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Tizian - Pedrocco, Filippo
  • Buch mit Leinen-Einband

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Diese grundlegende Monographie untersucht das gesamte uvre unter allen für die kunsthistorische Betrachtung wichtigen Aspekten und erschließt seine außerordentliche Malweise in zahlreichen Detailaufnahmen.

Produktbeschreibung
Diese grundlegende Monographie untersucht das gesamte uvre unter allen für die kunsthistorische Betrachtung wichtigen Aspekten und erschließt seine außerordentliche Malweise in zahlreichen Detailaufnahmen.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hirmer
  • 2000.
  • Seitenzahl: 334
  • Deutsch
  • Abmessung: 36mm x 289mm x 343mm
  • Gewicht: 3065g
  • ISBN-13: 9783777486604
  • ISBN-10: 3777486604
  • Artikelnr.: 09022560
Autorenporträt
Filippo Pedrocco, geboren 1950 in Venedig, ist Experte für venezianische Malerei. Zunächst Soprintendente des Museo del Settecento Veneziano in der Ca' Rezzonico, betreut er seit 1999 als Kurator die Sammlungen alter Kunst in den Städtischen Museen von Venedig.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

So freundlich im Ton diese Rezension von Christine Tauber daherkommt, so deutlich ist ihre Botschaft: diese Tizian-Monografie ist ein ärgerliches Machwerk. Der Autor, erfahren wir, schwadroniert in bester genieästhetischer Tradition von "tiefsten und intimsten Geheimnissen der künstlerischen Schöpfung", er sitzt noch den unglaubwürdigsten Legenden auf, die Giorgio Vasari aus keinen guten Gründen in die Welt gesetzt hat, und er ist auch in seinem größten Ehrgeiz unsolide, der möglichst genauen Datierung der Werke. Dabei nämlich stützt er sich oftmals ausschließlich auf das, so Tauber, "wenig zuverlässige Kriterium der Stilkritik". Katastrophal ist zudem, nach Meinung der Rezensentin, die Übersetzung geraten, wenig Freude machen "Schludrigkeiten" im Register, im Literaturverzeichnis und in den Bildlegenden. Immerhin gibt es zum Schluss noch ein wenig Lob: für die "opulente Ausstattung" und für den besseren zweiten Katalogteil, den allerdings, wie sich beim Blick aufs Kleingedruckte herausstellt, eine auf dem Titel ungenannte Mitarbeiterin verfasst hat.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 29.09.2001
Am Mühlberg vor dem Tore wartet Gunter Schweikhart auf seinen Namen
Lebensfreude und Glückseligkeit der Sinne ist das eine, die gediegene kunsthistorische Studie das andere: Filippo Pedrocco zelebriert Kennerschaft am Beispiel Tizians

"So wird hier beständig die jahrhundertealte künstlerische Tradition Venedigs vergegenwärtigt, innerhalb derer sich Tizians großes Herz hatte formen können. Eine interpretative Linie, die zu keiner Zeit die dokumentarische Wahrheit aus dem Blick verliert und niemals die einheitliche Leitlinie verunklärt, an der sich die wunderbare Persönlichkeit Tizians über rund achtzig Jahre hinweg entwickelt hat." Mit diesen Sätzen leitet Terisio Pignatti das Tizian-Buch seines Schülers Filippo Pedrocco ein. Und in der Tat: Die "wunderbare Persönlichkeit" und die Formung des "großen Herzens" begegnen dem Leser immer wieder als Schlüsselworte in dieser monumentalen Darstellung, die beansprucht, endlich die "tiefsten und intimsten Geheimnisse der künstlerischen Schöpfung" des Malers aus Pieve di Cadore zu erleuchten.

"Leben und Werk" ist daher auch der interpretatorische Einführungsteil des Buches betitelt. Pignattis Bemerkung im Vorwort, der Text Pedroccos werde niemals zum historischen Roman, ist leider nicht zuzustimmen: Wie anders soll man das literarische Genre benennen, in dem vom "zähen, enorm langlebigen Naturell" des "Meisters" und "Gebirgsmenschen" die Rede ist, von jener "Lebensfreude und jener Glückseligkeit der Sinne und des menschlichen Schicksals, die zum Inbegriff der venezianischen Renaissance werden sollten", oder vom Non-finitio Tizians, in dem sich "die quälenden Fragen der unzufriedenen Künstlerseele" offenbarten? "In seinem Alter erlebte Tizian tragisch bewegte Jahre, in denen Tod und Verzweiflung seiner empfindsamen Seele allgegenwärtig wurden", so die goldenen Anfangsworte des Unterkapitels zum Spätwerk. Und es ist ja vor diesem Hintergrund wohl nur allzu verständlich, daß sich der Tod Aretinos, dann Karls V., dann des Bruders Francesco, schließlich der geliebten Tochter Lavinia in den Gemälden des derart vom Schicksal Gebeutelten niederschlugen: Deshalb also wirkt der "Christus am Kreuz" im Escorial so tragisch, und deshalb gestikuliert das Assistenzpersonal auf der "Grablegung" im Prado so besonders verzweifelt. Liest man dies, so ist man dankbar, daß Pedrocco nicht auch noch eine Deutung von Tizians Ölbergszenen unter biographistischen Gesichtspunkten versucht hat.

Es ist allerdings möglich, daß die ein oder andere Stilblüte in Pedroccos Text erst von Ulrike Bauer-Eberhardt zum Blühen gebracht worden ist. Ständige Italianismen, mangelndes Sprachgefühl, Wortneuschöpfungen wie "Pathetismus" oder "Ambientierung" sowie eine höchst eigenwillige Kommasetzung erschweren die Lektüre. Mit Konjunktionen und vor allem mit Präpositionen steht Bauer-Eberhardt notorisch auf dem Kriegsfuß, und das nicht nur bei der berühmten Schlacht Karls V. von 1547, die sie gleich mehrfach "am Mühlberg" statt "bei Mühlberg" an der Elbe stattfinden läßt. Und Alessandro und Ottavio Farnese waren mitnichten die Neffen Papst Pauls III., vielmehr seine Enkel, auch wenn das Italienische unpraktischerweise "nipote" zur Bezeichnung beider Verwandtschaftsverhältnisse verwendet.

Giorgio Vasari ist der stete Begleiter und Gewährsmann von Pedroccos Schilderung eines Renaissancekünstlerlebens aus dem Bilderbuch. Von gängigen Topoi der Künstlerbiographik läßt sich der Autor nicht irritieren, wenn er freudig jeder Künstlerlegende vom 16. bis ins 19. Jahrhundert aufsitzt. Es ist, als habe Paul Barolsky Mona Lisa niemals lächeln lassen und damit auf die literarischen Überformungen und Stilisierungen von Vasaris Viten hingewiesen. Wenn daher Vasari schreibt, Tizian habe die Bellini-Werkstatt frühzeitig verlassen, weil ihm die dortige trockene und steife Malweise nicht zusagte, so glaubt ihm Pedrocco dies aufs Wort. Und wenn Vasari Tizian mangelnde Fähigkeiten in der Zeichnung ankreidet, dann war das sicherlich so - auf den Gedanken, Vasari habe hier implizit seine eigene Disegno-Konzeption und seine Gründung der Florentiner Akademie in besonders hellem Licht erstrahlen lassen, kommt Pedrocco nicht. Da müssen die Widersprüche schon eklatanter sein: Bis in die Schmähungen des Alterswerks des Venezianers mag er dem Florentiner dann doch nicht folgen, und auch die Äußerung Vasaris, er werde nur einige Porträts Tizians benennen, "ohne sie nach der Zeit zu ordnen, da es nicht darauf ankommt zu wissen, welches früher und welches später ausgeführt wurde", steht Pedroccos eigenem chronologisch ausgerichteten Ansatz doch zu sehr entgegen.

Sein Ehrgeiz liegt nämlich gerade in einer möglichst exakten Datierung vor allem des Frühwerks Tizians. Dabei verläßt er sich oftmals ausschließlich auf das wenig zuverlässige Kriterium der Stilkritik. So ist die Bemerkung, das Porträt Giulio Romanos in Mantua besitze "enorme Ähnlichkeit" mit anderen Werken aus den Jahren 1536 bis 1538, eine etwas schwache Evidenz für eine jahresgenaue Datierung. Der Versuch, aufgrund der spärlichen Freskenfragmente vom Fondaco dei Tedeschi in Venedig "markante Stildifferenzen" zwischen Giorgione und Tizian namhaft zu machen, scheint ebenso gewagt. Und umgekehrt müßte dann wohl gerade aus stilistischen Gründen die frühe "Flucht nach Ägypten" in der Eremitage in St. Petersburg Tizian abgesprochen werden. Generell neigt Pedrocco im Katalogteil seines Buches dazu, Kennerschaft zu zelebrieren, indem er bei Frühwerken geäußerte Hypothesen in späteren Zuschreibungen unversehens zu sicheren Erkenntnissen werden läßt.

Um einen halbwegs tragfähigen, kontrastiv strukturierten Raster stilistischer Einordnung zu gewinnen, wäre es wünschenswert gewesen, nicht nur das hier vorgestellte "Corpus Pedrocchi" vorzuführen, das sich im übrigen in weiten Teilen auffällig mit den Zuschreibungen von Francesco Valcanovers 1999 erschienener Tizian-Monographie deckt. Man hätte dann auch eine vertiefte Diskussion der kontroversen Zuschreibungen und Abschreibungen erwartet. Unterstützt wird Pedroccos stilistisches Urteilsinstrumentarium durch seine gesunde klassizistische Grundhaltung, die der Genieästhetik des 18. und 19. Jahrhunderts verpflichtet ist. Harmonische Geschlossenheit, farbliche Ausgewogenheit, Koinzidenz von Form und Inhalt zeichnen die Werke der "klassischen Periode" Tizians aus, deren Höhepunkt künstlerischer Inspiriertheit die "Assunta" in der venezianischen Frari-Kirche darstellt. Dieser Meinung war vor Pedrocco bereits ein anderer, nördlicher Reisender, der 1855 über die zum Himmel aufschwebende Maria befand: "Der Ausdruck aber ist eine der höchsten Divinationen, um welche sich die Kunst glücklich zu preisen hat: die letzten irdischen Bande springen; sie athmet Seligkeit." Generell erweist sich Pedrocco als gelehriger Schüler Burckhardts, für den die Göttlichkeit Tizians darin bestand, "daß er den Dingen und Menschen diejenige Harmonie des Daseins anfühlt, welche in ihnen nach Anlage ihres Wesens sein sollte oder noch getrübt und unkenntlich in ihnen lebt".

In der Vita des Genies sind Krisen nur insoweit vorgesehen, als sie den unaufhaltsamen Weg zur Vollendung angemessen dramatisieren. Dieses Künstlerbild ist der zweifelhafte Hauptgrund für Pedroccos an sich richtige Einschätzung, daß manieristische Strömungen auf Tizian keinen wirklich prägenden Einfluß ausübten. Zu Recht lehnt er es ab, von einer "manieristischen Krise" im Werk Tizians zu sprechen, nur weil sich einige seiner Bilder der 1540er Jahre durch besondere Expressivität auszeichnen.

Was bleibt daneben an Positivem? Zum einen die von Pedrocco vorgenommene Aufwertung des Einflusses Sebastiano del Piombos auf das Frühwerk Tizians. Zum andern die möglichst lückenlose Rekonstruktion der Provenienz der einzelnen Bilder im Katalogteil. Weiterhin die zunehmend gehaltvolleren Bildbeschreibungen und differenzierteren Forschungsdiskussionen im hinteren Teil des Katalogs, die die fehlenden detaillierten Literaturangaben zu den einzelnen Bildern kompensieren. Die Erklärung für diese deutliche Verbesserung findet sich bei aufmerksamer Lektüre auf der Titelrückseite im Kleingedruckten. Dort steht: "Die Katalognummern 164 bis 270 verfaßte Maria Agnese Chiari Moretto Wiel." Doch obwohl damit fast die Hälfte des gesamten Katalogs von ihr verfaßt wurde (also vor allem die Beiträge zum gewichtigen Spätwerk), qualifizierte sie diese Leistung offensichtlich nicht zur Erwähnung auf dem Titelblatt.

Schließlich sei noch auf die opulente Ausstattung des Bandes und seine herausragend gute Abbildungsqualität hingewiesen, die den Leser über so manche Schludrigkeit hinwegtröstet: Sei es in den Bildlegenden (S. 56/57 zeigt nicht etwa die Madrider Version von Venus und Adonis, sondern die Londoner Fassung), im Register (die dort als Katalognummer 198 genannte Danae in St. Petersburg ist im Katalog durch die Verkündigung in Neapel ersetzt, während die Danae gänzlich unauffindbar bleibt) oder im Literaturverzeichnis (es wäre schön gewesen, den Namen von Gunter Schweikhart wenigstens einmal richtig geschrieben zu finden).

CHRISTINE TAUBER

Filippo Pedrocco: "Tizian". Aus dem Italienischen von Ulrike Bauer-Eberhardt. Hirmer Verlag, München 2000. 336 S., Farb-Abb., geb., 198,- DM.

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