Wie doch die Historie durchsickert und wie ihr Fett überfließt in den Zeit-Krügen!"

STEFAN WEIDNER.

Adonis und Dimitri T. Analis: "Unter dem Licht der Zeit." Briefwechsel. Aus dem Französischen übersetzt und mit einem Nachwort von Peter Handke. Verlag Jung und Jung, Salzburg 2001. 88 S., geb., 20,40 [Euro].

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