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Im März 2004 wurde bei Susan Sontag Leukämie in der schlimmsten Form diagnostiziert. Die Frau, die schon zweimal den Krebs überlebt und einen berühmten Essay darüber geschrieben hatte, beschloss, den Kampf gegen die Krankheit auch dieses Mal aufzunehmen. Ihr Sohn David Rieff beschreibt in seinem Erinnerungsbuch, was es für ihn bedeutete, einer wahrheitshungrigen Mutter in ihrem letzten Lebensjahr Lügen erzählen zu müssen. Sein Porträt ist zutiefst ergreifend und wirft Fragen auf, die jedermann angehen: Wie verhalten sich Angehörige, wenn der Kranke belogen werden will? Wie wird man mit…mehr

Produktbeschreibung
Im März 2004 wurde bei Susan Sontag Leukämie in der schlimmsten Form diagnostiziert. Die Frau, die schon zweimal den Krebs überlebt und einen berühmten Essay darüber geschrieben hatte, beschloss, den Kampf gegen die Krankheit auch dieses Mal aufzunehmen. Ihr Sohn David Rieff beschreibt in seinem Erinnerungsbuch, was es für ihn bedeutete, einer wahrheitshungrigen Mutter in ihrem letzten Lebensjahr Lügen erzählen zu müssen. Sein Porträt ist zutiefst ergreifend und wirft Fragen auf, die jedermann angehen: Wie verhalten sich Angehörige, wenn der Kranke belogen werden will? Wie wird man mit Schuldgefühlen fertig? Was bedeutet es, in einer Kultur zu leben, die den Tod leugnet?
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser
  • Neuauflage
  • Seitenzahl: 160
  • Erscheinungstermin: Februar 2010
  • Deutsch
  • Abmessung: 216mm x 136mm x 20mm
  • Gewicht: 302g
  • ISBN-13: 9783446235229
  • ISBN-10: 3446235221
  • Artikelnr.: 27981291
Autorenporträt
Rieff, David
David Rieff, 1952 geboren, ist politischer Schriftsteller und Journalist und schreibt über die Krisengebiete der Welt u.a. für New York Times, Wall Street Journal, Washington Post, El País und Le Monde. Rieff, der einzige Sohn Susan Sontags aus ihrer frühen Ehe mit dem Soziologen Philip Rieff, lebt in New York City.
Rezensionen
Besprechung von 04.04.2009
Die weißen Strähnen im pechschwarzen Haar
Von der Sturheit des Lebenswillens: David Rieffs Buch „Tod einer Untröstlichen” über das Sterben seiner Mutter Susan Sontag
Sie lebte vehement. In Spitzenzeiten schaffte es Susan Sontag, pro Tag ein Buch zu lesen, mindestens einen Kinofilm zu sehen, mehrere Ausstellungen zu besuchen und nachts noch ein paar Bars. Dazu ein Berg von Kontakten, ein pralles Programm an öffentlichen Verpflichtungen, langen und kurzen Reisen, alles rund um den Globus. Außerdem schrieb sie, wenn auch zu ihrem Leidwesen nicht mit disziplinierter Regelmäßigkeit, sondern im Wechsel von quälenden Kreativitätspausen und anfallartigem Hochdruck.
Sie füllte nicht nur die Gegenwart mit Interessen, Plänen und Projekten aus, sondern auch die Zukunft, fertigte immerzu Listen all der Dinge an, die sie noch vorhatte. Listen von Theaterinszenierungen, auf die sie gespannt war, Listen von neu eröffneten Restaurants. In ihrem Kopf gab es vermutlich eine Liste all dessen, was sie noch schreiben wollte. Sie lebte, als sie im März 2004 die Diagnose erhielt, zum dritten Mal an Krebs erkrankt zu sein, mit dem festen Vertrauen darauf, besser gesagt: mit dem entschlossenen Vorsatz, noch all die Zeit zu haben, die sie benötigt hätte, um die Listen zu realisieren. Aber es blieben ihr nur noch neun Monate. Susan Sontag starb am 28. Dezember 2004, nachdem sie sich, bis hin zu einer verheerenden Knochenmarktransplantation, jede denkbare Therapie zugemutet hatte, so riskant sie auch sein mochte, so statistisch gering die Heilungschance auch war.
Zweimal in ihrem Leben, 1976 und 1998, war es ihr gelungen, den Krebs zu besiegen. Ihr Wille, es ein drittes Mal zu schaffen, war heroisch. Der Heroismus aber ging in nahezu fanatische Verbissenheit über, in eine wütende Weigerung, der Möglichkeit des Todes überhaupt Raum zu verschaffen. Und Susan Sontags Bündnis mit dem Rationalismus, von dem ihr weltberühmter Essay „Krankheit als Metapher” zeugt, ihr betont rationalistisches Verhältnis zu Krankheit, körperlicher Symptomatik und menschlicher Biologie, kippte ins Gegenteil: In ein abergläubisches Verhältnis zur Omnipotenz medizinischer Wissenschaft.
Darin liegt etwas Tragisches; keineswegs nur für die Sterbende allein, die – eine Ikone intellektueller Aufklärung und moralischer Wahrheit – sich am Ende ihres Lebens der Wahrheitsflucht überließ, sondern auch für die, die ihr nah waren, ihr beim Sterben nah waren. Um seine Mutter Susan Sontag seelisch zu erreichen, gab es für David Rieff, ihren heute 56 Jahre alten Sohn, keinen anderen Weg als sich zum Komplizen der Lüge zu machen. Um Nähe herzustellen, bestätigte er wieder und wieder irreale Hoffnungen. Was auf nichts anderes hinauslief als darauf, der Nähe zuliebe einen bizarren Pakt mit der Distanztechnik des Selbstbetrugs und der Selbstentfremdung zu schließen.
Man kann dem renommierten politischen Reporter und Publizisten David Rieff glauben, dass ihn dies alles bis heute umtreibt. Dass ihn nichts anderes als der bleibende Unfriede mit dieser Geschichte eines missglückten Sterbens bewegt hat, ein Buch zu schreiben. Und man weiß nach zehn Seiten seines persönlichen Essays „Tod einer Untröstlichen”, dass er tatsächlich nicht in Versuchung ist, vom Sensationswert des Sujets, vom Privat- und Intimwissen über seine Mutter zu profitieren. Man erfährt, wie Susan Sontag reagierte, als sie im Sprechzimmer des New Yorker Arztes saß, der ihr ungerührt mitteilte, sie sei an einer besonders fatalen, nahezu immer tödlichen Form der Leukämie erkrankt, dem sogenannten Myelodysplastischen Syndrom. Sie reagierte wie es menschlich und erwartbar ist in dieser grausamen Situation, mit einer Wattierung des schockierten Verstandes. Man erfährt, wie sie im Taxi mit dem Sohn nach Hause fuhr, in ihrer Wohnung ankam und versank.
Wie sie von Weinanfällen geschüttelt wurde, dann wieder marmorn erstarrte, zu temperamentvoller Fröhlichkeit zurückfand, sobald sie von einem neuen Arzt oder einem neuen Medikament erfuhr, bald darauf schwer aushaltbare Launen verströmte und aus der Haut fuhr, wenn Gutmenschen ihr mit Ratschlägen und magischen Sächelchen aus dem New-age-Kosmos auf den Leib rückten. Und wie sie nach Wochen folternder körperlicher Leiden und Schmerzen, nach Tagen der Agonie im Beisein ihres Sohnes verstarb.
Dies alles mag das Bild der Person Susan Sontag verdeutlichen, das Bild ihres Charakters heller ausleuchten. Aber es ist, um einem derben Voyeurismus zuzuspielen, zu diskret berichtet, zu sparsam in der Anschauung. Vor allem aber folgt Rieffs Text, gestützt auf eine kleine Handbibliothek und einen veritablen Zitatenschatz, durchweg der Intention des Reflektierens und Analysierens. Wenn an der Machart des Buches etwas ins Auge sticht, dann ist es eher die gelegentlich redundante philosophische Anstrengung. Hier schreibt kein Sohn entlang der Botschaft: So übrigens starb meine prominente Mutter. Sondern mit der Botschaft: Das Sterben meiner prominenten Mutter ist ein exemplarisches Beispiel für das Dilemma, in das der moderne Mensch gerät, wenn es ans Sterben geht, wenn sich als Anhaltspunkt des Trostes nichts anderes anbietet als bis zur Lächerlichkeit euphemistisch formulierte Medizinbroschüren und das Internet mit seinem Gewimmel an Informationen über Kliniken, Ärzte, neue und allerneueste Chemotherapien.
Dieser moderne Mensch hat es schwer, sich von sich zu verabschieden, weil ihm einerseits die Turbomedizin suggeriert, dies sei auch gar nicht nötig, sich andererseits ein Ego, das keine Transzendenz kennt, nur mit größter Mühe oder um den Preis des Wahnsinns aufgeben kann. Auch darin, so David Rieff, war Susan Sontag exemplarisch. Denn immer, wohl schon von Jugend an, hielt sie sich für eine Ausnahmeerscheinung, für einen singulären Geist, für ein besonderes Projekt der Kulturgeschichte, das herausragende Susan-Sontag-Projekt.
Der Sohn aber, der sich aufrichtig müht, die Mutter nicht zu denunzieren, der quälende Selbstanklagen auf sich nimmt, ein schlechter, gehemmter, verdruckster Sterbebegleiter gewesen zu sein, dieser rücksichtsvolle, trauernde, zugleich gegen das Erlebte aufbegehrende Sohn steht dem intellektuell schonungslos agierenden Essayisten auf eine nicht ganz leicht fassbare Weise im Wege. Es mangelt dem „Tod einer Untröstlichen” weder an Empfindsamkeit, noch an Klugheit, nicht an Sprache, nicht an Stil, auch nicht an der notwendigen Energie, auf dem essayistischen Thema zu insistieren. Dennoch wirkt der Text insgesamt merkwürdig diffus. Denn der Sohn lässt manches ungesagt, was dem Essayisten als Material der Analyse zur Verfügung stehen sollte. Der Sohn erwähnt die Fotografin Annie Leibowitz, die langjährige Lebensgefährtin Susan Sontags (immerhin von 1988 bis zum Jahr 2004), auf 160 Buchseiten nur mit einem einzigen, bös polemischen Halbsatz, noch nicht einmal namentlich.
Er berichtet vom Umgangston der Ärzte und des Klinikpersonals, mit denen Susan Sontag zu tun hatte. Nicht aber davon, dass Annie Leibowitz es war, die ein Privatflugzeug charterte, um Susan Sontag in eine Spezialklinik nach Chicago zu bringen, wo die Knochenmarktransplantation im Herbst 2004 durchgeführt wurde. Der Grund der Auslassung dürfte in schweren persönlichen Zerwürfnissen zu finden, diese unter anderem darauf zurück zu führen sein, dass Leibowitz Bilder machte und veröffentlichte, die Susan Sontag als entrückte, entstellte, kaum wiedererkennbare Sterbende kurz vor ihrem Tod zeigen.
Es sind tatsächlich ethisch fragwürdige Bilder, die, der Zufall will es, just zum Zeitpunkt, da David Rieffs Buch in deutscher Übersetzung erscheint, in Leibowitz’ Berliner Ausstellung „A Photografer’s Life” zu sehen sind. Die Fotografien von Annie Leibowitz geben vor, die nackte, gleichsam kreatürliche, also allgemeine Wahrheit des Todes zu zeigen. Der Effekt ist aber ein anderer: Ein Spekulieren mit der Drastik der optischen Veränderung einer Frau, die nicht irgendjemand, sondern eben Susan Sontag war. Ihr Look, das dicke, pechschwarze Haar mit der weißen Strähne ist ein kulturelles Pictogramm des zwanzigsten Jahrhunderts, wie Chaplins Stöckchen und Monroes auffliegender Rock. Es ist schlechthin unmöglich, davon abzusehen und nicht mit voyeuristischer Neugier auf die erbarmungswürdige Chemotherapie-Frisur, die kurzen, weißen Haarbüschel zu starren, mit denen Susan Sontag starb. Das Allgemeine des Anblicks verschwindet hinter der Sensation. Und auf ungute Weise triumphiert das Besondere. Eben diesen Triumph und dessen Trivialität sucht David Rieff zu vermeiden, indem er die besondere Fallgeschichte seiner Mutter aufs Allgemeine hin öffnet.
Er diskutiert unsere Kultur des Todes. Das heißt auch: Unsere Kultur der Leiblichkeit und ihres Schicksals. In diesem Zusammenhang aber spielt es doch eine gewisse Rolle, dass Annie Leibowitz als weit über Fünfzigjährige im Mai 2005, ein paar Monate nach Susan Sontags Tod, Mutter eines Zwillingspaares wurde, das eine Leihmutter für sie austrug. Ob man dies verurteilt oder nicht: Die demiurgische Haltung zur Biologie, die sich in solcher Mutterschaft ausdrückt, ist die Rückseite der medizingläubigen Todesverweigerung Susan Sontags, deren Erörterung sich David Rieff vornimmt.
Der Sohn tritt als Essayist nicht in Widerspruch oder in Konkurrenz zum Werk der Mutter. Durch deren essayistisches Werk aber zieht sich als roter Faden eine Art indirekter Kritik der Sterblichkeit. Sie schimmert durch Susan Sontags brillantes Studium der Fotografie, die unseren zeitlichen Verfall und somit die Vorarbeiten des Todes abbildet. Sie schimmert durch ihre Bücher über Krebs und Aids. Und bisweilen auch durch ihre Porträts von Künstlern und Schriftstellern der klassischen Moderne. Denn manchmal wirkt es, als habe sie die geistige Kraft dieser Porträts aus dem Protest dagegen bezogen, dass auch die Einzigartigen, die Genies der Sterblichkeit nicht entgehen – aus dem Protest gegen die Banalität der biologischen Natur.
Es ist nicht so, dass David Rieff blind wäre für eine gewisse Hybris, die seiner Mutter eignete. Im Gegenteil, er schreibt am Ende seines Buches, er wünsche sich, den eigenen Tod dereinst leichter, friedfertiger annehmen, das Urteil einer tödlichen Krankheit besser, wahrheitsnäher akzeptieren zu können. Er wünsche sich, angesichts des Todes nicht mit dem Überlegenheitsbewußtsein zu ringen, die große Ausnahme zu sein. Und doch liegt schon im Denkprinzip des autobiographischen Essays, der seine theoretischen Annahmen immer wieder auf Szenen, Gespräche, Dramen, Episoden der letzten neun Lebensmonate Susan Sontags rückbezieht, ein Impuls, diese eine besondere Sterbegeschichte, diese eine Sterbende nicht in der Unbedeutendheit des Allgemeinen untergehen zu lassen. Man spürt den Widerspruch, an dem der Text von David Rieff sich reibt. Und versteht ihn nur zu gut. URSULA MÄRZ
DAVID RIEFF: Tod einer Untröstlichen. Die letzten Tage von Susan Sontag. Aus dem Englischen übersetzt von Reinhard Kaiser. Carl Hanser Verlag, München 2009. 160 Seiten, 17,90 Euro.
Der Heroismus ging in die Weigerung über, die Möglichkeit des Todes überhaupt zuzulassen
David Rieff ist nicht blind für die gewisse Hybris, die seiner Mutter eignete
Sommer, lichtgefleckt: Die amerikanische Autorin Susan Sontag in Rom, Juni 2003 Foto: Alessia Pierdomenico / Reuters
David Rieff, Journalist und Autor Foto: Colin McPherson/Corbis
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Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.sz-content.de
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Alle naheliegenden Bedenken gegen dies Buch räumt die Rezensentin Ursula März in ihrer Rezension erst mal aus: Susan Sontags Sohn schreibt über das Sterben seiner Mutter, ihre panische Lebenssucht - muss das nicht schrecklich voyeuristisch ausfallen? Muss es nicht, das beweist David Rieff hier. Vielmehr ist das wohl gerade sein Vorwurf gegen die totgeschwiegene langjährige Sontag-Lebensgefährtin Annie Leibovitz, dass sie mit ihren Fotos der schwer kranken Denkerin diese den voyeuristischen Blicken der Öffentlichkeit ausgesetzt hat. Die Probleme des Buchs liegen für März woanders, darin nämlich, dass der allzu mitfühlende Sohn dem eigentlich sehr scharf analytischen Essayisten Rieff im Weg steht. Was dazu führt, dass die Lektüre jederzeit interessant sei, das ganze insgesamt aber etwas "diffus" bleibe.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 04.07.2009
Mit Boxhandschuhen ums Leben gekämpft

David Rieff hat ein beeindruckendes Buch über die letzten Monate seiner Mutter Susan Sontag geschrieben. Und er zeigt: Das Weiterlebenwollen war ihre Art zu sterben.

Von Mara Delius

Es gibt Bücher, die man eigentlich gar nicht lesen kann. Nähert man sich ihnen, ist es wie mit zwei gleich gepolten Magneten: Das Buch entfernt sich von einem, oder aber man selbst entfernt sich vom Buch. In jedem Fall bleibt eine Kraft, die man kaum überwinden kann. So ein Buch ist auch das über den Leukämietod der amerikanischen Intellektuellen Susan Sontag.

David Rieff, Journalist und das einzige Kind der Sontag, hat mit "Tod einer Untröstlichen" ein Porträt über seine Mutter geschrieben: darüber, wie bei ihr im März 2004 Leukämie der schlimmsten Form diagnostiziert wurde und wie sie, die zweimal schon schwere Krebserkrankungen überlebt und in ihren Essays verarbeitet hatte, beschloss, den Kampf gegen das Sterben aufzunehmen, und wie sie schließlich neun Monate später aufgeben musste.

Was kann, so fragt man sich, bei so einem Bericht über den Tod einer der großen intellektuellen Frauen des letzten Jahrhunderts, geschrieben von ihrem Sohn, herauskommen, was kann das Buch anderes sein als ein bleischwerer Abguss der brutal direkten Fotografien, die Susan Sontags ehemalige Lebensgefährtin, die Fotografin Annie Leibovitz, während der letzten Stunden der Sterbenden machte? Die Antwort lautet: etwas ganz anderes. Denn vor allem ist dieses Werk eines nicht, ein Buch über den Tod.

"Meine Mutter hatte die vollkommene Unfähigkeit, sich mit der Tatsache der Sterblichkeit abzufinden. Sie liebte das Leben. Es gab nichts, was sie nicht sehen oder tun oder kennenlernen wollte. Wenn ich ihre Haltung gegenüber der Welt hätte beschreiben sollen, dann mit dem Wort Gier." So umreißt Rieff das Wesen der Susan Sontag, einer Frau, die ihre Strahlkraft als Intellektuelle aus ihrer Ruhelosigkeit nahm: Sie zog herum, von Berkeley nach Chicago, Paris, London und New York, von Liebhaber zu Liebhaberin, von ausufernden Essays zu karger Prosa und wieder zurück, wie eine Getriebene mit einem Gedanken immer schon weiter als die Gegenwart. "Ich will alles vom Leben", schrieb sie mit vierzehn, und bis sie einundsiebzig war, lebte sie genau so.

Nach der niederschmetternden Diagnose sei die Lebensgier seiner Mutter erst recht aufgeflammt, berichtet Rieff und schildert, wie sie fieberhaft in medizinischer Fachliteratur blätterte, wie sie für einen Spezialisten Tausende Meilen weit flog, wie sie Freunde, die sie beruhigen wollten, anschrie, mit buddhistischem Gefasel solle man sie in Ruhe lassen, wie ihr stets prall gefüllter Terminkalender nun überquoll, wie sie reiste und Vorträge hielt, wie sie ihrer Leidenschaft für Theater, Ballett und Film nachging, wie sie Listen aufstellte von Restaurants, die zu besuchen, und Büchern, die zu lesen wären. Sie hielt ihr Leben fest. Herausgefordert von der Krankheit, schreibt Rieff, habe seine Mutter im Ringen um ihr Schicksal "mit Boxhandschuhen gekämpft". Wie sah sie also aus, Susan Sontag mit Boxhandschuhen? Darauf gibt Rieff keine Antwort. Denn er sagt viel mehr.

Die Erzählung beginnt mit dem Moment der Wahrheit, als beide, Mutter und Sohn, im Behandlungszimmer des Leukämiespezialisten sitzen, in einer "in Angst erstickten Atmosphäre", und die brutale Diagnose erst nur wie durch Nebel zu ihnen vordringt und sich dann plötzlich Bahn bricht: im starren Entsetzen der Mutter und in den Wellen, die davon beim Sohn ankommen und ihn umreißen: "Es hatte sich alles verschoben." Was folgt, sind zunächst Fragen des Sohnes an sich selbst. Warum hat er seine Mutter nicht in den Arm nehmen oder ihre Hand halten können? Warum schienen die Worte, die er finden wollte, "fast wertlos, wie Südstaatendollar aus der Zeit des Bürgerkriegs oder sowjetische Rubel"? Warum hat er seinen Schmerz wie "hinter einer japanischen No-Maske" zu verbergen versucht? Warum hat er ihr die grässlichen Tatsachen schöngeredet, ihr, der Intellektuellen, die doch zeitlebens einen unstillbaren Hunger nach Wahrheit hatte? Irgendwann verlangte sie nur noch nach Leben, nicht nach Wahrheit, und das hat er ihr geben wollen. Aber hat er in all dem richtig gehandelt?

Das ist die Frage des Hinterbliebenen, auf die er keine Antwort findet. Vergebens ist sie deshalb aber nicht. Denn es sind Fragen wie diese, die von Rieffs Erzählung mit einer Intensität aufgeworfen werden, dass sie aus ihr herauszuschießen scheinen - weil es Fragen sind, die sich jeder stellen wird, wenn er der Sterblichkeit in all ihrer Banalität begegnet. Es ist nichts neu an dem, was uns Rieff über den Tod erzählt. Und genau das ist das Besondere.

Memoiren verstricken sich oft in Rückblicken, stürzen sich in anekdotenhafte Details des Lebens oder bleiben auf Distanz zu ihnen, ihr Ton eingerüstet in eine Melancholie, die nichts anderes sagt, als dass Vergangenes eben nun mal vergangen ist. Mit diesem Buch ist es anders - weil David Rieff seine Mutter nicht enthüllt, sondern sie verhüllt. Denn wie sich das Ringen mit dem Schicksal, das auf einmal ihr Leben geworden war, für Susan Sontag anfühlte, das bleibt so verborgen wie die Gespräche, Gefühle und Berührungen zwischen Mutter und Sohn. In der Beschreibung des Überlebenskampfes bleibt die Gefühlswelt erzählerische Isolierwolle: Man weiß, dass es sie geben muss, aber sie ist hinter Putz versteckt. Damit bleibt auch Sontags Schwäche, die sie im Angesicht des eigenen Todes gefühlt haben muss, unerwähnt. Man kann so nur erahnen, dass diese Schwäche nicht, wie es einer Frau wie ihr leicht vorgeworfen werden könnte, aus übersteuerter Emotionalität bestanden haben wird, sondern einfach Teil von ihr war und vielleicht sogar das Wesen ihres Intellekts ausmachte, der stets mit den Höhen und Tiefen ihres Lebens verbunden war. Und wenn man hier also ahnt, dass die Schwäche der Sontag gerade ihre Stärke war, versteht man, wie unendlich schwer es für sie gewesen sein muss, sich vom Leben zu verabschieden, eben weil es ein Abschied von sich selbst war. Indem David Rieff ihre Schwäche vor dem Tod nicht zeigt, zeigt er: Das Weiterlebenwollen war Susan Sontags Art zu sterben.

Man kann das für intellektuelle Schattenboxerei halten, wie es einige amerikanische Rezensenten getan haben. Aber die Sache ist eigentlich sehr einfach. Rieff hat über das Sterben seiner Mutter schreiben wollen. Herausgekommen ist eine Erzählung über ihren Lebenswillen, dem selbst die Sterblichkeit nichts anhaben konnte. Dass der Tod der Sontag nur drei knappe Seiten von rund hundertsechzig einnimmt, ist da nur konsequent.

Im amerikanischen Original heißt das Buch "Swimming in a Sea of Death. A Son's Memoir". Das klingt nicht nur weniger altbacken als der deutsche Titel, es bringt auch genau auf den Punkt, um was es hier geht: David Rieff hat aus dem Meer des Todes eine Geschichte über das Leben geschöpft. Und erzählen wir nicht Geschichten, um glauben zu können, dass wir weiterleben werden? Diese Geschichte ist jedenfalls so eine, der das gelingt.

David Rieff: "Tod einer Untröstlichen". Die letzten Tage von Susan Sontag. Aus dem Amerikanischen von Reinhard Kaiser. Hanser Verlag, München 2009. 160 S., geb., 17,90 [Euro].

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