Sucht - Borowiak, Simon
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Bitterernst und federleicht - ein Roman über Sucht, wie es ihn noch nie gab.
Cromwell hat sieben Hausärzte am Start, die nichts voneinander wissen und ihm reichlich Aufputsch- und Beruhigungsmittel verschreiben. Das geht natürlich nicht ewig gut, und so beschließen seine Freunde, den Tablettensüchtigen zur Entgiftung in die Klinik einzuweisen.
Simon Borowiak gelingt das Meisterstück, über das Innenleben einer psychiatrischen Notaufnahme, über die Abgründe von Süchtigen und die Schmerzen der Depression so schreiben, dass jede Zeile Spaß macht. Denn Borowiak erzählt von eigenen leidvollen
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Produktbeschreibung
Bitterernst und federleicht - ein Roman über Sucht, wie es ihn noch nie gab.

Cromwell hat sieben Hausärzte am Start, die nichts voneinander wissen und ihm reichlich Aufputsch- und Beruhigungsmittel verschreiben. Das geht natürlich nicht ewig gut, und so beschließen seine Freunde, den Tablettensüchtigen zur Entgiftung in die Klinik einzuweisen.

Simon Borowiak gelingt das Meisterstück, über das Innenleben einer psychiatrischen Notaufnahme, über die Abgründe von Süchtigen und die Schmerzen der Depression so schreiben, dass jede Zeile Spaß macht. Denn Borowiak erzählt von eigenen leidvollen Erfahrungen, weiß aber sehr genau: Die schlimmsten Dinge im Leben kann man nur als Komödie erzählen.

  • Produktdetails
  • Verlag: Knaus
  • Seitenzahl: 288
  • Erscheinungstermin: 6. März 2014
  • Deutsch
  • Abmessung: 218mm x 139mm x 27mm
  • Gewicht: 505g
  • ISBN-13: 9783813504958
  • ISBN-10: 3813504956
  • Artikelnr.: 40017787
Autorenporträt
Simon Borowiak, geboren 1964, war sieben Jahre Redakteur bei dem Satireblatt "Titanic" und ist Autor des Bestsellers "Frau Rettich, die Czerni und ich" (verfilmt mit Iris Berben).
Rezensionen
Besprechung von 08.03.2014
Mein Körper als Notstandsgebiet

Erst die Identität, dann das Vergnügen: Zum Thema Geschlechterrollen hat die erzählende Literatur oft nur Abgestandenes zu bieten. Simon Borowiak ist ein Autor, der in eine ehrliche, freie Zukunft weist.

Von Edo Reents

Die Kategorie der Identität wird immer brüchiger, fragwürdiger. Es scheint, als wären die seit der Moderne spürbaren Denkbewegungen, die zunächst Dinge wie "Wahrheit" oder "Kultur" zertrümmert haben, langsam an ein Ende gekommen, indem sie nicht nur die "Person" in ihre psychologischen, sozialen und biologischen Bestandteile zerlegt haben, sondern auch den Teil davon, der immer am unhintergehbarsten schien: die sexuelle Identität.

Geschlechtliche Uneindeutigkeit gab es immer schon; doch es handelte sich um Ausnahmen, die kaum einmal ans Licht der Öffentlichkeit traten. Längst haben Menschen, die sich in ihrer Haut diesbezüglich nicht wohl fühlen, die Möglichkeit, ihr Geschlecht selbst (neu) zu bestimmen, per Umwandlung beziehungsweise "geschlechtsangleichende Operation". Auf die dadurch veränderten Identitäten, die lange vernachlässigbar schienen, wird zunehmend Rücksicht genommen; sie werden verrechtlicht wie alle anderen auch. In vielen Bereichen und Institutionen hat man inzwischen die Möglichkeit, außer "männlich" oder "weiblich" noch etwas Drittes oder gar Viertes für sich in Anspruch zu nehmen. Entsprechend den eingetragenen Lebenspartnerschaften gibt es das eingetragene, buchstäblich andere Geschlecht. Theoretische Beschreibungen davon gibt es reichlich. Auch in der Kultur kommen sie vor, im Film und in den bildenden Künsten.

Was bedeutet queer aber für die erzählende Literatur; was bedeutet es, dass es immer mehr Inter- oder Transsexuelle gibt? Für den deutschsprachigen Raum wäre hier (der persönlich allerdings davon gar nicht betroffene) Thomas Meinecke zu nennen, dessen Bücher unter der Überlast großer theoretischer Ambitionen gelegentlich jedoch etwas blutleer wirken. Wie sich Transgendertum aber unter dem Aspekt persönlicher Beglaubigung literarisch darstellt, ist bei Simon Borowiak zu sehen.

Abgesehen davon, dass (rein) autobiographische Lesarten immer fragwürdig sind, geht es nicht darum, ob und in welcher Weise sich Bücher von Transsexuellen "anders" lesen. Interessant ist vielmehr, inwieweit grundlegende Erlebnisstrukturen, Verwandlungs- und manchmal auch Erlösungssehnsüchte sich in ihnen ausdrücken. Bei Borowiak darf man vermuten, dass seine Entwicklung vom Fräuleinwunder der deutschsprachigen Satire, das er Mitte der achtziger Jahre unter seinem Mädchennamen Simone bei der "Titanic" wurde, über die mit perfektem Timing agierende Komödienschreiberin ("Frau Rettich, die Czerni und ich", 1992, verfilmt 1998) bis zum Autor klinischer Bücher, die das Grau der Depression und die Schwärze verschiedener Süchte in allen Facetten ausmalen wie der Roman "Wer wem wen" (F.A.Z. vom 30. November 2007), der reine Horror war.

Im Magazin der "Süddeutschen Zeitung" hat Borowiak im Herbst 2012 Auskunft gegeben: "Von da an war ich vorsichtig, was die Erschaffung und Beschaffung von Idealbildern anging. Von Bildern überhaupt: Wie hat eine Frau zu sein? Wann ist ein Mann ein Mann? Mit wachsender Lebenserfahrung wurde mir klar, dass solch virtueller Hokuspokus offenbar jede Gesellschaft flutet, egal wie aufgeklärt/emanzipiert sie sein mag. Ein Naturgesetz auf dem Boden der ewigen Biologie plus der aktuellen Mode. Am Anfang steht das lächerliche Erschaffen eines Prinzen, später die ernsthafte gesellschaftliche Bildgebung des geschlechtlichen Menschen: Das ist weiblich, das ist männlich. Und als Weib sei der Mensch nicht unweiblich, als Mann nicht unmännlich. Und ich mittendrin, mit meinen lausigen Kulissen (Kleider, Frauenschuhe) und falschen Texten (,Wirklich schöne Schuhe!')."

Damit ist die Frage nach dem autobiographischen Gehalt seiner Bücher natürlich noch nicht berührt. Entscheidend ist, dass Borowiak, für den die Behauptung vom Geschlecht als sozialer Zuschreibung auffälligerweise kaum eine Rolle zu spielen scheint, sich von Theorien fernhält und trotzdem in jeder Hinsicht einen "wissenden" Eindruck macht. Auch wenn es nicht um die Unterscheidung zwischen spezifisch männlicher oder weiblicher Literatur gehen kann - schon Simone Borowiak gab diesbezüglich wenig her -, so kommt man um Nietzsches Grundeinsicht, die Sexualität bestimme den Menschen bis in die verborgensten Winkel des Geistigen, vermutlich nicht herum.

Wenn man Borowiaks Schreiben als eine Abstoßbewegung weg vom Leiden, hin zu etwas Lichtem, nicht mehr nur aus Notwehr Heiterem begreifen will, dann wird man sagen können, dass er mit seinem neuen Roman wieder ein gewaltiges Stück vorangekommen ist. "Sucht" ist vordergründig eine Lektion in Alkohol- und Tablettensucht, wieder ganz ohne Überbau. Schon "Alk", dieses im Untertitel keineswegs nur aus Verlegenheit so genannte "fast medizinische Sachbuch" (2006), die erste Publikation nach der Verwandlung, war in der Überzeugung geschrieben, dass der Alltag grau, jeder Fall anders und Theorie dabei nicht sehr hilfreich ist.

Das "Sucht"-Personal ist bekannt aus früheren Geschichten. Diesmal wird der verkrachte Akademiker Cromwell von Schlomo und Mendelssohn in die Psychiatrie gebracht, weil sein Psychopharmaka-Verbrauch selbst für die so abgebrühten wie mitfühlenden Freunde kein Zustand mehr ist. Diese Notaufnahme platzt mitten hinein in die Gründung einer Detektei, mit der die drei endlich festen Boden unter den Füßen bekommen wollen und die just mit dem ungeklärten Tod der Ehefrau von Cromwells grobschlächtigem Zimmergenossen XXL den ersten richtigen Fall an sich zieht. So kommen die im parodistischen Super-Detektiv-Ton geschilderten Ermittlungen mehr schlecht als recht in Gang, kritisch überwacht von der pragmatisch zupackenden Freundin Heike, die mit Cromwell und Schlomo ein in zarter Schwebe gehaltenes Dreiecksverhältnis unterhält, während der blinde Mendelssohn in seiner sexuellen Ausrichtung seltsam schillert. Dass alle drei zu herkömmlichen Rollenbildern selbstironisch Abstand halten, sorgt für wenig zimperliche Dialoge und Pointen: ",Was für einen Beruf hast du eigentlich?' - ,Ich bin Privatdetektiv.' - ,Nein, wirklich?' - Cromwell hört, wie er in XXLs Ansehen steigt. Nicht nur nicht schwul, jetzt auch noch so ein Teufelsberuf!"

Nun ist die in Hamburg spielende Handlung - eher "Einer flog übers Kuckucksnest" als "Zauberberg" - wie in jedem besseren Roman Nebensache, Folie für seelische Vorgänge: Was heißt es und was kann daraus folgen, wenn sich jemand in seiner Haut von Grund auf unwohl fühlt? Dafür gibt es nicht nur ärztliche Hilfe. An unauffälligen Stellen baut Borowiak Wegweiser ein: "Wir sollten endlich mal zu Menschen & Rechte. Dieses Tappen in Grauzonen bringt mich noch um!" Es gibt in Hamburg tatsächlich eine Kanzlei namens Menschen & Rechte, die sich auf Minderheiten spezialisiert hat: Migranten, Behinderte, Transsexuelle; einer der Anwälte ist Oliver Tolmein, regelmäßiger Autor im Feuilleton dieser Zeitung.

Für Borowiaks Protagonisten kommt nur die vorsätzliche biochemische Manipulation ihres Körpers in Frage, als die Tabletten- beziehungsweise Alkoholkonsum hier immer wieder und ausdrücklich gekennzeichnet werden. Knapp und leicht skizziert Borowiak die sehr verwandten Gemütslagen. Schon der Einstieg ist eine meisterliche biographische Miniatur: "Cromwell Jordan war ein weiches Kind, das viel träumte, nie krank war und weder Gott noch Keuchhusten fürchtete. Damit hätte seine Entwicklung zu einem ebenso prachtvollen wie angstlosen Menschen gebongt sein können. Weil aber so dies und das dazwischenkam, entwickelte Cromwell sich letztlich zu einem brüchig-besonnenen Erwachsenen, der zwar noch manchmal träumte, aber ansonsten mit Kinderkrankheiten beschäftigt war. Und seine Besonnenheit war brüchig, weil sie eine chemische war. Denn eines Tages beschloss er, wann immer ihn Gott, Keuchhusten oder Angst zu zerreißen drohten, Tabletten en gros zu sich zu nehmen. Und schon wurde aus dem Aufgeriebenen ein friedfertiger Phlegmat, der es liebte, sich so weit wie möglich aus der Realität zu entfernen und im Schlag selbst loszuwerden."

Mit der Realitätsflucht und dem Wunsch nach Selbstvergessen, Selbstentäußerung sind die entscheidenden Triebkräfte dieses Suchtcharakters bereits kenntlich gemacht. Damit korrespondiert eine beklemmend-anrührende Stelle gegen Ende des Romans: "Schlomo Krakowiak war ein fröhliches Kind, das die Natur liebte und gerne im Gras lag, um sich Spielkameraden einzubilden, die etwa halmhoch und von tierhafter Herkunft waren. Die Bevölkerung seiner Spielwiesen entsprang den Kinderbüchern, die er bei schlechtem Wetter so konzentriert studierte, als wären es Gebrauchsanleitungen fürs Leben. Ansonsten schwor er auf Schokolade und war ein entsprechend pummeliges Kind. Damit hätte aus Schlomo ein ruhiger, buddhistisch-pummeliger Erwachsener werden können, aber ab seinem zwölften Lebensjahr tauchte die garstige Vettel Depression an seinem Horizont auf; sie wurde mit den Jahren immer größer und habgieriger, so dass Schlomo noch vor seiner Volljährigkeit in täglichem Kampf gegen diese schwarze Pest lag. Von früher geblieben war Schlomo die vergebliche Suche nach den ehemaligen Freunden im Gras, und weil der zerstörte Cromwell, der irgendwie halmhoch und tierhaft durch seine Zerrüttung kroch, auf der Suche nach Verständnis oder einem Notausgang oder seinesgleichen war, dockten die beiden aneinander an und blieben in diesem Zustand seit nun zehn Jahren."

Damit sind Dispositionen umrissen, die weniger mit der Suchtcharakteren häufig unterstellten Labilität zu tun haben, sondern eher mit einer prinzipiellen Erlösungssehnsucht. Eindeutig zielen die Stichworte auf eine Utopie von quietistischem Zuschnitt. "Frieden, Bruder, Frieden" lautete schon in "Wer wem wen" die Parole. Den Zustand eines buddhistisch-pummeligen Erwachsenseins erreichen die Protagonisten aber so schnell nicht. Dieses persönliche Ideal als Fluchtpunkt einer pathologischen Entwicklungsgeschichte hebt sich von in Romanen normalerweise verhandelten kulturellen und ökonomischen Ambitionen oder einem politisch-gesellschaftlichen Heroismus krass ab: Phlegmatismus als das Ziel aller Wünsche - welcher Gegenwartsautor hätte den Mut, sich dazu zu bekennen? Alltägliche Zumutungen wie Dauerlärm lassen dem nervlich Zerrütteten nur einen Ausweg: "Fast freute ich mich auf eine ruhige, besinnliche Psychiatrie."

Dieses Beschaulichkeitsideal könnte einen Roman indes allein kaum tragen. Deswegen ist "Sucht" unterschwellig einerseits grundiert vom Goetheschen Metamorphose-Gedanken, andererseits von Wilhelm-Meister-Tragik: Spätestens wenn "Wer nie sein Brot mit Tränen aß" zitiert wird, weiß man, dass das alles kein Spaß ist. Dass auch Regressions- und Todeswünsche mitschwingen, ist nicht zu übersehen: Cromwell rüstet sich für die Klinik mit Zigaretten, einem Stoffhasen und dem Kinderbuch "Das Pferd ohne Kopf", denn: "Es geht doch immer nur zurück in die Kindheit." Dem hier so plakativ gesetzten Gemeinplatz der Psychoanalyse stehen Wunschzustände entgegen, die kindlichem Erleben normalerweise nicht zugänglich sind: Schlaf, Koma, Delirium, schließlich der Tod.

Zu all diesen tristen Empfindungen bildet die Detektivgeschichte einen Kontrapunkt, den man als Leser mit Dankbarkeit quittiert - der Ernst der Lage wäre sonst kaum auszuhalten. Wie sagte Borowiak dem "SZ-Magazin"? "Alles so gar kein Zuckerschlecken, denn erst kommt die Identität, dann das Vergnügen. Aber selbst vor die Identität haben die Götter die Verzweiflung gesetzt." Augenscheinlich hat er mit seiner Identität Frieden geschlossen. Sein Roman, der Komik und Verzweiflung bewundernswert auszubalancieren weiß, ist der Beweis dafür, dass es möglich und manchmal auch nötig ist, sich von seiner körperlichen Basis zu emanzipieren. In dieser Hinsicht kommt ein ziviler, zutiefst humaner, vielleicht utopischer Aspekt zum Tragen: Das Aufbegehren gegen und das schließliche Überwinden des Naturgegebenen ist nur menschlich.

Simon Borowiak: "Sucht". Roman.

Knaus Verlag, München 2014. 288 S., geb., 19,99 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Daniel Schreiber bespricht zwei Romane, die sich die Abhängigkeit zum Thema gemacht haben: "Schluckspecht" von Peter Wawerzinek und "Sucht" von Simon Borowiak sind beide autobiografisch inspiriert, weiß der Rezensent, beide Autoren haben ihre Erfahrungen mit Alkoholismus, Entzug und Rückfällen gemacht - und beiden gebührt jetzt großes Lob dafür, dass sie literarisch spürbar gemacht haben, wie wenig man Sucht als Krankheit unterschätzen darf, so Schreiber. Wie schon in Borowiaks Vorgängerromanen dreht sich "Sucht" um die drei Freunde Cromwell, Schlomo und Mendelssohn, die es sich diesmal in den Kopf gesetzt haben, eine Privatdetektei zu gründen, sobald Cromwell seinen Entzug in der Klinik hinter sich hat, fasst der Rezensent zusammen, der dann ein wenig überrascht ist, wie heiter es trotz Schrecken und Verzweiflung zwischendurch in der Klinik zugeht und wie gut die Insassen über sich und ihre Situation lachen können.

© Perlentaucher Medien GmbH
"Simon Borowiak ist ein großer Roman über das Thema "Sucht" gelungen - mit einer beeindruckenden, unaufgeregt alles umfassenden Menschenliebe."