Stalins Kriege - Roberts, Geoffrey
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Josef Stalin (1878 - 1953) ist für den Tod von Millionen von Menschen verantwortlich. Aber sein Name ist auch untrennbar verbunden mit der Befreiung von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Der Weltkriegshistoriker Geoffrey Roberts hat der Stalin-Ära Jahrzehnte intensivster Forschung gewidmet. Der Bogen seines großen Geschichtswerks spannt sich vom Hitler-Stalin-Pakt (1939) über die Kämpfe des Zweiten Weltkriegs bis zum Koreakrieg (1950 - 1953). Stets fragt der Autor nach der persönlichen Rolle Stalins, geht seinen Erfolgen und seinen katastrophalen Fehlern auf den Grund. Roberts…mehr

Produktbeschreibung
Josef Stalin (1878 - 1953) ist für den Tod von Millionen von Menschen verantwortlich. Aber sein Name ist auch untrennbar verbunden mit der Befreiung von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.
Der Weltkriegshistoriker Geoffrey Roberts hat der Stalin-Ära Jahrzehnte intensivster Forschung gewidmet. Der Bogen seines großen Geschichtswerks spannt sich vom Hitler-Stalin-Pakt (1939) über die Kämpfe des Zweiten Weltkriegs bis zum Koreakrieg (1950 - 1953). Stets fragt der Autor nach der persönlichen Rolle Stalins, geht seinen Erfolgen und seinen katastrophalen Fehlern auf den Grund. Roberts konnte das erst seit kurzer Zeit zugängliche sowjetische Quellenmaterial auswerten und entwickelt daraus ein dichtes Bild des Politikers, Strategen und Machthabers.
  • Produktdetails
  • Verlag: Patmos Verlag
  • Seitenzahl: 501
  • 2008
  • Ausstattung/Bilder: 2008. 501 S. m. Ktn.-Skizzen.
  • Deutsch
  • Abmessung: 245mm
  • Gewicht: 1100g
  • ISBN-13: 9783491350199
  • ISBN-10: 3491350190
  • Artikelnr.: 23322957
Autorenporträt
Geoffrey Roberts ist Professor für Geschichte an der Universität Cork (Irland).
Rezensionen
Besprechung von 02.02.2009
Der Onkel Joe macht alle froh!
Stalins Verlautbarungen verklären seine Kriege

War Stalin ein weitsichtiger Stratege mit diplomatischem Geschick? Müssen wir uns vom Diktum Nikita Chruschtschows, der Diktator sei ein militärischer Dilettant und ein gewalttätiger Paranoiker gewesen, dem Millionen Menschen zum Opfer gefallen seien, verabschieden? Auf diese Frage gibt Geoffrey Roberts eine eindeutige Antwort: Man müsse alle Urteile, die bislang über den Diktator gefällt worden seien, korrigieren. Stalin sei ein weitsichtiger Stratege gewesen, er habe die mangelnde Vorbereitung der sowjetischen Truppen auf den deutschen Angriff nicht verursacht, er habe den Rat der militärischen Experten gehört und umsichtige, kluge Entscheidungen getroffen, und nur deshalb sei es am Ende möglich gewesen, den Sieg der Sowjetunion über das nationalsozialistische Deutschland zu erringen.

Stalin sei im Juni 1941, als die Wehrmacht den Krieg gegen die Sowjetunion eröffnete, nicht paralysiert gewesen, sondern habe entschlossen gehandelt und die Staatsgeschäfte in seine Hand genommen. Vor allem aber habe der Diktator aus Fehlern gelernt, habe seinen Generälen zugehört und ihnen freie Hand gelassen. Stalins Anstrengungen hätten es ermöglicht, "die Welt für die Demokratie zu retten". Selbst für die Massaker an den polnischen Offizieren findet Roberts eine "pragmatische" Begründung: Die Offiziere hätten sich nicht umerziehen lassen wollen. Deshalb habe der Geheimdienst den Entschluss gefasst, sie umzubringen. Stalin sei damit nicht befasst gewesen. Nun sind die Dokumente, die das Verbrechen und ihre Urheber bezeichnen, bereits vor zehn Jahren veröffentlicht worden. Sie belegen das Gegenteil dessen, was Roberts behauptet. Woher weiß Roberts überhaupt, dass Stalin in Wahrheit ein Appeasement-Politiker war? Er hat es in den Memoiren sowjetischer Politiker und Generäle gelesen, aus denen er zitiert - als sei, was in der Sowjetunion publiziert werden konnte, über jeden Zweifel erhaben.

Auch über Stalins Auftritt auf den diplomatischen Bühnen weiß Roberts nur mitzuteilen, was die historische Forschung bereits hinter sich gelassen hat. Stalins Außenpolitik sei defensiv gewesen, er habe auch nach 1945 nach Wegen gesucht, die Allianz mit den Alliierten fortzusetzen und eine Verständigung mit den Ländern Ostmitteleuropas herbeizuführen. Und auch die Wiedervereinigung Deutschlands sei ein aufrichtiges Anliegen des Diktators gewesen. Nicht Stalin, sondern die Westmächte hätten nach 1946 die Türen für eine Verständigung endgültig zugeschlagen, denn sie hätten der Sowjetunion unerfüllbare Bedingungen gestellt. So hätten die Vereinigten Staaten die Anerkennung der Regierungen in Rumänien und Bulgarien von freien und fairen Wahlen abhängig gemacht. Einer solchen Zumutung habe sich Stalin widersetzen müssen.

Worauf beruhen diese Einsichten? Roberts beruft sich vor allem auf Stalin selbst. Dieser habe den Tod Roosevelts betrauert, er habe Churchill für seinen Freund gehalten und stets mit Respekt von den Alliierten gesprochen. Aber was sind die öffentlichen Verlautbarungen des Diktators wert, wenn sie nicht interpretiert, sondern den Lesern als eine getreue Widerspiegelung von Absichten vorgeführt werden? Hatte Stalin nicht auch freundliche Worte für Hitler gefunden, als er sich davon einen Nutzen versprach? Hatte er nicht Menschen umbringen lassen, über die er später nur mitzuteilen wusste, er habe mit ihnen eine Meinungsverschiedenheit ausgetragen? Sind nicht Millionen von Soldaten den verbrecherischen Befehlen des Diktators zum Opfer gefallen, in Strafbataillone versetzt, in Lager gesperrt oder als Verräter erschossen worden? Waren die auf Geheiß Stalins organisierten Vertreibungen und Deportationen von Völkern während des Krieges pragmatisch und strategisch weitsichtig? Und wie soll man die Teilung Polens, die Besetzung der baltischen Republiken und die Expansion des stalinistischen Terrors nach Ostmitteleuropa mit der These vereinbaren, Stalin sei ein defensiver Machtstratege und ein Advokat der friedlichen Koexistenz gewesen? Auch darauf gibt Roberts eine schlichte Antwort: Man dürfe sich nicht auf die Interpretationen der Historiker verlassen. Stattdessen komme es darauf an, die Wahrnehmungen der Zeitgenossen aufzuspüren, denn sie stünden der Wahrheit näher als die Interpretationen nachgeborener Historiker. "Die Geschichte kann uns klüger machen, wenn wir es ihr erlauben." Ob Roberts mit Stalin selbst gesprochen und ihn sogleich verstanden hat? Wir wissen es nicht. Aber wir wissen, dass uns die simplen Geschichten, die er erzählt, nicht klüger gemacht haben.

JÖRG BABEROWSKI

Geoffrey Roberts: Stalins Kriege. Vom Zweiten Weltkrieg zum Kalten Krieg. Patmos Verlag, Düsseldorf 2008. 501 S., 39,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 23.11.2009
Skrupelloser Stratege
Ein Versuch, Stalin nicht nur als Monster zu zeichnen
An Darstellungen des Kriegs der „Roten Armee” gegen die Wehrmacht fehlt es nicht. 2003 erschien Richard Overys Buch „Russlands Krieg”, drei Jahre später die Studie von Catherine Merridale über „Iwans Krieg”, die den fürchterlichen Krieg aus der Perspektive des einfachen sowjetischen Soldaten beschrieb, der ungeheure Strapazen, Kälte, Hunger und katastrophale Organisationsdefizite überstehen und ausbaden musste. Geoffrey Roberts’ Studie mit dem Titel „Stalins Kriege” dreht den Spieß um und betrachtet den Krieg von oben – sozusagen aus den gut geheizten Büros der Herrschenden. Naiv ist der Autor nicht, denn trotz des Titels weiß er natürlich, dass „Stalins Kriege” die Kriege seiner Soldaten, Soldatinnen, Offiziere und fast der gesamten Zivilbevölkerung waren. Trotzdem ist der Perspektivenwechsel sinnvoll, notwendig und lehrreich.
Stalin gilt zu Recht als einer der verbrecherischsten Diktatoren, der keine Skrupel kannte beim Aushungern von ukrainischen Bauern, bei der Deportation von Krimtataren, Tschetschenen und anderen Völkern sowie bei der massenhaften Ermordung von politischen Gegnern und bei der gnadenlosen Verfolgung von vermeintlichen Verrätern. In der Geschichtsschreibung hat man es sich oft sehr leicht gemacht mit ihm: Er wurde zum „Monster oder pathologischen Fall” (Robert H. McNeal) oder schlicht paranoiden Massenmörder gemacht. Das mag er gewesen sein, obwohl belastbare Quellen zur psychologischen Grundausstattung des Diktators Seltenheitswert haben. Als strategisch denkender Kriegsherr und Rüstungsorganisator, den Churchill noch am 5. März 1946 in seiner berühmten Rede über die Trennung Europas durch den „Eisernen Vorhang” respektvoll als „Kriegskameraden” bezeichnete, handelte Stalin alles andere als irrational. Das ist Roberts’ Hauptthese, und mit ihr transportiert der Historiker nicht den Hauch einer Stalin-Apologie oder einer Relativierung dessen Verbrechen. Stalin machte grobe Fehler, aber er war – im Unterschied zum fanatischen Egomanen Hitler – lernfähig. Er vertraute (meistens) seinen erfahrenen Generälen und nicht Wahnideen.
Roberts zeigt, dass aus der Roten Armee unter Stalins Führung vom chaotischen Winterkrieg gegen Finnland (1939/40) über die Verteidigung von Leningrad (1941) und die Abwehr von Hitlers Vernichtungskrieg bis zur Schlacht um Stalingrad (1942/43) immer stärker „eine große Lerngemeinschaft” wurde, „die Erfahrungen und Lehren aus den Kämpfen” zu ziehen wusste. Am Ende standen der strategisch brillant geführte Krieg gegen Japan in der Mandschurei und die rasante Niederringung und Zurückdrängung der Wehrmacht auf breiter Front zwischen der Ostsee und dem Schwarzem Meer.
Die Erfolge beruhten auf drei Voraussetzungen. Erstens bildete Stalin 1941 mit Molotow, Malenkow, Berija und Woroschilow eine Art Kriegskabinett, das er in jedem Moment kontrollierte, das aber professionell, effizient und loyal zusammenarbeitete. Zweitens schaffte Stalin die unsinnige doppelte Kommandostruktur von Offizieren und Polit-Kommissaren ab. Dadurch wurden die Frontkommandanten in ihren Entscheidungen freier und erfolgreicher. Drittens schließlich kümmerte sich Stalin nach den anfänglichen Niederlagen intensiv um die Sicherung der wirtschaftlichen Grundlagen der Kriegsführung. 1500 Rüstungsbetriebe wurden hinter den Ural verlegt und 3500 Fabriken dort aufgebaut. In wenigen Jahren stampfte er eine Armee aus dem Boden, die einen modernen Bewegungskrieg mit Panzern und Flugzeugen führen konnte.
Im letzten Drittel des Buches zeigt Roberts, wie und warum die Nachkriegsentwicklung nicht in ein stabiles Friedensbündnis unter Führung der USA, Großbritanniens und der Sowjetunion mündete, sondern in den Kalten Krieg. Roberts’ Darstellung ist frei von einer Dämonisierung Stalins. Sie zeigt, dass dieser die Haupt-, aber keinesfalls die Alleinverantwortung für den Kalten Krieg trägt. Das Ziel einer Weltrevolution hatte er aufgegeben und die kommunistischen Parteien im Westen aufgefordert, in demokratisch geführte Regierungen einzutreten. Er war bereit, die in Jalta und Potsdam vereinbarten „Einflusssphären” zu respektieren – zum Beispiel das britische Eingreifen in den griechischen Bürgerkrieg. Andererseits wollte er aber in Osteuropa freie Hand behalten, was die westlichen Alliierten nicht akzeptierten. 1947 begann der Zerfall der Welt in vorerst zwei antagonistische Blöcke. Beide Seiten schworen auf „Vereinheitlichung”, was die Völker im Osten mit der Sowjetisierung und Stalinisierung teuer bezahlten. Ein ungemein anregendes Buch. RUDOLF WALTHER
GEOFFREY ROBERTS: Stalins Kriege. Vom Zweiten Weltkrieg bis zum Kalten Krieg. Aus dem Englischen von Michael Carlo Klepsch. Patmos-Verlag, Düsseldorf 2008. 501 Seiten, 40 Euro.
Stalin machte zwar grobe Fehler, war aber nicht irrational. Foto: AP
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Vor diesem Buch möchte Jörg Baberowski uns warnen. Geoffrey Roberts' Wunschvorstellung, Geschichte nicht als Interpretation, sondern als Zeitzeugenwahrnehmung zu schreiben, kommt ihm mindestens merkwürdig vor. Oder hat der Autor vielleicht mit Stalin gesprochen? Allzu simpel, findet Baberowski, versuche Roberts so, die Zweifel hinwegzufegen, die dem Rezensenten immerhin kommen. Den weitsichtigen Strategen und Friedensstifter, als den der Autor Stalin in diesem Buch zeichnet, kann der Rezensent jedenfalls beim besten Willen nicht erkennen. Dafür, so gibt er zu verstehen, müsste man schon die gesamte historische Forschung ausblenden. Dass Roberts ebendies tut und seine Überzeugungen aus den Memoiren sowjetischer Generäle und Stalins eigenen Verlautbarungen zusammenzimmert, hält Baberowski für eine Schnapsidee.

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