Projekt Vitra 1957-2007 - Fehlbaum, Rolf / Windlin, Cornel (Hgg.)
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Nicht nur für Design- und Architekturfans: Das erste Buch über ein Design-Unternehmen, das mehr als Stühle bietet. Das Buch erzählt die Geschichten hinter den Möbelikonen und demonstriert den Balanceakt zwischen kulturellem Anspruch und wirtschaftlichem Erfolg.

Produktbeschreibung
Nicht nur für Design- und Architekturfans: Das erste Buch über ein Design-Unternehmen, das mehr als Stühle bietet. Das Buch erzählt die Geschichten hinter den Möbelikonen und demonstriert den Balanceakt zwischen kulturellem Anspruch und wirtschaftlichem Erfolg.
  • Produktdetails
  • Verlag: Birkhäuser Berlin
  • Seitenzahl: 396
  • Erscheinungstermin: November 2007
  • Deutsch
  • Abmessung: 240mm
  • Gewicht: 1090g
  • ISBN-13: 9783764385927
  • ISBN-10: 3764385928
  • Artikelnr.: 23054331
Autorenporträt
Rolf Fehlbaum ist Chairman von Vitra. Nach einem Studium der Sozialwissenschaften gründete er mit zwei Partnern einen Multiples-Verlag, produzierte Dokumentarfilme bei Bavaria München und war ab 1973 als Referent für Aus- und Fortbildung bei der Bayerischen Architektenkammer tätig. 1977 übernahm er die Führung von Vitra. Er leitete die Internationalisierung des Unternehmens ein, knüpfte Beziehung zu den führenden Designautoren, beauftragt einige der wichtigsten Architekten der Welt und gründete das Vitra Design Museum. Cornel Windlin verantwortet seit 2004 Konzeption und Gestaltung der Vitra Home-Kataloge. Seit 1993 betreibt er sein Studio in Zürich. Bekannt sind unter anderem seine Arbeiten für das Museum für Gestaltung Zürich, für das Schauspielhaus Zürich unter der Direktion Marthaler sowie für die Tate-Museen in London. Viele der von ihm gestalteten Bücher und Plakate wurden national und international ausgezeichnet.
Inhaltsangabe
Orte
Produkte
Autoren /Designer
Museum in Weil am Rhein
Sammlungen [Design-Sammlung]
Zeichen
Chronik [Unternehmenschronik]
Glossar
Rezensionen
Besprechung von 29.02.2008
Schrecklich, diese vielen Bürodesaster!
Unsere schönsten Sitzlandschaften: Der Band "Projekt Vitra" erklärt das Erfolgsrezept der Designfirma

Fast scheint es, als habe Richard Hamiltons berühmte Collage mit dem Titel "Just What Is It That Makes Today's Homes So Different, So Appealing?", mit der 1956 der Brit-Pop begann, auch im Design Wirkung gezeigt. Denn wer sich das "Projekt Vitra" in all seinen Verästelungen vor Augen führt, der wird den Eindruck nicht los, dass keine andere Firma der Möbelbranche seit Ende der fünfziger Jahre derart konsequent der Frage nachgegangen ist, was unser Zuhause so anders, so anziehend gemacht hat.

"Projekt Vitra" ist die Selbstdarstellung einer erfolgreichen Firma. Und doch ist der Band mit seinen klugen Texten, mit all den Produkten, historischen und aktuellen Fotografien und Dokumenten mehr als nur eine Unternehmensgeschichte. Mal taucht man ein in die Geschichte des Nachkriegsdesigns, mal erfährt man, was avancierte Architektur für Image und Identität zu leisten vermag; mal dreht sich alles um den Wandel der Arbeitswelt, mal um die Besonderheiten industrieller Gestaltungsprozesse. Oder man wird Zeuge, wie regionale Verwurzelung und unternehmerisches Handeln eine eigene Industriekultur hervorbringen und wie aus sehr persönlichen Beziehungen globale Netzwerke entstehen.

Ob Sitzlandschaften mit einem Schuss Pop-Art gewürzt sind, Tische mit einem Mal minimalistisch zurückhaltend daherkommen oder die Bürowelten von heute analysiert werden - vieles an diesem Buch ist anders, weil vieles in dem Unternehmen Vitra anders ist.

Schon im ersten Satz des einleitenden Textes von Rolf Fehlbaum, dem spiritus rector des Ganzen, ist alles gesagt, freilich derart verdichtet, dass es seiner Entfaltung auf rund vierhundert Seiten bedarf: "Das Projekt Vitra begann 1957 in Basel und Weil am Rhein mit der Produktion der Möbel von Charles & Ray Eames und von George Nelson durch die Gründer des Unternehmens, Willi und Erika Fehlbaum. Noch heute produzieren wir diese Möbel als unsere Klassiker, und nach wie vor sind wir in der Metropolitanregion Basel zu Hause. Vieles jedoch ist über die Jahre hinzugekommen."

Fakt ist: Ohne die Begegnung mit Charles und Ray Eames wäre Vitra nicht Vitra. Und so wird noch heute, wenn weitreichende Entscheidungen getroffen werden, gern die Frage gestellt: Was würde Charles sagen? Nur der Designer George Nelson, von dem Fehlbaum sagt, keiner habe so klug über Design gesprochen und so gut über Design geschrieben wie er, hatte einen ähnlich großen Einfluss auf die Entwicklung der Firma. So ist es bis heute die Mischung aus Pioniergeist, Forschungsinteresse und Verbissenheit geblieben, die Vitra so erfolgreich macht. "Love investigations" hat Charles Eames das Zusammenspiel von Hingabe und Leidenschaft genannt, das offenbar nicht nur zu gutem Design, sondern auch zu dessen erfolgreicher Produktion führt.

Schon die Fabrik in Weil ist keine gewöhnliche Fabrik, sondern ein Architekturcampus erster Güte, auf dem sich Architektur, Kunst, Design und Industriekultur auf weltweit einzigartige Weise verbinden. Der Neuaufbau des Werksgeländes begann nach einem Brand 1981. Orientierten sich die ersten Hallen von Nicholas Grimshaw noch an angelsächsischem Hightech, so hielt mit dem Dynamismus von Frank Gehrys "Vitra Design Museum", mit Zaha Hadids suprematistischem Feuerwehrhaus, dem Minimalismus von Tadao Andos Konferenzpavillon und einer Produktionshalle von Alvaro Siza schon bald architektonischer Entdeckergeist Einzug.

Fehlbaum hatte einen guten Riecher. Man war Vorreiter: Die Feuerwache war Zaha Hadids erster realisierter Bau überhaupt, die Gebäude Gehrys und Andos deren erste in Europa. Seinen krönenden Abschluss soll das Ensemble im kommenden Jahr finden, wenn das spielerisch aus übereinander gestapelten Giebelhäusern gebildete Vitra-Haus von Herzog & de Meuron und die kreisrunde Fabrikhalle für den Vitra-Shop des japanischen Duos SANAA eingeweiht werden.

Ob auf dem Architekturcampus, im Vitra Design Museum, in der Home Collection oder in Vitras Bürowelten, überall regiert das Prinzip der Collage. Fehlbaum hat, angeregt von der Begegnung mit den Eames und deren Haus in Kalifornien, Möbel nie als etwas Isoliertes aufgefasst. So war es kein Zufall, dass Vitra nicht auf Einzelstücke setzte, sondern ganze Produktfamilien entwickelte, nur hier und da ergänzt um Editionen und Solitäre. Denn beim Übergang in die postindustrielle Gesellschaft mischen sich private und öffentliche Aspekte. Wohnen und Arbeiten sind zunehmend verflochten, der Alltag ist medial vernetzt, und weil die Kleinfamilie keine sinnvolle Orientierung und keinen Maßstab mehr für Gestaltungsansprüche abgibt, kann die Wohnung nicht länger nur ein Ort des Rückzugs oder der Repräsentation sein.

Das heißt in der Konsequenz: Das Einrichten muss auf Vielfalt reagieren, nicht nach Einheitlichkeit streben. Es entstehen Collagen des Privaten oder Patchworks aus unterschiedlichen Bedürfnissen des Arbeitens. Also geht man bei Vitra davon aus, "dass die Verantwortung für den Masterplan individuellen Wohnens nie beim Hersteller liegen kann, sondern beim Nutzer. Deshalb kann es auch nie eine typische Vitra-Wohnung geben. Der Nutzer schafft sich aus heterogenen Elementen seine persönliche Welt."

Kaum anders verfährt man mit den "Autoren", wie Fehlbaum die Designer, Grafiker und Architekten nennt, mit denen er langfristig zusammenarbeitet. Die Liste ist so lang wie ihre Namen illuster. Allein im Design reicht sie von den Eames und Nelson über Verner Panton, Jean Prouvé, Antonio Citterio und Alberto Meda bis zu Maarten Van Severen, und sie reicht von Jasper Morrison, Ronan & Erwan Bouroullec bis zu Hella Jongerius. Wobei Fehlbaum betont, dass die Rollenverteilung gerade nicht die in Auftraggeber und Auftragnehmer ist, sondern zwei freie Unternehmer - der Designer und Vitra - gemeinsam nach der besten Lösung suchen. Eine Garantie für Erfolg ist das noch nicht; aber eine gute Voraussetzung.

Auch was die Arbeitswelt angeht, steht am Beginn der Suche nach Lösungen eine Analyse der gesellschaftlichen Bedürfnisse. "Wir kennen", so Fehlbaum, "die Bürodesaster. Zugleich wissen wir, dass sie vermeidbar sind." Von den tayloristischen Anfängen über die Vorstellung einer "Humanisierung der Arbeitswelt" bis zur "Zivilisierung des Großraums und der Unterstützung der ihm angemessenen Arbeitsform", denen sich Vitra verschrieben hat, spannt er hier den Bogen. Heute ist aus dem alten Büro ein "Marktplatz des Wissens" geworden, und es kommt darauf an, eine Balance zwischen Kommunikation und Konzentration, Austausch und Rückzug herzustellen. "Net 'n' Nest" lautet die aktuelle Formel, die "networking" und "nesting" verbinden soll.

Für jeden Designinteressierten ist der Band eine wahre Fundgrube. Und auch wenn die Vielfalt des zeitgenössischen Designs sich bei weitem nicht darin erschöpft, was Vitra herstellt, so wird man bei der Lektüre doch manchmal neidisch, nicht bei all den Aktivitäten dieses Ausnahmeunternehmens dabei sein zu können. Oder, wie die Designerin Hella Jongerius es ausdrückt: "Die Kultur des Unternehmens zielt darauf ab, einen Designer aufblühen zu lassen."

THOMAS WAGNER

"Projekt Vitra". 1957-2007. Orte, Produkte, Autoren, Museum, Sammlungen, Zeichen. Chronik, Glossar. Herausgegeben von Cornel Windlin und Rolf Fehlbaum. Birkhäuser Verlag, Basel 2008.

396 S., 795 Farb- u. 197 S/W-Abb., geb., 39,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Richtig neidisch auf so viel unternehmerische Umtriebigkeit macht Thomas Wagner diese "Selbstdarstellung" der Firma Vitra. Wagner nämlich scheint hier wenig für übertrieben zu halten. Die "klugen Texte" und die Dokumentation von Produkten aus der weltberühmten Designschmiede in historischen und aktuellen Fotografien hält er für "mehr als Unternehmensgeschichte". Wagner erfährt über industrielle Gestaltungsprozesse, den Wandel der Arbeitswelt und eine spezielle Unternehmenskultur. Und oft erscheint ihm die Perspektive anders, "weil vieles in dem Unternehmen Vitra anders ist". Ein Kompliment, zweifellos. Das Buch empfiehlt Wagner erwartungsgemäß "jedem Designinteressierten".

© Perlentaucher Medien GmbH