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In höchstem Maße eindrucksvoll ist es zu sehen, wie hier eine Dichterin über Schriftstellerinnen, Künstlerinnen und eine Wissenschaftlerin schreibt: Ursula Krechel, das hat sie bewiesen, weiß zu erzählen, und sie erzählt mit unverhohlener Leidenschaft, was diesen Frauen widerfahren ist und kluge Frauen haben, wenn sie sich nicht verstecken wollen, selten ein leichtes Leben. Diesen Gang gelebten Lebens bringt uns die erfahrene Lyrikerin Ursula Krechel in überraschenden und konzentrierten Formulierungen nahe, und so entstehen essayistische Arbeiten, in denen uns auch die scheinbar vertrauten…mehr

Produktbeschreibung
In höchstem Maße eindrucksvoll ist es zu sehen, wie hier eine Dichterin über Schriftstellerinnen, Künstlerinnen und eine Wissenschaftlerin schreibt: Ursula Krechel, das hat sie bewiesen, weiß zu erzählen, und sie erzählt mit unverhohlener Leidenschaft, was diesen Frauen widerfahren ist und kluge Frauen haben, wenn sie sich nicht verstecken wollen, selten ein leichtes Leben.
Diesen Gang gelebten Lebens bringt uns die erfahrene Lyrikerin Ursula Krechel in überraschenden und konzentrierten Formulierungen nahe, und so entstehen essayistische Arbeiten, in denen uns auch die scheinbar vertrauten Schriftstellerinnen so gegenüber treten, dass wir uns dem Dringlichen ihrer Existenz und ihres Werkes nicht entziehen können, aber auch nicht wollen.
Alle diese Frauen standen in ihrem Willen, sich zu behaupten und zu erkunden, was sie in sich und der Welt entdeckten, an einem Anfang, der jene, die nach ihnen kamen, im Weitergehen bestärkte.
  • Produktdetails
  • Verlag: Jung Und Jung
  • Seitenzahl: 342
  • Erscheinungstermin: März 2015
  • Deutsch
  • Abmessung: 190mm x 154mm x 33mm
  • Gewicht: 530g
  • ISBN-13: 9783990270714
  • ISBN-10: 3990270710
  • Artikelnr.: 41849508
Autorenporträt
Ursula Krechel, geboren 1947 in Trier. Studium der Germanistik, Theaterwissenschaften und Kunstgeschichte. Lehrtätigkeit an verschiedenen Universitäten. Erste Lyrikveröffentlichungen 1977, danach erschienen Gedichtbände, Prosa, Hörspiele und Essays. 2009 erhielt Ursula Krechel den "Joseph-Breitbach-Preis". 2012 erhielt Sie den Deutschen Buchpreis für den Roman "Landgericht" Die Autorin lebt in Berlin.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 15.05.2015

Mit der Spitzhacke des Verstandes die Erde aufwühlen

Dame, Girl und Frau: Ursula Krechel schreibt in einem lesenswerten Band über Pionierinnen, die in ihren Fächern Maßstäbe gesetzt haben.

Christine de Pizan wurde 1365 in Venedig geboren. Ihr Vater kam als Arzt und Astrologe an den Hof Karls des V., und so wuchs Christine also in Paris auf, in einem männlich geprägten Haushalt (sie hatte viele Brüder) und im Geiste einer männlichen Auffassung von Verstandesnutzung. Durch die Unterstützung ihres Vaters gelang es ihr allerdings bald selbst, zu einer anerkannten Gelehrten zu werden. Ihre essayistischen Abhandlungen wurden von den Fürsten des Spätmittelalters fleißig gekauft und weiterempfohlen.

Man kann sagen, dass Christine de Pizan nicht nur die erste freie und frei verdienende Schriftstellerin der französischen Literaturgeschichte war. Sie gilt heute auch als eine Urahnin der feministischen Bewegung. Kurz gesagt, ohne die Pizan keine Beauvoir. Beide verbindet jedenfalls deutlich mehr als ihr adeliges Attribut. In ihrem Buch von der Stadt der Frauen legt de Pizan Zeugnis über die Spielformen geschlechtsspezifischer Geringschätzung ab und auch darüber, wie sehr der eigene Lebensentwurf lange auf der Kippe stand. Einer weiblichen Figur legt sie folgenden autobiographisch motivierten Satz in den Mund: "Dein eigener Vater, ein bedeutender Naturwissenschaftler und Philosoph, glaubte keineswegs, das Erlernen einer Wissenschaft gereiche einer Frau zum Schaden; wie du weißt, machte es ihm große Freude, als er deine Neigung zum Studium der Literatur erkannte. Aber die weibliche Meinung deiner Mutter, die dich, wie es für Frauen gemeinhin üblich ist, mit Handarbeiten beschäftigen wollte, stand dem entgegen, und so wurdest du daran gehindert, in deiner Kindheit weitere Fortschritte in den Wissenschaften zu machen."

Ursula Krechel, die Buchpreisträgerin des Jahres 2012, widmet das erste Kapitel ihres sehr lesenswerten Pionierinnen-Buchs Christine de Pizan. Wer die Dame bislang nicht oder nur flüchtig kannte, wird mit diesem Porträt eine Wissenslücke schließen können. Wie die Pizan beispielsweise das höfische Frauenbild, die Romantisierungen der Minne, zurückwies, wie sie mit ihrer Kritik am Rosenroman eines Jean de Meung den ersten Literaturstreit der Pariser Intellektuellenszene anzettelte, die sogenannte "Querelle du Roman de la Rose". Und wie sie sich mit den männlichen Kollegen anlegte, ja überhaupt von ihnen als Kollegen zu denken wagte, erfüllt einen sechshundertfünfzig Jahre später mit Erstaunen. Ein derart avanciertes Werk zu dieser Zeit? Mit der "Spitzhacke" ihres Verstandes, habe Pizan die Erde, auf der die Gesellschaft damals stand, aufgewühlt und darauf ein Fundament errichtet, auf dem bis heute unsere Ideale von Gleichberechtigung und Emanzipation stehen.

Als Nächstes erfahren wir einiges über das Leben der Karoline von Günderrode. Wieder eine Grenzgängerin, die sich mit der dem weiblichen Geschlecht vorbehaltenen Seins- und Ausdrucksweise nicht zufriedengeben wollte und dies am Ende mit dem Leben bezahlte, weil ihre auch künstlerisch inspirierende Affäre mit dem verheirateten Altertumswissenschaftler Friedrich Creuzer ein tragisches Ende nahm, als dieser die lange in Aussicht gestellte Scheidung nicht vollzog und seine Geliebte sich daraufhin das Leben nahm. Weibliche Subjektivität war die Sache der Günderrode als Dichterin nicht. Sie zielte eher aufs Heroische, wollte wie Hölderlin oder Novalis den ganzen Weltentwurf, nicht den halben. Heute ist sie als Vertreterin der Frühromantik kanonisiert, allerdings nur in Expertenkreisen. Krechel schreibt hierzu: "Man muss Karoline von Günderrode exhumieren anhand ihrer wahren Hinterlassenschaften - und das sind ihre leuchtenden Texte, nicht die Erinnerung an die tragische Person an der feuchten Friedhofsmauer." Ein Kritiker ihrer "Poetischen Fragmente" teilte einmal erstaunt mit, dass die Günderrode habe dichten wollen "als Weib im männlichen Geist". Krechel pointiert diese Einschätzung souverän: "Doch hätte sie zu dichten versucht als Weib im weiblichen Geist, ihre Arbeit wäre als eine höhere schriftliche Stickerei angesehen worden."

Daneben bemerkt die Miniaturbiografin kleine Zufälligkeiten, die einer Dichterin wie Krechel aber nie als Zufall allein erscheinen können. "Wo sie in Frankfurt am Main lebte und arbeitete, im ,v. Cronstetten und Hynsperg'schen Adelig-Evangelischen Damenstift' am Rossmarkt 17, an der Ecke zum Salzhaus, klafft heute eine Lücke, der Durchbruch zur Kaiserstraße. Daneben stand lange ein Möbelkaufhaus mit dem ernüchternd einsilbigen Namen ,Mann'."

Krechels Essays schaffen eine staunenswerte Genealogie von Frauen, die in ihrem Fach Maßstäbe gesetzt, aber auch immer Federn in dem vorangegangenen Geschlechterkampf gelassen haben. Bettina von Arnim, Annette von Droste-Hülshoff, Marieluise Fleißer, Hannah Höch und andere. Prominentestes Beispiel aus der literarischen Moderne wäre Ingeborg Bachmann, der Ursula Krechel ebenso ein Kapitel widmet wie der verehrten Friederike Mayröcker. Hier, in einer Epoche, die für die Dichterin Zeitgenossenschaft bedeutet, zeigt sich die Crux beim Erschreiben einer Aktualbibliographie. So klug und anregend Krechels Bemerkungen über die Bachmann sind, so esoterisch wird es, wenn sie die Übernahme eines Kronleuchters aus dem Bachmannschen Besitz leitmotivisch auskostet.

Wieder unbestechlich klug ein Essay mit dem Titel "Linksseitig, kunstseidig: Dame, Girl und Frau", in dem der neue Typus der Berlinerin bei Fontane, Döblin, Bloch oder Keun untersucht wird. Von Mascha Kaléko ist hierzu ein Satz überliefert, über den unter der Rubrik Emanzipation und Kapitalismus noch nachzudenken wäre: "Es hieß, wir sollten jetzt ins Leben treten. / Ich aber leider trat nur ins Büro." 1976 erschien Ursula Krechels "Selbsterfahrung und Selbstbestimmung. Bericht aus der neuen Frauenbewegung". Mit ihrem Essayband knüpft sie virtuos an ein maßgebliches Thema ihrer eigenen Schreibbiographie an.

KATHARINA TEUTSCH

Ursula Krechel: "Stark und leise. Pionierinnen".

Jung und Jung Verlag, Salzburg, Wien 2015. 343 S., geb., 25,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 01.07.2015

Wenn Dichterinnen Land gewinnen
Ursula Krechel porträtiert „Pionierinnen“ von Christine de Pizan über Ruth Landshoff-Yorck bis Friederike Mayröcker
„Aus der Dame“, schreibt Ursula Krechel über die Geschlechterrollenprosa der Zwanzigerjahre, „ist eine androgyn empfinden wollende Person geworden, die immer noch nicht tut, was eine Dame nicht tut, doch sie täuscht die Souveränität eines Herrn vor. Wenn sie schon kein Gewinner ist, dann eine gute Verliererin. Meiden wird sie die der Frau zugebilligten Ausdrucksformen: Hysterie, öffentliche Gefühlsaufwallungen, katzenhafte Falschheit, hündische, weibliche Sklaveneigenschaften.“ Mit ihrem Roman „Landgericht“ hat Ursula Krechel 2012 den Deutschen Buchpreis gewonnen. Nun erzählt sie die Lebensgeschichten von zwanzig Frauen, Künstlerinnen die einen, Wissenschaftlerinnen die anderen.
  „Stark und leise“ heißt ihr Essayband; neben Ex-Dame und Girl in den Zwanzigern und frühen Dreißigern treten darin auch all die schreibenden Orientreisenden, Selbstfahrerinnen, Dadaistinnen und Auflagenmillionärinnen in Erscheinung, denen UrsulaKrechel ihre Porträts widmet: Ruth Landshoff-Yorck, Vicki Baum, Irmgard Keun, Hannah Höch, Marieluise Fleißer, Annemarie Schwarzenbach oder die Sexualwissenschaftlerin Charlotte Wolff. Chronologisch eingefasst werden die Essays von einem weit ausholenden Davor – vom Mittelalter und Christine de Pizans „Stadt der Frauen“ führt ein Pfad zu den Frühromantikerinnen – und einem Danach, das die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts mit Ingeborg Bachmann, Friederike Mayröcker oder Elke Erb besetzt.
  Der umfangreichste und stärkste Part aber gilt der Zwischenkriegszeit mit ihren glatten Oberflächen und ihren „luftigen, nomadisierenden Lebensformen“. Ursula Krechel untersucht die Kältemetaphern, mit deren Hilfe die unsentimentalen „Pionierinnen“ (so heißt der Band im Untertitel) eine Weiblichkeitsidee hinter sich lassen wollten, die sie aufs Sentiment verpflichtete. Die neue Schriftstellerin „berichtet, anstatt zu beichten“, heißt es bei Erika Mann, „sie hat Humor und Klugheit, und sie hat die Kraft, sich auszuschalten“. Sich selbst „auszuschalten“, erweist sich als recht zweischneidige Strategie; dass die Pionierinnen-Essays auch die „Rückseite der kühlen Eleganz“, den „Antipoden-Kontinent der Verletzbarkeit“ aufspüren, ohne zu bewerten oder zu urteilen, macht ihren Reiz aus.
  Ursula Krechel beobachtet diese frühen Beobachterinnen beim Beobachten; und sie rekonstruiert den Nimbus der Nüchternheit, der vom Unsentimentalen, Unpathetischen, von der Kühle und Glätte ausging. Im Grunde sind ihre Essays genau jenen Verhaltenslehren der Kälte auf der Spur, die gemeinhin mit Bertolt Brecht, Ernst Jünger, Walter Serner oder Siegfried Kracauer assoziiert werden.
  In Krechels Essays kann man nachlesen, dass die Kalte Ordnung – „l’ordre froid“ hatte man die Neue Sachlichkeit schon früh in Frankreich genannt – in all ihren Paradoxien von Schriftstellerinnen wie Irmgard Keun oder Marieluise Fleißer erfasst wurde. Dass die Autorinnen dieser klug-witzigen Bohemiennes oft genauso zurückgestutzt wurden wie ihre Romanfiguren, zeigt Krechel auch. Irmgard Keun wurde, etwa von ihrem Lektor Hermann Kesten, mit ihren „verliebten kleinen Mädchen“ ins humoristische Fach gesperrt; Krechel rekonstruiert, wie die Autorin nach und nach vergessen wurde, „unter einem Epitaph begraben, das sie fahrlässig fälschlich einer niederen Gattung zuordnet“. Nicht zuletzt verfolgen die Essays nach, wie das „systematische Vergessen weiblicher Kulturleistungen“ funktioniert. Ein anderes System des Vergessens stand im Zentrum des Romans „Landgericht“: Ein jüdischer Richter kehrt aus dem Exil zurück und kämpft verzweifelt um Gerechtigkeit in einem Kleinbürgerland, das von der Nazi-Vergangenheit nichts mehr wissen will.
  Dass Ursula Krechel vor allem auch Lyrikerin ist, merkt man vielleicht am deutlichsten in ihrem Porträt von Friederike Mayröcker. „Vom Gießen und Fließen“ heißt dieser Aufsatz, der wunderbar zu den mäandernden Satzströmen Mayröckers passt und Schreibfluss, Pfingstwunder und Schrift-Ekstase zusammenbringt. Mit den „Magischen Blättern“ Mayröckers, den Verzückungen und Erleuchtungen der österreichischen Mystikerin, skizziert Krechel eine Poetologie des Überflusses: „Die pfingstliche Vermehrung der Sprache: eine Art von früher Poetisierung oder auch Romantisierung der Welt, es gibt keine Fremdsprache mehr, alles will durchlässig werden wie im Märchen.“
  Durchlässigkeit ist überhaupt ein gutes Stichwort: In ihrem Nachwort spricht sich Ursula Krechel für die Form des Essays aus, weil er „Raum bietet für ein weit ausgreifendes Denken“ und „keiner Fachdisziplin angehört“. Ihre Pionierinnen-Porträts sind auf genau diese Weise durchlässig für die Poetologien der anderen, vor allem sind sie: analytisch und feinfühlig zugleich. Wer das für ein Gegensatzpaar hält, sollte sofort loslesen.
JUTTA PERSON
Der Band versammelt
Lebensgeschichten einer anderen
Idee von Weiblichkeit
        
  
  
Ursula Krechel: Stark und Leise. Pionierinnen. Verlag Jung und Jung, Salzburg und Wien 2015. 344 Seiten, 22 Abbildungen, 25 Euro. E-Book 18,99 Euro.
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