Theaterlexikon: Personen
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Die Bretter, die die Welt bedeuten: In diesem umfassenden Nachschlagewerk werden von A bis Z Epochen, Ensembles, Figuren, Spielformen und Begriffe aus der Theatergeschichte von der Antike bis heute beschrieben sowie Autoren, Regisseure, Schauspieler, Dramaturgen, Bühnenbildner und Kritiker vorgestellt, die das Theatergeschehen im deutschsprachigen Raum im 20. Jahrhundert bestimmen: mit ihren berühmtesten Werken, besten Inszenierungen, größten Rollen, grandiosesten Ausstattungen und mit ihren himmelhochjauchzenden oder vernichtenden Kritiken.…mehr

Produktbeschreibung
Die Bretter, die die Welt bedeuten: In diesem umfassenden Nachschlagewerk werden von A bis Z Epochen, Ensembles, Figuren, Spielformen und Begriffe aus der Theatergeschichte von der Antike bis heute beschrieben sowie Autoren, Regisseure, Schauspieler, Dramaturgen, Bühnenbildner und Kritiker vorgestellt, die das Theatergeschehen im deutschsprachigen Raum im 20. Jahrhundert bestimmen: mit ihren berühmtesten Werken, besten Inszenierungen, größten Rollen, grandiosesten Ausstattungen und mit ihren himmelhochjauchzenden oder vernichtenden Kritiken.
  • Produktdetails
  • dtv Taschenbücher
  • Verlag: DTV
  • Neubearb. u. erw. Aufl.
  • Seitenzahl: 795
  • Abmessung: 35mm x 145mm x 220mm
  • Gewicht: 920g
  • ISBN-13: 9783423033220
  • ISBN-10: 3423033223
  • Artikelnr.: 05239690
Rezensionen
Besprechung von 04.02.1995
Grillparzer ist ein anderer
Der ganz "kleine Sucher": Ein neues Theaterlexikon

Es gibt schon ein paar Theaterlexika auf dem Markt und in den Bibliotheken. "Doch keines, das den professionellen Theatermachern, den Professoren und Studenten der Theaterwissenschaft und Theatergeschichte, den Kritikern und vor allem dem Publikum ein wirkliche Hilfe wäre." Wer solches schreibt, hat in der Regel gerade ein neues herausgebracht. Der Theaterredakteur der "Süddeutschen Zeitung", C. Bernd Sucher, hat ein gut achthundert Seiten starkes Kompendium über "Autoren, Regisseure, Schauspieler, Dramaturgen, Bühnenbildner, Kritiker" vorgelegt.

Zwei von Suchers Gehilfen wird sich der Leser wohl oder übel merken müssen: Jean-Claude Kuner zeichnet für die Autoren-Artikel verantwortlich, und Marietta Piekenbrock erstellte die Bibliographien. Die Vorzüge ihrer Tätigkeit mögen andere preisen, der Rezensent vermag es nicht. Im Gegenteil. Noch nie ist ihm eine derartige Mischung aus Ahnungslosigkeit und Schlamperei begegnet. Wobei sich der Rezensent als Österreicher vorsichtshalber auf österreichische Belange konzentriert.

Hinsichtlich des literarischen Rangs und der Bühnen-"Halbwertszeit" von Dramatikern sind selbstverständlich voneinander abweichende Urteile zulässig, ja unvermeidbar. Wenn Ludwig Anzengruber ("Der G'wissenswurm") heute doppelt soviel lexikalische Aufmerksamkeit geschenkt wird wie Elias Canetti, dann wirkt dies freilich ein bißchen sonderbar. Doch das sind Geschmacksfragen. Indiskutabel bleibt der Umgang mit Namen und Fakten.

Wird etwa von Karl Kraus behauptet, er habe sich "als Literaturkritiker bei der Wiener ,Neuen Freie Presse' einen Namen" gemacht, grenzt das an Aberwitz. Kraus ist auch keineswegs 1918 aus der katholischen Kirche ausgetreten. Er tat's 1923, und zwar nicht zuletzt, um wider die Vermengung von Spektakel, Kommerz und Sakralem bei den Salzburger Festspielen zu protestieren. Alfred Polgar, belehrt man uns, wurde 1875 geboren, emigrierte 1938 in die Vereinigten Staaten und starb in Wien. Polgar liegt an seinem Sterbeort Zürich begraben, er war 1940 nach Amerika geflohen, und sein Geburtsjahr ist 1873. Hilde Spiel, lesen wir, sei "bis etwa 1970" Mitarbeiterin dieser Zeitung gewesen. Genauer betrachtet, war sie bis 1984 deren Kulturkorrespondentin.

Fritz von Herzmanovsky-Orlando hat laut "kleinem Sucher", so wird das Opus scherzhaft-stolz von Freunden des Herausgebers bezeichnet, auf dem Südtiroler "Familiensitz Schloß Rametz" gelebt. Schloß Rametz hatte nun mit einem Familiensitz kaum viel gemein, der edle Ritter war dort nichts als Untermieter. Leider existiert auch kein Stück "Kaiser Franz Joseph und die Bahnwärterstochter", bloß eines über Kaiser Joseph II. Aber wie soll das die Bibliographin wissen, da ihr die zehnbändige, 1983 begonnene und 1994 abgeschlossene Herzmanovsky-Ausgabe ebenso unbekannt ist wie Torbergs editorische Pionierleistung?

Angeblich veröffentlichte Arthur Schnitzler "zahlreiche Romane" - beim Zählen gelangen wir über zwei nicht hinaus. Von Franz Theodor Csokor hat ein einziges Drama den Autor überdauert: "Dritter November 1918". In Suchers Lexikon kommt es, im Gegensatz zu längst Vergessenem aus Csokors Produktion, nicht vor. Dabei hat Csokor postumes Glück, denn wenigstens hat man seinen Namen und seine Werktitel nicht verballhornt: Aus Hermann Brochs "Die Erzählung der Magd Zerline" wird eine des "Mädchens" Zerline, und Franz Grillparzers "Der Traum ein Leben" verwandelt sich in "Das Leben ein Traum", gehört also offenbar zu Calderóns OEuvre. Hinter einem Herrn Kieber versteckt sich geschickt Friedrich Kiesler, immerhin in Konkurrenz mit Jakob Moreno-Levy der Schöpfer der Raumbühne.

Dafür darf sich die Verfasserin des grundlegenden Buches über Kiesler, Barbara Lesák, als Frau Lesáz wiedererkennen. Naturgemäß hieß auch der Schriftsteller und Theaterdirektor Ernst Lothar ursprünglich nicht "Lothar Müller", sondern Ernst Lothar Müller. Taxfrei erhält ferner der Revolutionär Jura Soyfer einen seltsamen zweiten Vornamen: "Feder". Fritz Feder ist eines der Pseudonyme Soyfers gewesen. Wer den Standardtitel der Sekundärliteratur unterschlägt, nämlich Horst Jarkas Soyfer-Biographie, hat eben Märchen sonder Zahl zu erzählen. Darum wird auch Adele Sandrock nachgesagt, ihr "eigentlicher" Name habe "Adele Feldern-Förster" gelautet. Dergleichen Unterstellungen hätte sich die große Adele, der Lieblingshausdrache des deutschen Tonfilms, ohne Frage mit Donnerbaß verbeten. Augenscheinlich wurde der populärste Band über die Sandrock nicht gelesen, er wird nur falsch zitiert.

Zu ergründen, ob es in außerösterreichischen Bezirken des Theaterlexikons ähnlich exakt zugeht, sei getrost Wissenschaft und kollegialer Zunft überlassen. Aber wenn man zum Beispiel den 1990 verstorbenen Manuel Puig unter den Lebenden findet oder Otto Brahm statt anno 1912 sechzehn Jahre später verblichen sein soll, ist der Glaube an die sonstige Zuverlässigkeit bereits ziemlich erschüttert.

C. Bernd Sucher meint in seinem Vorwort: "Ich bin sicher, daß dieses Werk nicht fehlerlos sein wird. Wunder gibt es nur bei Wagner . . ." Deshalb seien "jegliche Korrektur-Vorschläge" willkommen. Doch können Korrekturen hier überhaupt helfen? ULRICH WEINZIERL C. Bernd Sucher (Hrsg.): "Theaterlexikon. Autoren, Regisseure, Schauspieler, Dramaturgen, Bühnenbildner, Kritiker". Von Christine Dössel, Jean-Claude Kuner und C. Bernd Sucher unter Mitarbeit von Marietta Piekenbrock, Robert K. Brown und Katrin Zipse. Deutscher Taschenbuchverlag, München 1995. 820 S., br., 34,- DM.

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