Produktdetails
  • Verlag: DuMont
  • ISBN-13: 9783770152407
  • ISBN-10: 3770152409
  • Artikelnr.: 09424271
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Robert Brack stellt zwei Romane des Italieners Carlo Lucarelli vor und einander gegenüber: "Der rote Sonntag", erschienen bei Piper, und "Schutzengel", erschienen bei DuMont.
1) "Der rote Sonntag"
Das Buch ordnet Brack in die Reihe der Kriminalromane des vielseitigen Autors ein. Lucarellis bereits aus zwei anderen Büchern bekannter, immer die Grauzone zwischen Macht und Moral auszuloten bemühter Commissario De Luca, schreibt Brack, finde sich hier, als Sittenwächter im postfaschistischen Italien, "zwischen den beiden neu entstehenden Machtblöcken", zwischen Kommunisten und Christdemokraten, wieder. Bewundernswert findet es der Rezensent, wie es dem Autor in knapper, leichter Form gelingt, "historisches Terrain zu erkunden, in dem sich alle großen politischen und sozialen Themen des 20. Jahrhunderts konzentrieren."
2) "Schutzengel"
Einen "Mafia-Thriller" hat Brack da gelesen. Wie in den Krimis des Autors konstatiert er auch in diesem "Gegenwartsroman" das Fehlen eines romantisierenden Italienbilds. Stattdessen freut er sich über fern von "Techno-infizierter Trendprosa" angesiedelte schnelle Genrebilder und "kurze Schlaglichter auf den Zustand der heutigen italienischen Großstadtgesellschaft" - eine "lebendige Hommage" an Bologna und eine "mosaikartig aufgebaute Kriminalstory, bei der sich der Leser selbst als Detektiv betätigen darf."

© Perlentaucher Medien GmbH
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Zum Brüllen komisch
Sie haben lange nicht gelacht?
Dann nichts wie diesen Titel besorgt - Sie werden es nicht bereuen.
Da wo Inspektor Clouseau, selbst wenn er das tut, was gemeinhin als "Mist" bezeichnet wird, immer noch am Ende eine Beförderung erhält, geht es seinem italienischen Kollegen Coliandro, dem Ich-Erzähler, leider ganz anders. Dieser arme Tropf, der mit Vorliebe in nur jedes verfügbare Fettnäpfchen tritt und dabei die Zehen seiner Vorgesetzten und Kollegen auch nicht auslässt, der wird wegen diverser Verfehlungen in die Materialbeschaffung der Kantine versetzt - wo er als eine seiner ersten Amtshandlungen aus Versehen 10.000 Becher Blaubeerjoghurt bestellt ...
Von einem Fettnäpfchen ins nächste
Und ausgerechnet diesem Menschen, dessen zweiter Vorname "Unglücksrabe" lauten könnte, erzählt die aus Lucarellis gleichnamigen Roman (ebenfalls mit Coliandro in der Hauptrolle) bereits bekannte "Nikita" eine sonderbare Geschichte, die ihr während ihrer Tätigkeit als Fahrradkurier zugestoßen ist. Um einen Haufen Geld geht es da, sowie eine Kassette und eine Diskette und um die Tatsache, dass das Mädchen mit der Lederjacke, den Springerstiefeln, Netzstrümpfen und dem Minirock nicht wirklich weiß, was sie nun tun soll ...
Als Nikita (die eigentlich Simona heißt) dann feststellt, dass Coliandro nicht etwa aufgestiegen sondern im Gegenteil der selbe Trottel geblieben ist, wie im ersten Band, ist es bereits zu spät: Da stecken der Mann und das Mädchen schon bis zum Hals im Blut einer Leiche ohne Gesicht und die Verfolgung durch Mafia und Behörden lässt auch nicht lange auf sich warten.
Seiten voller Ironie, Action und Spannung
Mit einer so temporeichen Schreibe, dass man als Leser selbst die Beine in die Hand nehmen und so weit als möglich wegrennen möchte, von dieser verfahrenen Situation, hetzt Autor Lucarelli uns durch 140 Seiten voller Witz, Ironie, Action und Spannung.
Er schreckt nicht davor zurück, sich selbst (unter dem Deckmantel eines Journalisten) in die Handlung einzubringen, deren Erzählablauf immer wieder alterniert wird mit Nachrichtensprengseln, Ausschnitten aus dem Polizeibericht, Zeitungsartikeln und köstlichen Abhörprotokollen. Gerade im Zusammenhang mit letzteren gelingt es dem Mitbegründer der literarischen Zirkels "Gruppo 13" die wohl auch in der Realität nicht viel weniger absurden italienischen Verhältnisse süffisant offen zu legen, etwa wenn der Abhörvorgang der Zollfahnung unterbrochen werden muss, weil ein "Spannungsabfall der Batterien" vorliegt ...
Bedauern, wenn es zuende geht und Wunsch nach mehr
In den skurrilen und aberwitzigen Szenen - in denen das Blut durchaus auch einmal in Strömen fließen darf - seines ereignisreichen Plots verwendet Lucarelli eine ausgesprochen bildreiche Sprache, in der selbst der zahlreiche Gebrauch einschlägiger Ausdrücke weder aufgesetzt noch abstoßend vulgär wirkt. So reden sie halt, diese Protagonisten, die in jedem Kapitel tiefer in den Sumpf aus Verbrechen und Korruption hineinrutschen.
Und wenn etliche Messerstiche, Streifschüsse und Tritte in die Weichteile später doch noch alles ein glückliches Ende findet, dann atmet der Leser zwar erleichtert auf - kann aber gleichzeitig ein leises Bedauern über das Ende einer wunderbaren Story, aus der fast eine Liebesgeschichte hätte werden können, nur schwer unterdrücken.
(Michaela Pelz, www.krimi-forum.de)

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