Radikale Frühaufklärung in Deutschland 1680-1720 - Mulsow, Martin

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Atemberaubend erzählte Ideengeschichte.
Martin Mulsows Buch "Moderne aus dem Untergrund" wurde 2002 schnell zu einem Standardwerk der Aufklärungsforschung und sorgte für einen Schub neuer Denkanstöße. Der Kulturwissenschaftler legt nun eine grundlegende Überarbeitung und Erweiterung vor: "Radikale Frühaufklärung in Deutschland 1680 - 1720" bietet in zwei Bänden eine umfassende Bestandsaufnahme des radikalen Denkens, das sich in Deutschland um 1700 entwickelt hat. Mulsow verfolgt die "clandestine" - nur in Handschriften oder anonymen Traktaten verbreitete - Wissensproduktion mit…mehr

Produktbeschreibung
Atemberaubend erzählte Ideengeschichte.

Martin Mulsows Buch "Moderne aus dem Untergrund" wurde 2002 schnell zu einem Standardwerk der Aufklärungsforschung und sorgte für einen Schub neuer Denkanstöße. Der Kulturwissenschaftler legt nun eine grundlegende Überarbeitung und Erweiterung vor: "Radikale Frühaufklärung in Deutschland 1680 - 1720" bietet in zwei Bänden eine umfassende Bestandsaufnahme des radikalen Denkens, das sich in Deutschland um 1700 entwickelt hat.
Mulsow verfolgt die "clandestine" - nur in Handschriften oder anonymen Traktaten verbreitete - Wissensproduktion mit detektivischem Spürsinn in jüdischen Polemiken gegen das Christentum, medizinischen Dissertationen, naturrechtlichen Debatten, gelehrten Religionsgeschichten, atheistischen Pamphleten und politischen Traktaten. Er korrigiert das gängige Bild der Aufklärung, indem er zeigt, wie mit neuen Gedanken experimentiert und gespielt worden ist und kleine Gruppen den Mut besaßen, freiwillig oder unfreiwillig den Stein der Veränderung ins Rollen zu bringen.
  • Produktdetails
  • Verlag: Wallstein
  • Seitenzahl: 1088
  • Erscheinungstermin: September 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 236mm x 157mm x 83mm
  • Gewicht: 1791g
  • ISBN-13: 9783835319912
  • ISBN-10: 3835319914
  • Artikelnr.: 50283386
Rezensionen
Besprechung von 14.01.2019
Hahnenkämpfe mit tödlichem Ausgang
Von Ketzermachern, Häretikern und Zauderern: Martin Mulsow über die radikale Frühaufklärung in Deutschland
Wissen ist ein zartes, von Verlust und Zerstörung bedrohtes Gut. Uns mag diese Sicht befremden. Wir leiden eher an Informationsüberfülle oder daran, dass sich auch noch der dümmste Gedanke irgendwo in den unendlichen Weiten der Öffentlichkeit unterbringen lässt und gespeichert wird. In der Frühen Neuzeit verhielt sich dies anders. Die Grenzen des Sagbaren waren enger, die Publikationsmöglichkeiten bei aller Dynamisierung des Medienbetriebs geringer, das Risiko höher, dass eine Handschrift oder ein Druck in kleiner Auflage für immer verloren ging oder gezielt vernichtet wurde – wenn es schlecht lief gleich gemeinsam mit dem Autor.
Der Ideenhistoriker Martin Mulsow hat in seinem letzten Buch dafür den Begriff des „prekären Wissens“ geprägt. Diese Gefährdung von Wissen hatte viele Gründe. Der Inhalt von Schriften konnte Machthabern politisch oder theologisch gegen den Strich gehen und zensiert werden; die Postwege waren unsicher; und bisweilen fehlten Zeit, Fähigkeit oder schlicht die Lust, Materialsammlungen in eine überlieferungsfähige Form zu bringen.
Damit Mulsows eigene Studien dem Schicksal des Wissensprekariats entgehen, liegt nun seine lange vergriffene Habilitationsschrift von 2002 in einer leicht überarbeiteten Version vor. Zusätzlich hat er die Materialien, die er damals bereits für einen zweiten Teil im Blick hatte, gesichert und als Fallstudien ausgearbeitet: zur Debatte um die Sterblichkeit der Seele, zur Aufwertung der Natur, zur Vermenschlichung der großen monotheistischen Religionsstifter oder zu den naturrechtlichen Wurzeln des Skeptizismus. Als Mulsows Forschungsprojekt vor etwa 25 Jahren startete, gab es den titelgebenden Begriff der „radikalen Aufklärung“ zwar bereits, für die Epochenkonstruktion aber war das Konzept von eher randständiger Bedeutung. Seitdem hat sich in der Forschung die Perspektive nachhaltig verschoben. „Aufklärung“ kann ohne ihre extremistische Seite nicht mehr gedacht werden, und zwar auch in Deutschland, wo die „Moderaten“ mehr als in England oder Frankreich den Ton angaben.
Das liegt nicht zuletzt an Jonathan Israels monumentalen Studien zu „Radical Enlightenment“. Israel erzählt darin eine neue große Geschichte. Die wesentlichen Impulse für die Radikalen gingen demnach von Spinoza aus. Sie entwickelten die wirklich wertvollen Gedanken der Aufklärung, die für die modernen Errungenschaften eines freien Lebens in einem säkularen und demokratisch organisierten Gemeinwesen sorgten. Dieser Heroengeschichte setzt Mulsow ein anderes Bild entgegen. Bei ihm spielen Zufälle eine große Rolle, ungewollte Effekte und ungeplante Begegnungen. Es geht um extrem verschlungene Beziehungen, Einflüsse und Überlieferungswege. Die Gedankenschritte können nach vorn gehen, aber auch zurück, zur Seite oder irgendwie schräg und in Kurven verlaufen. Die List der Vernunft lässt sich nicht auf den Nenner einer linearen, teleologischen Erzählung bringen.
Die radikale Aufklärung kannte viele Spielarten: Atheisten und Materialisten zählten dazu, denen Spinozisten auf dem Fuß folgten. Zum Lager der Radikalen gehörte man, wenn man die göttliche oder menschliche Handlungsfreiheit bestritt (Determinismus und Fatalismus) oder wenn man umgekehrt dem Menschen zu große Handlungsmacht zubilligte und ihn auch ohne göttlichen Beistand für lebensfähig erklärte (Naturalismus). Riskant waren religiöse und konfessionelle Neutralität (Indifferentismus), der Verzicht auf die Offenbarung zugunsten eines vernünftigen Glaubens (Deismus) oder die Entgrenzung der Gedankenfreiheit (Freigeisterei).
Viele dieser Ideen existieren schon länger, aber nur, um souverän widerlegt werden zu können und die Überzeugungskraft der Orthodoxie zu belegen. Dieser Konsens bröckelte zusehends. Kompliziert wurde die Lage zudem dadurch, dass nicht allein religionskritische Positionen als gefährlich galten, sondern auch die Überzeugungen von Frömmigkeitsbewegungen, etwa des radikalen Pietismus, oder anderer Religionsströmungen, die nicht ins konfessionelle Schema passten. Hier kämpfte nicht einfach die Vernunft gegen den Glauben oder Philosophie gegen Theologie. Die Konflikte kannten keine eindeutige Gegnerschaft und keinen klaren Frontverlauf. Es handelt sich vielmehr um eine explosive Mischung von gut gemeinten Ideen, riskanten Gedankenexperimenten, übermütigen Scherzen und trotzigen Provokationen.
So erklärte etwa der Thomasius-Schüler Theodor Ludwig Lau: „Ich glaube, dass Gott der Urheber und Schöpfer der ganzen Welt sei und dass ich ein von ihm erschaffenes Geschöpf bin.“ Gleichwohl galt er als Atheist, wurde 1719 in Frankfurt inhaftiert und griff der Gerichtsverhandlung vor, indem er sich im Kerker mit einer Zange die Pulsadern aufriss – eine zeitgenössische Flugschrift berichtete, der Teufel habe sich seiner bemächtigt. In seinen philosophischen „Meditationen“ entwickelt Lau eine radikal herrschaftskritische Position, welche die Kirche nur als Instrument der Machtstabilisierung auffasste. Er fügte jedoch hinzu, dass mit einer Wiederkehr des ursprünglich herrschaftsfreien Zustands nicht zu rechnen und dass dies auch nicht wünschenswert sei.
Laus Rhetorik war durchaus typisch für „Techniken der Distanznahme“. Denn er selbst präsentierte sich als Eklektiker, der bereits vorhandene Gedanken aufgriff und bündelte. In seinen Schriften übernahm er die Rolle eines Heiden, privat aber verstand er sich als gläubiger Christ. Lau stellte Alternativen zur Verfügung, ohne dass dies gleich als radikaler Angriff auf die etablierten Glaubensbestände hätte aufgefasst werden müssen.
Die Aufklärer machten sich radikales Gedankengut also sehr unterschiedlich zu eigen. Es gab den seltenen Typus des offen Radikalen, der für seine Positionen persönlich eintrat und die Konsequenzen akzeptierte; den verbreiteten Typus des verdeckten Extremisten mit moderatem Stand- und radikalem Spielbein, der verschiedene Strategien der Tarnung und Chiffrierung benutzte; den scheinbar Radikalen, der sich zu Unrecht verdächtigt fühlte; und auch den ungewollt Radikalen, der traditionelle und etablierte Gedankensysteme eigentlich zu stützen versuchte – tatsächlich begannen viele spätere Häretiker mit dezidiert moderaten oder sogar orthodoxen Absichten, aber ihre Argumente entwickelten ein Eigenleben.
Manchmal infizierten die randständigen Ideen dann ein ganzes Gedankengebäude, sodass es mit einem intellektuellen Doppelleben nicht mehr getan war. Diese Ansteckungsgefahr und das Potenzial, das unter Umständen in einer Formulierung steckte, wurden immer wieder als eigentliche Gefahrenquelle beschworen. Aus der Perspektive einer Hermeneutik des Verdachts reicht das prekäre Wissen weit in die scheinbar sicheren Zonen hinein. Damit trugen die „Ketzermacher“ ihrerseits zur Radikalisierung bei, indem sie die Konsequenzen aus bestimmten Gedankengängen aufzeigten und damit das extremistische Potenzial erst zur Geltung brachten.
Mulsows Anteilnahme gehört insbesondere jener zerstreuten Menge intellektueller Einzelkämpfer, die philosophiegeschichtlich in der zweiten oder dritten Reihe stehen. In scheinbar abwegigen gelehrten Debatten erkennt er die „Hahnenkämpfe der Aufklärung“, die wie die berühmten „balinesischen Hahnenkämpfe“ der Ethnologie in dichten Beschreibungen zum Schlüssel fremder Gesellschaften werden. In seinen ungeheuer gelehrten, überraschenden Untersuchungen bringt er die ganze Komplexität von „Denkräumen“ zur Geltung. Seine Studien sind empirisch breit fundiert und verfahren gleichwohl oft mit höchst spekulativem Scharfsinn, weil im Bereich des prekären Wissens viele Informationen verloren gegangen sind und erschlossen werden müssen.
Ein Missverhältnis bleibt allerdings: Rund 920 Seiten an Fallstudien stehen fünf Seiten „Zusammenfassung“ entgegen. Wie aber soll die überbordende Fülle an Einsichten und Erkenntnissen von der künftigen Forschung verarbeitet werden? Vor sechs Jahren hatte Mulsow in seinen Überlegungen zum „Prekären Wissen“ zwei Syntheseangebote gemacht: eine „Geschichte der Freiheit“ und eine „Geschichte der Sicherheit“. Diese Geschichten würden wir jetzt gern lesen.
STEFFEN MARTUS
Martin Mulsow: Radikale Frühaufklärung in Deutschland 1680 – 1720. Band 1: Moderne aus dem Untergrund. Band 2: Clandestine Vernunft. Wallstein Verlag, Göttingen 2018. Zusammen 1126 Seiten, 59,90 Euro
Theodor Ludwig Lau riss
sich im Kerker mit einer
Zange die Pulsadern auf
Manchmal infizierten
randständige Ideen ein
ganzes Gedankengebäude
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Besprechung von 01.02.2019
Nehmen wir mal an, die Seele ist nicht unsterblich
Martin Mulsow legt eine neue und stark erweiterte Fassung seines Werks über die radikale Frühaufklärung in Deutschland vor

Wie kann in einer Gesellschaft Undenkbares denkbar, Verbotenes akzeptabel und Heiliges profan werden? Will man die Geschichte der Aufklärung verstehen, kommt man um eine Antwort auf diese Frage nicht herum. Was sich ab dem späten siebzehnten Jahrhundert abspielte, war eine Neuordnung des Wertegefüges und Weltbildes, wie es sie zuvor in dieser Radikalität nicht gegeben hat.

Zwar hat die Forschung schon viele Antworten angeboten, aber bisher hat sich keine als wissenschaftliches Standardwissen durchsetzen können. Einzelne Erklärungsansätze gehen von einer Eigendynamik wissenschaftlicher Erkenntnisprozesse aus, etwa der Erweiterung der philologischen Textkritik zur philosophischen Universalkritik oder der Übertragung experimenteller Versuchsanordnungen von der Natur auf den Menschen. Andere Antworten leiten den Durchbruch unerhörter Denkhaltungen aus der Mitte der religiösen Orthodoxie ab, zum Beispiel das Aufkommen des Atheismus aus universitären Disputationen, in denen ein "Advocatus diaboli" das Gegenteil zur richtigen Lehre vertreten musste, dabei aber wider Willen Ketzereien von verfänglicher Überzeugungskraft produzierte.

Schließlich gibt es die heroische Erzählung. Ihr zufolge stand am Anfang der Aufklärung eine Schar radikaler Hochrisikodenker, getrieben vom unstillbaren Hunger nach verbotenen Früchten auf dem Feld der Theologie und Bibelkritik und getragen von der Bereitschaft, für ihre gelehrten Leidenschaften den Preis einer gefährdeten Schattenexistenz zu bezahlen. Das wissenschaftliche Werk von Martin Mulsow steht im deutschsprachigen Raum wie kein zweites für die heroische Erzählung. In den vergangenen Jahrzehnten hat Mulsow eine Art Unterbau-Überbau-Modell für die deutsche Frühaufklärung entwickelt, wonach die zukunftsweisenden Helden der Zeit nicht unter den "großen" Gelehrten, den Leibniz, Pufendorf, Thomasius und Wolff, zu suchen seien, sondern unter beinahe vergessenen Autoren und Kommentatoren von verbotenen Schriften wie Johann Joachim Müller, Theodor Ludwig Lau oder Johann Georg Wachter.

In seiner wegweisenden Habilitationsschrift von 2002 sprach Mulsow von der "Moderne aus dem Untergrund", einem "versunkenen Kontinent" aus Hunderten radikalen Schriften. Ihn zu heben galt fortan sein wissenschaftliches Streben, mit dem Ziel, die Bedeutung "des ,linken' Randes der Frühaufklärung" für das Werden der modernen Welt freizulegen. Es folgten mehrere Bücher, in denen Mulsow die teils tragischen Schicksale radikaler Frühaufklärer mit bewundernswerter Quellenkenntnis ausbreitete und ihre unsichere Stellung in der Gelehrtenwelt mit einer neuen, ebenfalls an modernen Gegensätzen orientierten Bildersprache beschrieb. 2012 wurde aus dem "Untergrund" ein "Wissensprekariat", das Mulsow wiederum einer "Wissensbourgeoisie" gegenüberstellte. Als prekär stufte er neben der Situation seiner Protagonisten auch den Status ihres Wissens ein. Was sie Radikales zu sagen hatten, musste verklausuliert formuliert, klandestin gedruckt und im Geheimen verbreitet werden. Fiel es in die Hände der Zensur, konnte es restlos vernichtet werden.

Auch Mulsow selbst geht Risiken ein, wenn er die Anschaulichkeit der Darstellung durch anachronistische Assoziationen steigert. Mit der Rede vom literarischen Untergrund zieht er eine Verbindung zu den Diktaturen des zwanzigsten Jahrhunderts, mit dem Begriff der Wissensbourgeoisie zum Kapitalismus des neunzehnten Jahrhunderts und mit jenem des linken Randes zum progressiven Radikalismus seit der Französischen Revolution. Da Mulsow das Risiko aber kalkuliert einsetzt, indem er mit den Metaphern die Absicht verbindet, die Fortschrittlichkeit seiner historischen Helden zu unterstreichen, wäre es zu kurz gegriffen, sein Werk einfach unter Anachronismusverdacht zu stellen. Die Frage ist vielmehr, ob die anachronistischen Assoziationen einen heuristischen Mehrwert schaffen.

Die nun erschienene überarbeitete und um einen zweiten umfangreichen Band erweiterte Fassung seiner "Moderne aus dem Untergrund" hätte gute Gelegenheit zu einer vertieften Diskussion dieser Frage gegeben. Die nachträgliche Erweiterung eines publizierten Buches ist heute, anders als zu Zeiten der klandestinen Frühaufklärer, eher ungewöhnlich; und da Mulsow in der Zwischenzeit von seiner kühnen Sprache aus dem Jahr 2002 teilweise Abstand genommen hat, wäre ein reflexives Innehalten zur konzeptionellen Rahmung des Forschungsgegenstandes umso mehr zu begrüßen gewesen.

Doch Mulsow begibt sich gleich zu Beginn des zweiten Bandes auf die nächste historische Abenteuerreise, diesmal auf den Spuren des materialistisch inspirierten Theologen Urban Gottfried Bucher. Es folgen weitere, ähnlich kleinteilige Fallstudien zu ähnlich kauzigen Figuren, und erst ganz zum Schluss taucht Mulsow wieder in der Gegenwart auf, wobei es dann nur noch für eine kurze Zusammenfassung reicht. Diese jedoch wirft mehr Fragen auf, als sie Antworten gibt. Man erhält den Eindruck, dass mit der Addition zusätzlicher Fallgeschichten eine konzeptionelle Klammer für beide Bände gar nicht mehr angestrebt wird. Entweder haben sich die Fallgeschichten vom Untergrundfundament gelöst und ein Eigenleben als Mikrostudien entwickelt, oder sie passen besser zu anderen Erklärungsansätzen für die Radikalisierung des aufklärerischen Denkens.

Für Letzteres spricht etwa Buchers Schicksal. Es zeigt geradezu exemplarisch, dass materialistisch motivierter Widerspruch gegen die Unsterblichkeit der Seele tatsächlich aus der Mitte der Orthodoxie kommen konnte. Bucher soll zuerst als Respondent einer universitären Disputation theologisches Glatteis betreten haben, ohne die eigene Argumentation anfänglich ernst zu nehmen. Erst danach sei er richtig auf den Geschmack gekommen. Im Unterschied zu Buchers Radikalisierung weisen Indizien aus anderen Fallgeschichten auf eine schleichende Verdrängung theologischer durch naturphilosophische Erklärungen hin und lassen ihrerseits die heroische Erzählung von der Aufklärung aus dem Untergrund zweifelhaft erscheinen.

Könnte es sein, dass die radikalen Auswirkungen der Aufklärung weniger von jenen Gelehrten ausgingen, die sich im Versteckten an der Bibel abarbeiteten, als von jenen, die sie desinteressiert beiseiteschoben und sich neuen Fragen zuwandten? Wenn dem so ist, ging das Licht der Aufklärung nicht unterirdisch auf. Es konnte sich aus der Mitte der privilegierten Gesellschaft ausbreiten.

CASPAR HIRSCHI

Martin Mulsow: "Radikale Frühaufklärung in Deutschland 1680-1720". Band 1: Moderne aus dem Untergrund. Band 2: Clandestine Vernunft.

Wallstein Verlag, Göttingen 2018. Zus. 1126 S., geb. im Schuber, 59,90 [Euro].

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