Polens Weg - Buras, Piotr; Tewes, Henning
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Produktdetails
  • Verlag: Hohenheim Verlag
  • Seitenzahl: 280
  • Deutsch
  • Abmessung: 205mm
  • Gewicht: 480g
  • ISBN-13: 9783898501330
  • ISBN-10: 3898501337
  • Artikelnr.: 14254924
Rezensionen
Besprechung von 10.07.2006
Verwirrende Machtkämpfe
Polens innenpolitische Entwicklung seit Ende der achtziger Jahre

Polen ist ohne Frage der wohl wichtigste Partner Deutschlands in Osteuropa, mit dem nach der Transformation eine engere bilaterale Interessen- und Solidargemeinschaft angestrebt wurde. Zugleich sollten dessen neue Kräfte der Demokratie und der sozialen Marktwirtschaft zum dynamischen Prozeß der Festigung einer stabilen Friedensordnung im Rahmen der Europäischen Union beitragen. Freilich haben es die Führungseliten beider Staaten häufig mehr bei hehren Worten belassen, ohne in der Praxis des Alltags hierfür wirklich immer konsequent entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Das trifft wahrscheinlich auch auf die gegenseitige Informationspolitik zu, wobei die Kenntnisse in Polen über den westlichen Nachbarn jedoch ausgeprägter sein dürften als umgekehrt. Vergleicht man heute überdies die Wahrnehmungen auf beiden Seiten, so unterscheiden sich diese leider nur recht marginal von denjenigen früherer Jahrzehnte. Immer noch werden Feind- und Fremdbilder verbreitet, vor allem in Medien, die mehr in die Epoche des Kalten Krieges gehören denn der gegenwärtigen Qualität der bilateralen Beziehungen angemessen sind. Dies belegen neuere Untersuchungen.

Zur gleichen Zeit sind die innenpolitischen Querelen und Machtkämpfe in Polen nach der Wende häufig verwirrend. Die mannigfachen Schwierigkeiten bei der Durchsetzung des neuen Parlamentarismus mit einer Unzahl von Parteien haben nicht gerade die Akzeptanz der demokratischen Ordnung durch die Bürger und Bürgerinnen erleichtert. Hinzu kommen die Ungewißheit über den Wirtschaftskurs und die Folgen sozialer Veränderungen. Das hängt nicht zuletzt mit den so rasch wechselnden Regierungen und ihren unterschiedlichen Programmen zusammen.

Seit der Berufung von T. Mazowiecki zum ersten nichtkommunistischen Ministerpräsidenten im Jahre 1989 - Symbol für die Befreiung Polens von Fremdbestimmung und den Triumph der Freiheit - haben elf Regierungen in heterogener parteipolitischer Zusammensetzung amtiert, während die Parteienzersplitterung zunimmt. Jüngst konnte eine Minderheitenregierung im letzten Augenblick eine erneute Auflösung des Sejm nur dadurch verhindern, daß sie ihren Tolerierungspartnern einen sogenannten "Stabilisierungspakt" abrang.

Leider hat es bisher keine befriedigende Studie über die Komplexität dieser innenpolitischen Entwicklung seit Ende der achtziger Jahre in deutscher Sprache gegeben. Jetzt liegt endlich ein im ganzen gelungener Überblick über die Jahre nach der Zeitenwende von zwei jüngeren Wissenschaftlern vor, erfreulicherweise aus Deutschland und aus Polen. Dabei hat sich die Kooperation der Autoren im Geiste sinnvoller Arbeitsteilung (Innenansichten und Wahrnehmung von außen) bewährt. Sie betonen in ihrem Vorwort, daß sie versucht hätten, die Politik der unruhigen Jahre von 1989 bis 2004 in Polen mit ihren Widersprüchlichkeiten, Leistungen und Rückschlägen zu verdeutlichen. Ihr meist abgewogen formuliertes Urteil und alternative Antworten auf selbstgestellte Fragen zeugen von ihrer erfreulichen Einsicht, daß sie sich nicht sicher sind, ob sie den Kritisierten immer gerecht geworden und ihre Bewertungen ganz zutreffend sind.

Zunächst behandeln Piotr Buras und Henning Tewes die Anfangsjahre und stellen die Probleme staatlicher Identität und der außenpolitischen Ziele Polens (Westintegration) in den Mittelpunkt. Aufstieg und Scheitern der Solidarnosc, Wege, Irrwege und Zukunft der Demokratie werden ebenso offen angesprochen wie Verfassungsfragen, Aspekte der Reformpolitik und die bedeutsame Rolle der katholischen Kirche mit dem überragenden, einflußreichen Papst Johannes Paul II. an der Spitze. Eingehend erörtern die Autoren die dramatischen Auseinandersetzungen im Inneren um das kommunistische Erbe, das heißt jenen spannungsreichen Prozeß der Entkommunisierung zwischen den Kräften der Beharrung und des Antikommunismus, der noch heute weiterschwelt.

An dieser Stelle wäre vielleicht ein etwas ausführlicherer Vergleich mit der deutschen Politik zur Überwindung der Folgen der SED-Diktatur nach 1990 und mit den Maßnahmen politischer Strafverfolgung angebracht gewesen. Verschiedene Galionsfiguren Polens in dieser Zeit werden gewürdigt, darunter die von General Jaruzelski, Ministerpräsident Mazowiecki und Lech Walesa. Die herausragenden Verdienste des letzteren im Freiheitskampf der Polen werden mit Recht betont, ohne dabei zu leugnen, wie wenig politische Kompetenz der Arbeiterführer im Grunde gehabt habe, ganz zu schweigen von seinen Schwächen, zu denen Günstlingswirtschaft in seiner Umgebung und mangelnder Respekt für die Regeln der Demokratie gezählt haben.

An manchen Stellen hätte sich freilich der Leser weitergehende Erläuterungen gewünscht oder aber Ergänzungen, beispielsweise über den Aufbau des polnischen Staatswesens, zur Rolle der Streitkräfte (Sicherheitspolitik in der Nato) oder zur Entwicklung innerhalb der Gesellschaft. In diesem Zusammenhang drängt sich die Frage auf, was seit den neunziger Jahren eigentlich geschehen ist, um durch eine zielstrebige neue Bildungsarbeit im Lande insbesondere die jüngere Generation zu befähigen, sich mit den Werten eines demokratischen Staates zu identifizieren und am Aufbau der neuen Ordnung mitzuwirken. Es überwiegen im Buche allzu häufig Passagen, in denen vornehmlich der persönliche Ehrgeiz der Akteure, Intrigen, Rivalitäten und Animositäten zwischen den neuen Eliten, ihre Zerstrittenheit, ihr Ringen um Macht und Einfluß aus sehr eigennützigen Gründen erläutert oder Korruption, Vetternwirtschaft, schwerwiegende Affären, aber auch die Unfähigkeit einzelner Politiker gegeißelt werden.

HANS-ADOLF JACOBSEN

Piotr Buras/Henning Tewes: Polens Weg. Von der Wende zum EU-Beitritt. Hohenheim Verlag, Stuttgart 2005. 278 S., 19,90 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Nur empfehlen kann Rezensent Louis Gerber dieses Buch über den Weg Polens in die Demokratie, das Piotr Buras und Henning Tewes vorgelegt haben. Er bescheinigt den beiden Politologen, die Entwicklung Polens seit dem Zusammenbruch des Kommunismus "fundiert" und "konzis" zu analysieren, die Ausbildung der polnischen Parteienlandschaft seit 1989 verständlich nachzuzeichnen sowie zahlreiche Hintergrundinformationen zum Verständnis des Landes zu liefern. Noch einmal rekapituliert Gerber die Ereignisse, die zu den ersten freien Wahlen in dem ehemaligen Ostblockland führten. Dabei unterstreicht er, dass die Autoren die postkommunistische Ära keineswegs beschönigen und auch Lech Walesa einer kritischen Würdigung unterziehen. Zu beanstanden hat Gerber das Fehlen von Index und Bibliografie. Er weist zudem darauf hin, dass das Buchmanuskript vor den Wahlen vom Herbst 2005 abgeschlossen wurde.

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