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Pest - Meier, Mischa
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In diesem Band beschäftigen sich Historiker, Mediziner und Kulturwissenschaftler mit dem Thema "Pest" in verschiedensten Facetten. In anschaulicher Weise werden historisch relevante Ausbrüche epidemischer Erkrankungen beschrieben. Dabei wird stets auch der Frage nachgegangen, wie das Massensterben von Zeitgenossen und Späteren wahrgenommen wurde, welche Deutungskategorien in den jeweils unterschiedlichen betroffenen Gesellschaften zur Anwendung kamen und welche Folgen die "Seuchen" im politischen Bereich hatten. Das Spektrum der Beiträge erstreckt sich zeitlich von den altorientalischen…mehr

Produktbeschreibung
In diesem Band beschäftigen sich Historiker, Mediziner und Kulturwissenschaftler mit dem Thema "Pest" in verschiedensten Facetten. In anschaulicher Weise werden historisch relevante Ausbrüche epidemischer Erkrankungen beschrieben. Dabei wird stets auch der Frage nachgegangen, wie das Massensterben von Zeitgenossen und Späteren wahrgenommen wurde, welche Deutungskategorien in den jeweils unterschiedlichen betroffenen Gesellschaften zur Anwendung kamen und welche Folgen die "Seuchen" im politischen Bereich hatten. Das Spektrum der Beiträge erstreckt sich zeitlich von den altorientalischen Reichen bis in die jüngste Vergangenheit; es umfaßt nicht nur das Römische Reich und das christliche Europa, sondern richtet den Blick auch auf Byzanz, den islamischen Raum und die Kolonien der europäischen Mächte im 19. Jahrhundert. Schwerpunkte des Bandes bilden die drei großen Pestpandemien der Geschichte, d. h. die seit dem 6. Jahrhundert grassierende "Justinianische Pest", der 1348 in Europa ausgebrochene "Schwarze Tod" und seine Folgen sowie die Seuchenzüge des 19. Jahrhunderts.
  • Produktdetails
  • Verlag: Klett-Cotta
  • Seitenzahl: 478
  • 2005
  • Ausstattung/Bilder: 2005. 478 S. zahlr. Abb im Text , . Farbtaf.
  • Deutsch
  • Abmessung: 235mm
  • Gewicht: 825g
  • ISBN-13: 9783608943597
  • ISBN-10: 3608943595
  • Artikelnr.: 14099133
Autorenporträt
Mischa Meier, geboren 1971, Studium der Klassischen Philologie und der Geschichte an der Universität Bochum. 1998 Promotion über das frühe Sparta; 1999 bis 2004 Wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Alte Geschichte an der Universität Bielefeld.
Inhaltsangabe
Aus dem Inhalt:
Einleitung
Von Ratten und Menschen - Pest, Geschichte und Problem der retrospektiven Diagnose'Pest'im Altertum - eine Spurensuche

Bilanz und Perspektiven
Pest in der Antike? Vergleichende Beobachtungen

Mutterkornvergiftungen, Durchfälle und der'Schwarze Tod'- Massenerkrankungen im europäischen Mittelalter

Bilanz und Perspektiven
Der'Schwarze Tod'- Politische Folgen und die'Krise'des Spätmittelalters (Jürgen Strothmann)

Jenseits von Europa: Byzanz und der Nahe Osten

Pest, Pestangst und Pestbekämpfung in der Neuzeit

Bilanz und Perspektiven
Pest und Politik in der europäischen Neuzeit (Martin Dinges)

Die Wirkung der Pest in Kunst und Literatur
Rezensionen
Besprechung von 19.10.2005
Erreger auf asiatischen Murmeltieren eingenistet
Menschheitsprobleme vor Historikern: Studien zur Pest in ihren vielfältigen Erscheinungsformen / Von Michael Borgolte

Die Universalgeschichte ist wieder da. Wenn der Zusammenhang der Welt im Zeichen der "Globalisierung" verstanden werden muß, sind die Historiker aufgerufen, die Reiche, Völker, Religionen und Kulturen der Vergangenheit in ihren Analogien, Interferenzen und Gegensätzen zu untersuchen und darzustellen. Die Experten der Textkritik und die Spezialisten für Städte, Regionen und Nationalstaaten, für Politik, Wirtschaft und Soziales, geraten dagegen, so wichtig ihre Arbeit immer bleibt, in den Verdacht des Minimalismus und des Escapismus. Gleichzeitig verstummen die skeptischen Theoretiker, nach denen es für Weltgeschichte an leitenden Gesichtspunkten fehle. In Wirklichkeit bietet die Gegenwart eine Fülle von Fragen an, denen sich der Stoff - gewiß eine beträchtliche Masse, doch keineswegs unbeherrschbar - fügt; man darf sich nur nicht auf die Suche nach einem archimedischen Punkt begeben und eine Welterklärung für alle versuchen.

Freilich braucht es für die neue alte Aufgabe auch Mut, und gegenwärtig scheint die Geschichtswissenschaft noch tief Luft zu holen, bevor sie den großen Sprung wagt. Strategien der Entlastung sind gefragt. Eine besteht darin, durch eine Reihe von Fachleuten Phänomene der Historie vergleichend studieren zu lassen, die anscheinend die ganze Menschheit begleitet haben, bei denen die Differenzen der Quellensprachen und der wissenschaftlichen Konventionen auch eine Verständigung über die Grenzen der Fächer hinweg nicht völlig verstellen. Eine solche Größe ist zweifellos die "Pest" mit ihrer bis heute vier- bis fünftausendjährigen Geschichte. Deshalb war es eine glückliche Idee einer Reihe von Althistorikern, zusammen mit Mediävisten, Neu- und vor allem Medizinhistorikern die Pest als "Menschheitstrauma" zu untersuchen.

Ein Sammelband ist aber keine Synthese, und Uwe Walter hat dies gewußt, als er seiner Zusammenfassung den vieldeutigen Satz einfügte, daß "die durchaus unterschiedlichen Beiträge als Kapitel einer geschlossenen Darstellung und zugleich als Bausteine einer modernen Universalgeschichte zu lesen" seien. Tatsächlich muß sich jeder Rezipient selbst sein Bild formen, indem er aus dem bereitgestellten Material auswählt und sich bei offenen Fragen, ohne auf weitere Forschungen zu warten, für eine Lösung entscheidet. Nimmt man die zwanzig Studien zusammen, lassen sich mindestens drei Lesarten der Pest als universalgeschichtliche Erscheinung voneinander scheiden.

Die erste von ihnen ließe sich so skizzieren: Die Pest, also die durch das Bakterium Yersinia pestis übertragene Infektionskrankheit, die durch Schädigung der Lymphknoten, der Lunge oder des Blutes innerhalb kürzester Zeit zu Massenerkrankungen mit sehr hoher Sterblichkeit führt, in undurchschaubarer Weise aber auch Menschen und menschliche Gruppen in den Zentren ihrer Verbreitung verschonen kann, ist dreimal aufgetreten: Zuerst 541/542 nach Christus unter Kaiser Justinian, dann 1347/54 als "Schwarzer Tod" in Europa, aber auch in Nordafrika und Vorderasien, schließlich als eine aus Innerasien stammende, seit dem Seuchenausbruch 1894 in Hongkong besser faßbare und bis Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts dauernde Pandemie; gekennzeichnet durch zehn bis zwölf Millionen Todesfälle in China und Indien, hat diese auch nach Amerika, Ostafrika und Australien übergegriffen, Europa allerdings weitgehend verschont.

In keinem der drei Fälle blieb es bei einer einmaligen Infektionswelle; vielmehr kam die Pest periodisch nach einigen Jahren oder Jahrzehnten zurück und erfaßte vorher überlebende Menschen oder nachwachsende nicht-immunisierte Generationen. Für den muslimischen Vorderen Orient beispielsweise wurden neunundfünfzig Seuchenzüge zwischen 1349 und 1517 gezählt. Im westlichen Europa (nicht in Rußland und auf dem osmanischen Balkan) ist die Pest seit 1720/21 als Epidemie verschwunden, was aber kein Erfolg medikamentöser Therapien war. Ob staatliche Quarantänemaßnahmen und cordons sanitaires den entscheidenden Schutz gegen die Ansteckung gebracht hatten oder ob die städtischen Rattenpopulationen, die traditionellen Überträger der Krankheit, inzwischen selbst immun geworden waren, ist umstritten.

Die moderne, asiatische Pestwelle forderte die europäische Wissenschaft heraus. In Hongkong entdeckte schon 1894 der Schweizer Alexandre Yersin, ein Schüler Pasteurs, den Pesterreger, wenige Jahre darauf entwickelte ein aus Odessa stammender Bakteriologe einen wirksamen Impfstoff, und seit der gleichen Zeit war man den Rattenflöhen als Wirtstieren der schrecklichen Krankheitskeime auf der Spur. Die Pest kann heute durch Antibiotika behandelt werden und gilt als kontrollierbar, ihr Erreger läßt sich aber nicht ausrotten. Bei amerikanischen Erdhörnchen und asiatischen Murmeltieren hat er sich erfolgreich eingenistet; so überlebt er in Form der "sylvatischen Pest", allerdings in abgelegenen Gegenden, die der Wissenschaft bekannt zu sein scheinen. Obgleich noch in jüngster Zeit Fälle von Pesterkrankungen bekannt geworden sind - etwa 2002 in Indien mit vier Toten -, ist doch die Botschaft dieser Lesart klar: Die Geschichte der Pest ist eine Geschichte vom Triumph der westlichen Naturwissenschaft und Medizin über eine jahrtausendealte Geißel der Menschheit.

Ohne daß sie sich diese Deutung explizit zu eigen gemacht hätten, identifizierten die meisten Autoren des Bandes eine Geschichte der Pest als Geschichte des Bakteriums Yersinia pestis und seiner erfolgreichen Bekämpfung. Auf diese Weise wurden zahlreiche weitere Fälle von "Pest" beiseite gerückt, bei denen die in den Quellen beschriebenen Symptome oder Verbreitungswege den Rückschluß auf die Rattenfloh-Pest durchkreuzten. Zu diesen Katastrophen gehörten etwa die Seuche im altorientalischen Gilgamesch-Epos (um 1800 vor Christus), die "Pest" in Athen 430/426 vor Christus, die der griechische Historiograph Thukydides nüchtern beschrieben und rational analysiert hat, oder die sogenannte "antoninische Pest" im Römerreich, der wahrscheinlich Kaiser Marc Aurel 180 nach Christus in Vindobona (Wien) zum Opfer gefallen ist. Die Krankheiten konnten, wie viele andere Seuchen mit hoher Sterblichkeit, in der Antike schlechthin durch pestis oder (griechisch) loimós bezeichnet werden, die Wörter waren aber in noch allgemeinerer Weise auch für Plagen aller Art (Unfruchtbarkeit, Dürre) gebräuchlich.

Dieser Befund der schriftlichen Überlieferung scheint nun mit den Erkenntnissen der medizinhistorischen Forschung so zu konvergieren, daß sich eine zweite Lesart der "Pest" ergibt. Demnach reichen nämlich noch so detaillierte historische Quellenzeugnisse für eine retrospektive Diagnose der Beulen- oder Lungenpest über Jahrhunderte oder gar Jahrtausende nicht aus. Auch müsse man damit rechnen, daß die Bakterien selbst eine Geschichte haben, über die Zeit also mit sich nicht identisch geblieben sind, und daß sie ihre Übertragungswege ihren geänderten Lebensumständen anzupassen vermochten. Auch dürfe man kaum annehmen, daß ein anders (im allgemeinen: schlechter) ernährter Mensch etwa des Mittelalters in gleicher Weise auf das Bakterium reagiert habe, wie es bei einem unserer Zeitgenossen der Fall wäre. Mit anderen Worten: Nach der zweiten Lesart ist es höchst zweifelhaft, daß der medizinische Sieg über Yersinia pestis mehr war als der erfolgreiche Kampf gegen einen spezifischen, äußerst gefährlichen Mitbewohner der modernen Welt. Wie schon in der Antike wäre demnach dem Begriff "Pest" ein ubiquitärer Gebrauch angemessen. Keineswegs nur unter amerikanischen Nagetieren hätte die Pest überlebt, sie wäre auch in anderen Gestalten wiedererstanden: Ihre neuen Namen lauteten "Vogelgrippe", "Sars" und "Aids", aber auch "Pfingsthochwasser" und "Oderflut". Die Geschichte der Pest ist so gesehen die Geschichte einer Hydra; mancher ihrer Köpfe mag fallen, ihre Lebenskraft ist aber nicht zu brechen.

Die dritte Lesart der "Pest"-Geschichte rückt die unterschiedliche religiöse Bewältigung von Massenerkrankungen mit ihren kulturellen und politischen Implikationen in den Vordergrund. Uralt ist die Vorstellung, daß Gott oder die Götter, Dämonen, Dschinnen oder der Teufel die tödliche Krankheit schicken, um die Menschen zu bestrafen, ins Verderben zu stoßen oder zur Umkehr zu bewegen. Schon Babylon kannte den Pest-, Unterwelts- und Kriegsgott Nergal (der aber auch ein Gott des Lichtes und der Vegetation war), und der Pestgott auf Zypern, Reschef, erschien bereits, wie Apollon beim Griechen Homer, mit den todbringenden Pestpfeilen. Im mittelalterlichen Christentum zog umgekehrt der Märtyrer Sebastian diese Pfeile auf sich und wurde zu einem der Schutzheiligen gegen die Pest. Lehrer der Kirche wie Papst Gregor der Große (gestorben 604) mahnten die Gläubigen, sich rechtzeitig vor einem plötzlichen Tod durch Buße die Seligkeit zu verdienen, doch wurde auch die Flucht aus der verseuchten Luft der Städte aufs Land oder in unberührte andere Regionen toleriert. Die Konzessionen an die Prolongation des irdischen Lebens eröffneten unbeabsichtigt dem Kampf gegen die Krankheit durch Nachdenken, Ausprobieren und zuletzt auch Forschen die nötigen Freiräume. Seit dem ausgehenden Mittelalter gewannen in der okzidentalen Christenheit die staatlichen Obrigkeiten gegenüber Kirche und medizinischen Experten die Führung bei der Pestbekämpfung.

Ganz anders in der muslimischen Welt. Schon Mohammed hatte seine Anhänger gelehrt, die Pest als Gnade Gottes anzunehmen, und die alte Lehre von der Ansteckung als Ursache verworfen; Gläubige dürften vor der todbringenden Krankheit nicht fliehen, sondern sollten sie als ein Martyrium annehmen, das sie sogleich ins Paradies führe. Obzwar sich selbstverständlich auch im Islam Ausreden fanden, um das diesseitige Leben zu schonen, wurde die religiöse Satzung bis in die jüngere Zeit hinein sorgfältig beachtet. Sie behinderte die Entwicklung von Schutzmaßnahmen, zumal sich ihr die Herrschaften verpflichtet fühlten, die aus der religiösen Sphäre im Grundsatz nie heraustraten. Am Beispiel osmanischer Scheichs und anderer Führer läßt sich zeigen, wie langsam noch am Beginn des neunzehnten Jahrhunderts Muslime durch das Vorbild von Christen zu seuchenpolitischen Maßnahmen veranlaßt wurden, durch die sie ihre allgemeine Durchsetzungskraft doch stärken konnten. So läßt sich die Geschichte der Pest auch lesen als eine Geschichte von der Überlegenheit der Trennung von "Staat" und "Kirche" im westlichen Christentum und von einer ratsamen, wenn auch nicht unvermeidlichen Ausrichtung der muslimischen Welt an diesem Muster.

Und was wäre nun die, wenn schon nicht "richtige", so doch befriedigendste, Option? Wer für sicher hält, daß sich Geschichte weder auf die "Fakten" allein stützen kann, noch sich dem uneingeschränkten Subjektivismus der Konstruktion von Vergangenheit ausliefern darf, wird wohl zu einer Kombination der zweiten und dritten Lesart neigen.

Mischa Meier (Hrsg.): "Pest". Die Geschichte eines Menschheitstraumas. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2005. 478 S., Abb., geb., 29,50 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

So klassisch universal wie der Anspruch, so klassisch "lehrreich und spannend" sei das Buch geraten, schwärmt Rezensentin Angela Gutzeit. Vom Rattenfloh im Altertum reiche die Darstellung "systematisch" bis in die Neuzeit, wobei die kulturgeschichtlichen Horizonte der jeweiligen Zeiten und Orte berücksichtigt werden. Dies sei auch die Schnittstelle zum eigentlich interessanten Teil der Seuchengeschichte, der "Deutungsgeschichte". So sei Thukydides' Annahme einer erklärbaren Ansteckungskrankheit von den monotheistischen Religionen verständlicherweise ignoriert worden, um dem Teufel oder wie bei der angeblichen Brunnenvergiftung den Juden die Schuld in die Schuhe zu schieben. Der Tod war gleichwohl stärker, referiert die Rezensentin, und habe die gesellschaftlichen Ordnungen in Frage gestellt. Im christlichen, aber nicht im islamischen Kulturraum, habe dies "Modernisierungsschübe" und sogar Staatenbildungen begünstigt. "Ungemein anregend" sei das ganze Buch, findet die Rezensentin, bis auf den ergänzenden Aufsatz zur Pest in der Literatur. Weder sei dieser in den Gesamtzusammenhang eingebettet, noch leiste er "erhellende" Einzelinterpretationen.

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