Produktdetails
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  • Verlag: DuMont Buchverlag
  • ISBN-13: 9783832158163
  • ISBN-10: 3832158162
  • Best.Nr.: 10312731
Rezensionen
Besprechung von 31.10.2002
Mehr Körper wagen
Brigitte Oleschinski denkt darüber nach, wie Gedichte denken

Ja, wie denken sie denn? Man weiß es am Ende, nach der Lektüre dieses Buches, immer noch nicht; und daß sie überhaupt denken, erscheint dem Leser dann noch fragwürdiger als vor Beginn der Lektüre. Wer also von diesem Buch klare Auskünfte über die Denkweise von Gedichten nach Art eines soliden Sachbuchs erwartet, wird notwendigerweise enttäuscht. Wer dagegen etwas über die enthusiastische, fast schon pathologische Leidenschaft für Gedichte von einer der profiliertesten Lyrikerinnen der Gegenwart erfahren möchte, über ihre Wahrnehmungen, über die kaum formulierbaren Geheimnisse der Entstehung, Seinsweise und Wirkung von Gedichten, der wird sich mit diesem Buch sehr anfreunden können. Es ist keine wissenschaftliche Abhandlung und kein abgerundeter Essay, keine intersubjektiv vermittelbare und nachvollziehbare Poetik und kein nur subjektiver Erfahrungsbericht. Es ist das poetische Zeugnis einer fortdauernden Obsession. "Tage ohne Gedichte machen mich krank", liest man bereits auf der ersten Seite.

Brigitte Oleschinski (Jahrgang 1955) ist mit ihren Gedichtbänden "Mental Heat Control" (1990) und "Your Passport is Not Guilty" (1997) schnell bekannt geworden. Von Haus aus ist sie Historikerin und hat an der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin gearbeitet. Mit der Symbiose von Dichtung und Wissenschaft läßt sich vielleicht der Grundkonflikt zwischen Emphase und Diskurs, zwischen Poesie und Reflexion erklären, der das Buch durchzieht und letztlich ungelöst bleibt.

Die eindrucksvollsten Passagen gelingen ihr dort, wo scheinbar gar nicht vom Gedicht, sondern beispielsweise von den Schlafsäcken Jugendlicher die Rede ist, von Träumen und Albträumen, von der Milchquote und von Melkschläuchen. Man hat den Eindruck, hier Gedichten in statu nascendi zu begegnen, kommenden Gedichten, die ihren Weg erst noch finden müssen. Er führt aus der bloßen Präzision von Beobachtungen und Wörtern entschieden heraus. "Mir scheint", heißt es einmal, "daß die Sprache von Gedichten immer auf etwas aus ist, das wie die physikalische Unschärferelation zwischen zwei Zuständen liegt: Wohlklang bespricht Schmerz, Lust umarmt das bloße Wort, im festen Metrum singt die Emphase, und Furcht bannt das Unnennbare in eine Litanei. Diese Zustände lassen sich nicht in Kategorien von Entweder-Oder aufspalten, sondern müssen in ihrer Widersprüchlichkeit als Gesamtheit begriffen werden." Da haben wir es: Kunst ist hier nichts anderes als die Produktion von Widersprüchlichkeiten, Antinomien, Aporien - als gäbe es dergleichen nicht schon genug, auch ohne die Kunst.

Aber dann kommen wieder die Zweifel, die Selbstzweifel auch. Sie dominieren das lange Gespräch mit der Lyrikerin Elke Erb, das Brigitte Oleschinski in ihre lyrische Denkschule nach Tonbandaufzeichnungen eingefügt hat. Das war keine gute Idee. Denn was hier an Un- und Mißverständnissen, an Unschärfe und unbegriffener Begrifflichkeit - offensichtlich kaum redigiert - dokumentiert wird ("Jetzt verstehe ich nicht, was du meinst", "Das verstehe ich noch nicht ganz", "Fachbegriffe kann man finden, das braucht uns hier nicht aufzuhalten"), das geht auf keine Kuhhaut, geschweige denn auf ein Tonband, so daß man es fast nicht für einen Zufall halten möchte, daß ein Teil der Aufzeichnungen unwiederbringlich verlorengegangen ist. Natürlich finden sich auch ein paar Perlen unter dem Gesprächsmüll, doch man muß schon sehr tolerant und sehr enthusiastisch sein, um bei Laune zu bleiben, nach ihnen zu suchen.

Dann aber findet man zum Beispiel immerhin ein poetisches Credo von Brigitte Oleschinski: Was braucht ein Gedicht? "Mehr Körper. Mehr Entschiedenheit. Mehr Lust, mehr Intensität." Kein schlechtes Programm. Ihr nächster Gedichtband wird zeigen, ob die Autorin es eingelöst hat.

WULF SEGEBRECHT

Brigitte Oleschinski: "Reizstrom in Aspik. Wie Gedichte denken". DuMont Verlag, Köln 2002. 131 S., geb., 16,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 29.06.2002
Atem, Herzschlag, Versfuß
Echo der Körperstimme: Brigitte Oleschinskis Poetik des Gedichts
Die editorische Notiz verspricht „ein Buch mit Texten zur Poetik aus zehn Jahren”. Nur für zwei Texte gibt sie Ort und Datum der Erstveröffentlichung an, für alle anderen begnügt sie sich mit den Titeln von Zeitschriften. Aber auch das ist eigentlich schon zu viel, dieses Büchlein will nicht ein Sammelband von Wiederabgedrucktem sein, sondern „ein Remixing, um den Denkbogen hinter den Anlässen freizulegen.”
Gern peinigt das Publikum die Dichter mit Fragen. „Aber das nützt Ihnen nichts, wollte ich nach jeder Lesung sagen, wenn die unvermeidlichen Fragen aufstanden, ... als könnte ich zu jeder Zeile einen Schlüssel liefern.” Der Dichterin wäre es so viel lieber um die Erfahrung mit Gedichten gegangen, „um Wahrnehmung und Sprache also, den Klang des Denkens und die Botschaften einer Form”. Denn im Gedicht findet man die Ineinssetzung von Gefühl und Erkenntnis, man kann ihm begegnen wie einem lebendigen Wesen, „einem Körper aus Wahrnehmungen und Bedeutungen, der uns als reale Erfahrung gegenübertritt, wirklich wie ein Kind, ein Baum, ein bewegter Wasserspiegel”.
Solche Wesen möchte Brigitte Oleschinski erschaffen, mit unermüdlicher Geduld: „so der über Jahre hin wieder und wieder unternommene Versuch, mit einem bestimmten Wort fertig zu werden, zwei Silben, von denen die erste mit einem Klicken beginnt, dann dunkel wird ...”. Das mit einem Klicken beginnende Wort verrät sie uns nicht, aber ganz ähnlich wird sie etwas später noch einmal Variationen über eine virtuelle Verszeile komponieren („sie drehte sich wie ein Mobile, vielgliedrig und dünn”) – ihre Beschreibung der Poesie ist beinahe wie Musik von Thomas Mann. Immer treibt sie einen Gedanken, einen theoretischen Anlass so schnell wie möglich, oft gleich in der zweiten Zeile, in eine Abschweifung, die Gegenstände, Orte, Träume hervorruft. Sie haben oft eine erstaunliche poetische Kraft, aber sind es Beiträge zu poetologischen Fragen? Manchmal machen sie sich ganz selbständig wie in dem kurzen Abschnitt der Erinnerung an den alten Osten in jenem „überdehnten Sommer zwischen Wende und Ende”.
Mehr Körper. Mehr Lust.
Diese Abschweifungen kulminieren manchmal im Geständnis einer Offenbarung: „Natürlich, das ist es. Das ist das Bild, das hinter der Ratlosigkeit gewartet hat.” Muss es da nicht etwas geben, das die Autorin „in die Gedichte trieb – es war wirklich etwas wie Treiben ...”?
Je tiefer man sich in diese Analysen der poetischen Zustände der Dichterin hineinbegibt, desto unabweisbarer drängt sich der Gedanke auf , dass sie nun doch fast obsessiv versucht, auf die gescholtenen Fragen ihrer Zuhörer die eigentliche, von ihnen kaum geahnte Antwort zu geben. Übertrifft sie diese Zuhörer nicht gar noch in der indiskreten Neugier darauf, was sie schreibend, im Prozess des Dichtens denkt und erlebt?
Hier schaltet sich ein kurzer Text ein, der mit „Silvesterpolen” überschrieben ist. Er schildert die Begegnung mit einem Gedicht, „das ich noch nicht kenne, vielleicht auch niemals schreiben werde.” Die Erinnerung an diesen Silvesterbesuch auf Usedom 1993/94, wo es plötzlich so deutlich nach DDR riecht und greifbare Rückblenden in eine vergangene Biographie präzise Erinnerungen und erschreckende Albträume aufleben lassen, steht durchaus auf eigenen Beinen. Aber dass man diese erinnerte und verinnerlichte Welt nun als Wurzelgrund eines noch nicht geschriebenen Gedichts besuchen soll, macht sie unheimlich. Eine virtuelle Dichterin antwortet Zuhörern, die es gar nicht gibt, auf Fragen noch ehe sie gestellt werden, ja noch ehe das Gedicht existiert, das sie hätte auslösen können. Ist die Dichterin ein Medium des Mysteriums Poesie?
Im Abschnitt „Baustellen, Wespen, Abendgeruch” findet man wieder diese Durchlässigkeit von Reflexion und Abschweifung, aber hier formuliert die Autorin ihre poetologischen Grundfragen mit mehr Abstand . Der Text ist unverändert aus dem im Jahre 1995 durchgeführten Poetik-Projekt „Die Schweizer Korrektur” übernommen. Da steht die Formulierung: „Gedichte – das wäre eine mögliche Beschreibung – gehen über Grenzen, von denen ich nicht weiß, ob ich sie überqueren kann.” Dazu gehört die Beschreibung der Entstehung eines Gedichts: „... als schrie etwas mich von innen an. Bis der Augenblick kommt, in dem das Stammeln plötzlich kein Bild mehr prozessiert, sondern eine Wortbewegung und einen Zeilenfall, die alles darüber wissen. Das ist der (immer ganz klare, ganz eindeutige) Moment, in dem ich spüre, dass das Gedicht mir weit voraus die Grenze passiert, während ich zurückbleibe.”
Eine Überzeugung, die vielen zeitgenössischen Dichtern Halt gibt, schält sich aus allen Selbstbeobachtungen heraus: „Mir scheint inzwischen, dass es darin um die Rückbindung an elementare Körperfrequenzen wie Atem, Herzschlag, Schrittmaß geht.” Gedichte sprechen als „Körperstimme” mit einem innersten Kern, „der ein Bedürfnis nach Sinnlichkeit, Vertrauen, Würde, Güte, Zärtlichkeit empfindet”.
Den Schluss des Bandes bilden kurze Skizzen, die man in poetologischer Hinsicht dem „Silvesterpolen” an die Seite stellen könnte: sie sprechen selten die Sprache der Poetik und sind eher lauter Begegnungen mit Gedichten, welche die Dichterin noch nicht kennt und vielleicht nie schreiben wird. Es sind Erfahrungs- und Phantasiesplitter, „kleine, begehbare Wahnwelten”. Vor dem inneren Auge entstehen Szenen, reale oder imaginierte, die gelegentlich erschreckend genau eigene Erfahrungen bestätigen – hat jemand schon einmal in so wenigen Zeilen so genau gesagt, wie das ist, wenn ein Kiwi in der Obstschale verschimmelt?
Aber gerade dies: dass man Phantasien so genau folgen kann, produziert auch eine instinktive Abwehr von etwas, das einem zu nahekommt. Nach einer schönen Evokation von Landschaft fragt die Autorin einmal selber: „Was bedeutet es?” Die Frage ist nicht wirklich berechtigt, denn was wir lesen, ist (noch?) kein Gedicht. Es enthält zwar immer den unbändigen Wunsch, eins zu werden, aber vorerst dokumentiert es den Erfahrungshorizont der Autorin und ist, mit ihren eigenen treffenden Worten, noch nicht über die Grenze gegangen.
Die Mitte des Buches bilden Gespräche mit Elke Erb, die 1995 schon einmal veröffentlicht wurden. Sie klingen nicht wie ein Podiumsgespräch, sondern haben den Ton spontanen Formulierens, der in gedruckter Form etwas Unfreiwilliges bekommt. Oder würde Brigitte Oleschinski je so etwas schreiben: „Ich glaube, es gibt eine wirkliche, unaufhebbare Spannung zwischen diesen eigentlich sehr wenigen elementaren Lebensäußerungen und ihrem ganz körperlichen Bezug, da kommt sehr viel Körperlichkeit mit hinein.” Die ältere Dichterin fragt dazu ganz ungeniert: „Jetzt verstehe ich nicht, was du meinst. Was sind elementare Lebensäußerungen?” Die Jüngere sagt: „Gehen, Schlafen, Essen, – Lieben ...”, darauf Elke Erb: „Ach so”.
Rührend kommentiert Elke Erb einen eigenen Reim und drückt, was er für sie bedeutet, so aus, wie die jüngere Kollegin es in allen ihren poetologischen Beiträgen praktiziert, mit einer Abschweifung in die Natur: „In einem natürlichen Frieden, wie eine ein bisschen von Nebel beströmte Wiese, auf der sich irgendwelche Bäumchen erheben, ganz natürlich.” Die Dichterinnen machen sich Komplimente oder geben sich befremdet, und besonders die Jüngere neigt zu allzu intimen Geständnissen ihres für das Gespräch wohl etwas übertriebenen Ungenügens: „Im Grunde möchte ich verbluten ... Aber das nehme ich selbst nicht ganz ernst.” Und dann gelingt ihr ein Credo auf die nun schon öfter erwähnte Körperlichkeit, das wie ein Manifest schließt: „Mehr Körper. Mehr Entschiedenheit. Mehr Lust, mehr Intensität.”
In der klassisch-romantischen Tradition pflegte man eine Art heiliger Scheu davor, über Gedichte zu sprechen, weil die Analyse ihrer Mittel sie angeblich zerstörte. Bei Brigitte Oleschinskis Erkundungen stellt man sich öfter die umgekehrte Frage, ob die literarische Fata Morgana des Gedichts, die sie sich und ihrer Leserschaft so kunstvoll vorspiegelt, nicht sein schließliches Erscheinen enttäuschend oder gar überflüssig machen wird. HANS-HERBERT RÄKEL
BRIGITTE OLESCHINSKI: Reizstrom in Aspik. Wie Gedichte denken. DuMont, Köln 2002. 131 Seiten, 16,90 Euro.
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Angelika Overath traut, wie sie am Ende ihrer Rezension der poetologischen Textsammlung "Reizstrom in Aspik. Wie Gedichte denken" von Brigitte Oleschinski schreibt, Gedichten wieder mehr Antworten zu. Gedichte erscheinen der Rezensentin "hermetisch", und mit Oleschinski begreift sie sie als "latente Energien", die man sich in der "persönlichen Lektüre" erschließt. Die Autorin, Jahrgang 1955, gehöre zu den bedeutenden neuen Stimmen der deutschsprachigen Lyrik, so Overath, und diese Zusammenstellung von Interviews, Aufsätzen und Notizen böten dem Leser die Gelegenheit, "einer komplexen, ja schwierigen Lyrikerin über die Schulter zu sehen, und das in wechselnder Perspektive und manchmal sehr nah".

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