SO36
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Das SO36 in Berlin-Kreuzberg ist seit fast 40 Jahren ein magischer Ort für krasse Musik, linksradikale Politik, wilde Exzesse und heftige Flashs. Ein Ort für Punks, Hippies, Burner, Hedonisten, Homos, Heteros und andere Lichtgestalten. Das SO ist Symbol eines wütenden Stadtteils - Hausbesetzer vs. Bullen, Kiezmiliz, Soliaktionen, politischer Kampf.
Der opulente Jubiläumsband versammelt brutal chronologisch die Geschichten und Bilder, die diesem Ort entsprungen sind - eine Zeitreise durch die Punkgeschichte. Doch es geht um weitaus mehr als um eine Revue: Es wird auch die Frage verhandelt,
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Produktbeschreibung
Das SO36 in Berlin-Kreuzberg ist seit fast 40 Jahren ein magischer Ort für krasse Musik, linksradikale Politik, wilde Exzesse und heftige Flashs. Ein Ort für Punks, Hippies, Burner, Hedonisten, Homos, Heteros und andere Lichtgestalten. Das SO ist Symbol eines wütenden Stadtteils - Hausbesetzer vs. Bullen, Kiezmiliz, Soliaktionen, politischer Kampf.

Der opulente Jubiläumsband versammelt brutal chronologisch die Geschichten und Bilder, die diesem Ort entsprungen sind - eine Zeitreise durch die Punkgeschichte. Doch es geht um weitaus mehr als um eine Revue: Es wird auch die Frage verhandelt, warum der dreckige Punkschuppen oder schillernde Nachtclub das alles eigentlich überlebt hat. Ob Ratinger Hof oder CBGB's - versunken, fast vergessen. Das SO36 aber bietet noch heute die Möglichkeit zur Ekstase, verpflichtet sich der Irritation. Der über 400 Seiten starke Bildband, ein fotolastiger Punk-Brocken, ist Rückblick und Anstiftung zugleich.

Eine Zeitreise durch die Subkulturgeschichte Deutschlands, unter anderem mit Wolfgang Müller (Die Tödliche Doris), Claus Ritter (Male), Frieder Butzmann, Frank Z. (Abwärts), Bettina Köster (Malaria), Charly Harper (UK SUBS), Mark Reeder (Die Unbekannten), Volker Hauptvogel (MDK), Henry Rollins (Black FLag), Johnny Bottrop (Terrorgruppe), Rahel Kindermann (She-Devils), Lou Koller (Sick of it All), Roger Miret (Agnostic Front), Ipek Ipekcioglu, Elvira Westwärts, Fatma Souad, Page Hamilton (Helmet) und Sookee.

Dem Band liegt eine DVD bei, mit Filmen, Interviews sowie weiterem umfangreichen Videomaterial.
  • Produktdetails
  • Verlag: Ventil
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 464
  • Erscheinungstermin: 1. April 2016
  • Deutsch, Englisch
  • Abmessung: 294mm x 235mm x 40mm
  • Gewicht: 2062g
  • ISBN-13: 9783955750541
  • ISBN-10: 395575054X
  • Artikelnr.: 44273009
Autorenporträt
Als FreundInnen des Hauses sind die HerausgeberInnen Lith Bahlmann, Nanette Fleig, Robin Jahnke, Ulli Krüger, Erik Steffen und Lilo Unger seit vielen Jahren in unterschiedlichen Kontexten mit dem SO36 verbandelt und arbeit(et)en in diversen Projekten und Institutionen als VeranstalterInnen mit, z.B. nGbK, FHBX-Museum, KPD/RZ, SO36, Wonderska, "Festival der Musik der Unterdrückten", "Berliner Krankheit reloaded", Galerie Knoth & Krüger, Lange Buchnacht, text flex,
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Jan Kedves amüsiert sich mit den Fotos, den Zeitzeugenberichten und den Fußnoten in diesem vom Kollektiv Sub Opus 36 e.V. herausgegebenen und, wie Kedves findet, famos gemachten Band. Ob er an Kippenbergers teils unrühmliche SO-36-Zeiten erinnert wird oder von einem gestandenen Musikjournalisten an die Musikszene der achtziger Jahre - stets findet er die Berichterstattung ausgewogen, abwechslungsreich und informativ, nicht verzettelt, sondern gut ausbalanciert auch im Ton zwischen Kiez-Politik-Duktus und Hausbesetzerromantik. Sub- und Multikultur-Geschichtsschreibung at its best, meint der Rezensent, für jeden pop- und subkulturell Interessierten.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 09.05.2016

Moderne Musik für zerstörte Menschen
Der legendäre Punk- und New-Wave-Club SO 36 in Berlin-Kreuzberg hat ein Buch über seine eigene Geschichte veröffentlicht
– es ist die Geschichte eines erfolgreich gelebten Wahnsinns, immer an der Grenze zum Fiasko
VON JAN KEDVES
Womit bloß anfangen? Mal wieder mit dem Eröffnungsabend, August 1978, als David Bowie und Iggy Pop im Mercedes-Coupé vorfuhren, Bowie einen beigefarbenen Anzug trug und Pop später an der Bar umkippte? Oder mit dem Abend zwei Jahre später, als die U.K. Subs aus England spielten und die legendäre Rattenjenny da war, die sich als Stammgast und angesehene Kreuzberger Punk-Autorität an diesem legendären Ort so einiges rausnehmen konnte? So hielt sie es zum Beispiel für völlig einleuchtend, mit ihrer Ratte hinter die Bühne zu klettern, vor den Augen der Band in eine Wanne zu pinkeln und zu sagen: „Die Klos sind voll!“ Die U.K. Subs fanden das so überzeugend, dass Rattenjenny seitdem bei ihren Konzerten freien Eintritt genießt.
  Weniger gut zurecht kam Rattenjenny allerdings mit Martin Kippenberger, der 1979 noch kein weltberühmter Künstler war, sondern ein gerade aus Florenz nach Westberlin gezogener Anzug- und Krawattenträger. Kippenberger dachte sich wohl, er könne Rattenjenny vor die Tür setzen, die ging dann aber mit einem zerbrochenen Bierglas auf ihn los – woraufhin Kippenberger ins Krankenhaus kam und danach seine berühmte Selbstporträtserie malte, die ihn als blutig bandagierte Mumie zeigt: „Dialog mit der Jugend“ (1979).
  Der Dialog mit der Jugend hält – inzwischen meist friedlich – bis heute an, davon zeugt das Buch „SO 36 – 1978 bis heute“. Jeder halbwegs pop- und subkulturell Interessierte sollte es lesen. Denn manchmal ist es eben doch gut, sich selbst zu historisieren, bevor andere es tun, beziehungsweise nachdem andere es bereits – falsch – getan haben. Also hat der Trägerverein des deutschland- und weltweit bekannten Kreuzberger Punk- und New-Wave-Ladens, Sub Opus 36 e.V., nun diesen 463-Seiten-Klotz herausgegeben, voller Zeitzeugenberichte, Magazin-Scans und Fotos, die die (dezidiert links-)bewegte Historie des SO 36 aufrollen.
  Kippenberger zum Beispiel: Er war nicht, wie häufig kolportiert wird, der Gründer des SO 36. Er stieg erst 1979 ein, ein Jahr nach der Eröffnung, mit Geld, das er geerbt hatte. Kaum sechs Monate lang war er einer von drei Geschäftsführern – bis das „Esso“ dann zum ersten Mal Pleite machte. Was auch daran lag, dass die von Kippenberger organisierten Kunst- und Performance-Abende – etwa das Varieté zu seinem eigenen 25. Geburtstag, bei dem auf der Bühne live Palatschinken gebacken wurden – ein finanzielles Fiasko waren. Worüber Kippenberger dann auch sehr weinerlich werden konnte.
  Subkultur-Geschichtsschreibung, das ist eine heikle Sache. Entweder stecken die Autoren zu wenig im Thema, was sich mit größter Recherchemühe nicht wettmachen lässt. Oder sie stecken zu tief drin und finden deswegen alles gleich wichtig. In „SO 36 – 1978 bis heute“ aber stimmt die Balance aus Stadtteil-Politik, professionell-antikapitalistischem Duktus und Altkreuzberger Hausbesetzerromantik. Ausführlich, aber nicht verzettelt, chronologisch, dann aber in der Mischung von Anekdoten, Interviews, Essays und autobiografischen Notizen doch abwechslungsreich – insgesamt ist das Buch so gelungen, dass man sich fragt, wie ein basisdemokratisches Kollektiv so etwas hinbekommen konnte. Denn man weiß ja, wie es dort abgeht: Alles wird im Plenum ewig durchgekaut, allen muss alles recht gemacht werden. Gab es in der sechsköpfigen Redaktionsgruppe ewige Diskussionen darüber, was man rauslassen, was man unbedingt noch mit reinnehmen müsse? Sicher ist nur, dass es sich jetzt eben wunderbar liest, wenn zum Beispiel der Musikjournalist Ralf Niemczyk seine Erinnerungen an die sagenumrankte Musikszene in den frühen Achtzigern aufschreibt: „Man musste – im Guten wie im Schlechten – nichts können, um in großen Teilen West-Berlins der heiße Scheiß zu sein.“
  Dass das Buch eigentlich zwei Jahre zu spät erscheint, sollte es doch schon 2014, zum 36. Jubiläum des SO 36, fertig sein: Sei’s drum. Jetzt, 2016, passt es vielleicht sogar noch besser in die Zeit. Jetzt nämlich ist sehr viel die Rede vom neuen, krass eskalierenden Kreuzberg, vom Kulturkampf rund ums Kottbusser Tor, von Gentrifizierung und sexistischen und homophoben Übergriffen osteuropäischer und arabischer Banden am helllichten Tag. Jetzt, 2016, scheint das alte, schon tausendmal totgesagte Kreuzberg-Südost, für das auch das SO 36 immer stand, also vielleicht doch endgültig unterzugehen – während allerdings im SO 36, in fünf Minuten Laufweite vom Kottbusser Tor, auch wenn inzwischen vielleicht die Security an der Tür etwas verstärkt wurde, ansonsten doch noch alles beim Alten ist.
  Das heißt: Bei „Gayhane“ feiert die queere türkisch-arabische Community einmal im Monat zu den „Homoriental Beats“ von DJ Ipek, sonntags im „Café Fatal“ schwofen die Lesben und Schwulen zu Zwanzigerjahre-Schlagern, beim „Kiezbingo“ wird Geld für soziale Projekte gesammelt, Geflüchtete kommen umsonst rein. Und zwischendurch gibt es immer noch die Punk- und Hardcore-Konzerte, die anfangs die Legende des Ladens begründeten (Motto: „Moderne Musik für zerstörte Menschen“). Auch die Bands selbst erinnern sich gerne daran: Roger Miret von Agnostic Front, die seit 1990 immer wieder ins SO 36 kommen, schreibt in seinem kurzen Beitrag, das SO 36 sei „das CBGB’s von Europa“, und Blaine L. Reininger von Tuxedomoon schickt folgende Zeilen: „Wir waren es ja gewohnt, in Dreckslöchern und Absteigen zu spielen (. . . ), die einfach nur im Nachhinein oder mit Uppers glamourös erschienen. Wirklich erstaunlich war das Backstage im SO 36. Es war einfach nur ein Loch in der Erde. Kein Licht, keine Decke, der Boden war ein Haufen Dreck in einer Art Höhle. Ich fand’s total lustig.“ Auch sehr schön: das Foto von 1980, auf dem Wolfgang Müller von Die Tödliche Doris als junger Fanboy bei einem Konzert der damals längst legendären britischen Industrial-Krach-Combo Throbbing Gristle in der ersten Reihe steht und ins Mikro brüllt, das Genesis P-Orridge ihm von der Bühne entgegenstreckt.
  Ja, die SO-36-Geschichte ist wirklich eine Wahnsinnsgeschichte. Die Geschichte eines Raums, der für seine Kargheit und Neonbeleuchtung, sprich: für seinen Anti-Hippie-New-Wave-Chic, gehasst wurde. Ein Raum für „multiple Diasporen“, der „es bis heute schafft, sich lokal zu verwurzeln, ohne dabei Provinz zu werden“, wie Wolfgang Müller schreibt. Vorher war hier ein Penny-Markt, der 1967 in einem ehemaligen, im Krieg zerbombten Kino eröffnet hatte. Das Haus stand, als es 1861 gebaut wurde, noch gar nicht in Kreuzberg, sondern noch in der alten Luisenstadt.
  Und die SO-36-Geschichte ist eben auch die Geschichte einer gelebten, antifaschistischen, antisexistischen, immer wieder für unmöglich oder utopisch erklärten, hier aber doch eigentlich ziemlich super funktionierenden, wenn auch kompliziert-konfliktreichen Multikultur. Im Buch wird sie besonders in den Fußnoten lebendig, etwa wenn Mitherausgeber Robin Jahncke in seinem Text, der die Veränderungen in Kreuzberg nach dem Fall der Mauer reflektiert, über das Publikum seit 1990 schreibt: „Während der Punk den Hippie hasst, den es gar nicht mehr gibt, fühlt sich der Schwule, der sich über Frauen das Maul zerreißt, vom homophoben Hardcore-Idioten angegriffen, der zwar Nazis verkloppt, aber dessen geistigen Horizont teilt, und der kleinkarierte Linke versteht eh nur Bahnhof, hat dazu aber am meisten zu sagen . . .“
  Tja, zu dieser Ironie kommt wohl noch hinzu, dass das SO 36 mehrmals vom Ordnungsamt verplombt und zugemauert wurde und dann – nach fast drei Jahrzehnten ohne Staatsknete – nach der letzten Zwangsschließung 2009 nur mithilfe des Berliner Senats wieder eröffnen konnte: Der ermöglichte nämlich die Finanzierung der amtlich angeordneten Schallschutzmauer. Ja, auch in Kreuzberg sind die neuen Nachbarn im ex-besetzten Haus inzwischen sehr geräuschsensibel, und das SO 36 ist in den Programmrunden der öffentlichen Förderung angekommen. Die Senatsverwaltung attestiert ihm ganz offiziell, „einen Mehrwert an Lebensqualität in Kreuzberg“ zu schaffen, und auch dieses Buch wurde co-finanziert, mit Mitteln des Musicboard Berlin. Soll einem alles recht sein, solange nicht noch einmal – wie 2015 – Nena auftritt. 2020 endet der Mietvertrag. Kaum auszumalen, was Kreuzberg ohne das „Esso“ einmal sein soll.
An Martin Kippenbergers
25. Geburtstag wurden auf der
Bühne Palatschinken gebacken
„Es war nur ein Loch in der Erde.
Kein Licht, keine Decke,
der Boden ein Haufen Dreck.“
Pause im SO 36 Kreuzberg während des „Schwarzen Konzerts – Gruftgesänge in schwer metallener Aufmachung“ am 6. Juni 1985.
Foto: Thomas Leuner
            
  
  
  
Sub Opus 36 e.V. (Hg.): SO36 – 1978 bis heute.
Eine Zeitreise in das geteilte Berlin. Ventil Verlag, Mainz 2016.
480 Seiten, 36 Euro.
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