Miss Gomez und die frommen Brüder - Trevor, William
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Produktdetails
  • Verlag: Rotbuch Verlag
  • Seitenzahl: 329
  • Abmessung: 210mm
  • Gewicht: 482g
  • ISBN-13: 9783434530305
  • ISBN-10: 3434530304
  • Artikelnr.: 24082850
Rezensionen
Besprechung von 30.03.1999
Eine Eingebung bei Hitze
William Trevors Roman "Miss Gomez und die frommen Brüder"

Es ist ein heißer Sommer Ende der sechziger Jahre. Die Londoner leiden unter der Hitze, und manche denken, es habe "etwas mit den Mondraketen" zu tun. Miss Gomez, eine farbige Jamaikanerin, ist in einem Waisenhaus aufgewachsen und später nach England durchgebrannt. Dort hat sie Züge gereinigt, in einer Cornflakes-Fabrik, bei Woolworth und in anderen Betrieben gearbeitet. Dann ist sie, wie sie selber es formuliert, "noch tiefer gesunken und schließlich bekehrt worden". Nun hängt sie einer überaus frommen christlichen Sekte an, die sich "Kirche der Brüder des göttlichen Wegs" nennt und ihren Sitz im fernen Jamaika hat. Im Sinne der "Brüder" versucht Miss Gomez, ihre Mitmenschen auf den rechten Weg zu bringen. Die Enttäuschungen, die sich dabei zwangsläufig einstellen, steckt sie nach Art der Missionare weg. Die Leute, die nicht wissen wollen, daß ihr Leben keinen Sinn hat, müssen einem leid tun, auch wenn sie einem Beleidigungen an den Kopf werfen.

In diesem heißen Sommer läßt sich Miss Gomez von ihrer Eingebung in einen Stadtteil Londons führen, der abgerissen wird; eine Zoohandlung und ein Pub widersetzen sich noch dem Schlag der Zeit. Das Pub wird aber nur von den irischen Arbeitern frequentiert, die den Abriß des Viertels besorgen. Miss Gomez - sie heißt in dem Roman nie anders - bleibt in der Crow Street, um ein großes Unheil abzuwenden, von dem nur sie ahnt, daß es bevorsteht. Das Drama nimmt aber eine andere Richtung als gedacht.

Dem Leser dieser Geschichte geht es wie den Leuten im Roman, die sich Miss Gomez' ebenso beharrlichen wie erfolglosen Bekehrungsversuchen ausgesetzt sehen. Je weiter die Angelegenheit - durchaus mit komischen und dramatischen Elementen nicht geizend - vorangetrieben wird, desto stärker wird der Verdacht, daß man es gar nicht so genau wissen will. Wie man ja auch über das Innenleben jener Wachturm-Frauen an den Straßenecken nicht so viel wissen will, an denen man mit einem Anflug von Betretenheit vorbeigeht. Man fürchtet, daß es in diesen Wesen nichts anderes gibt als die Sorte Religion, die man schon an ihrem Äußeren wahrnimmt. Miss Gomez ist nicht so interessant wie die Leute in Robert Coovers "Von den Anfängen der Brunisten" oder der Held in Paul Theroux' "Moskito-Küste", in dessen Wahn wir mit familiärer Selbstverständlichkeit hineingezogen werden.

Das nimmt dem Roman, der erstmals 1971 erschien und ein früher unter den vielen und zum Teil erfolgreichen Romanen ist, die der 1928 geborene Ire William Trevor veröffentlicht hat, den Schwung, das Leben. Es braucht diese innere Bewegung, um den Leser nicht nur bei der Stange zu halten, weil er wissen will, wie es ausgeht (das gelingt hier durchaus), sondern um ihn zu bezaubern. Aber in wie vielen Romanen gelingt das? Gelungen ist die Übersetzung von Thomas Gunkel über weite Strecken, nur manchmal, in Sätzen wie: "Mr. Batt würde eine Erkältung übergehen", scheint die Schwierigkeit, aus einem flüssigen englischen einen flüssigen deutschen Satz zu machen, plötzlich übermächtig geworden zu sein. WALTER KLIER

William Trevor: "Miss Gomez und die frommen Brüder". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Gunkel. Rotbuch Verlag, Hamburg 1999. 330 S., geb., 38,- DM.

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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Zwei Romane - "Miss Gomez und die frommen Brüder" und "Tod im Sommer" - des irischen Autors hat sich H. G. Pflaum gleichzeitig vorgenommen. Ohne etwas über die Qualität der Übersetzungen verlauten zu lassen, würdigt er die geduldige Konzentration Trevors auf das innere Erleben seiner Figuren. Ob das Leben der jamaikanischen Waise Miss Gomez, die nach London kommt und einer Sekte in die Hände fällt, oder Albert und Pettie aus "Tod im Sommer", die sich naiv und gerissen nach ihrer Flucht aus dem Kinderheim durch London schlagen: immer sei es dem Autor zu tun um die Beschreibung von Ort- und Heimatlosigkeit, Beschädigung durch zerstörte Familien und den Zusammenstoß der Naiven mit einer sie ausbeutenden, mißverstehenden Welt. Trevors Aufmerksamkeit gilt den "ungehörten Hilferufe"; leise, langsam sich entfaltende Geschichten des erfahrenen, melancholischen Romanciers, lobt H. G. Pflaum.

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