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Produktdetails
  • Verlag: Edition Epoca
  • Seitenzahl: 303
  • 2001
  • Ausstattung/Bilder: 2001. 303 S.
  • Deutsch
  • Abmessung: 175mm
  • Gewicht: 325g
  • ISBN-13: 9783905513264
  • ISBN-10: 3905513269
  • Artikelnr.: 09784230
Rezensionen
Besprechung von 17.09.2002
Ein hölzerner Ausdruck war in die Miene von Jeeves getreten
P. G. Wodehouse nicht zu mögen ist kein Vergehen, nur ein Unglück: Vor hundert Jahren erschien sein erster Roman / Von Felicitas von Lovenberg

Wenn es mit rechten Dingen zuginge, müßte P. G. Wodehouse - nach Shakespeare - der berühmteste Schriftsteller Englands sein. Denn er ist der Erfinder des bekanntesten Butlers der Welt - Jeeves - und seines immerzu in irgendeiner Patsche sitzenden Herrn, Bertie Wooster, Esq. Zugegeben: Mehr als ein Fünftel von Wodehouses insgesamt 96 Romanen handeln von diesem Paar. Und doch ist, wer Psmith nicht kennt, von Ukridge noch nie gehört hat und auch nicht weiß, daß es sich bei der Empress of Blandings um eine preisgekrönte Zuchtsau handelt, ein Glückspilz. Ihm steht die Entdeckung dieser und zahlreicher anderer witziger Wodehouse-Kreationen noch bevor.

Wodehouses Romane sind das, was man als erbauliche Lektüre bezeichnen darf; die besten sind zum Schreien komisch, die schlechteren bringen einen immer noch zum Schmunzeln. Über hundert Jahre hat sein Werk nichts von seinem Reiz verloren: Im September 1902 veröffentlichte Wodehouse seinen ersten Roman. Schon damals muß die Welt, die er in "The Pothunters" entwarf, auf Zeitgenossen ein wenig antiquiert gewirkt haben. Noch etwas ungelenk erzählte der gerade einundzwanzigjährige Autor eine harmlose Schulgeschichte, doch sein instinktives Gespür für den richtigen Zeitpunkt, für witzige Beschreibungen und knackige Dialoge war bereits vorhanden. Im Laufe seines langen und ungeheuer produktiven Lebens - Pelham Grenville Wodehouse wurde 93 Jahre alt - entwickelte er jene Mischung aus "Melodram, Poesie und Farce" (Karl Heinz Bohrer), die zu seinem Markenzeichen wurde. Bei Wodehouse ist die Handlung eher Nebensache - böse Zungen behaupten, die Schlamassel, in die seine Figuren unweigerlich geraten, ähnelten einander wie ein Ei dem anderen. Dafür sind sie stets gut konstruiert. Vor allem jedoch bestätigen sie die moralischen Erwartungen des Lesers, ohne je Moral zu predigen. Mit Wodehouse steht man immer auf der richtigen Seite. Bei ihm siegt Jung gegen Alt, Neffen und Nichten lehnen sich gegen dominante Onkel und Tanten auf, Liebende kriegen sich am Ende doch, Erbschleicher gehen leer aus, die Obrigkeit macht sich lächerlich, Gefangene entwischen. Die Aristokraten sind ignorant, die Verwandten furchteinflößend, die Dienstmädchen gewitzt, die Butler umfassend gebildet, die Schriftsteller ausgekocht, die Mädchen hübsch und die Burschen heiratswillige Hornochsen. Dazu scheint die Sonne, und alle trinken einen über den Durst. Eine perfekte Welt.

Trotzdem wird Wodehouse nicht mehr so viel gelesen, wie man es wünschen möchte. Selbst in Großbritannien sind viele seiner Bücher seit langem vergriffen, ebenso in seiner amerikanischen Wahlheimat. Aber immerhin hat der Penguin Verlag von keinem anderen Autor - außer von Roald Dahl - so viele Titel im Angebot wie von Wodehouse: 48 Romane und sieben Sammelbände sind lieferbar. Und seit zwei Jahren betreibt die Everyman's Library ein längst überfälliges Wodehouse-Revival: Achtzig Bände will man dort innerhalb von zehn Jahren neu herausbringen, ein gutes Dutzend ist schon erschienen. Außerdem gibt es seit 2000 den Bollinger Everyman Wodehouse Prize für komisches Schreiben, der jedes Jahr beim Literaturfest in Hay-on-Wye verliehen wird. In der Jury sitzen unter anderem die Schriftsteller Sebastian Faulks und Steven Fry, beides fanatische Wodehousianer. Zu diesem Kreis bekennen sich auch Männer so unterschiedlicher intellektueller Couleur wie Christopher Hitchens, Douglas Adams, John Mortimer oder gar Tony Blair. Kein Wunder, hatte doch bereits Hilaire Belloc Wodehouse seinerzeit als "größten lebenden englischen Schriftsteller" gerühmt. Und Evelyn Waugh sagte über "den Meister", er erschaffe mit seinen Büchern eine Welt, in der alle Menschen leben und an der alle Vergnügen finden könnten.

Als P. G. Wodehouse, von seinen Freunden stets nur "Plum" genannt, im Februar 1975 im amerikanischen Exil starb, verbreitete sich die Nachricht nicht nur in Großbritannien, sondern auch in den Staaten des Commonwealth wie ein Lauffeuer. Erst sechs Wochen zuvor war er in den Ritterstand erhoben worden - frühere Anläufe waren an seiner nicht endgültig geklärten Rolle im Krieg gescheitert. In Indien brachte jede englischsprachige Zeitung die Meldung auf der ersten Seite. Seine Anhängerschaft in Indien ist bis heute so groß, daß Wodehouse dort noch immer der meistgelesene englische Autor ist. Überhaupt ist sein Erbe in guten Händen: Nicht nur in England und den Vereinigten Staaten, sondern auch in Asien gibt es Wodehouse Societies mit eigenen Magazinen, Treffen und Austauschprogrammen. Erst vor wenigen Jahren gab es ein Happy-End, das dem Meister gefallen hätte: Die Leiterin der englischen Wodehouse Society ehelichte ihren Kollegen von der anderen Seite des Atlantiks.

Wodehouses immense Popularität mag heute auch als Nostalgie für die längst vergangene Ära des britischen Empire gelesen werden. Der Schriftsteller Malcolm Muggeridge bemerkte einmal, die Inder seien heutzutage die letzten Engländer: Das könnte jedenfalls die dortige Vorliebe für diesen typisch englischen Schriftsteller erklären. Dabei war Wodehouse als Mensch nicht unbedingt ein typisch englisches Specimen. Was koloniale Ansichten und Verbindungen angeht, so hatte er keine. Das ganze Gerede vom Empire interessierte ihn nicht, wie er sich ohnehin nicht um Politik scherte. Nur einmal, in einer Kurzgeschichte von 1935, brachte er eine Bemerkung unter: "Warum es in Indien Unruhen gibt? Na, weil seine Bewohner nur gelegentlich eine Handvoll Reis essen! An dem Tag, an dem Mahatma Gandhi ein saftiges Steak zu sich nimmt und danach einen Pudding sowie etwas Stilton verdrückt, werden wir das Ende dieses Unsinns von zivilem Ungehorsam erleben." Aber solche Sätze sollten den Leser nicht politisch belehren oder beeinflussen, sondern ihn nur zum Lachen bringen. Kein Wodehouse-Liebhaber konnte mit seiner Lektüre je in den Ruch politischer Unkorrektheit kommen.

Gerade die völlige Abwesenheit von Politik, von Aktualität in jeder Form, bewahrt Wodehouses Welt vor der Nationalitätsfalle. Seine Figuren leben in einem Land, das selbst seinen englischen Zeitgenossen fremd scheinen mußte. Denn all die witzigen Besonderheiten, von dem Londoner Drones Club, wo die Drohnen, die Dandys, ihr süßes Nichtstun pflegen, bis hin zu den Dorfidyllen von Matcham Scratchings oder Steeple Bumpleigh, waren so stark verallgemeinert, daß sie selbst denen, von denen sie anscheinend handelten, grotesk erscheinen mußte. Niemand konnte ihm etwas übelnehmen: Schließlich entsprang das Ganze seiner Phantasie. Und die klammerte alles aus, was nach gesellschaftlichen Problemen oder politischen Konflikt roch, und ersetzte es mit einer frischen, oft wild-verrückten Einbildung. So erfand Wodehouse ein Land, das jedermann offenstand. Den einzigen Ausweis, den man brauchte, war die englische Sprache. Das hat sich endlich geändert. Seit zwei Jahren bringt die Zürcher Edition Epoca jeden Herbst einen Wodehouse-Roman in neuer, hervorragender Übersetzung von Thomas Schlachter heraus. Die hübsch gestalteten Bände haben Handtaschenformat, einen farbenfrohen Einband und stehen unter dem Motto von Fritz Senn: "Wodehouse nicht zu mögen ist kein Vergehen, nur ein Unglück." Gerade ist der dritte, der neuste Band der kleinen Serie erschienen: "Ohne mich, Jeeves!"

Bekanntlich hat kaum eine andere Sprache einen so umfangreichen Wortschatz wie die englische. Wodehouse nutzte ihn, um ähnliche Sachverhalte immer wieder ganz neu zu schildern. Klischees und abgedroschene Redewendungen führt er so zu ganz neuer Berechtigung: "Ein gebranntes Kind scheut das Feuer, und bittere Erfahrung hatte auch Pongo Twistleton gelehrt, die unmittelbare Nähe von Ickenhams fünftem Graf mit Sorge zu betrachten." Doch Wodehouses Romane sind nicht nur eine Freude, weil die Handlung munter dahinsprudelt wie ein Bergbach, sondern auch, weil der Autor virtuos mit den Klassikern spielt. So erteilt Jeeves seinem Herrn regelmäßig Lateinunterricht, allerdings ohne Erfolg: ",Ganz recht, Sir. Rem acu tetigisti.' - ,Rem . . .?' - ,Acu tetigisti, Sir. Eine lateinische Wendung. Wörtlich bedeutet sie: du hast die Sache mit der Nadel berührt, doch eine idiomatische Übersetzung würde wohl lauten . . .' - ,. . . . den Nagel auf den Kopf getroffen?' - ,Genau, Sir.' - ,Jawohl, jetzt begreife ich. Sie haben Licht in die Sache gebracht!'" Harmlose Unterhaltung auf hohem Niveau: Wodehouses Romane leben von den versteckten literarischen Anspielungen, dem scherzhaft verwendetem Umgangston und der Komik des Alltäglichen.

Häufig hat man Wodehouse deshalb mit Oscar Wilde verglichen, doch während dessen Witz vor allem in Dialogen sprüht, lebt der typische Wodehouse von der beschreibenden Metapher: "Ein hölzerner Ausdruck war in Jeeves' Miene getreten, und sein Blick verströmte jene vornehme Zurückhaltung, die man auch bei Papageien wahrnimmt, denen ein Unbekannter, von dessen Vertrauenswürdigkeit sie nicht restlos überzeugt sind, eine halbe Banane anbietet." Darum eignen sich Wodehouses Bücher auch schlecht für Hörspiel- oder Bühnenfassungen: Sobald die ausgelassenen Kommentare des auktorialen Erzählers wegfallen, verlieren die Geschichten ihr Tempo und den Großteil ihrer Komik.

Der September des Jahres 1902 war in mehrfacher Hinsicht ein wichtiger Monat für Plum. Am 9. September hatte er nach zwei Jahren Schinderei endlich seinen ungeliebten Job als Angestellter der Hong Kong and Shanghai Bank hingeschmissen, um sich ganz dem Schreiben zu widmen. Zwar hatte er bis zu diesem Zeitpunkt längst Dutzende von Artikeln in verschiedenen Zeitungen veröffentlicht (die ersten noch als Schüler in "The Public School Magazine"), doch am 17. September erschien erstmals ein Stück von ihm im renommierten Satiremagazin "Punch". Und am folgenden Tag veröffentlichte der Verlag A&C Black sein erstes Buch, "The Pothunters", eine der vielen Schulgeschichten, die er schrieb, bevor er mit Psmith den beliebtesten Charakter des Genres erfand. Es war kein Zufall, daß Wodehouse sich die Schule als Schauplatz seiner frühsten Erzählungen aussuchte: Er war selbst ein glücklicher Schüler gewesen.

Bereits im zarten Alter von zwei Jahren war Plum zusammen mit seinen zwei älteren Brüdern von der Mutter nach England geschickt worden (die Familie lebte zu dieser Zeit in Hongkong). Bis er fünf Jahre alt war, gab man ihn bei einer Miss Roper in Gewahrsam, dann verbrachte er drei Jahre auf einer Schule in Croydon, von dort aus ging es für eine Weile nach Guernsey, bis Plum schließlich in Dulwich landete. Später erinnerte er sich ohne Bitternis an jene Jahre: "Wenn ich zurückschaue, kann ich sehen, daß ich einfach immer weitergereicht wurde. Es war ein merkwürdiges Leben ohne ein Zuhause, aber ich habe stets alles, was mir widerfuhr, mit philosophischem Gleichmut hingenommen; auch heute kann ich mich nicht entsinnen, in diesen Tagen unglücklich gewesen zu sein." Anders als Rudyard Kipling, Edgar Wallace und Somerset Maugham, die alle (aus ganz verschiedenen Gründen) ohne Mutter aufwuchsen, hat Wodehouse sich nie über sein Los beklagt: Offenbar besaß er schon als kleiner Junge eine erstaunlich ausgewogene Gemütsverfassung.

In späteren Jahren sagte man ihm nach, er habe nichts und niemanden richtig ernst nehmen können - einer der mutmaßlichen Gründe, warum er sich 1940 von den Nationalsozialisten zu jenen fünf Rundfunksendungen überreden ließ, die bis heute einen dunklen Schatten über seine Vita werfen. Es war wohl weniger Sympathie mit dem NS-Regime als vielmehr eine fast sträfliche Naivität in politischen Dingen, die ihn dazu verleiteten, im Hotel Adlon humoristisch über seine Zeit im Internierungslager bei Lüttich zu plaudern. Die Aufnahmen wurden in den Vereinigten Staaten, aber auch in Großbritannien ausgestrahlt. Auch wenn sie im Wortlaut keinerlei Spur von Nazi-Propaganda erkennen lassen, betrachteten viele in seiner Heimat ihn fortan als Verräter. Wodehouse selbst sagte später, er habe einfach den Kontakt zu seinem Publikum nicht verlieren wollen, hätte den Menschen beweisen wollen, daß der Lageraufenthalt seinen Esprit nicht gebrochen habe. Seine Biographin Frances Donaldson weist darauf hin, daß er in dieser Zeit keinen Zugang zu seinen englischen Konten hatte und irgendwie seinen Lebensunterhalt verdienen mußte. Außerdem hatte er erst 1938 mit "The Code of the Woosters" eine erfrischende Satire auf die Schwarzhemden vom Schlage Oswald Mosleys veröffentlicht, die viele bis heute für sein bestes Werk halten.

Der prägende Ort seiner Kindheit, Dulwich College, war eine Schule mit einem guten Ruf, wenngleich nicht so berühmt wie Eton oder Westminster. Plum selbst schilderte das College-Milieu als typisch für die englische Mittelklasse jener Zeit: "Wir alle waren die Söhne von zwar achtbaren, jedoch keineswegs wohlhabenden Eltern, und später mußten wir alle unser Geld selbst verdienen. Bertie Woosters Eltern hätten ihn niemals nach Dulwich geschickt, aber Ukridge hätte dort gut die Schulbank drücken können." Plum war sportlich, was einem Internatsschüler nicht nur in England Beliebtheit garantiert: Er spielte vor allem Kricket und Fußball. Das Vergnügen, das Sport ihm bereitete, schlug sich später auch in seinen Schulgeschichten nieder. Golf spielen lernte er zwar erst später, doch war sein theoretisches Wissen - das ebenfalls in seine Bücher einfloß - immens.

Obwohl er sich der Internatsgemeinschaft offenbar gut anzupassen vermochte, fühlte Wodehouse sich in Gesellschaft weder besonders wohl noch sicher. Er haßte jede Art von Club (insbesondere pestete er gegen den Londoner Garrick Club) und ging nur widerwillig auf Feste. Seine Furcht vor Menschen bezog sich vor allem, jedoch nicht allein auf weibliche Gesellschaft. Frances Donaldson schreibt: "Er konnte sich, wenn es nötig war, mit einer einzelnen Person unterhalten - einem Interviewer beispielsweise - aber er verabscheute und fürchtete dies mehr, als sich sein Gesprächspartner je hätte träumen lassen." Um so mehr liebte er Tiere: Vor allem seine Hunde, meist Pekinesen, überschüttete er mit jener Zuneigung, die er Menschen nicht entgegenbringen konnte. Er hatte nur wenige, dafür treue Freunde und heiratete erst im Jahr 1910 eine junge Witwe, Ethel Newton.

Ungeachtet seiner eigenen Schüchternheit fand Wodehouse, jeder gute Roman müsse wenigstens eine schmissige Liebesszene aufweisen. Doch gerade die Schilderung trauten Zwiegesprächs brachte ihn in Verlegenheit. Den idealen Ausweg bot der Einfall, andere von diesen Momenten berichten zu lassen. Bertie Wooster ist ein ausgesprochen begabter Reporter in den Liebesangelegenheiten seiner Freunde: "Ich gestehe gleich, daß mir die Sache keinerlei Kopfschmerzen bereitete. Boko, der mit seiner Dulzinea leibhaftig im Ring gestanden und eine Explosion erlebt hatte, bei der die Fetzen nur so geflogen waren, hatte natürlich geglaubt, der Weltuntergang sei gekommen und das Jüngste Gericht gehe mit ungewöhnlicher Vehemenz zur Sache. Für mich aber, den ruhigen und abgeklärten Beobachter, war das Ganze reine Routine gewesen. Man zuckte mit den Achseln und erkannte die Angelegenheit als das, was sie war: Kinkerlitzchen." So erwuchs Wodehouse aus der eigenen amourösen Unsicherheit literarische Stärke: Wäre er ein Meister in der Schilderung von Liebesszenen gewesen, hätte er womöglich eine von diesen Dingen ähnlich gepeinigte Figur wie Bertie Wooster nicht erfinden können.

Mit der Heirat war die Liebesfrage für ihn selbst ein für allemal gelöst. Seine Frau war ihm zwar manchmal lästig - sie sorgte dafür, daß er sich anständig anzog, Interviews gab, Leute einlud, die ihn nicht interessierten - aber sie kümmerte sich auch um alles, etwa um das jeweilige Zuhause (die Wodehouses zogen ständig um) oder die Finanzen (ihn hielt sie ziemlich knapp), so daß er ungestört schreiben konnte. Und sie brachte ihre Tochter mit in die Ehe. Leonora war Plums Augapfel, und mit der Zeit namen seine Heldinnen ihre Gestalt an: blond, mit angedeuteter Stupsnase und langen Beinen. Leonora wurde "Snorky" gerufen: Die unschöne Abkürzung hatte auch ihr Gutes, denn sie stand Pate für viele von Wodehouses Spitznamen, als da wären: Stiffy, Nobby, Boko, Bingo, Oofy, Pongo, Bimbo oder Mugsy.

"Something Fresh", der erste "Blandings"-Roman, der 1915 als Fortsetzung in der "Saturday Evening Post" erschien, machte Wodehouse auf einen Schlag bekannt. Im selben Jahr veröffentlichte die Zeitung einen weiteren folgenreichen Wodehouse-Text: Die Kurzgeschichte "Extricating Young Gussie" stellte einen faulen Aristokraten und seinen Diener vor: Der erste Auftritt von Bertie Wooster und Jeeves. Butler waren damals nichts sonderlich Ungewöhnliches. Wodehouse, der in der Mittelschicht aufwuchs, kannte kaum einen Haushalt ohne Butler. Jeeves jedoch ist kein Butler, sondern viel mehr als das: ein valet, "a gentleman's personal gentleman".

In dieser Zeit begann Wodehouse auch, Liedtexte für Musicals zu schreiben; als Librettist war er vor allem in New York gefragt. Inzwischen sind seine Liedtexte jedoch fast alle vergessen. Er arbeitete ohne Unterlaß: Zwischen 1920 und 1930 allein schrieb er die Libretti für zehn Musicals, verfaßte vier Theaterstücke, veröffentlichte vier Bände mit Geschichten und sechzehn Romane. Diese Periode gilt als seine beste; auf jeden Fall war es seine produktivste.

Plums langgehegter Wunsch, in ein Häuschen auf dem Land zu ziehen, um dort "mit Hunden und Katzen und Kühen inmitten von Wiesen glücklich zu leben", erfüllte sich nicht - oder zumindest nicht so, wie ursprünglich von ihm gedacht. Erst als er schon über siebzig war, zog er mit seiner Frau nach Remsenburg, einem kleinen Ort an der Küste von Long Island. Hier verbrachte er die letzten zwanzig Jahre seines Lebens mit Schreiben, dem Ausführen der Hunde und dem Lösen von Kreuzworträtseln. Nach England kehrte er nie mehr zurück - außer im Geist: Zwischen seinem neunzigsten und seinem dreiundneunzigsten Geburtstag veröffentlichte er vier Romane. Auberon Waugh schloß seine begeisterte Rezension von Wodehouses letztem Buch, "Aunts Aren't Gentlemen", 1974 mit den Worten: "Niemand verdient in diesen schweren Zeiten unser Mitgefühl, wenn er nicht wenigstens versucht hat, seine Sorgen mit der Lektüre dieses letzten einer langen Reihe von Meisterwerken zu vertreiben."

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Besprechung von 06.04.2002
Die verlässliche Urteilskraft der Bücherdiebe
Onkel Toby lässt grüßen: P. G. Wodehouse und sein Roman „Onkel Dynamit”
Glückliches England! Seit beinahe einem Jahrhundert kichern und schmunzeln ganze Generationen britischer Leser über die Romane des wohl schrägsten Autors, den die Insel seit den Tagen von Laurence Sterne und Jonathan Swift hervorgebracht hat: Mehr als hundert Romane, einer skurriler und komischer als der andere, hat P. G. Wodehouse (1881-1975) während seines langen Lebens geschrieben. Unzählige Kurzgeschichten und Sketches kommen hinzu, auch einige Theaterstücke sowie Libretti für Musicals und Texte für Vertonungen durch Irving Berlin, Cole Porter und George Gershwin. Doch nicht nur in Deutschland muss man oftmals vergeblich nach seinen Büchern suchen: Evelyn Waugh bekannte, dass sie eine lückenlose Sammlung von Wodehousens Werken zwar einmal besessen hätte, durch fortwährende Diebstähle sei diese mit der Zeit aber arg dezimiert worden. Wodehouse-Leser und solche, die es werden wollen, seien also gewarnt – nicht nur vor Dieben, deren Urteilskraft zumindest so verlässlich wie die von Kritikern ist, sondern auch vor den Folgen der Sucht.
Denn ein Wodehouse ist wie ein Steckenpferd: Wer es reitet, kommt nur schwer davon los, und wer es nie geritten hat, weiß nichts von den Wonnen, auf die er verzichtet. Unterdessen hat sich die Zürcher Edition Epoca dieses Autors angenommen und präsentiert ihn, nach dem ersten Ausritt von „Jetzt oder nie!” (2000), in derselben bibliophilen, wie von Hand gemachten und – um Bücherdieben ihr Handwerk zu erleichtern – auch besonders handgerechten Ausstattung, noch dazu mit einem geschmackvollen Tapetenmuster auf erlesenem Vorsatzpapier: „Onkel Dynamit” heißt der erstmals ins Deutsche übertragene Roman, dessen Originalausgabe 1948 erschienen war und dessen Erzähler an einer Stelle die allzu bescheidene Behauptung aufstellt: „In Zeiten seelischen Aufruhrs verscheucht nichts so zuverlässig die Sorgen wie ein packender Kriminalreißer.”
Diese Behauptung ist falsch, auch wenn der Erzähler nichts Eiligeres zu tun hat, als seinem ebenso tolpatschigen wie innerlich aufgewühlten Helden namens Reginald „Pongo” Twistleton „das Buch ,Mord im Nebel‘” in die Hand zu drücken. Denn kaum hat dieser sich damit an einen ruhigen Ort zurückgezogen, steht ihm sein Onkel, Lord Frederick Ickenham, gegenüber, der dem Neffen eine ziemliche verfahrene, aber typische Situation à la Wodehouse schildert, bei der alle Beteiligten ganz schön tief in der Tinte sitzen und eine ganze Reihe menschlicher Irrungen, Wirrungen und sogar Verlöbnisse aufgelöst werden müssen.
Doch was ist falsch an der Behauptung des Erzählers? Ganz einfach: das Genre! Denn ein Wodehouse täte es in jeder explosiven Situation und menschlichen Notlage schlicht und ergreifend viel besser als ein nervenaufreibender Thriller. Zum Beispiel mit diesem Schlenker: Bevor dem Pongo das Blut so richtig ins Wallen kommt, finden wir bereits die von einzigartiger Kenntnis der animalischen und menschlichen Natur zeugende Beobachtung: „Eine vorüberziehende Ameise hielt inne, um Pongos Handgelenk zu erforschen. Er schüttelte sie ab, und die Ameise, die ein paar Meter entfernt in südöstlicher Richtung auf dem Kopf landete, machte sich davon, um bei den anderen Ameisen Erdbebenalarm auszulösen.” Und zwei Seiten darauf ist wieder etwas zu lesen, was nur jemand schreiben kann, der wie Wodehouse davon überzeugt ist, dass es keinen besseren Ort für das „Studium der menschlichen Seele” gebe als bei Hunderennen: „Bevor Pongo hochschießen konnte, musste er erst seine Arme und Beine sortieren. Eine zweite Ameise, die eher skeptisch auf seine Hand geklettert war, wurde genauso vehement weggeschleudert wie ihre Vorgängerin und wäre kurze Zeit später auch dabei zu beobachten gewesen, wie sie sich den Kopf rieb und im Freundeskreis herumerzählte, der alte George habe schon recht gehabt, als er von seismischen Störungen sprach.”
Denn so geht es durchweg zu im Kosmos der zumeist dem britischen Landadel verbundenen Figuren des Sir Pelham Grenville Wodehouse – wie er mit vollem Namen hieß –, auch wenn ihr Schöpfer selbst erst wenige Tage vor seinem Tod von der Queen in den verdienten Ritterstand erhoben wurde. Doch er wusste schon, wie es in Onkel Dynamit heißt, „dass die britische Nervensäge auf dem Lande besonders prächtig gedeiht”, weswegen er die Welt nur dem äußeren Umfang nach, keineswegs aber in der Fülle ihrer menschlichen Aufregungen und Gefühlsausbrüche so klein wie nur möglich hält. Dabei pflegt die hysterische Gesellschaft von Ashenden Manor, das nur über die winzige Bahnabzweigung von Wockley Junction zu erreichen ist, durchaus auch ihre von diversen Leidenschaften geleiteten Beziehungen zur Außenwelt, bis hin zur Hauptstadt. Bei näherem Hinsehen ist London aber auch nicht viel größer, was exemplarisch an der Budge Street in Chelsea ablesbar ist: Denn diese Wohnstätte einer Anverwandten, der Bildhauerin Sally Painter, „im Herzen von Londons Künstlerviertel gelegen, ist, wie so viele Straßen im Herzen von Künstlervierteln, schmutzig, schummrig, schmuddelig und schlimm. Die Bewohner scheinen emsige Leser und eifrige Obstesser zu sein, denn überall flattern Zeitungsfetzen über die Gehsteige, während sich in den Rinnsteinen massenhaft alte Bananenschalen, Apfelbutzen, Pflaumenkerne und zermanschte Erdbeeren sammeln.”
Und dann lebt da in London noch die Tochter des stolzen und jähzornigen Besitzers von Ashenden Manor, die schöne Hermione Bostock mit ihren funkelnden Augen, die nicht nur eine moderne Frau, sondern dazu noch „eine ehrgeizige Jungautorin” ist. Sie schafft es am Ende, den Verleger der Ya Panache Presse nicht nur vor dem Ruin zu retten, sondern ihn für ihre künftigen Romane auch zu einem ehrenhaften Vertrag mit stolzen 25 Prozent Honorarbeteiligung zu bewegen – und obendrein den falschen Verlobten wieder loszuwerden und gegen einen waschechten Kerl einzutauschen.
Mehr sei hier nicht verraten, denn, wie es an einer anderen Stelle heißt: „Solche Dinge stoßen Autoren ständig zu. Da sind sie irgendwo mit dem Wagen oder zu Fuß unterwegs oder sitzen vielleicht auch einfach in einem Sessel, im Kopf gähnende Leere, und plötzlich – peng!” Was will einer mehr für edles Romanhandwerk, bei dem von vorne bis hinten alles stimmt.
VOLKER
BREIDECKER
P. G. WODEHOUSE: Onkel Dynamit. Roman. Aus dem Englischen von Thomas Schlachter. Edition Epoca, Zürich 2001. 304 Seiten, 19,95 Euro.
Erdbebenalarm im Ameisenvolk: Szene aus dem Animationsfilm „Antz”
Foto: AP
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

"Rezensent Wolfgang Steuhl hat allerlei an diesem Buch zu rühmen: seinen hohen Unterhaltungswert, die "blitzsaubere und leserfreundliche Ausstattung", die "gelungene bis hervorragende Übersetzung", und nicht zuletzt auch den Autor selbst. Obgleich der Rezensent einräumt, dass man es mit ihm hierzulande schwer habe, weil die "Ernstler" überall im Kulturbetrieb den Ton angäben. Und Ernst scheint nun etwas zu sein, was sich mit P.G. Wohehouse auf keinen Fall in Verbindung bringen lässt. Während der gesamten Lektüre dieses "Schelmenstücks", das, wie uns der Rezensent glaubhaft versichert, von "Liebeswirren und der Bloßstellung eines autoritären Charakters" handelt, wurde er von der Vorstellung heimgesucht, "man müsse das Werk eigentlich auf einer Bühne anschauen". So "stringent und zielgerichtet" fand er die Handlung "mitsamt Nebenvorgängen" aufgebaut, so "vollständig" seien die klassischen Zutaten des Genres vertreten.

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