Tula - Kuncinas, Jurgis

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Der Erzähler, Trinker und Fledermaus, Anstaltsbewohner und Herumtreiber, herumgeschubst vom Leben und seiner Zeit, ist auf der Suche nach einer vergangenen Liebe, die vielleicht nur eine Idee ist, ein Traum, eine Hoffnung, die Sehnsucht selbst.
Für Liebhaber von Dörte Hansen, Günter Bruno Fuchs, Ludwig Harig.…mehr

Produktbeschreibung
Der Erzähler, Trinker und Fledermaus, Anstaltsbewohner und Herumtreiber, herumgeschubst vom Leben und seiner Zeit, ist auf der Suche nach einer vergangenen Liebe, die vielleicht nur eine Idee ist, ein Traum, eine Hoffnung, die Sehnsucht selbst.

Für Liebhaber von Dörte Hansen, Günter Bruno Fuchs, Ludwig Harig.
  • Produktdetails
  • Verlag: Corso, Hamburg
  • Seitenzahl: 222
  • Erscheinungstermin: März 2017
  • Deutsch
  • Abmessung: 226mm x 172mm x 22mm
  • Gewicht: 430g
  • ISBN-13: 9783737407403
  • ISBN-10: 3737407401
  • Artikelnr.: 47163749
Autorenporträt
Jurgis Kuncinas(1947-2002) schrieb Kinderbücher, Essays, Novellen, Romane. Seine torkelnden Helden erinnern gelegentlich an Charaktere Charles Bukowskis oder der Beatniks. Tula erschien bislang in England und Polen, Schweden und Russland - es wurde Zeit für eine deutsche Übersetzung dieses ungewöhnlichen Buches. Martin Pollack, 1944 in Bad Hall geboren, ist ein österreichischer Journalist, Schriftsteller und Übersetzer. 2010 wurde sein Roman 'Kaiser von Amerika: Die Flucht aus Galizien" mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2011 ausgezeichnet. Markus Roduner, geboren 1967, studierte Slawistik-Baltistik und historisch-vergleichende Sprachwissenschaft; lebt seit 1999 in Vilnius und arbeitet als Lektor und freier Übersetzer. Er übersetzte u. a. den auch in Deutschland erfolgreichen Roman 'Die Regenhexe' von Jurga Ivanauskait_ (dtv) und den litauischen Klassiker 'Der Wald der Götter von Balys Sruoga' (BaltArt Verlag).
Rezensionen
"If you want to understand the poetry of Lithuania, specialy the poetic capacity of Lithuanian language, you should read "Tula"."

"Wenn sie die Poesie von Litauen verstehen wollen, insbesondere die poetische Tiefe der litauischen Sprache, sollten Sie "Tula" lesen."
Direktorin Ausrine Zilinskiene, Lithuanian Culture Institut, Berlin 24.11.2016
Besprechung von 18.03.2017
Der Liebende wird zur Fledermaus

Mit dem Roman "Tula" von Jurgis Kuncinas erscheint zur Leipziger Buchmesse ein Meisterwerk der litauischen Literatur.

Von Reinhard Veser

Halt in der Haltlosigkeit bietet nur die Topographie. Alle Wege, die der namenlose Erzähler im Roman "Tula" von Jurgis Kuncinas geht, alle Orte, an denen er trinkt, verprügelt wird und liebt, lassen sich genau bestimmen. Die Orte der Handlung in Vilnius werden so präzise beschrieben, dass man den Spuren des durch die Stadt vagabundierenden obdachlosen Trinkers auch heute noch mühelos auf Schritt und Tritt folgen kann. Dabei hat sich vieles verändert seit den sieben Tagen irgendwann Ende der siebziger oder Anfang der achtziger Jahre, um die das Geschehen kreist. Die Kneipen, in denen er sich von scheiternden Künstlern und Literaten Schnaps, Wein und Bier ausgeben und auch den einen oder anderen Rubel zustecken lässt, gibt es seit einer halben Ewigkeit nicht mehr; und Uzupis, wohin es ihn immer wieder zieht, weil die rätselhafte Tula dort ihr Zimmer hatte, ist schon lange nicht mehr der heruntergekommenste Teil einer verfallenden Altstadt, sondern ein aufblühendes In-Viertel mit Galerien, Bars und Bioläden.

Kuncinas lebte selbst in jener Welt der Stadtstreicher, Bohemiens und unangepassten Alkoholiker, durch die er seinen Helden taumeln lässt. Manche Details aus dessen Leben stammen aus der Biographie des 1947 geborenen Autors, der 1968 kurz vor Ende seines Germanistik-Studiums von der Universität geworfen wurde, weil er nicht am obligatorischen Militärunterricht teilnehmen wollte. In der Sowjetzeit schlug er sich in wechselnden Berufen durch und veröffentlichte Übersetzungen und Gedichtbände. Die eigentliche literarische Karriere von Kuncinas konnte erst beginnen, als Litauen Anfang der neunziger Jahre die Freiheit wiedererlangt hatte. Bis zu seinem plötzlichen Tod 2002 schrieb er sieben Romane, deren bester nun endlich auf Deutsch vorliegt.

Man kann "Tula" als Milieuschilderung der späten Sowjetzeit in Litauen lesen und dabei viel darüber lernen, wie das Imperium an seinen Rändern verfaulte. Für denjenigen, der sie finden will, öffnet dieser Roman unendlich viele Zugänge zu den kulturellen und historischen Entwicklungen jener Jahre, die im Osten Europas bis heute so nachwirken, dass ihre Schockwellen es regelmäßig in die Schlagzeilen schaffen. Aber das lokale Kolorit ist nicht die eigentliche Qualität dieser großartigen, zeitlosen Geschichte einer verlorenen, vielleicht von Beginn an hoffnungslosen Liebe zweier verwundeter und aus der Bahn geworfener Menschen. Die Genauigkeit, mit der Vilnius geschildert wird, die Vielzahl von historischen Anspielungen, die bis zu den Namen der alkoholischen Getränke reichende Detailtreue haben den Zweck, eine Suche fest in der Wirklichkeit zu verankern, in der die Grenzen zu Wahn und Phantasie so sehr verwischen, dass sich der Erzähler manchmal fragt, ob es Tula überhaupt gegeben hat.

"Mir den Hintern wund sitzend, schrieb ich dir in der nächtlichen Kantine einen Brief nach dem anderen - ich strich nichts durch, erzählte dir alles der Reihe nach oder brachte im Gegenteil alles so hoffnungslos durcheinander, dass ich selbst nicht wusste, was wahr und was nach stillem Wahnsinn roch und erlogen war - keine Illusionen!" Der ganze Roman ist so wie diese Briefe, die der Erzähler aus der Psychiatrie und dem Alkoholiker-Gefängnis (eine sowjetische Spezialität des Umgangs mit der Sucht) an Tula schreibt: Es ist die Lebensbeichte eines Gescheiterten, der sich nie so recht entscheiden kann, ob er gerade zu imaginären Zuhörern spricht oder ob er der toten Tula berichtet, wie er die sieben Tage mit ihr erlebt hat, später in Gestalt einer Fledermaus in ihr Zimmer eingedrungen ist und über ihren Schlaf gewacht hat, sie im Trunk und den Armen anderer Frauen manchmal fast vergaß - um danach nur noch deutlicher zu spüren, was sie ihm bedeutete.

Vergeblich versucht er immer wieder, mit einem Wechsel in einen harmlos klingenden Plauderton, dem im Lauf der Erzählung immer stärker werdenden Sog der Frage zu entkommen, deren Beantwortung er von Tula schon im ersten atemlosen Satz des Romans fordert - einer Frage, auf die nicht nur er eine Antwort will und nicht bekommt: "Sprich zu mir, Tula, flüstere mir etwas, wenn das Abendrot die hohen, zuvor schon roten Wände der Bernhardiner immer roter werden lässt . . ., sprich und sag, was wird uns noch an die wie eine Seuche ansteckende Liebe erinnern, nicht herausgeschrieen in den Innenhöfen am Mittelmeer, auch nicht mit dem Schmutz der Stadt behaftet, so verspätet und von niemandem gebraucht?"

Jurgis Kuncinas: "Tula". Roman.

Aus dem Litauischen von Markus Roduner. Mit einem Nachwort von Martin Pollack. Corso Verlag, Frankfurt am Main 2017. 160 S., geb., 19,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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