Liebling, mach Lack! - Jansen, Johannes
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Produktdetails
  • Kookbooks Bd.1
  • Verlag: Kookbooks
  • Erscheinungstermin: März 2004
  • Deutsch
  • Abmessung: 220mm x 149mm x 27mm
  • Gewicht: 495g
  • ISBN-13: 9783937445021
  • ISBN-10: 3937445021
  • Artikelnr.: 12927105
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 25.11.2004

Im Kasernenlaboratorium
Brutstätte NVA: Zwei Bücher von Johannes Jansen

Am 25. Juni 1986 flog Johannes Jansen auf. Um an einer Lesung in einer Ost-Berliner Kirche teilnehmen zu können, hatte der angehende Schriftsteller, der damals seine Dienstzeit in der Nationalen Volksarmee bei der Panzerinfanterie verbrachte, die Einladung eines FDJ-Jugendklubs gefälscht. Vor der Ausstellung des Urlaubsscheins wurde indes noch einmal seine Tasche kontrolliert, und darin fand der Sicherheitsoffizier die Skizzen des Soldaten Jot Jot, wie Jansen sich selbst in seinen Notizen nannte. Auf Transparentpapier oder Dienstformularen gezeichnet, erblickte der Verbindungsmann zur Stasi allegorische Darstellungen des Armeedaseins, aber auch sehr konkrete Dokumentationen des Truppenlebens: Aufenthalte im Krankenquartier zum Beispiel, Duschszenen, Verletzungen im Einsatz - also das, was eine Armee nicht gerne aus den Kasernen herausdringen läßt, schon gar nicht die NVA; dazu ergänzt um Texte, die alles mögliche verrieten, aber ganz gewiß keinen angepaßten uniformen Charakter.

Jansen wurde vorübergehend in Haft genommen, seine Aufzeichnungen natürlich beschlagnahmt. Doch schon im Arrest füllte er neue Blätter, die zu den ergreifendsten des ganzen Konvoluts zählen - und zu den auch literarisch eindrucksvollsten. Atemlos, ohne Punkt und Komma wird da am 26. Juni die fiktive Adressatin angeschrieben: "Marionetta (Herzensdame) sie haben mir alles genommen gestern lange nach vier Marionetta Dein Bild war unter den Bildern Dein Brief war unter den Briefen Marionetta (Herzensdame) Sie haben mir alles genommen gestern wollte ich eine Reise machen da haben sie mir die Füße abgeschnitten mitsamt den Schuhen daß ich nicht mehr fortgehen konnte aus dem gehege ins nächste zu Dir Marionetta Du wartest auf mich und ich liege rücklings meine leblosen Füße in der Hand und schweige und staune was wir aushalten gelernt haben".

Staunen muß man auch, was Jansen in seiner NVA-Zeit schreiben gelernt hat. Im Kasernenlaboratorium hat er an seiner Sprache gefeilt, immer wieder variiert er einzelne Formulierungen, setzt sie in neue Kontexte, illustriert sie neu, obwohl bestimmte Bildmotive wie der an eine Schießscheibe erinnernde Irrgarten oder die grotesk verformten Köpfe der Soldaten sich ständig wiederholen. In der Sammlung aus zwei erhaltenen Skizzensammlungen und mehreren Einzelblättern ist ein Künstler am Werk, der anfangs noch nicht weiß, ob der Graphiker oder der Dichter das letzte Wort behalten wird. Diesen harmonischen Streit einer Doppelbegabung mit sich selbst kann man nun in einer vorbildlich edierten Faksimileausgabe bestaunen, die nicht nur in aufwendiger Manier die teilweise zusammenmontierten und übermalten Skizzenblätter versammelt, die Jansen schon vor der Enttarnung als Künstler an seine Mutter gesandt oder später gerettet hatte, sondern dieses Material auch ergänzt um die Transkription der bisweilen schwerleserlichen Aufzeichnungen und ein hochinteressantes Gespräch mit dem Autor.

Dennoch bleiben genug Rätsel für den Leser zu lösen. Bis man etwa weiß, daß Mita und Felix zwei Ratten sind, an die sich Jansen bisweilen wendet oder denen Hommagen gewidmet werden. Oder wie wohl Jansen seinerzeit in den Besitz einer F.A.Z. gekommen ist, aus der er einen Artikel für eine Montage verwendet hat. Und mehr als alles andere: warum Jansen so glimpflich davongekommen ist. Etliche seiner Blätter dürften auf die Armeeoberen unerträglich subversiv gewirkt haben.

Am Ende jedenfalls, als Jansen Anfang 1987 seine zweijährige Dienstzeit abgeleistet hat, ist es der Schriftsteller, der über den Zeichner triumphiert hat. Dennoch ist Jansens Neugier auf Zeichnung oder Fotomontage bis heute lebendig geblieben. Das zeigt auch die jüngste Publikation des Achtunddreißigjährigen, der dünne Band "Halbschlaf", der gerade in der Edition Suhrkamp erschienen ist. Darin finden sich zwölf Illustrationen von Simon Wasmuth, die in simpelster Computergraphik einen Regenschauer in dessen Verlauf vom ersten Getröpfel über Platzregen bis zum wieder abklingenden Niederschlag zeigen. Die Ruhe dieser japanisch angehauchten Darstellung ähnelt jener der Notate Jansens, die diesmal nicht als "Aufzeichnungen" gekennzeichnet sind, obwohl sie die Form seiner früheren Bücher gewahrt haben. Diese Kürzesttexte stehen auf einer Schwelle wie der gesamte künstlerische Werdegang Jansens: "Entdeckung oder Erfindung, welches ist dein Handwerk, welches dein Denkweg? Wenn beides zeitgleich geschieht, auf der Rast vielleicht oder im Halbschlaf, dann hast du den Punkt, der dich weitertreibt, immer einmal um die Gesamtheit, die du zunehmend als Einheit begreifst, je mehr dir die Einzelheiten bewußt sind. Die Zersplitterung ist ja nur berechnende Einfalt." Das ist das poetologische Programm der traumwandlerischen Texte und des Prinzips ihrer Komposition.

Bestimmte Wörter dringen in dieses traumverlorene Schreiben wie Sensen ein: der "alte Trottel" etwa, der genau wie der "Idiot" gleich zwei Auftritte hat, die mit ihrer Begriffswahl aus dem ruhigen Klang des Ganzen herausfallen. "Jonglieren" und "Balance" sind weitere, nun aber im Tonfall wohlig dunkel gestimmte Zentralbegriffe, die das Überschreiten der Grenzen zwischen Wachen und Schlafen mehr anklingen lassen, als daß sie es schilderten. Johannes Jansen ist von der schrillen Expressivität seiner an Trakl und Borchert geschulten frühen Texte und der diesen darin nicht nachstehenden Bilder weitergezogen zu einer sich selbst versichernden Prosa, die immer noch poetische Ansprüche erfüllt, ohne die Formgesetze der Gattung mehr erfüllen zu müssen. Der Denkweg hierhin war auch der Emanzipationsweg eines Schriftstellers, der zu den bemerkenswerten Stimmen seiner Generation gehört.

ANDREAS PLATTHAUS

Johannes Jansen: "Liebling, mach Lack!" Die Aufzeichnungen des Soldaten Jot Jot. Kook Books, Idstein 2004. 96 S., Abb., br., dazu zwei faksimilierte Skizzenmappen, zusammen im Schuber 44,- [Euro].

Johannes Jansen: "Halbschlaf". Tag Nacht Gedanken. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004. 85 S., 12 Abb., br., 7,- [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

"Rezensent Andreas Platthaus ist sehr beeindruckt von diesem "