Produktdetails
  • Verlag: Haffmans
  • ISBN-13: 9783251005093
  • ISBN-10: 325100509X
  • Artikelnr.: 23988305
Rezensionen
Besprechung von 22.03.2002
Verleger in Verlegenheiten
Rabeneltern: Tim Waterstones Gesellschaftsroman der Buchbranche

Ein Verlagshaus ist ein Knotenpunkt. Hier überkreuzen sich zahlreiche Verbindungslinien, die zwischen Manuskripten und Märkten, Büchern und Buchhändlern, Agenten und Rezensenten verlaufen. Im Idealfall stiftet das Charisma des Verlegers all diese Beziehungen - die Betriebsstruktur deckt sich dann mit einem Netz von Verbindlichkeiten. Wo freilich alle Vektoren auf eine Person zulaufen, da lauert schon der Beziehungswahn, und wo ein ganz auf Vertrauen gebautes System den Rahmen des Überschaubaren sprengt, stellt sich schnell das Gefühl der Verschwörung ein.

Wenn der Zürcher Haffmans Verlag, gegen den Ende Oktober vergangenen Jahres ein Konkursverfahren eingeleitet wurde, in seinem letzten Programm einen Roman führt, der im Untertitel vom "Aufstieg und Fall eines Verlagshauses" kündet, dann drängt sich die Suche nach unsichtbaren Querverbindungen geradezu auf. "Tim Waterstone hat den Roman einer ganzen Branche geschrieben. Unserer Branche." - Das Lob, das Gerd Haffmans dem britischen Autor auf dem Buchrücken spendet, läßt den Roman "Lilley & Chase" - gerade im Licht der juristischen Verwicklungen - beinahe als literarische Selbstanzeige des Verlages erscheinen. Wäre Tim Waterstone nicht als Schriftsteller und Gründer einer Buchhandelskette bekannt, läge sogar eine Verlegerfiktion nahe: Schließlich findet auch Sam Lilley, der Held des Romans und Geschäftsführer des seinen Namen tragenden Verlagshauses, Vergnügen am heimlichen Umschreiben seiner Bücher. Doch das Interesse des Romans gilt weniger denjenigen Machenschaften, die zur Hervorbringung von Literatur führen, als jenen, die zu ihrer Verhinderung dienen.

Die Urszene des breitangelegten Romans ist der Vertrauensbruch. Sam Lilley kann seiner Frau Hilary einen Seitensprung nicht verzeihen und tauscht seine Ehe gegen den leicht chaotischen Londoner Kleinverlag ein, den er gemeinsam mit seinem Studienfreund Richard gegründet hat. Wie dem Sammelsurium des Verlagsprogramms, das die Erzählwerke exzentrischer Damen, die Memoiren ehemaliger Innenminister sowie Lehrbücher über Dickdarmspülung umfaßt, so fehlt auch dem Lebensplan des Verlegers eine klare Linie. Die auf Dauer gestellte Finanzkrise des Hauses dient ihm als Schutzbehauptung, um emotionalen Bindungen auszuweichen - zunächst gegenüber seiner reumütigen Ehefrau, dann gegenüber seiner anhänglichen Sekretärin und Geliebten Hazel. Zugleich jedoch beruht das hohe Ansehen des Verlages gerade auf einem feingesponnenen Verbindungsnetz: Fehlende Finanzkraft ersetzt der Kleinverlag durch eine Hydraulik der Gefälligkeiten, die ihm die soziale Kontrolle über Literaturblätter und Schaufensterauslagen sichert. Bei "Lilley & Chase" fließen die Honorare langsam; man wuchert mit symbolischem Kapital.

Diese weiche Währung hat Tim Waterstone - teils mit Gewinn - in den Bauplan seines Romans investiert: Die Erschließung des Verlagsumfeldes führt, Kapitel um Kapitel, in die Gesellschaft der urbanen Eliten, angesiedelt irgendwo zwischen BBC, Oberhaus und Cambridge: Fast jeder kann hier zumindest auf eine homosexuelle Affäre mit dem Erzbischof von Canterbury zurückblicken. Im besten Fall gelingt Waterstone eine Erzählkunst der kleinen Skandale und Peinlichkeiten, wie sie aus russischen Gesellschaftsromanen vertraut ist. Über weite Strecken jedoch liefert die Gerüchteküche, die dem Leser zu jeder Nebenfigur ganze Dossiers an die Hand reicht, bloß Füllmaterial für die auf der Stelle tretende Erzählung. Auch der Versuch, dem Sittenbild durch eingeblendete Gedankengänge psychologische Tiefenschärfe zu geben, wirkt eher als mißglückter Kunstgriff - allzu deutlich verlesen die Charaktere hier ihre eigenen Beipackzettel: "Hinter der Fassade der Groucho-Club-Partys und dem ganzen Glamour steckt eigentlich eine verhinderte Hausfrau und Mutter."

Erst ein Autounfall von Sams und Hilarys Tochter Annabel, der den Roman in zwei ungleiche Hälften spaltet, kann den Reigen der Nachträge und Vorgeschichten durchbrechen, und fast wirkt Annabels Tod wie ein Opfer für die Narration. Die Trauer stiftet zwar eine flüchtige Verbindung zwischen Sam und Hilary, läßt jedoch das ganz auf seine Person abgestimmte Verlagshaus auseinanderbrechen. Die Geschichte von Verschwörung und Verrat, die in den Schlußkapiteln des Romans eher abgespult als entwickelt wird, trägt selbst stark kolportagehafte Züge und läßt die Schar der Freunde, Kollegen und Autoren erwartungsgemäß in Spreu und Weizen auseinanderfallen. Am Ende bleibt die Frage offen, ob der Roman "Lilley & Chase" im Verfahren gegen den Haffmans Verlag eher als Verteidigungsschrift oder eher als Konkursmasse zum Einsatz dient.

ANDREAS ROSENFELDER

Tim Waterstone: "Lilley & Chase". Aufstieg und Fall eines Verlagshauses. Roman. Aus dem Englischen von Thomas Stegers. Haffmans Verlag, Zürich 2001. 412 S., geb., 19,90 .

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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Dieser erste literarische Versuch des 1929 geborenen Briten Tim Waterstone - selbst Gründer einer in England sehr erfolgreichen gleichnamigen Buchhandelskette - über die Verlagsbranche und einige "Nebenschauplätze" ist, urteilt Oliver Fink, "leider weitgehend missglückt". Es geht, berichtet der Rezensent, um die Geschichte des Verlegers Sam Lilley, der nach und nach Frau, Tochter und sein Unternehmen verliert. Wäre der Autor bei dieser Geschichte geblieben, hätte sich Fink für den Roman durchaus begeistern können. Aber stattdessen hat Waterstone diesen Plot mit zahlreichen anderen verwoben, die Fink "fortdauernde Langeweile" bereitet haben. Waterstones Anliegen, einen "veritablen Gesellschaftsroman" zu schreiben, sei ihm misslungen. Dabei habe er durchaus das Zeug zum respektablen Mainstream-Romancier, ein Gespür für Komposition, einen langen Atem und könne erzählen und beschreiben. Aber leider, so Fink, wimmle es hier von Klischees und Elementen einer abgestandenen Unterhaltungsliteratur.

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