Träumer. Aus dem Engl. von Thomas Schlachter - Adair, Gilbert
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Produktdetails
  • Verlag: Edition Epoca
  • ISBN-13: 9783905513318
  • ISBN-10: 3905513315
  • Artikelnr.: 11935372
Rezensionen
Besprechung von 19.08.2003
Schafft Hitchcock ab!
Mondbruchlandung: Gilbert Adair schickt Jugendliche auf Zeitreise

Im sechzehnten Arrondissement von Paris, im Palais de Chaillot, in der Nähe der Esplanade du Trocadéro, ist die Cinémathèque Française untergebracht: eine kleine Traumfabrik, in der die Filmratten sich zu Hause fühlen und die Leinwand sie vor der Wirklichkeit beschützt. Es fängt beschaulich an in diesem kleinen Roman des in London lebenden Schriftstellers Gilbert Adair. "The Dreamers" ist die überarbeitete Fassung des bereits 1988 erschienenen Romans "The Holy Innocents". Die Unschuld bleibt sein Thema, aber auch die Harmlosigkeit, die in Katastrophen umschlägt.

So ist der Eintritt in den Roman zunächst eine Flucht in die Dunkelheit und Geborgenheit: Die Filmratten nehmen die Leser mit. Es geht zu wie in einem Roman des neunzehnten Jahrhunderts: Milieu, Charakterbeschreibung, der Aufbau einer fiktionalen Welt jenseits von postmodernen Mätzchen, dafür eine gewisse Betulichkeit. Man tut also gut daran, die Antennen aufzustellen.

Drei Freunde werden eingeführt, das französische Zwillingspaar Théo und Isabelle und Matthew, der Amerikaner. Sie gehen noch zur Schule, treffen sich jedoch regelmäßig in der Cinemathek. Doch eines Tages ist dieses Schatzhaus der Bilder, das den dreien, die auch ein wenig verliebt sind, so trefflichen Stoff zum Reden und Träumen bietet, geschlossen. Irgendein politischer Vorgang führte offenbar zur Entmachtung des Direktors. Die drei beginnen, Filmszenen nachzuspielen, bald verlegen sie die Cinemathek in ihre Phantasie und in die Wohnung der Eltern der Zwillinge. Das Über-Ich geht ohnehin auf Urlaub, und so haben sie die Räume ganz für sich allein.

Nun entfalten sich die home movies auf ganzer Länge. Wer nicht weiß, aus welcher Filmszene ein bestimmter Dialog, eine gewisse Travestie stammt, muß ein Pfand geben. Natürlich wird das Pfänderspiel schnell ein erotisches, und so leben die drei Gefährten ihre inzestuösen und bisexuellen Phantasien aus. Die Pariser Wohnung wird zu einer wörtlichen Camera obscura, durch die allenfalls das Tageslicht hineindringt, um die eine oder andere Variante munteren sexuellen Treibens zu beleuchten. Die Wirklichkeit, das Draußen, bleibt dabei so abgeschirmt wie die ursprüngliche Cinemathek. Doch so ganz und gar utopisch will dieses Ausleben nicht werden.

Am Ende sehen wir drei ausgehungerte junge Menschen, die von Exkrementen beschmiert sind und Katzenfutter vertilgen. Die Phantasie ist an die Macht gekommen und auch nicht besser als das, was vor verschlossener Tür geschieht. Das Draußen meldet sich mit einem Stein, der durch das Fenster fliegt und die drei Traumhelden mit einem Ruck in die reale Welt zurückbefördert. War drinnen ein ahistorisches Irgendwo, so saugt nun die Geschichte zurück, was sich ihr verweigern wollte.

Denn draußen ist auf einmal 1968, dort kämpfen jugendliche Rebellen gegen die Polizei. Che Guevara, Mao Tse-tung und Ho Chi-minh sind die Phantasmen, die sie antreiben und denen sie sich in ihrem Aufruhr verbunden glauben. Die Träumer geraten in einen anderen Traum, in eine Karikatur, aus der sie nicht wieder herausfinden - zudem es sich um eine Kulturrevolution handelt, die mit Mozart und Shakespeare auch noch Hitchcock abschaffen will. Der Unschuldigste von allen, wie schon bei Henry James der Amerikaner, stirbt mit der roten Fahne in der Hand.

Anklänge an die Romane Milan Kunderas finden sich hier, doch kommt es nirgendwo zu einer politisch-existentiellen Vertiefung. Der Erzähler gibt sich wissend und hausiert mit Metaphern und Vergleichen. Seine Skepsis gegenüber den Unruhen von 1968, in denen auch ein Cohn-Bendit auftritt, ist die von Jugendlichen des Jahrs 2003, die durch eine Zeitreise in politische Wirren geraten, die sie nicht durchschauen. Sie waren, wie sie selber mit Verweis auf ein Plakat von Jules Verne sagen, auf dem Mond. So kann man dieses Buch auch lesen als einen Abgesang auf die Spaßgeneration, der am 11. September 2001 eine Quittung verabreicht wurde. Die Geschichte hat sie vom Mond geholt. Aber so weit führen die Reflexionen im Roman selbst nicht. Vielmehr endet er beschaulich in der wiedereröffneten Cinemathek mit Truffauts "Baisers volés", einem Film, der dem Direktor der Cinemathek gewidmet wird und mit Jubel aufgenommen wird.

In den Kampfschriften, knalligen Taschenbüchern der Revolution, gibt es Fußnoten, "die vom Ende jeder Seite wie Quecksilber in einem Fieberthermometer hochkrochen". Das Fieberthermometer des Lesers steigt derweil zwar nicht, doch ist "Träumer" sicher das passende Buch für einen heißen Sommer. Auf den Filmfestspielen in Venedig im September dieses Jahres wird Bernardo Bertoluccis Verfilmung dieser filmischen Phantasien zur Uraufführung kommen.

ELMAR SCHENKEL.

Gilbert Adair: "Träumer". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Schlachter. Edition Epoca, Zürich 2003. 167 S., geb., 19,95 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 01.12.2003
Das Räuspern der Schallplatte im Nebel
Eine Hommage an die wahren Süchtigen dieser Welt: Gilbert Adairs Roman „Träumer”
Wir haben es schon immer gewusst: Sami Freys alter Trenchcoat gehört in einen Krimi, die Gesten von Claude Brasseur in einen Cowboyfilm, Anna Karinas Augenaufschlag zu Mädchen, deren Portraits in ovalen Rahmen hängen, und Verbrechen passieren glücklicherweise nur am Rande unserer wohl geordneten Gesellschaft. Oder? In Godards „Außenseiterbande” jedenfalls erhitzen sich die drei Helden am Imaginären und erklären – rette sich wer kann (das Leben) – die Fiktion zur wesentlichen Kategorie ihrer Existenz.
Von hier aus ist es nur ein kleiner Schritt zu Gilbert Adairs Roman „Träumer”, dessen erste Fassung unter dem Titel „The Holy Innocents” schon 1988 erschien (und zu Bernardo Bertolucci, der das Buch gerade verfilmt hat). Im Zentrum steht auch hier eine somnambule Außenseiterbande, die drei jugendlichen Cineasten Isabelle und Théo, ein Zwillingspaar, und ihr amerikanischer Freund Matthew. Im Mai 1968 wird im Zuge des Pariser Frühlings die Cinémathèque Française, nach Ansicht des damaligen Kulturministers André Malraux ein Hort der Konspiration, vorübergehend geschlossen, was bedeutet, dass die drei Süchtigen auf Entzug gesetzt sind.
Als imaginäre Geste des Widerstands rekonstruieren sie eine Szene aus ihrem Lieblingsfilm, der nämlichen „Außenseiterbande”, und tun, was schon ihre filmischen Vorgänger getan haben: Nachdem es einem Amerikaner in der Rekordzeit von neun Minuten und 45 Sekunden gelungen ist, den gesamten Louvre zu besichtigen, beschließen sie, diese Bestzeit zu unterbieten. In neun Minuten, 43 Sekunden wird im Film der Rekord eingestellt. Théo, Isabelle und Matthew sind noch schneller: Sie bleiben fünfzehn Sekunden unter dem Rekord. So übermütig und spielerisch, mit Leerstellen und Zwischenräumen, lässt Adair seine Erzählung beginnen.
Gänzlich desinteressiert an dem politischen Schauspiel, das sich ihnen auf den Straßen bietet, ziehen sich die drei Protagonisten zurück in die Wohnung der Zwillinge und beginnen zu träumen. Und was heißt hier träumen? Vielleicht die Augen schließen und beobachten, wie der Vorhang sich öffnet. Und dann den Film des Tages abspulen, das ungeschnittene Filmmaterial durch seinen inneren Projektor laufen lassen.
Matthew entdeckt in der Nacht wie auf einem Tableau das Geschwisterpaar, im Schlaf ausgestreckt, inzestuös ineinander verschlungen. Eine Nachttischlampe wirft blasses Licht über die schöne Nacktheit. Isabelle, wie sollte es in dieser Welt auch anders sein, „ist ein Balthus”. Matthew ist gebannt. Und es ist ein Bann, der sich in den folgenden Tagen über die Wohnung legt. Die drei spielen ein Spiel. Die Spieler geben sich dem alltäglichen häuslichen Leben hin, bis einer von ihnen, der sich unverhofft an ein Bild erinnert, den beiden anderen ein Stück Film vorspielt und dazu laut ruft: „Welcher Film?” Wer die Antwort nicht weiß, muss ein Pfand abgeben. Der Schwierigkeitsgrad steigt im Lauf der Tage, die Einsätze werden erhöht, Wolken ziehen über die Zimmerdecke, die Uhren bleiben stehen, lautlos und in Zeitlupe wird das Spiel zur monotonen Besessenheit.
Das Trio vollzieht die Erfindung oder vielmehr Entdeckung eines anderen Planeten, mit zugezogenen Vorhängen, verschlungenen Beinen, einem feuchten Gemeinschaftsbadezimmer und einer Schallplatte, die sich mit ihrem Sprung immer wieder aufs neue räuspert: Charles Trenet singt als Erkennungsmelodie sein „Que reste-t-il de nos amours”. . .„un souvenir qui me poursuit”. . .„qui me poursuit”. . .
Die drei experimentieren auf ihre Weise, eine ins Innere verlegte Parallelaktion zum Mai 1968. Die Wohnung wird zur Schlaf-, Wach-, Traumlandschaft und erinnert natürlich an die schrecklichen Kinder, von deren pflanzenhaftem Leben uns Cocteau schon Ende der Zwanzigerjahre erzählte. Nur noch „ein Sommerfaden” verband sie hier mit dem Leben. Ähnlich fragil geht es bei Gilbert Adair zu. Hermetisch und wie luftdicht verschlossen bleiben die Träumer ganz ihren eigenen Wünschen überlassen, bis ein Pflasterstein durch die Fensterscheibe fliegt. Schritte, Sirenen, Explosionen, Schreie und Quietschen der Reifen, Tonspuren eines ganz anderen Films, den Isabelle, Théo und Matthew nur als Zuschauer verfolgen.
Das Leben, ein Film
Es ist so, als würden sie nicht mehr an die Welt glauben und auch nicht an die Ereignisse, die ihnen widerfahren. Als würden auch die Liebe und der Tod sie nur zur Hälfte angehen. Die Welt kommt ihnen wie ein schlechter Film vor. Das Drehbuch sieht in unserem Fall ein trauriges Ende vor, und das Wort „FIN” rast auf Matthew zu. Ein Schuss ist zu hören und ein echter Toter zu beklagen.
Am Schluss sehen die Zwillinge in der wieder geöffneten Cinémathèque die Vorpremiere von Truffauts „Baisers volés”. Der Film beginnt, sie hören das allzu bekannte „Que reste-t-il de nos amours”, und einen Moment lang treffen sich an einer ganz ungefähren Stelle das Leben und das Kino. „Hatte die Platte einen Sprung? Wenn ja, dann höchstens für zwei Zuschauer im Saal. Sie saßen in der vordersten Reihe und hörten Trenet wie ihre Sitznachbarn mit glänzenden Augen zu. Als ihre Tränen aber endlich flossen, entsprangen sie einer ganz anderen Quelle.”
YVONNE GEBAUER
GILBERT ADAIR: Träumer. Roman. Aus dem Englischen von Thomas Schlachter. Edition Epoca, Zürich 2003. 176 Seiten, 20 Euro.
Rätselhaft und schön wie ein Phantasiegebilde erscheint Eva Green in Bernardo Bertoluccis Verfilmung von Gilbert Adairs Roman „Träumer”, der von Jugendlichen erzählt, denen die cineastische Welt zur zweiten Realität wird.
Foto: Concorde Film
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Mit großer Sympathie schreibt Thomas Hermann über diesen 1988 erstmals erschienenen Roman - wohl vor allem, weil seine drei Helden Cinephile sind. Nur das Kino zählt für sie. Gilbert Adair erzählt das "atemberaubend" mit "filmartigen Cuts", lobt Hermann. Was für ein Schock, als Kulturminister Andre Malraux plötzlich die Cinematheque schließen lässt. Die drei Helden des Romans, erzählt Hermann, ziehen sich in eine Wohnung zurück und pflegen ihre Dreiecksbeziehung. Dies werde eher "langatmig" beschrieben, bis plötzlich ein Stein durchs Fenster fliegt. Es ist der Mai 68. Die drei ziehen auf die Straße, und, so unser Rezensent, "einmal mehr mündet ein Gedankenexperiment aus dem Labor des Gilbert Adair in ein fatales Finale".

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