Schlesisches Wetter - Müller, Olaf
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Wenn der Wind aus dem Osten pfeift, das Wetter mit unheilvollen Erinnerungen beladen ist, sich über dem Haus ein Gewitter zusammenbraut, spricht Schynoski von "schlesischem Wetter". Der gescheiterte Journalist Alexander Schynoski lebt an der Seite der erfolgreichen Architektin Maureen in Berlin. Ein letzter Auftrag seiner Redaktion führt ihn auf die Spuren seiner Familiengeschichte; Schynoskis Leben erfährt eine plötzliche Wende. Obwohl er seine Mutter seit zwölf Jahren nicht mehr gesehen hat, gelingt es ihm, sie zum Sprechen zu bringen. Die Mutter erzählt von der Flucht aus der alten Heimat.…mehr

Produktbeschreibung
Wenn der Wind aus dem Osten pfeift, das Wetter mit unheilvollen Erinnerungen beladen ist, sich über dem Haus ein Gewitter zusammenbraut, spricht Schynoski von "schlesischem Wetter".
Der gescheiterte Journalist Alexander Schynoski lebt an der Seite der erfolgreichen Architektin Maureen in Berlin. Ein letzter Auftrag seiner Redaktion führt ihn auf die Spuren seiner Familiengeschichte; Schynoskis Leben erfährt eine plötzliche Wende. Obwohl er seine Mutter seit zwölf Jahren nicht mehr gesehen hat, gelingt es ihm, sie zum Sprechen zu bringen. Die Mutter erzählt von der Flucht aus der alten Heimat. Er fährt nach Breslau und in das schlesische Dorf, aus dem seine Familie stammt; auch dort wird er mit den Folgen der Vertreibung und dem heutigen Polen konfrontiert. Die Realität kollidiert mit den Fantasien Schynoskis. Am Ende seiner Reise begegnet er schließlich Agnieszka und entschließt sich, in Polen zu bleiben. Schynoski sucht seine Geschichte, die Liebe und nicht zuletzt sich selbst.
Das Schicksal der Vertriebenen, die im und nach dem Zweiten Weltkrieg aus den Ostgebieten flohen, erfährt seit einigen Jahren immer stärker öffentliche Aufmerksamkeit. Mit Olaf Müller hat sich nun auch die neue Generation dieses wichtigen Themas angenommen.
  • Produktdetails
  • Verlag: Berlin Verlag
  • Seitenzahl: 235
  • Deutsch
  • Abmessung: 220mm
  • Gewicht: 415g
  • ISBN-13: 9783827004437
  • ISBN-10: 3827004438
  • Artikelnr.: 11213105
Autorenporträt
Olaf Müller, Jahrgang 1964, geboren und aufgewachsen in Wilhelmshaven an der Nordsee. Studium der Publizistik, Informationswissenschaft und Politik an der FU Berlin. Zehn Jahre Fernsehjournalist,dann Wechsel in die Unternehmenskommunikation. Sein Steckenpferd ist die Drehbuchschreiberei. Olaf Müller lebt in Berlin.
Rezensionen
Besprechung von 04.08.2003
Ich bin auch ein Getriebener
Schlesien war nie mein: Olaf Müller sucht sein Ahnenerbe

Wären nicht eines Tages die zwei Polen in sein Leben getreten und hätten ihm den Bildband mit Stadtansichten Breslaus aus der Zeit vor 1945 geschenkt, der dicke Mann wäre vermutlich nimmermehr aus seiner Lethargie erwacht. Weder seine Arbeit bei der Zeitung noch die englische Geliebte, eine ehrgeizige Architektin mit schmalen Lippen, vermögen die Hauptfigur aus Olaf Müllers Roman "Schlesisches Wetter" mitzureißen. Beim Betrachten der alten Bilder dann besinnt sich der in sich gekehrte Vierzigjährige mit dem merkwürdigen Namen Alexander Schynoski seines Herkommens. Er reist von Berlin nach Niederschlesien, die familiären Wurzeln zu erforschen, jenes "verdammte Schlesien, das von Schynoskis Beginn an in ihm hockte".

Seine Großmutter, Mutter und Tanten hatten bald sechzig Jahre früher von dort fliehen müssen. Was sie durchmachten, hat sie zusammengeschweißt, und sie haben es einander immer wieder erzählt. Die Geschichte ihrer Vertreibung prägte die Kindheit des Enkels: "Die Großmutter, die ich liebte, stopfte mich mit ihren Bildern, dem Erzählten, stopfte mich aus, bis ich in die Welt ihrer Entschuldigungen paßte. Bis ich verstummte. Weil ich nicht in ihre Erzählungen gehörte." Als er den kleinen Ort erreicht, trifft er die Polin Agnieszka und bleibt. Zeit seines Lebens stand Schynoski neben sich, nun ist er nicht in der vielbeschworenen "Alten Heimat" seiner Vorfahren angekommen, denn die existiert nur noch qua Andenken, sondern in Polen und bei sich selbst. "Ich wurde von einem sagenhaften Glücksgefühl, dem es nicht mehr auf das Gedächtnis ankam, erfaßt." So heilsam, so befreiend, kann Spurensuche sein. Das ist in Kürze die ganze schlichte Erzählung samt ihrer reichlich naiven Schlußfolgerung. Sie bringt ungebrochen zu Papier, was heute wohl tausende Deutsche dieser Generation tun und wovon sie träumen mögen, wenn sie sich dem Osten mittels genealogischer Projektion zuwenden.

Müllers Roman paßt in eine Reihe von Büchern, die allesamt ein eigentümlicher Wille zur Erinnerungsliteratur kennzeichnet. Aufgewachsen in einem Gehäuse der Vertreibungserfahrung und mit dem elterlichen Wiederholungszwang des Abschieds konfrontiert, wie es deren Autoren sind, zeichnen sie die Erinnerung an die Erinnerung auf. Von Schynoskis Beziehung, immerhin die Rahmenhandlung, erfährt man gerade soviel wie nötig ist, um in die memoriale Dunkelkammer einzutreten: Seine Freundin Maureen setzt alles daran, in London Karriere zu machen, während er ein Dasein als Sofakartoffel in der gemeinsamen Wohnung in Berlin-Mitte vorzieht und sich von ihr aushalten läßt. Die Trennung ist vorprogrammiert und wird alsbald vollzogen. Wenn er nicht fotografiert oder Radio hört, ruft der träge Held sich Bilder seiner Kindheit aus dem Leipzig der sechziger und siebziger Jahre ins Gedächtnis. Die Feiern in seiner "unberichtbaren Familie" (zu seiner DDR-Schulzeit durfte er von Flucht und Vertreibung nicht erzählen) mit ihrer ganz spezifischen Atmosphäre spielen darin eine zentrale Rolle. Kaffeekränzchen, das herübergerettete Milchkännchen aus Meißner Porzellan, schwere Buttercremetorten, Eibrötchen mit Kaviarersatz, später sehr viel Schnaps und dann Streitereien, die die Kinder nur durch geschlossene Türen mitbekamen und nicht verstanden. Die Wohnung glich einem Provisorium, man saß buchstäblich auf gepackten Koffern.

"Schlesisches Wetter" ist Schynoskis gelungene Metapher für das buchstäbliche Unwetter, das sich bei den Familienfesten zusammenbraut. Jene plötzlichen Stimmungsumschwünge von Sonnenschein zu Gewitter, die er als Kind nicht begreift, gleichen exakt den meteorologischen Eigentümlichkeiten Schlesiens. Und wie er früher Zeuge der jähen atmosphärischen Wechsel wurde, so lauscht er jetzt, in Schlesien angekommen, unablässig den Wettervorhersagen im Radio.

Das Buch schöpft aus einem Fundus durch und durch gängiger Topoi. Bekannte Geschichten werden ein wenig lapidar heruntererzählt. Die Schilderungen Ilse Schynoskis, die Sohn Alexander ihr am Vorabend seiner Reise nach Polen in deren Leipziger Wohnung entlockt, wirken, als hätte Müller ein transkribiertes Zeitzeugeninterview in den Text montiert. Nach der Grenzüberquerung werden zwar beim Sohn neue Lebensgeister geweckt, der Roman jedoch erstickt endgültig in seinen Klischees. Unterm ängstlichen, unsicheren Blick des Ostdeutschen verwandelt sich das gemütliche Wroclaw in ein chaotischen Nest; Nepp und Gefahr lauern an jeder Ecke. Er begegnet weiblichen Schönheiten mit runden Gesichtern (Der Polin Reiz ist unerreicht!), vielen Theaterleuten, brotlosen Improvisationskünstlern und führt langweilige Gespräche über deutsch-polnische Befangenheiten; erst in der Stadt, später auf dem Land bei Agnieszka und ihrem frommen katholischen Großvater.

Schynoskis Polenliebe wächst mit jeder Seite. Im Gegensatz zum Gespenst der schnellen kapitalistischen Metropole London zeichnet Müller den Osten als Ort der Gemächlichkeit, Besinnung, als sicheren Hafen vor der rauhen Wirklichkeit. Da ist etwas dran. Doch es will anders erzählt sein. Nicht in Form einer naiven Spurensuche, einer simplen Art Ahnenforschung. Wohl besser, man hat keine familiären Wurzeln in Schlesien, wenn man nach Schlesien auswandert.

STEFANIE PETER

Olaf Müller: "Schlesisches Wetter". Roman. Berlin Verlag. Berlin 2003. 236 S., geb., 18,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 02.05.2003
Im slawischen Federbett, da liegt ein dicker Michel
Polnisch, polnischer, am polnischsten: Olaf Müller erobert schlafwandelnd den deutschen Osten zurück
Manche zeitgenössischen Romane, sie mögen sich so realistisch geben wie sie wollen, schreien danach, als Allegorien gedeutet zu werden. Da ist Alexander Schynoski, dem der Vereinigungsboom in Berlin zwei, drei Jahre lang den ganz unverdienten Job eines Journalisten beschert hat und der jetzt, wo die Dinge sich wieder etwas beruhigt haben, in sein altes Phlegma zurückfällt; Mühe hat er, mit seinen inzwischen angefressenen hundertzwanzig Kilo, früh auch nur vom Bett zum Bad zu kommen. Da ist Maureen, seine magere und effiziente englische Lebensgefährtin, Architektin von Beruf, die ihm alle Rechnungen bezahlt und ihm planmäßig die Brille versteckt, damit er sich beim Suchen in der Wohnung wenigstens etwas Bewegung macht. Und da ist die alte Heimat in einem schlesischen Dorf, aus dem einst Schynoskis Mutter und ihr ganzer Clan in den Westen verjagt wurden.
Auch für das Phlegma gibt es Stunden der Entscheidung. Maureen bekommt einen Traumjob in London angeboten und will ihren deutschen Mann nachholen. „Alexander, bin ich nicht nach Berlin gekommen? Wegen einer Chance? London is your chance. You’ll see!” Dem aber ist gerade auf Umwegen eine Einladung nach Polen zugekommen, und nach minimaler Bodenberührung in Heathrow, gerade lang genug zum Bruch mit Maureen, steigt er ins nächste Flugzeug, kehrt heim zu seiner Mutter, die er zwölf Jahre nicht gesehen hat, hört sich mit ganz neuem Interesse ihre alten Geschichten an und setzt sich in den Zug nach Wroclaw, zu deutsch Breslau.
So sieht er aus, der deutsche Zweieinhalb-Zentner-Herkules am Scheideweg! Westbindung oder der alte Kulturboden im Osten? Die Entscheidung ist schon darin vorweggenommen, dass der Held so heißt und nicht anders. „Man gewöhnt sich nicht daran”, fängt das Buch an. „Einer der Liebesbeweise Maureens bestand darin, sich an der Tür umzudrehen und Schynoski! zu rufen. Als wüsste ich nicht, wer ich bin.” Ohne es zu wollen, hat das zärtlich- spöttische Erfolgsweib damit den Ruf des Blutes ertönen lassen, „unser schlesisches Blut. Das nicht von besonderem Wert ist. Ein lebenserhaltender Stoff dennoch, scheint es.”
Unser schlesisches Blut
Man tut gut daran, dem gegenwärtigen literarischen Boom der deutschen Vertreibungsgeschichte ein wenig auf den Zahn zu fühlen. Man höre hin, und es klingt wie: Wir wollen nicht immer bloß der anderen, sondern endlich auch unser selbst gedenken! Obwohl eine solche Forderung an sich berechtigt wäre, macht sich dieses Wir unvermeidlich im Hallraum der politischen Nation geltend. Fern liegt ihm jeder Revanchismus, nicht ganz so fern eine schwierig dingfest zu machende Ranküne – es sollen doch auf subtile Weise die Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs nachverhandelt werden.
Schynoski also, dieser leibhaftige deutsche Michel, der anstelle der Schlafmütze sein lastend panzerndes Fett und die ihm quälend unentbehrliche Brille trägt, erweist der Oder-Neiße-Linie den gebührenden Respekt; aber in den Osten will er, erfüllt von Bangigkeit und unklarer Sehnsucht. Polen erscheint ihm als ein verwahrlostes Land der Finsternis, die verfilzten Wälder schlingen die kleinen Provinzbahnhöfe ein, die Straßen und Hotelflure sind unbeleuchtet; in einem Moment der Verzweiflung schwenkt er Scheine und stirbt darauf tausend Tode der Angst vor polnischen Halunken.
Außerdem schaut er sich um nach Ersatz für die entschwundene Maureen. Von einer schönen Reisebekanntschaft heißt es: „Sie sah so deutsch aus.” Und als wäre dem Erzähler plötzlich bewusst geworden, dass eine Polin sich dadurch unmöglich geschmeichelt fühlen kann, rudert er zurück und macht alles noch schlimmer: „Und mit einem Mal sah sie sehr polnisch aus. Für mich. Ausgesprochen polnisch. Slawisch. Ihre Wangenknochen wurden immer polnischer und vor allen Dingen ihre Augen.” Polnisch, polnischer, am polnischsten – ungefähr bei diesem Grad der Scharfsicht bleibt Müllers Kunst in der Erfassung des fremden Landes stehen.
Schynoski, aus seiner Lethargie zu so viel dunkler Unrast hochgetrieben, findet am Ende doch seinen Frieden. Er erreicht das Dorf, aus dem seine Familie stammt; die junge Agnieszka, von tröstender Rundgesichtigkeit, nimmt sich seiner an, er darf in der Kammer des Hauses wohnen, das sie mit ihrem Großvater teilt, das aber vielleicht das alte Haus seiner Familie ist; und in einer Vision verschmelzen ihm die überlieferten Bilder der deutschen Erinnerung mit der polnischen Gegenwart, das Personal hüben und drüben verschwimmt zu einer einzigen Großfamilie auf dem Lande. Alles, was die zwei Nationen einander angetan haben, wird gelöscht in der Seligkeit des Halbschlafs. Agnieszka bringt ihm ein schweres Federbett. Es scheint ohne Naht überzugehen in die dichten Wolken, die von Osten kommend ganz Mitteleuropa bedecken.
Von Geopolitik lässt Olaf Müller weise die Finger; das große Bild der einen Ebene, die sich von der Elbe grenzenlos bis tief nach Asien zieht, stellt er stattdessen dem Wetterbericht anheim und lädt den Leser ein, darin das Gleichnis der Geschichte zu sehen: Irgendein Wetter ist immer, und noch das schlechteste verspricht, dass es einmal vorbeigeht. Man möchte diesen Schluss fast versöhnlich nennen, wäre er nicht so schauderhaft regressiv. BURKHARD MÜLLER
OLAF MÜLLER: Schlesisches Wetter. Roman. Berlin Verlag, Berlin 2003. 236 Seiten, 18,- Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Stefanie Peter kann Olaf Müllers Roman nicht viel abgewinnen, der für sie in die Reihe von Büchern gehört, denen vor allem ein "Wille zur Erinnerungsliteratur" eigen sei. Wie Peter darstellt, wird der Held des Buches, Alexander Schynoski, ein übergewichtiger, etwas Berliner Journalist um die vierzig von zwei Polen aus seiner Lethargie erweckt und auf seine niederschlesischen Wurzeln gestoßen. Er macht sich auf über die Grenze, nach Breslau, wo er sich auch flugs in die reizende Agnieszka verliebt, die längst nicht so schmallippig wie die Londoner Architektin ist, mit der Schynoski zuvor liiert war. "So heilsam, so befreiend, kann Spurensuche sein", höhnt Peter, der die Geschichte doch ein wenig zu simpel gestrickt, die Schlussfolgerungen zu naiv und die Klischees über Polen zu dick aufgetragen sind.

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