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"Reisen und Gespenster" ist eine Sammlung mit meisterhaften Aufsätzen und essayartigen Prosa-stücken, angefangen mit einer der ersten Veröffentlichungen Stangls, einem Bericht über eine Reise nach Nordwestmexiko auf den Spuren von Antonin Artaud, bis zu unveröffentlichten semi-fiktionalen Tagebucheintragungen (die ebenfalls in Mexiko spielen). Thomas Stangl gibt in diesem Band Einblick in seine Werkstatt und gleichzeitig Auskunft über die Literatur. Es geht um Landschaften, um Filme und Bilder, um Songs und Bücher, und immer stehen im Zentrum solche Ausnahmezustände wie Reisen oder Krankheit,…mehr

Produktbeschreibung
"Reisen und Gespenster" ist eine Sammlung mit meisterhaften Aufsätzen und essayartigen Prosa-stücken, angefangen mit einer der ersten Veröffentlichungen Stangls, einem Bericht über eine Reise nach Nordwestmexiko auf den Spuren von Antonin Artaud, bis zu unveröffentlichten semi-fiktionalen Tagebucheintragungen (die ebenfalls in Mexiko spielen).
Thomas Stangl gibt in diesem Band Einblick in seine Werkstatt und gleichzeitig Auskunft über die Literatur. Es geht um Landschaften, um Filme und Bilder, um Songs und Bücher, und immer stehen im Zentrum solche Ausnahmezustände wie Reisen oder Krankheit, für die diese Halbwachzustände des Geistes, dieses Wegdriften und gleichzeitig Sich-Öffnen der Aufmerksamkeit so bestimmend sind, die wir auch in den zentralen Passagen seiner Romane finden. "Lange Zeit habe ich mich bemüht, nur schriftlich zu existieren", so beginnt ein Text, der die existenzielle Wichtigkeit von Literatur auf nahezu körperliche Weise spürbar macht.
Die Komplexität und Schönheit von Stangls Sätzen sind in allen Texten dieses Bandes evident, egal ob er von der elenden finanziellen Misere des werdenden Schriftstellers erzählt oder von einem Besuch in einem Pflegeheim für Demenzkranke, der Porträtkunst großer Maler nachspürt oder dem Werk des verrückten Schriftstellers Raymond Roussel: diese Texte sind ein Muss für alle an wahrhaft intensiver Literatur interessierte Leser, denn "vielleicht gibt es keine schönere, offenere, unverbohrtere Art, die Natur, das Eigene, die anderen zu finden, als die Literatur. Es muss in ihr um etwas gehen, das mehr ist als das, was man aufschreiben kann, das es aber, ohne dass es aufgeschrieben ist, ohne die Form, nicht geben würde (es muss um Literatur gehen, damit es um mehr als Literatur gehen kann)."
  • Produktdetails
  • Verlag: Literaturverlag Droschl
  • Seitenzahl: 240
  • Erscheinungstermin: 3. Februar 2012
  • Deutsch
  • Abmessung: 210mm x 130mm
  • Gewicht: 404g
  • ISBN-13: 9783854207917
  • ISBN-10: 3854207913
  • Artikelnr.: 34527597
Autorenporträt
Thomas Stangl, geboren 1966 in Wien, studierte Spanisch und Philosophie. 2014 erhielt er das George-Saiko-Reisestipendium. Der Autor wohnt in Wien.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Thomas Stangl beschreibt in seinem Essayband "Reisen und Gespenster" nicht nur Wanderungen in Tirol, erklärt Sibylle Cramer, er führt den Leser auch an seine Poetik heran, an sein Schreiben, das er als "Ausbruch aus der Ich-Höhle" begreift. Für Stangl ist der eigentliche Impuls, der dem Schreiben zugrunde liegt, der Wunsch, ausschließlich in schriftlicher Form zu existieren, sich von den gesellschaftlichen Zwängen zu distanzieren und sich der Eigenlogik des Textes anzuvertrauen, berichtet Cramer. Stangl beschreibt aber auch ganz konkrete Erlebnisse, die er auf seinen Reisen oder während der Wiener Studentenunruhen gemacht hat. Die eigenen Lektüren des Autors schließlich, beispielsweise von Raymond Roussel, gehören für die Rezensentin zu den absoluten Höhepunkten des Buches. Stangl ist "wunderbarer Erzähler" und eindrucksvoller Intellektueller zugleich, preist Cramer.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 04.01.2013

Nur noch Stimme sein
Thomas Stangl bleibt in seinen Essays gern für sich

Man müsse, zitiert Thomas Stangl an einer Stelle aus seinem Notizbuch, "mit seinen Figuren sterben und dabei wissen, dass man überlebt und sich für das Überleben: seine Verlogenheit: hassen". In ebendiesem Notizbuch hat Stangl auch notiert: "3.1. Neuer Kontostand zu ihren Gunsten, [Euro] 104,68. ATS 1440,43 / Miete Althaus GmbH [Euro] 366,27 / Gebietskrankenkassa, herabgesetzte Beitragsgrundlage Forderung [Euro] 65,90".

Die Essays und Erzählungen des 1966 in Wien geborenen Thomas Stangl, die aus den Jahren 1994 bis 2011 stammen und nun in dem Band "Reisen und Gespenster" versammelt und dazu in Teilen vom Autor neu bearbeitet wurden, sind Reflexionen über das Wesen des Schreibens und zugleich über das Wesen der Autorenexistenz. Und nicht nur, weil zwischen dem einen und dem anderen bisweilen derartige Unterschiede klaffen, zwischen der Unbedingtheit des Schreibenmüssens, des Beschreibens und Fortschreibens, des Sichhineinschreibens - in Landschaften, Figuren, mitunter auch Gemälde - und dem Prekären des realen Daseins und der Verlorenheit in dieser Welt, ist Stangls Texten immer wieder etwas Befremdliches, bisweilen Entrücktes eigen.

"Lange Zeit", beginnt Stangl den ersten Essay des Bandes, "habe ich mich bemüht, nur schriftlich zu existieren." Das Paradox liegt bei Stangl schon in der Vorstellung dieser schriftlichen Existenz selbst, die in einer unfassbaren Schwebe zu bleiben scheint zwischen Erkenntnis und vollkommener Abwesenheit derselben, zwischen Sagen und Nicht-Sagen. "Ich wollte mich in eine hermetische Welt aus Wörtern verschließen: makellos angeordneten Wörtern, die kaum etwas zu besagen hatten, das bloße Dasein, Buchstabe für Buchstabe, Zeile für Zeile sollte genügen." Diese "Erlösung von der Bedeutung" ist allerdings für Stangl nicht gleichbedeutend mit "Bedeutungslosigkeit", sondern wird vielmehr erreicht durch deren "Überschuss und die Form", die Struktur und Komposition von Sätzen, Wörtern, Lauten.

Der Wunsch, den Unterschied zwischen Schreiben und Leben auszulöschen, sich selbst in Schrift zu verwandeln, ist verbunden mit dem Glauben, sich in dieser Auslöschung im Imaginären nicht nur zu verdoppeln, sondern die eigene Existenz in dieser Verdoppelung gleichsam zu reflektieren, "hin zu einem Taumel und einer scheinbaren Totalität eines endlosen Einander-Bestätigens, -Negierens, Ineinanderübergehens der Schichten des Sprechens, in die sich der Autor, der nur noch Stimme ist, aufgeteilt hat". Dieses mit solcher Absolutheit betriebene Eintreten ins Reich der Zeichen bedeutet unweigerlich auch die Gefahr des Verlustes - nicht nur den von Bedeutung, den Stangl ja in Kauf nimmt, wenn nicht sogar anstrebt, sondern auch den von Welt. Selbst dort, wo es eigentlich um ihre Entdeckung gehen soll.

"Ich sitze im Zug und denke daran, dass ich mich im Reich der Zeichen befinde", heißt es über eine Reise durch Mexiko, "eine Sprache wäre zu entdecken oder zu erfinden, eine Sprache vermittels derer ich mich in diesem Gebirge (und wirklich darin) bewegte." Wenn aber, das weiß auch Stangl, diese Worte willkürlich zu werden drohen, wenn die Sprache scheitert, dann zerfällt unversehens all das ins Nichts. Und so banal die Frage anmuten mag, drängt sie sich in Momenten wie diesen doch auf: ob Schreiben als Weltersatz wirklich aufwiegt, nur Beobachter hinter dem Fenster zu bleiben, ohne tatsächlich die zerklüfteten Felswände, den Wind, der an ihnen entlangpfeift, gespürt zu haben. Ob es nicht nur ein vermeintliches Aufgehen ist in etwas, das sich schlagartig als Abwesendes, als Trug, entpuppt.

Wenn Stangl über Raymond Roussel befindet, dieser habe geschrieben, um nichts von sich zu sagen, um kein Bewusstsein, keine Erinnerung zu haben, dann nützt es wenig, diesen Text mit "Das Wegschneiden des Schmerzens" zu überschreiben. Der Schmerz hallt durch Roussels, aber eben auch durch Stangls Texte. Was dabei schmerzhafter ist: das Verlangen, aus der Welt heraustreten zu müssen, oder jene Momente, in denen man von der Welt und in diese zurückgeholt wird, ist schwer auszumachen.

Und auch wenn Stangl von einer "Euphorie der Einsamkeit und des Ephemeren" spricht, die ihn überkommt, wenn er etwa allein vom Iggy-Pop-Konzert nach Hause geht, vorbei an Bauzäunen und Fabriken, dann ist es doch gerade auch diese beständige Einsamkeit, die Stangls Texten etwas Bodenloses, Grausames gibt. Eine fremde Frau am Strand, die ihm im Vorübergehen ein kurzes Lächeln zuwirft, ist die intimste Begegnung, die Stangl zulässt. Und auch die muss in der Distanz verbleiben. "Er wartet nicht darauf, dass sie sich nach ihm umdreht; sie dreht sich nicht nach ihm um. Er will, dass sie für sich bleibt, nachdem sie mit ihrem Lächeln kurz ihr Gesicht für ihn geöffnet hat."

Und während die Frau in der Wirklichkeit bleibt, wie Stangl schreibt, und er im Imaginären (oder umgekehrt), vermag der sanfte Fluss der Sprache, die konzentrierte und fein komponierte Struktur von Stangls Sätzen, wenig Trost zu spenden. Nicht jedenfalls dem Leser. Eher ist es umgekehrt, und der Schmerz wird angesichts der Feinheit der Sprache nur umso deutlicher vernehmbar.

WIEBKE POROMBKA

Thomas Stangl: "Reisen und Gespenster". Essays, Reden und Erzählungen.

Literaturverlag Droschl, Graz 2012. 240 S., geb., 22,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 05.04.2013

Die Kunst,
abwesend zu sein
Thomas Stangls Essayband
„Reisen und Gespenster“
Der 1966 geborene Wiener Erzähler Thomas Stangl hat in seinen Romanen die Möglichkeiten eines Erzählens durchgespielt, das sich als Erforschung des Bewusstseins begreift. „Ein kleiner Schritt und du kannst hinüberwechseln in ein anderes Weltall“, heißt es in seiner Rede zur Verleihung des manuskripte-Preises 2009, die nun in dem Band „Reisen und Gespenster“ nachzulesen ist. Schreiben ist der Versuch, ins Weite zu kommen, in eine „afrikanische Weite, am Donaukanal, am Küchentisch“. Ausgangspunkte sind konkrete gesellschaftliche Befreiungserlebnisse wie jener Augenblick zu Beginn der Wiener Studentenunruhen im Herbst 1987, als sich die Gewissheit einstellte, dass wir „nicht allein in unserer aufrührerischen Studentenblase schwebten, sondern an die richtige Geschichte angedockt“ waren.
  Alle seine Reisen, eine Wanderung in Tirol, eine Mexikoreise, aber auch die vorgestellten Reise der Tagebuchfiktion „Vier Städte“ und seine Bildbetrachtungen führen in die Nähe des Traums, an innere und äußere Grenzen, wo Räume zerfallen und getrennte Zeiten, getrennte Orte verschmelzen. Es sind erlebte oder von Malern wie Joachim Patinir und Cornelis van Poelenburgh dargestellte Augenblicke der Absenz und Selbstauslöschung. Ihnen gilt der autobiographisch unterfütterte Essay „Abwesenheiten“.
  Den Ausbruch aus der Ich-Höhle bezeichnet der Autor als Akt der Selbstbefreiung, den Wunsch, ausschließlich in schriftlicher Form zu existieren, als ursprünglichen Schreibimpuls. Die aus sozialen Zusammenhängen herausführende Eigendynamik des Schreibens beobachtet Stangl bei dem „unter dem eigenen Blick verschwindenden“ Kafka, der in seinen Briefen an Felice „nicht lieben . . . nicht an der richtigen Stelle aufhören“ kann, weil „der Lauf des Textes . . . so unabweisbar ist.“ Den Beginn des eigenen Schreibens bestimmt er mit Blick auf das prozessuale Selbstbeschreibungswerk von Michel Leiris als den Moment, in dem sich das Bewusstsein dafür einstellt, was dem Text entgeht, weil kein Bild das Gedachte, Erlebte, Erinnerte vollständig erfassen kann.
  Zu den Höhepunkten des Buchs gehören seine Lektüren, darunter die von Raymond Roussel, der das Reisen radikal entwirklichte, und Bernward Vesper. Zwiespältig ist seine Auseinandersetzung mit dem Theatervisionär Artaud, 1936 in die zivilisationsfernen, von Indianern bewohnten Gebirgsregionen Mexikos reiste, um „den Tod des weißen Mannes“ zu feiern. Stangl verfolgt, wie belastet Artauds Reise von seiner Idee einer Kunst ist, die sich der fremden Mythen und Riten bedient. Als Nachreisender erlebt er angesichts einer Landschaft, deren Unmittelbarkeit mit jedem Kameraklick zusammenbricht, die Sinnlosigkeit von Bedeutungszuschreibungen. Sein Resümee: „Es gibt keinen Weg aus der Moderne.“
  Stangls Reisen sind, in Abgrenzung wie Bündnis, Selbstgespräch wie den geselligen Spaziergängen des Lesenden, Selbstvergewisserungen im Zwischenraum zwischen Poesie und Essay. „G’scheit ist schön“, Nestroys Bonmot gilt für dieses Buch, in dem sich dem wunderbaren Erzähler der noble Intellektuelle zugesellt.
SIBYLLE CRAMER
Thomas Stangl: Reisen und Gespenster. Literaturverlag Droschl, Graz 2012. 240 Seiten, 22 Euro.
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