Taliban - Rashid, Ahmed
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Afghanistan ist ein Pulverfass der Weltpolitik und eine Drehscheibe des internationalen Terrorismus. Wer sind die Taliban, die mit ihrem Steinzeit-Islamismus die Welt schockieren? Und was sind ihre Motive? Antwort gibt dieses bisher einzige Buch über die fanatischen Gotteskrieger am Hindukusch.

Produktbeschreibung
Afghanistan ist ein Pulverfass der Weltpolitik und eine Drehscheibe des internationalen Terrorismus. Wer sind die Taliban, die mit ihrem Steinzeit-Islamismus die Welt schockieren? Und was sind ihre Motive? Antwort gibt dieses bisher einzige Buch über die fanatischen Gotteskrieger am Hindukusch.
  • Produktdetails
  • Verlag: DROEMER/KNAUR
  • Seitenzahl: 431
  • Abmessung: 215mm
  • Gewicht: 550g
  • ISBN-13: 9783426272602
  • ISBN-10: 3426272601
  • Artikelnr.: 10191641
Autorenporträt
Ahmed Rashid lebt als Journalist in Lahore, Pakistan. Seit Jahren berichtet er für die renommierte britische Tageszeitung Daily Telegraph und andere Medien aus der Region. Für seine kritische Berichterstattung erhielt er im Frühjahr 2001 den Nisar Osamani Award der pakistanischen Menschenrechtsgesellschaft.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Sehr erhellend findet Rezensent Hans Ehlert dieses Buch über die Taliban von Ahmed Rashid. Er attestiert dem pakistanischen Journalisten Hintergrundwissen, das hierzulande oft fehle. Die Entstehung der Taliban während der sowjetischen Besatzung in Afghanistan lobt er als fundiert und kenntnisreich geschildert. Auch die Darstellung des religiösen Regimes der Taliban nach dem Ende des Bürgerkrieges sowie ihre Führungs- und Organisationsstruktur hält er für gelungen. Er hebt hervor, dass Rashid zudem die Rolle der USA und Pakistans beim Aufstieg der Taliban gewissenhaft unter die Lupe nimmt. Jedem, der Genaueres wissen möchte über die Taliban und die unübersichtliche Lage in Afghanistan, kann er das Buch nur empfehlen.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 26.11.2001
Wenn Ziehkinder zu Feinden werden
Der pakistanische Journalist Ahmed Rashid hat ein kundiges Buch über die Taliban vorgelegt und vieles von dem vorausgesagt, was jetzt in Afghanistan geschieht
AHMED RASHID: Taliban. Afghanistans Gotteskrieger und der Dschihad, Droemer Knaur Verlag, München 2001. 432 Seiten, 38,92 Mark.
21 Jahre lang hat Ahmed Rashid an diesem Buch gearbeitet. Immer wieder bereiste der pakistanische Journalist Afghanistan und war dabei „meist zur rechten Zeit am rechten Ort”, wie er schreibt. Er sah 1978 sowjetische Panzer in Kabul einrollen, sprach auf Lastwagen mit verwundeten Gotteskriegern. Und flüchtete vor dem extremistischen Mudschaheddin-Führer Gulbuddin Hekmatyar, der ihn als angeblichen kommunistischen Sympathisanten zum Tode verurteilen ließ.
Als dann die Taliban auftraten, interviewte Rashid viele Vertreter dieser „versehrtesten Führung der Welt”, wie er die Machthaber Afghanistans nennt. Unzählige Male geriet der Korrespondent des renommierten Far Eastern Economic Review in die Schusslinie zwischen den Bürgerkriegsparteien in Afghanistan – und doch zog es ihn immer wieder dorthin. Auch aus Sympathie, wie er schreibt. Afghanistan, „das Land der Widersprüche”, habe ihn schon immer fasziniert. Es sei das Land der „tapferen, stolzen, ehrenwerten, großmütigen, gastfreundlichen, anmutigen und schönen Männer und Frauen”, die aber auch „eine dunkle, böse, blutrünstige Seite vorweisen können”.
Im Zentrum des Orkans
Nun ist dieses Land zum Mittelpunkt einer Auseinandersetzung geworden, welche die Welt destabilisiert. Rashids Buch mit dem englischen Titel Taliban. Islam, Oil and the New Great Game in Central Asia erschien im Jahr 2000 für eine Spezialisten-Gemeinde. Heute, ein Jahr später, reißen es ihm die Verlage weltweit aus den Händen. Der Grund: Alles, was Rashid darin prophezeit hatte, ist wahr geworden.
Rashids Buch ist das akribisch recherchierte Tagebuch des Zerfalls eines Landes, die Chronologie einer unausweichlichen Katastrophe. 22 Jahre Bürgerkrieg in Afghanistan haben nicht nur die Region, sondern mit den Terroranschlägen vom 11. September auch die Welt erschüttert – und das, weil alle wegsahen, wie Rashid meint. „Wird der Krieg in Afghanistan weiter ignoriert, können wir nur das Schlimmste befürchten”, schrieb er in seinem Fazit der ersten Auflage.
Im Vorwort zur deutschen Fassung hat Rashid diese Warnung noch einmal aufgenommen. „Diesen Zorn und die Organisation zu verstehen, welche die Anschläge hervorbrachte und beflügelte, ist eines der Anliegen meines Buchs.” Das darf man allerdings nicht missdeuten. Rashid ist nicht daran gelegen, die radikalislamischen Taliban zu entschuldigen – ganz im Gegenteil. Aber er trägt mit seinem „sachlich und journalistisch exakt recherchierten” Werk dazu bei, einen „weniger emotionalen Ton in die Diskussion zu bringen”, schreibt Heiko Flottau, Nahost-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, in seinem Vorwort. Und das gelingt ihm vortrefflich.
Wer Rashids Berichterstattung über Afghanistan und sein Heimatland Pakistan über die Jahre hinweg verfolgte, weiß, wie analytisch und unbestechlich er ist. Für dieses Buch hat er in der halben Welt recherchiert, war in Russland und Iran, Turkmenistan und Usbekistan, Saudi Arabien, in den USA und selbstverständlich in seinem Heimatland Pakistan – in allen Ländern, die seiner Meinung nach an dem „neuen großen Spiel” teilnehmen, das die Taliban und damit ihren Gast Osama bin Laden erst groß gemacht hat.
Nach Rashids Ansicht gab es zu Beginn des Jahres 2001 deutliche Hinweise darauf, dass ein terroristischer Anschlag bevorsteht. Der Zorn der Taliban über die im Januar verhängten UN-Sanktionen sei übermächtig gewesen. Der Empfang ihres ärgsten Widersachers Ahmed Schah Massud in Europa habe sie noch mehr verärgert. „Die Hardliner der Taliban waren entschlossen, die Konfrontation mit dem Westen zu wagen”, schreibt Rashid. Sie ließen den Konflikt mit den Vereinten Nationen eskalieren, sprengten die Buddhastatuen von Bamian und verhängten immer weitere Verbote für Frauen, auch um die internationale Gemeinschaft weiter zu provozieren. Der Geschlechterkonflikt sei für die Taliban zum Symbol geworden für ihre Unbeugsamkeit gegenüber dem Westen.
Doch woher kommen die „Koranschüler”? Und wer hat sie groß gezogen? „Nie gelang es Fremden, die Afghanen zu erobern. Nur ein Volk wie die Afghanen war fähig, zwei Weltreichen – dem Britischen Empire und der Sowjetunion – Paroli zu bieten. Aber in den vergangenen zwei Jahrzehnten des Konflikts haben sie einen ungeheuerlichen Preis dafür bezahlen müssen: mehr als 1,5 Millionen Tote und die völlige Zerstörung ihres Landes”. Die Taliban, „Kinder des Dschihad gegen die Sowjetunion”, wollten diese „schreckliche Lage” ändern, wie der einäugige Taliban-Außenminister Mullah Mohammed Ghaus Rashid sagte.
Als sie in dem Land, das in die totale Anarchie abgeglitten war, zwei Mädchen von ihren Vergewaltigern befreiten und mit diesen kurzen Prozess machten, schufen die Koranschüler unter ihrem Anführer Mullah Omar einen Robin- Hood-Mythos. Viele Afghanen hofften zunächst, dass die oft blutjungen Krieger dem Land den Frieden bringen könnten. Vergeblich. Wie im Wirbelsturm eroberten sie Afghanistan – und verheerten es dabei. Alle Seiten folterten und töteten im Bürgerkrieg, das ist wahr. Aber die Exzesse, die unter den kompromisslosen, zu keinem Dialog bereiten Taliban vorkamen, zerstörten die ohnehin bereits zerrüttete Identität des aus verschiedenen Ethnien zusammengesetzten Volks. Brunnen wurden vergiftet, Menschen bei lebendigem Leib gehäutet, Tote auf den Straßen liegen gelassen und von Hunden zerfetzt. „Wir können unsere Feinde erst dann lieben, wenn wir sie besiegt haben”, sagte Mullah Wakil, der persönliche Berater Mullah Omars.
Rashid nennt die Taliban ähnlich geheimnisvoll wie die zerstörerischen Roten Khmer in Kambodscha. Für Afghanistan entwickelten sie sich zu einer Geißel. Mullah Omar, ihr geheimnistuerischer Führer, einst auserwählt wegen seines Mitleids, ist heute ein grausamer Diktator. Für die Bevölkerung wollen die Taliban keine Verantwortung übernehmen – „für die Menschen sorgt Allah”, sagen sie. Ihr einziges Ziel ist der Gottesstaat.
Doch der Aufstieg der Taliban wurde auch gefördert. Er hatte weltpolitische und wirtschaftliche Gründe. Die USA sahen in den sunnitischen Taliban ein Bollwerk gegen Iran und seinen Schiismus sowie gegen Russland. Sie versprachen sich von ihnen eine Stabilisierung Afghanistans. Und so wurden die Taliban der Ball im „großen neuen Spiel” ums Öl in Zentralasien, das die USA und die US-Ölfirma Unocal gewinnen wollten. Sie unterstützten die Taliban, allerdings ohne strategischen Plan, ohne Einschätzung der Lage. Erst als die Internationale des Terrors unter ihrem Führer Osama bin Laden 1998 die Botschaften in Kenia und Tansania in die Luft sprengten, wandten sich die USA von ihnen ab. Für die Afghanen kam dies einem Verrat gleich. „Und es erlaubte allen regionalen Mächten, die rivalisierenden Kriegsherren zu stützen und dadurch den Bürgerkrieg zu verlängern”, so Rashid.
Hand im Spiel
Die nicht-afghanischen Akteure in dem Konflikt, „die immer und überall ihre Finger im Spiel haben müssen”, wie Rashid sagt, stehen nun vor den Trümmern ihrer Politik. Ein Konflikt, größer als der bisher da gewesene, bedroht ihre Länder, besonders Pakistan. Islamabad hat die Internationale des Terrors in Afghanistan über seinen Geheimdienst ISI kompromisslos gefördert. Doch das brachte Pakistan nicht die Kontrolle über Afghanistan und die erhoffte Führungsrolle in der islamischen Welt, sondern eine Talibanisierung des Landes. „Sie können daraus eine Lektion lernen – nicht über die Gewalttätigkeit der Afghanen, sondern über die gewalttätigen Kräfte, die in den eigenen zerbrechlichen Gesellschaften freigesetzt werden können”, folgert Rashid .
EDELTRAUD RATTENHUBER
Einst war Afghanistan, das „Land der Widersprüche”, ein Land der „tapferen, stolzen, ehrenwerten, großmütigen, gastfreundlichen, anmutigen und schönen Männer und Frauen”. Wenig konnte davon über die jahrelangen Kriegswirren hinweg gerettet werden.
Foto: AP
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Besprechung von 16.11.2001
Islam, Öl und "Gotteskrieger"
Die Geschichte der Taliban: Die Vereinigten Staaten waren nur einer der Geburtshelfer

Ahmed Rashid: Taliban. Afghanistans Gotteskrieger und der Dschihad. Droemer Weltbild, München 2001. Aus dem Englischen von Harald Riemann. 432 Seiten, 19,90 Euro.

Es sieht so aus, als werde die Herrschaft der Taliban in Afghanistan bald auf den Kehrrichthaufen der Geschichte geworfen. Seit 1994, als sie Kandahar einnahmen, haben diese "Gotteskrieger" eine anachronistische islamistische Zwangsherrschaft über das Land am Hindukusch ausgeübt, dem Terroristen Usama Bin Ladin - und damit auch der Terrororganisation Al Qaida - Schutz gewährt und die gesamte Umgebung militärisch und ideologisch bedroht. Vor allem die westlichen und nördlichen Nachbarn Afghanistans, Iran, Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan, werden über ein Ende der Taliban-Herrschaft froh sein, ohne daß damit alle Schwierigkeiten schon beseitigt wären. Vielleicht beginnen jetzt erst neue.

Der pakistanische Journalist Ahmed Rashid beschäftigt sich länger als zwanzig Jahre mit den Ereignissen in Afghanistan. Jetzt hat er die Geschichte der Taliban geschrieben, besonders auch die Hintergrundgeschichte. Zwar krankt die deutsche Übersetzung seines im vorigen Jahr erschienenen Werkes "Taliban, Islam, Oil and the New Great Game in Central Asia" an manchen Flüchtigkeiten in der Transkription islamischer Namen und Bezeichnungen, doch insgesamt ist dieses Buch eine Pioniertat: die erste systematische Darstellung von Entstehung, Machtergreifung und Ideologie der vornehmlich paschtunischen "Koranschüler", die dem unvertrauten Leser vieles erhellt, eingebettet in die Bedingungen, die ein solches Regime erst möglich gemacht haben. Noch dazu ist das Werk spannend zu lesen.

Die Taliban sind ein Produkt des Krieges, vor allem des afghanischen Bürgerkrieges (seit 1989), der Politik etlicher Außenmächte, der Geheimdienste - vor allem des pakistanischen -, des religiösen Zelotentums in Pakistan und auf der Arabischen Halbinsel und mafioser Bestrebungen und Netze, die man mit den Worten "Transportmafia" und "Rauschgiftmafia" am deutlichsten kennzeichnen kann. Hinzu kommen die Interessen der Vereinigten Staaten, Rußlands, Chinas, Irans, der Türkei und anderer Staaten an der künftigen Ausbeutung der Öl- und Erdgasschätze Mittelasiens und den dazu nötigen Pipelines. Milliardengeschäfte bahnen sich da an. Dies bildet den ökonomischen Hintergrund eines neuen Great Game, das heißt einer Neuauflage jenes Jahrzehnte währenden Kampfes um die Afghanen, den im 19. Jahrhundert die von Norden vordringenden Russen und die von Indien aus dagegenhaltenden Briten auf dem afghanischen Glacis ausgetragen haben. Das neue Great Game ist freilich viel komplexer, viel mehr Mächte und Gruppen sind an ihm beteiligt.

Aus Rashids Buch kann man vieles lernen. Die kaum des Lesens und Schreibens kundigen "Koranschüler", die Pakistan in Madrassas "ausbilden" und indoktrinieren ließ, waren zunächst vielen willkommen in Afghanistan, weil sie das Chaos zu beenden schienen, das die Mudschahedin in ihren mörderischen Bruderkämpfen überall im Land, doch auch in der Hauptstadt Kabul angerichtet hatten. Auf dem verwüsteten Territorium wüteten bewaffnete Gruppen, töteten Zivilisten und vergewaltigten Frauen und Mädchen. Das Sicherste war es, die Frauen zunächst ganz aus dem öffentlichen Leben zu verbannen. Nicht nur in Kandahar, das die Taliban 1994 eroberten und wo sie den Mullah Omar offiziell zum "Kalifen", der sich den Mantel des Propheten überwarf, inthronisierten, auch in den daraufhin eroberten Städten nahm das Vergewaltigen vorerst ein Ende.

Je mehr Gebiet die "Koranschüler" beherrschten, desto sicherer waren auch die Transportwege durch das Land, was für die einschlägigen Firmen in Pakistan, Iran, China, Turkmenistan - das schon zu Beginn der neunziger Jahre besonders eifrig auch auf das Ölgeschäft setzte - wichtig war. Daß die Taliban eine archaische Herrschaft einrichteten, die allen Frauen Arbeit und Ausbildung verwehrte, die den Männern Bärte vorschrieb, die alle Freude aus dem Alltag verbannte, die Musik, Tanz und Fernsehen verbot, die antike Kunstwerke zerstörte, merkte man erst im Laufe der Zeit. Doch da war es zu spät.

Unaufhaltsam eroberten die Koranschüler Stadt für Stadt, Provinz nach Provinz. Auf Kandahar folgte Herat, auf Herat folgte Kabul, auf Kabul folgte Mazar-i-Scharif. Rashid zeichnet dies lebendig nach. Am Ende, vor der nun erfolgten militärischen Wende, kontrollierten sie - mehr oder weniger - etwa neunzig Prozent des Landes. Und am Ende übertrafen die Taliban in ihrer religiösen Rigorosität auch ihre Lehrmeister, die pakistanische Deobandi-Sekte und die saudiarabischen Wahhabiten, die ihre Koranschulen finanzierten, bei weitem. Saudi-Arabien belieferte die Taliban auch mit jenen Pick-ups, die ihnen ihre große militärische Mobilität ermöglichten. Als besonderes Problem erwiesen sich die "arabischen Afghanen", Tausende von Freiwilligen aus muslimischen Ländern, deren Idol neben Mullah Omar der mit ihm verschwägerte Usama Bin Ladin wurde. Die Taliban wurden locker bis fest verfugt mit Bin Ladins Männern und mit Al Qaida ("Basis"), der von ihm angeführten Terrororganisation.

Der Autor räumt auf mit der Legende, die Vereinigten Staaten hätten die Taliban durchgängig gemästet, um sie jetzt fallenzulassen. Wohl gab es - aus Sicherheitsinteressen in Mittelasien, aus ökonomischen Interessen, die die Ölgesellschaften und ihren Wettlauf um die Linienführung von Pipelines betrafen - gewisse Sympathien der Amerikaner für diese grausamen "Gotteskrieger", die ihren Kampf später mehr und mehr durch den Rauschgiftschmuggel finanzierten.

Als die Taliban Usama Bin Ladin Afghanistan als Exil anboten, erlosch Washingtons "Zuneigung". Amerika war einer der Geburtshelfer, wie Rashid schreibt, nicht mehr, allerdings auch nicht weniger. Ein Grundfehler war vielleicht, daß sich Amerika seit 1989, dem Abzug der russischen Besatzer, kaum noch um das Land gekümmert hatte. Schon 1996 unterzeichnete der amerikanische Präsident Clinton das Anti-Terror-Gesetz, das es erlaubte, die Konten von Terrororganisationen zu blockieren. Die Vermögen Bin Ladins in Höhe von 250 bis 300 Millionen Dollar waren die ersten, die man einfror. 1998, nach den Anschlägen auf die amerikanischen Botschaften in Kenia und Tansania, verlangte der damalige saudische Geheimdienstchef Prinz Turki schon die Auslieferung Bin Ladins.

Amerika mag der Geburtshelfer gewesen sein, doch geschaffen haben die Taliban Pakistan und Saudi-Arabien, jene beiden Staaten, die ihr Regime, zusammen mit den Vereinigten Arabischen Emiraten, auch als einzige diplomatisch anerkannten. Teile des saudischen Geheimdienstes, der pakistanische Geheimdienst ISI und die Sympathien einiger Mitglieder des saudischen Königshauses haben die Taliban immer wieder in Krisen gestärkt und ihnen Hilfe angedeihen lassen. Die CIA freilich blieb ebenfalls tätig in dem engen Gefüge zwischen Pakistan und Kabul. Ebenso, zwischen 1997 und 1999, die internationalen Ölfirmen, und zwar in einem Raum, der von der Türkei bis nach China reicht, und in dem Afghanistan, genau in der Mitte dieses Koordinatensystems von Staaten gelegen, eine Schlüsselrolle hält.

Der Autor bietet einen skeptischen Ausblick auf die Zukunft des Landes. Das Schlußkapitel schreibt er jetzt um. Afghanistan ist zerstört, seine Bevölkerung versprengt, die Ethnien sind zersplittert, Hunderttausende haben das Los von Flüchtlingen erfahren. Viele Menschen sind an Leib und Seele verstümmelt, große Teile des Territoriums sind vermint, allenthalben herrscht Hunger. Wer zählt die Witwen und die Waisen? Zehn bis fünfzehn Jahre, so schätzt Rashid, wird es dauern, bis eine zentrale Behörde aufgebaut sein wird, die das gesamte verwüstete Land wiederaufrichtet und verwaltet, vorausgesetzt, das Land kommt überhaupt zur Ruhe. Das klingt wenig ermutigend.

WOLFGANG GÜNTER LERCH

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"Es handelt sich zweifellos um die beste und ausführlichste Analyse, die wir über das komplexe und überaus tragische Geschehen in Afghanistan und in der Region bis heute besitzen." (Neue Zürcher Zeitung) "Wer die Ereignisse in Afghanistan, wer das große Spiel um Macht, Stammesehre und Öl verstehen will, wer eine Erklärung sucht für die Motive der Taliban, der kommt um Ahmed Rashid und die tiefen Einblicke seines Berichtes nicht herum." (Süddeutsche Zeitung)