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'Unerzählt' - Sebald, W. G.; Tripp, Jan P.
  • Buch mit Leinen-Einband

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W. G. Sebald, der 2001 verstorbene Schriftsteller, war ein lebenslanger Bewunderer des hyperrealistischen Malers und Radierers Jan Peter Tripp, über dessen Arbeiten er mehrere Essays geschrieben hat. Ihr erstes gemeinsam geplantes Buch erscheint als eine Art Vermächtnis einer langen Künstlerfreundschaft: 33 Augenpaare und 33 kurze Texte. Bilder und Texte sollen einander nicht erläutern oder gar illustrieren, sondern, wie Andrea Köhler schreibt, "in ein Gespräch eintreten", in einen "fortdauernden Blickwechsel". Ein Buch für alle Leser von W. G. Sebald und alle Bewunderer der hohen Kunst Jan Peter Tripps.…mehr

Produktbeschreibung
W. G. Sebald, der 2001 verstorbene Schriftsteller, war ein lebenslanger Bewunderer des hyperrealistischen Malers und Radierers Jan Peter Tripp, über dessen Arbeiten er mehrere Essays geschrieben hat. Ihr erstes gemeinsam geplantes Buch erscheint als eine Art Vermächtnis einer langen Künstlerfreundschaft: 33 Augenpaare und 33 kurze Texte. Bilder und Texte sollen einander nicht erläutern oder gar illustrieren, sondern, wie Andrea Köhler schreibt, "in ein Gespräch eintreten", in einen "fortdauernden Blickwechsel".
Ein Buch für alle Leser von W. G. Sebald und alle Bewunderer der hohen Kunst Jan Peter Tripps.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser
  • Seitenzahl: 71
  • Erscheinungstermin: 11. März 2003
  • Deutsch
  • Abmessung: 290mm
  • Gewicht: 520g
  • ISBN-13: 9783446202573
  • ISBN-10: 3446202579
  • Artikelnr.: 11169598
Autorenporträt
Hans Magnus Enzensberger wurde 1929 geboren und lebt in München. Bei Hanser erschien u.a. Der Zahlenteufel (1997).

W. G. Sebald, geboren 1944 in Wertach, starb 2001 in England. Bei Hanser erschienen zuletzt Luftkrieg und Literatur (1999), Austerlitz (Roman, 2001), Unerzählt (2003, mit Bildern von Jan Peter Tripp), Campo Santo (2003) und Über das Land und das Wasser (2008).
Rezensionen
Besprechung von 22.07.2003
Aus einem Jenseits in ein anderes
Eine Lebendigkeit, für die es nirgendwo im Leben eine Entsprechung gibt: W. G. Sebalds und Jan Peter Tripps Augen-Buch „,Unerzählt‘”
Dreiunddreißig Augenlandschaften, darunter jeweils ein kurzer Text, allenfalls von Satzlänge, das ist die letzte Veröffentlichung des Schriftstellers W.G. Sebald. Als Gemeinschaftsarbeit mit seinem Freund, dem Zeichner und Radierer Jan Peter Tripp, hatte sie begonnen. Nach Sebalds Tod hat Tripp sie allein beendet und seinen Bildern die Texte zugeordnet, die Sebald ihm zugesandt hatte, ohne schon ihren Platz bestimmt zu haben. „‚Unerzählt‘” heißt das latent beunruhigende Album, in dem Tripps hyperreale Augen-Bilder und Sebalds schattendunkle Sprüche miteinander korrespondieren.
Anders als Bild und Inschrift im Emblem sind sie nicht aufeinander angewiesen. Ein jedes könnte für sich allein stehen; was sie zusammen gebracht hat, ist eine Wahlverwandtschaft im Zeichen der Schwermut. „Das Schreibpapier / riecht wie die Hobelspäne im Sarg” heißt eines von Sebalds Segmenten, und in Tripps Augenporträts setzt sich die melancholische Geste dieser Worte fort. Es sind Stilleben zu Lebzeiten, die Tripp mit altmeisterlicher Technik hergestellt hat. Ob diese Augenpaare nun jung sind oder alt, müde oder wach, ob sie Menschen gehören oder Hunden, Bekannten oder Unbekannten, es drängt sich der Eindruck auf, ihr Blick gehe aus dem einen Jenseits in ein anderes. Ähnlich muss es Sebald selbst empfunden haben, als er in einem Aufsatz über Tripp bemerkte, dass sich bei ihm „hinter dem Illusionismus der Oberfläche eine furchterregende Tiefe verbirgt. Sie ist sozusagen das metaphysische Unterfutter der Realität.” Wenn es eine menschliche Regung gibt, die der metaphysischen Trauer nicht angemessen ist, dann das Lachen. Es wird selten gelacht in Sebalds Büchern, und auch auf Tripps Bildern herrscht ein Ernst, von dem etwas gebieterisch Feierliches ausgeht.
Es sind nicht irgendwelche Menschen, deren Augen samt Brillen und Brauen von Tripps Kaltnadel erfasst werden. Schriftsteller wie Proust, Borges und Beckett bilden die eine Gruppe, Freunde und Angehörige von Sebald die andere, daneben finden sich Maler wie Jasper Johns, Barnett Newman oder Francis Bacon. Man kann sich lange in das Studium dieser Augen und der Differenz vertiefen, die Tripps Radierungen vom fotografischen Vorbild trennen. Becketts berühmter Habichtblick oder Marcel Prousts halb zugezogene Augenvorhänge, sie nehmen unter Tripps verschärfendem Zugriff den Charakter des Unheimlichen an. Eine „jede photographische Präzision weit übersteigende Lebendigkeit” sieht Andrea Köhler in ihrem klugen Nachwort in diesen Radierungen am Werk, aber es ist eine Lebendigkeit, für die es nirgendwo im Leben eine Entsprechung gibt.
Diesen Studien aus dem Totenreich sind Sebalds poetische Miniaturen beigegeben, von denen man mit Beckett sagen könnte, sie seien nur geschrieben, „um abermals zu enden”. „Mitten im Schlaf / kam ein polnischer Mechaniker & machte mir für tausend Taler einen neuen perfekt funktionierenden Kopf” heißt einer dieser Sätze, und ein anderer: „In der Dunkelheit / über der Mündung der Sonne die Pleiaden leuchtend wie nirgendwo sonst”. Man könnte sich solche Beobachtungssplitter auch in Sebalds erzählender Prosa vorstellen, hier dagegen stehen sie allein für sich, „unerzählt”, solitär und von schwermütiger Schönheit. „Weißt Du noch / wie sonderbar grau das Licht war als wir im März auf der Pfaueninsel gewesen sind” – man müsste sich schon an einen Mast ketten lassen, um vor der Sirenenkraft solcher Sätze gefeit zu sein. Getragenheit ist ihr Zeitmaß, Leichtfüßigkeit hingegen ihr Gegner – eine Leichtfüßigkeit, wie sie Hans Magnus Enzensberger in seinem einleitenden Abschiedsgedicht an Sebald an den Tag legt, wenn er von einem Freund spricht, „Der uns naheging, / von weither schien er gekommen / in die unheimliche Heimat.” „Unheimliche Heimat”, was stört einen an dieser Formel in bezug auf W.G. Sebald? Das Leichtfüßige eben.
CHRISTOPH BARTMANN
W.G. SEBALD, JAN PETER TRIPP: „Unerzählt”. 33 Texte und 33 Radierungen. Mit einem Gedicht von Hans Magnus Enzensberger und einem Nachwort von Andrea Köhler. Hanser Verlag, München 2003. 80 Seiten, 24,90 Euro.
„Schrecklich / ist der Gedanke / an unsere ab / getragenen Kleider”
Foto: Hanser Verlag
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Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Besprechung von 18.03.2003
Moralität, Natur und Geheimnis: W. G. Sebald und Jan Peter Tripp tauschen Blicke

Winfried Georg Sebald, der in einem Akt partieller Selbstauslöschung von seinen Vornamen, wie eine Figur Kafkas, nur die Initiale "W. G." gelten ließ und den Rest verschluckte, weil er ihm als "zu deutsch" erschien, hat eine Reihe von literarischen Momentaufnahmen hinterlassen, vier-, fünf- oder sechszeiligen Texten, die er mit Radierungen von Jan Peter Tripp zusammenstellen wollte. Auch diese Arbeiten haben eine einfache Form: Es sind Augenpaare, von Schriftstellern, von Künstlern - unsere Abbildung zeigt das des Malers André Masson -, von Freunden und Zeitgenossen, schließlich von dem Hund Maurice.

Welche Notwendigkeit führt den Künstler zum Gesicht? Schon wer in Europa das Datum sagt und dabei auf die Implikationen achtet, wird auf die Antwort gestoßen: Die Jahre zählen nach Christi Geburt, zwei Sommermonate nach römischen Kaisern, die Tage nach antiken oder nordischen Göttern. Aus der einfachen Frage "wann" treten derart die Gesichter fast im Übermaß und mehrfach codiert hervor. Man merkt es, wenn man sich dagegen ein japanisches Datum vorstellt: Das Jahr wird nach der Regierungszeit des Kaisers gemessen - aber nicht dessen empirisches Porträt steht im Vordergrund, sondern die Maxime seiner Herrschaft. Gegenwärtig schreibt man das dreizehnte Jahr "Heisei" (Friedliches Wachstum). Der Monat wird dort schlicht durchnumeriert, die Tage sind, außer nach Sonne und Mond, nach den fünf Elementen Feuer, Wasser, Holz, Metall und Erde benannt.

Gegenüber der europäischen Besessenheit von der Person, vom Gesicht, nimmt Japan das Gesicht zurück hinter eine ethische Idee und ein Naturarrangement, sozusagen einen Garten. Und das Auge? Es ist neben dem Mund die ausdrucksvollste, moralisch anspruchsvollste Partie des Gesichts und zugleich ganz stumme Natur. Seine mimischen Möglichkeiten sind begrenzter als die des Mundes. Dieser ist der signalhaften Vereinfachungen fähig, während das Auge sich in jeder seiner Offenbarungen zugleich in das Rätsel zurückzieht. Genau diese Gleichzeitigkeit von Moralität, Natur und Geheimnis muß es gewesen sein, die Sebald als Kritiker und Schriftsteller gesucht hat; hier, in der postumen Veröffentlichung, erkennt man sie in der größten Verdichtung.

So findet man Szenen der chthonischen Naturnähe, der heilen Sprache aus einem Zwischenreich von Utopie und Vergangenheit: "Sende mir bitte // den braunen Mantel / aus dem Rheingau / in welchem ich vormals / meine Nachtwanderungen machte." Aber einmal ragen in die Natur auch unheilverkündende "Hakenkreuzler". Andrea Köhler weist im Nachwort darauf hin, daß Sebald in dem Buch "Austerlitz" sein Geburtsdatum, den 18. Mai 1944, zum Todestag eines Opfers der Vernichtungspolitik machte. Das war "Wiedergutmachung" im Medium der Existenz, ja das Angebot eines Selbstopfers. Dazu und zur Aufgabe des "deutschen" Namens paßt der Traum, den einer von Sebalds Texten notiert: "Mitten im Schlaf // kam ein polnischer Mechaniker & machte / mir für tausend Taler / einen neuen perfekt / funktionierenden Kopf."

LORENZ JÄGER

W.G. Sebald und Jan Peter Tripp: "Unerzählt". 33 Texte und 33 Radierungen. Mit einem Gedicht von Hans Magnus Enzensberger und einem Nachwort von Andrea Köhler. Hanser Verlag, München 2003. 79 S., geb., 24,90 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

"Szenen der "chthonischen Naturnähe, der heilen Sprache aus einem Zwischenreich von Utopie und Vergangenheit" hat Rezensent Lorenz Jäger in den hier versammelten literarischen Momentaufnahmen gefunden, die aus dem Nachlass W.G. Sebalds veröffentlicht wurden. Einmal sieht er in diese Natur auch "unheilverkündende 'Hakenkreuzler'" ragen. Insgesamt stellen die im Buch versammelten "vier-, fünf- oder sechszeiligen" Texte (und auch das Nachwort von Andrea Köhler) für ihn außerdem eine Verbindung zwischen Werk und Biografie Sebalds her, die (als eine Art Selbstopfer) für den Rezensenten auch Elemente der "Wiedergutmachung im Medium der Existenz" aufweisen. Ebenso wie die kurzen Texte haben auch die bereits zu Sebalds Lebzeiten zur gemeinsamen Veröffentlichung vorgesehenen Radierungen von Jan Peter Tripp eine einfache Form, so Jäger. Es handelt sich um Augenpaare von Freunden und Zeitgenossen, schreibt der Rezensent, der im Auge die "moralisch ausdrucksvollste Partie des Gesichts und zugleich ganz stumme Natur" erkennt.

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"Dieses Buch verströmt de besondere Wärme Sebalds, jene bedingungslose Teilhabe am Leben durch die Arbeit des Schreibens ... Groß mutet es an, einfach und lebensnah." Hans-Joachim Neubauer, Rheinischer Merkur, 20.03.03 "Die wirklich großen Schriftsteller, heißt es, erkennt man bereits an einem einzigen Satz. Bei W.G. Sebald ist das ohne Zweifel der Fall." Oliver Pfohlmann, Saarbrücker Zeitung, 08.05.03