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Helmer van Wonderen, Bauer wider Willen, macht klar Schiff. Er verfrachtet seinen bettlägerigen Vater ins Obergeschoß, entrümpelt Wohn- und Elternschlafzimmer, streicht Dielen, Fenster, Türen und Wände und schafft neue Möbel an. Das Gemälde mit den schwarzen Schafen, die Fotografien von Mutter und die alte Standuhr kommen nach oben, alle Pflanzen, die blühen können, auf den Misthaufen. Da Vater ihm nicht den Gefallen tut, einfach zu verschwinden, sich von einem Windstoß hinwegfegen zu lassen oder wenigstens zu sterben, richtet Helmer sein Leben unten neu ein. Seine ungelebten Träume kann er…mehr

Produktbeschreibung
Helmer van Wonderen, Bauer wider Willen, macht klar Schiff. Er verfrachtet seinen bettlägerigen Vater ins Obergeschoß, entrümpelt Wohn- und Elternschlafzimmer, streicht Dielen, Fenster, Türen und Wände und schafft neue Möbel an. Das Gemälde mit den schwarzen Schafen, die Fotografien von Mutter und die alte Standuhr kommen nach oben, alle Pflanzen, die blühen können, auf den Misthaufen. Da Vater ihm nicht den Gefallen tut, einfach zu verschwinden, sich von einem Windstoß hinwegfegen zu lassen oder wenigstens zu sterben, richtet Helmer sein Leben unten neu ein. Seine ungelebten Träume kann er jedoch nicht so leicht entsorgen. Als er eines Tages unerwartet Post erhält, brechen sich Erinnerungen Bahn. "Henk hätte hier wohnen sollen. Mit Riet und mit Kindern." Henk, der Zwillingsbruder, ist lange tot. Riet aber lebt, und sie hat einen Sohn. Gerbrand Bakkers erster Roman war in den Niederlanden ein großer Publikumserfolg. Genau in der Beobachtung von Mensch und Natur, subtil in der Anspielung und von zärtlicher Skurrilität, entwickelt Bakkers trockener, lakonischer Erzählstil von der ersten Seite an einen unwiderstehlichen Sog. Unversehens findet man sich mit einem wortkargen Bauern inmitten von Milchkühen, Texel-Schafen, einer Nebelkrähe und zwei Eseln an die großen Fragen des Lebens erinnert und versteht, daß Komik und Tragik, Witz und Wehmut, oben und unten unauflöslich zusammengehören.
  • Produktdetails
  • Verlag: Suhrkamp
  • Seitenzahl: 316
  • 2008
  • Ausstattung/Bilder: 2008. 316 S.
  • Deutsch
  • Abmessung: 203mm x 128mm x 28mm
  • Gewicht: 424g
  • ISBN-13: 9783518420133
  • ISBN-10: 3518420135
  • Artikelnr.: 23865002
Autorenporträt
Gerbrand Bakker, 1962 in Wieringerwaard geboren, studierte niederländische Sprach- und Literaturwissenschaft in Amsterdam, arbeitete als Übersetzer von Untertiteln und ist Diplomgärtner. Er ist Autor eines etymologischen Wörterbuchs der niederländischen Sprache und eines Romans.
Rezensionen
Besprechung von 03.02.2009
Der ewige Sohn

Warten ist zwecklos: Der niederländische Autor Gerbrand Bakker entlässt den Helden seines Romandebüts nicht aus dem familiären Trauma.

Wer von einem Roman vor allem eine Kette dramatischer Geschehnisse erwartet, der wird mit diesem Buch vielleicht nicht zufrieden sein, dessen Fabel zu alltäglich, die Darstellungsweise zu sanft finden. Andererseits ist es so, dass ein Romanautor nicht pausenlos Spannung liefern muss. Was wir von ihm fordern dürfen, sind Menschenbilder, die Schilderung von Beziehungen, das Aufdecken dessen, was aus den Beziehungen erwächst. Verhängnisse zum Beispiel, doch nicht unbedingt blutiger Art. Vielen von uns bereitet die ganz gewöhnliche Umgebung Enttäuschungen, Kränkungen und Ängste, und davon werden wir geformt oder auch aus der Form gebracht. Wer da leidet, sucht nach Hilfe, verlangt auf jeden Fall nach einer Möglichkeit, sich zu äußern, den schmerzenden Knoten im Innern aufzudröseln.

So etwas beschreibt der niederländische Schriftsteller Gerbrand Bakker, geboren 1962, in seinem ersten Roman. Dabei wird nicht klar, ob und wie weit der Autor eigenes Erleben hier literarisch verarbeitet hat. Wie auch immer, er kennt sich aus in Menschenseelen, denn alles, was Bakker erzählt, leuchtet ein. Man begreift, warum dieses Romandebüt, als es 2006 in Bakkers Heimat erschien, Aufmerksamkeit erregte und mit zwei Preisen ausgezeichnet wurde.

Die Hauptfigur, zugleich der Erzähler der Geschichte, heißt Helmer van Wonderen, lebt in einem Holland-Dorf, nicht weit vom Ijsselmeer, und bewirtschaftet einen Bauernhof. Das aber nur gezwungenermaßen, denn eigentlich zog es ihn zur höheren Bildung. Er hatte auch schon die Universität in Amsterdam besucht, dort fast ein Jahr lang Niederländische Sprach- und Literaturwissenschaft studiert - dasselbe Fach übrigens, in dem sich auch der Autor Bakker hat ausbilden lassen. Anders als dieser aber konnte Bakkers Held sein Studium nicht abschließen. Der Vater befahl ihn nach Hause und zwang ihn in den Bauernberuf. Denn der eigentliche Hoferbe, Helmers Zwillingsbruder Henk, war bei einem Unfall ums Leben gekommen. In den Augen des Vaters hatte es immer nur diesen einen Sohn gegeben, der sich den väterlichen Anforderungen stets fügte. Helmer brachte es nur zum familiären Mitläufer, den der Vater gewähren ließ, solange der andere, geliebte Sohn zur Verfügung stand. Nun aber wurde ein Nachfolger gebraucht, der Mitläufer hatte in die verwaiste Position einzurücken. Für Helmers eigene Zukunftsträume wusste der Vater nur einen Satz: "Und du bist fertig da unten in Amsterdam."

Wir haben es hier mit einer Situation zu tun, in der ein Kind sich vom dominierenden Elternteil, in diesem Fall der Sohn vom Vater, nicht befreien kann. Auch dann nicht, als er längst zum Mann gereift und der Unterdrücker ein verfallener Greis ist. Helmer hat inzwischen begriffen, was sich in seiner Kindheit und Jugend abgespielt und was ihm das angetan hat. Doch immer noch ertappt er sich dabei, dass er ein geliebter Sohn sein möchte, und gleichzeitig wünscht er nichts inniger, als dem Vater das Angetane heimzuzahlen. Aus beidem wird nichts. Helmer weiß, dass sich die Vaterliebe nicht nachträglich gewinnen lässt, und für Rache ist er zu anständig. Heraus kommt mithin die Unfähigkeit, überhaupt etwas zu unternehmen, eigene Pläne zu entwickeln und durchzusetzen. Sie könnten zwar an seiner Vergangenheit nichts mehr ändern, wenigstens aber die Gegenwart zu seiner Sache machen.

Wir erleben Helmer als einen Mittfünfziger, der weiß, dass er endlich erwachsen werden muss, und es doch nicht schafft. Von der Familie sind nur noch er und der Alte übrig, und alles, was der Sohn tut, setzt er in Beziehung zum Vater. Helmer ist ein leidlich guter Bauer geworden, aber das freut ihn nicht, weil der senile alte Mann es nicht mehr wahrnimmt. Er schafft den Bettlägerigen aus dem Zentrum des Hauses in eine abgelegene Dachkammer - zweifellos eine Strafe. Doch der Sohn vergisst keinen Tag, den Vater zu pflegen, zu waschen und mit Leckereien zu verwöhnen. Helmer hat den Alten zur Einsamkeit verdammt, aber er selbst ist nicht weniger allein. Eine Frau hat er nie gefunden. Noch immer hängt er an Riet, die einst Henk heiraten wollte und dann dessen Tod verschuldete. Doch vielleicht interessiert ihn an Riet auch nur, dass der Vater sie seit dem fatalen Unfall ablehnte und zürnen würde, könnte er Helmers Werben um sie noch wahrnehmen. Auf Riets Bitte hin holt Helmer deren Sohn ins Haus und versucht, ihn zu einem arbeitsamen, zielbewussten Menschen zu erziehen. Aber er verfügt nicht über die Erziehungsstrenge seines Vaters, das Experiment bringt nur Verstimmungen. Dann gibt es noch die liebenswürdige Nachbarin Ada, die, verheiratet, als Gefährtin nicht in Frage kommt. Ihre beiden Buben gewinnen Helmers Herz, doch auch sie bleiben letztlich Fremde.

Nichts taucht im Dasein des Romanhelden auf, was nicht ein paar Sätze später in Frage gestellt wird. Dabei ist er keineswegs ein Versager. Was er anfasst, gerät zwar nicht immer musterhaft. Doch hat er Erfolge, und die Ergebnisse seiner Mühen können sich sehen lassen. So erscheint es jedenfalls seiner Umwelt, er selber sieht sich und seine Leistungen freilich anders. Am Ende, der Vater ist tot, in der Sterbekammer herrscht Stille, trennt Helmer sich vom ungeliebten Hof und reist in das Land seiner Träume, nach Dänemark. Dort aber findet er weder sich noch irgendeinen Traum. Die leise vorgetragene Trauergeschichte gerät, je länger man ihr folgt, mehr und mehr zur Tragödie. Helmer, so viel steht fest, der als Knabe vom Vater beschädigt wurde, ist das Opfer. Doch was hat Helmer über die Jahrzehnte getan, als er kein Knabe mehr war? Ist der Mensch nicht irgendwann für sich selbst verantwortlich? Vielleicht ist das die Botschaft des Romans: Schaut euch um und handelt. Wartet nicht, bis sich der Titel erfüllt: "Oben ist es still".

SABINE BRANDT

Gerbrand Bakker: "Oben ist es still". Roman. Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008. 316 S., geb., 19,80 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Eine in der Literatur selten anzutreffende Erlebenswelt führt dieser Debütroman des niederländischen Autors Gerbrand Bakker vor Augen. Was hier vorliegt, ist nämlich, so der Rezensent Tobias Heyl, ohne Zweifel ein "Bauernroman". Sein Held und Ich-Erzähler ist ein Mann, der erst nach dem Tod seines Zwillingsbruders den Hof übernimmt, dort aber, was zu erledigen ist, "mit fatalistischer Ruhe erledigt". Fasziniert ist der Rezensent vor allem von den anderen Rhythmen, die Bakker für die Welt des Bauernhofs findet, und vom genauen Auge des Autors für Details und Beobachtungen dieser Welt. Es gebe durchaus dramatische Momente und Wendungen, stellt Heyl fest, aber auch die noch werden mit beeindruckender Seelenruhe geschildert.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 08.08.2009
Der Bauer und sein Knecht
Gerbrand Bakkers Roman „Oben ist es still”
Der Bauer, früher einmal eine wichtige literarische Figur, taucht in heutigen Romanen nur noch selten auf. Die Literatur ist, wie die Gesellschaft überhaupt, urban geworden und selbstreflexiv. Höchstens noch als Biobauer oder Vermieter von Ferienwohnungen spielt der Landwirt im Bewusstsein der nicht-agrarischen Mehrheitsbevölkerung eine Rolle. 2006 aber hat in den Niederlanden der 1962 geborenen Gerbrand Bakker mit seinem Romandebüt für Furore gesorgt. Es ist tatsächlich ein Bauernroman – in jenem Land, von dem gewöhnlich die Bilder einer vollständig zersiedelten Landschaft und einer denkbar naturfernen Gemüseindustrie kursieren.
Der Held, Helmer van Wondern, blickt denn auch nicht auf einen typisch bäuerlichen Lebenslauf zurück. Auf dem Hof seiner Eltern aufgewachsen, hat er nach der Schule zunächst einmal im nahen Amsterdam Literatur studiert, weil eigentlich sein Zwillingsbruder Henk dazu ausersehen war, den Hof zu erben. Henk jedoch kam bei einem Verkehrsunfall ums Leben, seine Freundin Riet, die am Steuer gesessen hatte, überlebte schwer verletzt. Helmer zögerte keinen Moment, vom Hörsaal in den Kuhstall zurückzukehren. Seit die Mutter gestorben und der Vater zum Pflegefall geworden war, bewirtschaftet er den Hof alleine. Und obwohl er im Roman als Ich-Erzähler fungiert, stellt man sich Helmer als einen verschlossenen Menschen vor, dem das Reden überhaupt nicht liegt, der also auch nicht jammert und nicht grübelt, sondern mit fatalistischer Ruhe erledigt, was eben zu erledigen ist.
Auch als sich nach vielen Jahren des Schweigens eines Tages Riet bei ihm meldet. Nach Henks Tod hat sie einen anderen Mann geheiratet und ist Mutter eines Sohnes geworden, den sie Henk genannt hat, angeblich nach einem Onkel und nicht nach ihrem verunglückten Freund. Dieser junge Henk nun hat gerade die Schule verlassen, weiß nichts Vernünftiges mit sich anzufangen und so bittet sie Helmer, ob er nicht auf unbestimmte Zeit zu ihm auf dem Hof leben könne, vielleicht auch, damit er das Arbeiten lernt? Das ist ja nun eigentlich eine Zumutung: Einen völlig unbekannten, offensichtlich etwas schwierigen jungen Mann aufzunehmen, der ihn durch seinen Namen, sein Alter und nicht natürlich auch wegen seiner Mutter wie ein Wiedergänger seines tödlich verunglückten Zwillingsbruders erscheinen muss.
Helmer aber akzeptiert das mit stoischer Gelassenheit, kauft auch noch einen Fernseher, wie der junge Mann das fordert und tatsächlich entwickeln die beiden in kurzer Zeit eine erstaunlich unkomplizierte Form des Zusammenlebens: Man trinkt, man raucht, man kümmert sich ums Vieh und redet dabei nicht viel. Gut, manchmal regt sich Helmer auf, wenn Henk am Morgen nicht rechtzeitig aus dem Bett kommt, aber das war es dann auch schon.
Auf nach Dänemark
Solche Alltagsschilderungen, durchsetzt mit peniblen Beschreibungen von Vögeln, Bäumen und landwirtschaftlichem Gerät, lesen sich erst einmal so ruhig wie eine niederländische Landschaft unter grauer Wolkendecke liegt. Weniger vom Sprechen als vom Sehen lebt dieser Roman, vom genauen Blick eines Erzählers, der als Bauer gelernt hat, auch die unauffälligen Zeichen der Natur zu deuten. Beobachtung ist alles, auch mit den Nachbarn redet man nur das Nötigste und verfolgt ansonsten mit dem Fernglas, was sich im Haus nebenan so abspielt. Die Schafe wiederum, zahlreich auf den nassen Feldern platziert, beobachten ihrerseits stumm die Beobachter.
Eine Idylle stellt man sich anders vor und an entscheidenden Stellen bricht denn auch dieses ruhige Erzählgewebe auf: Wenn Helmers Blick an Henks Handgelenk hängen bleibt oder wenn er sich an die kräftigen Muskeln eines Knechts erinnert, den sein Vater ohne weitere Begründung vom Hof weg schickte, als er noch ein Kind war. In diesen Momenten blitzt eine Sinnlichkeit auf, die man gar nicht für möglich gehalten hätte in einer Welt, die nur den Wechsel der Jahreszeiten und die Arbeit kennt. Wie steht es da um Liebe und Zärtlichkeit? Weiß Helmer eigentlich, dass er homosexuell ist? Er spürt wohl ein Tabu, das auch noch vor den Toren des toleranten Amsterdam gilt, und er ahnt, dass der plötzliche Abschied des Knechts irgendetwas mit diesem Verbot zu tun hatte. Kann er darüber nicht sprechen, will er darüber nicht sprechen? Bakkers wortkarger Roman lebt nicht von Dialogen oder inneren Monologen, sondern von der Intensität der Szenen und Bilder, die wie eine literarische Anverwandlung niederländischer Landschaftsmalerei wirkt.
Nachdem der Vater in seiner Dachkammer gestorben ist und Henk sich ebenso beiläufig wieder nach Hause zu seiner Mutter verabschiedet hat, wie er bei Helmer eingezogen war, taucht der vor vielen Jahren verscheuchte Knecht wieder auf dem Hof auf und macht sich, als sei das die selbstverständlichste Sache der Welt, mit Helmer auf den Weg nach Dänemark. Man wird in diesem Augenblick Zeuge einer großen Befreiung. Aber man erfährt nicht mehr, wie es mit den beiden dort weitergeht. Man will auch gar nicht danach fragen. Es wäre den Figuren nicht angemessen. Man hat gelernt zu schweigen, wenn Henk schweigt. TOBIAS HEYL
GERBRAND BAKKER: Oben ist es still. Roman. Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008. 316 S., Euro 19,80.
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»Bakkers eindringliche Zwillingsbrüder-Story ist zweifelsohne einer der Höhepunkte des Bücherherbstes.«
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