Produktdetails
  • Verlag: Gerstenberg
  • ISBN-13: 9783806751369
  • ISBN-10: 3806751366
  • Artikelnr.: 20857053
Rezensionen
Besprechung von 04.10.2006
Des Lebens kleine Späße
Wenn einhundertundein Dominosteine fallen: "Licht aus!"

Es gab einmal einen Zeichner namens Rube Goldberg. In Amerika kennt ihn jedes großgewordene Kind. Er lebte von 1883 bis 1970 und zeichnete sein Leben lang. Besonders gerne zeichnete er skurrile Erfindungen - Konstruktionen, die so populär wurden, daß er jahrzehntelang tägliche Comicstrips mit Titeln wie "Rube Goldberg Inventions" oder "Life's Little Jokes" veröffentlichen konnte. Da waren meist leicht versponnen aussehende Herren zu sehen (böse Zungen würden von mad scientists reden), die sich ihr Leben durch Technik zu erleichtern suchten. Etwa Professor Butts, der ein automatisch betriebenes Mundtuch entwickelt hat, so daß man beim Speisen nicht mehr das Besteck aus der Hand legen muß. Allerdings ist die dafür notwendige Apparatur recht aufwendig: Sie enthält, brav von A bis M bezeichnet, einen am Löffel befestigten Faden, dessen Straffung einen Mechanismus auslöst, in dessen Verlauf unter anderem ein Keks vor einen Papagei katapultiert wird, dessen Zuschnappen wiederum Körner in ein Gefäß fallen läßt, dessen Gewichtszunahme die Zündung einer Rakete auslöst, die eine Klinge hinter sich herschleppt, die einen Faden durchschneidet, der das Mundtuch vom Gesicht des Essers entfernt hält. Das Tuch fällt herab und wischt. So einfach ist die Sache, aber ich habe auch ein paar der dreizehn Schritte überschlagen.

Es gibt einen Zeichner namens Arthur Geisert. Er ist fünfundsechzig, also ein großgewordenes Kind, und er zeichnet in Amerika für Kinder. Sein neuestes Bilderbuch heißt "Licht aus!", und es ist eine einzige Hommage an Rube Goldberg. Erzählt wird von einem kleinen Schwein, das mit seinen Eltern in einem schönen Einfamilienhaus wohnt, aber Angst vor dem Einschlafen im Dunkeln hat. Trotzdem soll es aber das Licht rechtzeitig ausmachen, denn die Schweineeltern haben es sich im Wohnzimmer gemütlich gemacht und wollen ihre Ruhe haben. Also denkt sich das kleine Schwein eine Erfindung aus, die das Licht erst kurz nach dem Einschlafen ausschaltet.

Sie sieht so aus (und auch hier überspringe ich diverse Schritte): Durch einen Seilzug wird ein Faden durchtrennt, der einen Kegel gegen eine Reihe Dominosteine fallen läßt. Sie stürzen um und setzen einen Mechanismus in Gang, der unter anderem über ein Fahrrad, einen Eimer, einen Blasebalg, einen Besen, einen Spielzeug-Lkw, einen Ball, einen Magneten, einen Baseball, eine Säge und einen Sack Sand schließlich eine Waage derart aus dem Gleichgewicht bringt, daß das Licht ausgeknipst wird. Der ganze Vorgang dauert so lange - wir können es auf dem Wecker neben dem Schweinchenbett genau verfolgen -, daß das ängstliche Kind einschlummern kann, solange es im Zimmer noch hell ist.

Rube Goldberg wird im ganzen Buch nicht erwähnt. Also doch Ideenklau statt Hommage? Nein, denn Geisert zeichnet in einem Stil, der so ersichtlich auf Goldbergs rührende Altertümlichkeit verweist, daß jeder Kenner es sofort bemerkt. Und alle, die Goldberg nicht kennen, muß es ja nicht stören, daß hier jemand seine zauberhaften Serien fortspinnt.

Nun ist ein Buch etwas anderes als ein Comicstrip, und tatsächlich sind zweiunddreißig Seiten für eine einzige Erfindung ein wenig viel (selbst wenn hier insgesamt neunundzwanzig Schritte zu absolvieren sind - eine Komplexität, die Goldbergs Erfindungen allein schon deshalb nicht erreicht haben, weil das Alphabet nur sechsundzwanzig Buchstaben hat). Deshalb hat sich Geisert den Kunstgriff einfallen lassen, uns mit der komplizierten Apparatur auf die Reise durchs ganze Schweinehaus zu schicken. Das ist ein detailreiches Vergnügen, und wir können außerdem beobachten, wie das kleine Schwein im Laufe der Zeit immer müder wird. Nur daß uns Geisert weismachen will, daß es tatsächlich fünf Minuten dauern soll, ehe 101 Dominosteine umfallen (ich habe sie gezählt, und selbst das dauert gerade mal eine Minute), das wäre Rube Goldberg nie passiert. Der Rest des Buchs aber ist sehr, sehr schön.

ANDREAS PLATTHAUS

Arthur Geisert: "Licht aus!" Aus dem Englischen übersetzt von Kathrin Jokusch. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2006. 32 S., geb., 12,90 [Euro]. Für jedes Alter.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 29.09.2006
Michinismus
Eine geniale Elternersatz-Maschine
Eimer, Dominosteine, Besen, Hammer, Schraube – alles kein Problem. Blasebalg und Baseballschläger, Hufeisenmagnet und Säge, das geht auch. Doch wie kommt das Dreirad aufs Dach? Meine Tochter Julia, viereinhalb, grübelt heftig. Aber nicht nur über dieses Problem. Der ganze „Michinismus” beschäftigt sie seit mindestens einer halben Stunde – so lange hat sie es bisher noch mit keinem Bilderbuch ausgehalten. Dabei besitzt die Geschichte eigentlich gar keine Handlung. Und die einzigen Protagonisten sind jede Menge Werkzeuge und die Gesetze der Mechanik. Na ja, nicht ganz: Da gibt es das kleine Schwein und seine Eltern („Die sind aber faul und gucken nur fern”, sagt Julia und hat zweifellos recht). Also muss das kleine Schwein selber sehen, wie es einschläft. Das ist gar nicht so einfach, fürchtet es sich doch davor, im Dunkeln allein im Bett zu liegen, wofür Julia volles Verständnis hat. „Wenn du dir etwas ausdenken kannst – nur zu”, sagen die Eltern. Und das kleine Schwein denkt sich etwas aus: einen Lichtlösch-Verzögerungsmechanismus. So kommt das Buch zu dem Titel Licht aus! und der Betrachter zu wundervollen Einsichten.
Die Idee von Arthur Geisert ist einfach, die Ausführung genial. Anhand einer Kettenreaktion zeigt er die unterschiedlichsten Aspekte der Technik: Wie funktionieren Hebel und Pendel? Was lässt sich mit Wasserkraft bewegen? Welche Kräfte wirken wo in einem Flaschenzug? Nicht, dass Kinder solche Fragen gezielt stellen würden. Aber schon auf dem Spielplatz lernen sie, dass beim Wippen das Gewicht und der Abstand von der Aufhängung eine wichtige Rolle spielen. Den irrwitzigen Lichtlösch-Verzögerungsmechanismus Schritt für Schritt zu verfolgen und dabei auf jeder Seite immer neue Details zu entdecken, ist mindestens ebenso spannend wie selbst zu experimentieren. Ein Pendel stößt Dominosteine um, ein Dreirad saust das Dach herab, Wasser aus einem Eimer treibt einen Blasebalg an, ein Besen fällt um, ein Spielzeugauto kickt gegen einen Ball, der die Treppe hinunter kullert.
Zu den begnadeten Zeichnern zählt Geisert eher nicht. Dennoch bedürfen seine mit technischer Detailverliebtheit ausgeführten Bilder keiner Kommentare, erzählen sie doch eine gut nachvollziehbare Geschichte. Die physikalischen Zusammenhänge werden im Kopf des Betrachters konstruiert und ergeben am Ende ein plausibles Ganzes. Während das kleine Schwein in seinem Dachzimmer liegt, arbeitet sich die Maschine bis in den Keller, und zwanzig Minuten später erlischt die Nachttischlampe. Da ist das kleine Schwein schon längst eingeschlafen.
Als Gute-Nacht-Geschichte sei das Buch nicht empfohlen. Julia jedenfalls war nach dem Anschauen hellwach. Denn wer das Buch gemeinsam mit seinen Kindern durchstöbert, der spürt ihre Begeisterung und erlebt bald, wie sich Fantasie und eigene Ideen entfalten. Und irgendwann taucht natürlich die Frage auf, ob das wohl alles in der Praxis funktioniert. Julia besteht jetzt darauf, dass wir es gemeinsam ausprobieren. Aber wie kriegen wir das Dreirad aufs Dach?
HELMUT HORNUNG
ARTHUR GEISERT: Licht aus! Gerstenberg Verlag 2006. 32 Seiten, 12,90 Euro.
Illustration aus Arthur Geisert: Licht aus!
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Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Andreas Platthaus lässt sich nichts vormachen: Diesen Strich kennt er. Die für ihn unbezweifelbare Nähe der Zeichnungen Arthur Geiserts zu denen des legendären Rube Goldberg schmälert seine Freude an diesem Band allerdings nicht. Es ist eben eine Hommage, meint er. Die Altertümlichkeit der Bilder rührt ihn ganz genauso wie beim großen Vorbild. Und Geiserts Einfall, anders als Goldberg, keinen Comic, sondern ein ganzes Buch mit der Funktionsweise einer wilden nach dem Dominoprinzip funktionierenden Apparatur zu füllen, findet Platthaus auch wirklich originell.

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