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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Richtig geärgert hat sich Katharina Teutsch über die Unglücksratgeber von Arnold Retzer und Wilhelm Schmid, die sich beide gegen einen Trend zum positiven Denken stemmen, der in den Augen der Autoren erst recht unglücklich macht. Dabei ist es nicht so, dass Teutsch jetzt alles ablehnen würde, was sie in diesen beiden Büchern gefunden hat, aber was ihr zum einen gegen den Strich geht, ist das selektive Zitieren. Barbara Ehrenreich zum Beispiel annonciert den Trend zum Denken in ihrem Buch "Smile or Die" nicht für die ganze Gesellschaft, wie sowohl Retzer als auch Schmid suggerieren, sondern für die Esoterik-Community. Und dann hätte die Rezensentin auch gern etwas mehr Empirie gesehen, anstatt nur rhetorische Taschenspielertricks und naheliegende Pointen. Wo sind denn hier all die superglücklichen Menschen? In Berlin zumindest sind sie ihr noch nicht begegnet. Vielleicht können sich die Herren das nächste Mal mit dem Thema Depression beschäftigen.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 13.02.2013

Gegen das Positive ist ein Kraut gewachsen
Aber was nützt das schon, wenn es in Büchern wie jenen von Wilhelm Schmid und Arnold Retzer gepriesen wird

Zwei Bücher gleich preisen den depressiven Gemütszustand als Weg aus der privaten und gesellschaftlichen Krise. Der Psychologe Arnold Retzer singt ein Loblied der "miesen Stimmung", will es gar als Streitschrift verstanden wissen, der Philosoph Wilhelm Schmid ermutigt in einem kleinen Ratgeber zum "Unglücklichsein". Beide Autoren wenden sich gegen den bereits vor zwei Jahren von der amerikanischen Journalistin Barbara Ehrenreich angeprangerten Trend zum "positiven Denken", dabei übersehend, dass man in einigen Teilen dieses Landes im Grunde nie damit angefangen hat. Gerade im Winter etwa punktet Berlin mit einem bunten Spektrum fahler Grautöne. Untergrundgrößen wie Christiane Rösinger sorgen für die musikalische Zementierung dieser Wahrnehmung. Der 2010 auf dem Album "Songs of L. and Hate" erschienene Titel "Es ist so arg" schaffte Einigkeit unter den Miesprimeln: "Bin ich nur müde oder ist das schon die erste zarte Novemberdepression? Ist es schon chronisch oder nur ein Symptom? Oder hab ich jetzt auch das Borderline-Syndrom?"

Zugegeben, man stellt sich diese Fragen nicht überall derart unverblümt. Den vorliegenden Büchern zufolge hat die westliche Welt sogar ein Problem mit ihrer "positiven" Einstellung. Ständig werde man angehalten, die negativen Begleiterscheinungen des Lebens zugunsten seiner positiven Highlights auszublenden - schlimmer noch: sie zu bekämpfen. "Aber was ist, wenn das Glück selbst zur Pflicht wird?", fragt Wilhelm Schmid, spricht wenige Zeilen weiter schon von einer "Diktatur des Glücks", präzisiert den Gedanken rhetorisch ("Wie viele Menschen werden unglücklich, nur weil sie glauben, glücklich werden zu müssen?") und plaziert dann die markerschütternde Pointe: "Wer unglücklich ist, hat die moderne Pest." Nimmt man diese Argumentation beim Wort, erweist sie sich allerdings als eine Art Zirkelschluss: Auch der Unglückliche, liest man, hat ein Recht darauf, glücklich zu sein - und zwar in seinem Unglück. Man muss ihn sich als glücklichen Unglückspilz vorstellen.

Wem das zu hoch ist, der schlage bei Arnold Retzer nach, denn hier werden die Diagnosen Wilhelm Schmids auf mehrere hundert Seiten ausgeweitet. Auch hier wird behauptet, dass erst die Pflicht zur guten Stimmung die schlechte erzeuge. Ein besonderes Anliegen ist Retzer dabei der Trend zum "Hirndoping". Richtig ist, die Zahl der auf Depressionen diagnostizierten Menschen steigt unaufhaltsam. Allein in Deutschland ist dem Arzneiverschreibungsreport von 2009 zufolge die Verordnung von Antidepressiva in zehn Jahren um das Siebenfache gestiegen.

Wenn klinisch unauffällige Schüler allerdings ohne Ritalin nicht mehr zur Prüfung antreten könnten, verschiebe sich unser Glücksstreben auf gefährliche Weise. Beide Autoren wollen deshalb die Krise gegenüber dem Glück wieder ins Recht setzen. Arnold Retzer benennt die natürlichen Feinde des Unglücks. Es ist zum einen die Hoffnung, welche nicht nur trügt, sondern bekanntlich auch zuletzt stirbt: "Hoffnung erzeugt eine Binnenrationalität der Hoffenden, die man auch Blödheit nennen könnte." Ähnlich ergehe es zum anderen der Angst, die man heute sofort medikamentös in ihre Schranken weise und damit als Instrument der kritischen Vernunft unschädlich mache. "Der Weg durch die Angst hindurch, nicht der Weg von der Angst weg ist der Weg der Kreativität. Der Weg von der Angst weg ist der Weg der Dummheit und der Weg der miesen Stimmungen."

Nun ist es nicht so, dass man Arnold Retzer auf jeder Seite widersprechen wollte, doch sind seine Thesen derart schlampig zusammengeschustert, dass es schnell unseriös und damit unerfreulich wird. In einem Kapitel namens "Wir hoffen uns zu Tode" streift Retzer Ernst Blochs "Prinzip Hoffnung" mehr um dessen Titel als um dessen Inhalt willen. Ebenso missversteht er bewusst die Thesen Peter Sloterdijks, der sein Buch "Du musst dein Leben ändern" keineswegs imperativ verstanden wissen wollte. Ähnlich nutzt er das umstrittene Erziehungsbuch der Amerikanerin Amy Chua für seine Unglücksrhetorik: Chua wollte ihre Kinder zwar mit drakonischen Erziehungsmethoden zum Erfolg zwingen, in ihrem autobiographischen Bericht reflektiert sie aber eben auch das Scheitern ihrer Methode.

Das ist das Ärgerlichste an Retzers Buch: Es zitiert anekdotisch, es geht von Hölzchen auf Stöckchen, nie wird ein Thema vernünftig zu Ende gedacht oder eine These bewiesen. Weder die Anthropologie der angeblich so blöde machenden "Hoffnung" noch die "chemische Mobilmachung" zur Verbesserung der menschlichen Leistungsfähigkeit. Das Krankheitsbild Depression wird einmal großspurig als Sieg der "Romantik über die Vernunft" beschrieben. An anderer Stelle wird behauptet, wir lebten in einer Kultur, die Fehler "auszumerzen" trachte. Dabei müsse man Fehler doch als willkommene Perspektivwechsel begreifen. Private Niederlagen könnten so in gesellschaftliche Gewinne umgemünzt werden. Die Krise, "sie bietet uns die Chance der Veränderung". Sie soll uns letzten Endes glücklicher machen als das Glück selbst.

Als Barbara Ehrenreich in ihrem Buch "Smile or Die" gegen die Ideologie des positiven Denkens anschrieb, hatte sie das Geschäft mit der Glücksformel vor Augen. Sie nahm sowohl die Heilung-durch-gute-Gedanken-Rhetorik der Esoterikszene ins Visier wie das in den Vereinigten Staaten seit Jahren florierende Coaching-Business. Von einer solch aufschlussreichen Recherche sind die deutschen Vertreter der Negativität ebenso weit entfernt wie von der mentalitätsgeschichtlichen Bearbeitung ihres Terrains. Außer ein paar Binsen ("Unzufriedenheit ist der Ansporn zu neuen Taten") bieten ihre Bücher wenig Neues und noch weniger Brauchbares. "Alles Unglück der Menschen rührt daher, dass sie nicht verstehen, ruhig in einem Zimmer zu bleiben", schrieb Blaise Pascal. Nach der Lektüre dieser Unglücksratgeber könnte man es dabei belassen.

KATHARINA TEUTSCH

Wilhelm Schmid: "Unglücklich sein". Eine

Ermutigung.

Insel Verlag, Berlin 2012. 100 S., geb., 8,- [Euro].

Arnold Retzer: "Miese Stimmung". Eine Streitschrift gegen

positives Denken.

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2012. 294 S., geb., 19,99 [Euro].

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"Sein Essay macht Mut, den eigenen Reserven, Rückschlägen und Vorstößen mehr zu vertrauen als den Programmen, Pillen und Propheten der Glücks- und Erfolgsindustrie." (Die Welt)

"Eine rasante Abrechnung mit der gesellschaftlich geforderten Selbstoptimierung" (Deutschlandradio Kultur)