Menschentier - Sinha, Indra

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Animal, so wird der Ich-Erzähler seit der Chemiekatastrophe von Bhopal genannt. Denn seither kann sich der mittlerweile 19-jährige nur noch auf allen Vieren bewegen. Mitleid aber will er nicht und dies macht er in seiner derben Sprache auch deutlich. Als eine Ärztin eine Klinik für die Opfer eröffnet, soll Animal herausfinden, auf wessen Seite sie steht. Es entspinnt sich ein Netz aus Intrigen und Verdächtigungen ... Ein anrührender, bewegender Roman, der die Balance schafft zwischen Tragödie und Komödie.
Früher war ich ein Mensch. Erzählt man mir. Ich erinnere mich selbst nicht daran, aber
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Produktbeschreibung
Animal, so wird der Ich-Erzähler seit der Chemiekatastrophe von Bhopal genannt. Denn seither kann sich der mittlerweile 19-jährige nur noch auf allen Vieren bewegen. Mitleid aber will er nicht und dies macht er in seiner derben Sprache auch deutlich. Als eine Ärztin eine Klinik für die Opfer eröffnet, soll Animal herausfinden, auf wessen Seite sie steht. Es entspinnt sich ein Netz aus Intrigen und Verdächtigungen ... Ein anrührender, bewegender Roman, der die Balance schafft zwischen Tragödie und Komödie.
Früher war ich ein Mensch. Erzählt man mir. Ich erinnere mich selbst nicht daran, aber Leute, die mich kannten, als ich klein war, sagen, ich ging auf zwei Beinen wie ein Mensch. (...) Die Welt der Menschen ist dazu gedacht, in Augenhöhe betrachtet zu werden. Deiner Augen. Hebe ich meinen Kopf, starre ich jemandem auf den Schritt. (...) Ich sei früher aufrecht gegangen, sagt Ma Franci, warum soll sie lügen? Nicht, dass mich das tröstet. Ist es nett, einen Blinden daran zu erinnern, dass er mal sehen konnte?
Dies sind drei tongebende Sätze der Hauptfigur und des Ich-Erzählers aus dem ersten Kapitel. Animal, so genannt, weil er sich nur auf allen Vieren fortbewegen kann, ist ein 19-jähriges verkrüppeltes Opfer des Unglücks von Bhopal. Er lehnt Mitleid ab, flucht wie ein Seemann, und giert nach körperlicher Zuwendung. Animal spricht seine Geschichte auf Tonkassetten eines Journalisten, und er redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist: die Sprache der Straße; bei Animal ein charmanter Mix aus Hindi, Englisch und Französisch.
Als eine junge amerikanische Ärztin eine Klinik für die Opfer der Chemiekatastrophe eröffnet, wird Animal zu ihr geschickt, um herauszufinden, auf welcher Seite sie steht. Ein Netz von Intrigen und Verdächtigungen treibt die Handlung voran, bis zu ihrem dramatischen Ende. Eine Reihe von bemerkenswerten Figuren, etwa die köstlich schräge französische Nonne Ma Franci, die das Findelkind Animal aufgezogen hat, oder Chunaram, windiger Vermittler und Teeladenbesitzer, werden mit wenigen Strichen meisterhaft zum Leben erweckt. Die Geschichte bleibt trotz aller Leiden und Schrecken stets anrührend. Sinha balanciert zwischen Komödie und Tragödie und bringt seinen Figuren stets Respekt und Zuneigung entgegen. In einer aus den Fugen geratenen Welt ergibt nur noch die groteske Übertreibung einen Sinn. Ein sehr bewegender Roman.
  • Produktdetails
  • Weltlese Bd.7
  • Verlag: Edition Büchergilde
  • Seitenzahl: 508
  • 2011
  • Ausstattung/Bilder: 2011. 508 S.
  • Deutsch
  • Abmessung: 190mm
  • Gewicht: 525g
  • ISBN-13: 9783940111876
  • ISBN-10: 3940111872
  • Artikelnr.: 33395833
Autorenporträt
Indra Sinha, geboren 1950 in Colaba, Indien, ist Sohn eines indischen Marineoffiziers und einer englischen Schriftstellerin. 1967 zog er mit seiner Familie nach England und studierte dort Literaturwissenschaften. Sinha arbeitete als Werbetexter und begann daneben zu schreiben. 1980 erschien Sinhas Übersetzung des Kama Sutra ins Englische, ab 1995 konzentrierte er sich ganz auf seine schriftstellerische Arbeit. Indra Sinha lebt heute mit seiner Familie in Südfrankreich.
Rezensionen
Besprechung von 28.03.2012
Ein Hundeleben
Indra Sinah hat einen lebensbejahenden Schelmenroman vor dem Hintergrund des katastrophalen Chemie-Unfalls im indischen Bhopal geschrieben
Eine Geschichte, so grausam wie selten eine. Animal ist 19 Jahre alt, und seit dem großen Chemieunfall in seiner indischen Geburtsstadt Khaufpur sind ihm die Knochen nach und nach eingeschmolzen. Jetzt kann er sich nur mehr auf allen vieren fortbewegen, in grotesker Verkrümmung, mit dem Hintern als höchstem Punkt seines Körpers und dem Gesicht knapp über dem Boden. Den ganzen Tag robbt Animal vom Hinterhof des einen Restaurants zu den Müllkübeln des anderen, um in den Abfällen zu suchen, was sich noch verzehren lässt. Und er ist nicht der Einzige, den der Unfall dazu nötigt, seine Existenz nach Art eines durch die Großstadt streunenden Tiers zu bestreiten. Begleitet wird er meist von Jara, seiner Freundin, die flüchtige Betrachter für einen struppigen Straßenköter halten, dem man den Knochen gerne gönnt, den er sich irgendwo aus dem Unrat holt.
„Früher war ich ein Mensch.“ Das ist der erste Satz eines Romans, in dem von einer von Menschen verursachten, von Menschen vertuschten Katastrophe berichtet wird, deren Opfer wie Tiere behandelt werden. Früher hatte er einen Namen, jetzt heißt er nur mehr Animal und sieht sich selbst als „Menschentier“. Was Animal aber auszeichnet, das ist sein selbstbewusster, lebensstarker Anspruch, dennoch kein Opfer zu sein, sich nicht als Opfer zu fühlen. Als Tier der Großstadt vielleicht, aber nicht als Opfer und auch nicht als hilfloses Objekt karitativer Güte. „Die Welt der Menschen ist dafür gemacht, in Augenhöhe betrachtet zu werden. Hebe aber ich den Kopf, starre ich jemandem auf den Schritt. Ist eine ganz andere Welt, da unten. Glaubt mir, ich weiß, wer sich die Eier nicht gewaschen hat . . .“ Animal sieht die Welt aus einer ungewöhnlichen, entlarvenden Perspektive, und er ist ein oft witziger, meist ordinärer, immer gänzlich unsentimentaler Chronist des Lebens da unten, in der Gosse, im Schmutz und auf den Kanalgittern.
Die äußeren Geschehnisse des Romans, der im fiktiven Khaufpur spielt, erinnern stark an jene, die sich 1984 in Bhopal ereigneten, als eine Fabrik der Union Carbide Corporation in die Luft flog, vermutlich 16 000 Menschen sofort tötete und Hunderttausende verletzte, von denen viele noch heute an den Folgen zu leiden haben. Aus diesem Stoff kann ein Autor ganz verschiedene Bücher machen: Er kann dokumentarisch von der Vorgeschichte einer vorauszusehenden Katastrophe erzählen oder von ihrer beschämenden Nachgeschichte, etwa dass der verantwortliche Direktor der Corporation Indien um eine Kaution von 1500 Dollar verlassen durfte, nie zur Verantwortung gezogen wurde und sein Unternehmen geradezu lächerlich geringe Summen an die Hinterbliebenen und die Überlebenden auszahlte. Es hätte eine bittere Geschichte von Klage und Anklage daraus werden können, aber der 1950 geborene indisch-britische Autor Indra Sinha, der eine Hilfsorganisation für die Opfer von Bhopal mitbegründete, hat etwas ganz anderes unternommen: Er hat vor dem Hintergrund des Grauens einen Schelmenroman verfasst.
Animal ist ein schlitzohriger, derber Kerl, der sich nicht unterkriegen lässt, der betrügt und belügt und mit einem grandiosen Überlebenswillen begabt ist. Er lernt einen wohlmeinenden australischen Journalisten kennen, der ihm Kassetten gibt, auf die er seine Lebensgeschichte sprechen soll. 23 sind es am Ende, und seiner Form nach fingiert der Roman, diese Kassetten, die in einem wüsten Kauderwelsch aus Englisch, Hindi und Französisch besprochen wurden, unredigiert wiederzugeben. Das ist für die Übersetzerin Susann Urban eine enorme Herausforderung gewesen, die sie mit viel sprachlichem Witz und einigem Mut, die krasse Obszönität des kriechenden Erzählers nicht zu mildern, überzeugend bewältigt hat.
Animal gelangt in die Kreise echter und falscher Samariter, bekommt es mit Hilfsorganisationen zu tun, die tatsächlich die Interessen der Opfer verfechten, und mit anderen, deren einziger Zweck es ist, die Interessen des Konzerns und seiner Aktionäre zu wahren. Vielleicht ist der Roman zu lang geraten, doch bringt Indra Sinha das Kunststück zuwege, eine Geschichte von kaum überbietbarer Tragik aus der widerständigen Perspektive eines charmanten, wilden und ungezähmten Lumpen der Großstadt zu erzählen, der in das Leben vernarrt ist und niemals aufgeben wird, um seinen Platz darin zu kämpfen.
KARL-MARKUS GAUSS
INDRA SINHA: Menschentier. Roman. Aus dem Englischen von Susann Urban. Edition Büchergilde, Reihe Weltlese, hrsg. von Ilija Trojanow, Frankfurt/Main 2012. 509 Seiten, 19,90 Euro.
Nur auf allen vieren kann sich Animal fortbewegen. Foto: Getty Images
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Mit seinem Roman “Menschentier" rückt Indra Sinha den schlimmsten Giftgasunfall der Geschichte 1984 im indischen Bhopal ins Gedächtnis, unter dem die Opfer bis heute leiden, erklärt Shirin Sojitrawalla. Das ist das “große Verdienst" dieses Romans, auch wenn der originelle Ich-Erzähler, ein durch die Chemiekatastrophe verkrüppelter Straßenjunge, die Geduld der Leser durch seine eigenwillige Sprache mitunter etwas überstrapaziert, wie die Rezensentin zugibt. Ohne sich um Syntax oder Verständlichkeit zu kümmern, erzählt der Protagonist mit vielen witzigen Wortschöpfungen und Einschüben in Französisch oder Hindi von den Folgen des Chemieunfalls, den unterschiedlichen (Vertuschungs-)Interessen bei der Aufarbeitung und seinen ganz persönlichen “pimmelfixierten" Nöten, so die Rezensentin alles in allem dennoch gefesselt, die auch die Übersetzerin für ihre gelungene Übersetzung beglückwünscht.

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