Lexikon des Lebens - Hegewald, Wolfgang

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Das Lexikon ist ein gerechter Beobachter. Es kennt die Tücken der Liebe ebenso wie die einer Zylinderkopfdichtung. Hier gehen das existenziell Komische, die Macht des Zufalls und das große Ganze Hand in Hand. "Das Lexikon des Lebens" lässt den Leser eine abenteuerliche Reise von Artikel zu Artikel antreten. In Schleifen, Sprüngen und Haarnadelkurven führt es von Klotzsche über Rom bis Barmbek-Süd, von 1652 über 1960 bis 2016, vom Landschaftsgärtner über den Theologen zum Autor. Immer wieder überschreitet und konterkariert es dabei etliche Grenzen, jene des 'Zaunkönigreichs' ebenso wie die der…mehr

Produktbeschreibung
Das Lexikon ist ein gerechter Beobachter. Es kennt die Tücken der Liebe ebenso wie die einer Zylinderkopfdichtung. Hier gehen das existenziell Komische, die Macht des Zufalls und das große Ganze Hand in Hand. "Das Lexikon des Lebens" lässt den Leser eine abenteuerliche Reise von Artikel zu Artikel antreten. In Schleifen, Sprüngen und Haarnadelkurven führt es von Klotzsche über Rom bis Barmbek-Süd, von 1652 über 1960 bis 2016, vom Landschaftsgärtner über den Theologen zum Autor. Immer wieder überschreitet und konterkariert es dabei etliche Grenzen, jene des 'Zaunkönigreichs' ebenso wie die der Vorstellungskraft oder der Zeit. Der Blick geht stets zurück und zugleich nach vorn. "Das Lexikon des Lebens" ist epochenbefangen und universell. Eigensinnig, präzise und sarkastisch berichtet Hegewald in Gestalt alphabetischer Avatare von allen Dingen, die eine aufmerksame Betrachtung verdient haben - zumindest in diesem Leben.
  • Produktdetails
  • Verlag: Matthes & Seitz Berlin
  • Seitenzahl: 367
  • 2017
  • Ausstattung/Bilder: 2017. 367 S. mit Illustrationen. 227 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 228mm x 148mm x 32mm
  • Gewicht: 780g
  • ISBN-13: 9783957574497
  • ISBN-10: 3957574498
  • Artikelnr.: 48177880
Autorenporträt
Wolfgang Hegewald, geboren 1952 in Dresden, studierte Informatik und Theologie, bevor er 1983 nach Hamburg übersiedelte, da in der DDR seine schriftstellerischen Arbeiten nicht publiziert wurden. 1984 wurde er beim Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt ausgezeichnet, 1987 erhielt er ein Stipendium der Villa Massimo in Rom. Von 1993 an leitete Hegewald das Studio für Literatur und Theater an der Universität Tübingen, seit 1996 ist er Professor für Rhetorik und Poetik an der HAW Hamburg. Hegewald lebt in Barum und Hamburg.
Rezensionen
Besprechung von 30.11.2017
Leihen Sie mir doch Ihr Pseudonym, Herr Kollege!

Schriftsteller von A bis Z: Wolfgang Hegewalds "Lexikon" treibt mit dem Leben seines Urhebers ein geistreiches Spiel quer durchs Alphabet und folgt den Figuren seiner Werke von Keksdose zu Keksdose.

Was unterscheidet einen Schriftsteller von der Romanfigur eines Schriftstellers? Es ist wie mit der in Öl gemalten Riesenpfeife von René Magritte, die keine Pfeife ist. Das neue Buch von Wolfgang Hegewald, ein "Lexikon", umspielt in über 100 Lemmata das Bildnis des Autors als Held seines Lebens. Aber dieser Hegewald ist nicht Hegewald. Wie bei "Stadt, Land, Fluss" durchzieht ein "Schriftsteller mit A", "Schriftsteller mit B", "Schriftsteller mit C" und so weiter die Einträge der entsprechenden Anfangsbuchstaben, und ab und an hat er eine Gefährtin. Da kommt also Achim mit Anja oder Gregor mit Greta, Kasimir mit Karina, Willi mit Wiebke. Und andere, die alle etwas von den Lehr-, Wander- und Meisterjahren eines Mannes reflektieren, der ihr Autor ist: 1952 im Dresden der DDR geboren, 1983 über Winsen an der Luhe in den Westen nach Hamburg-Farmsen ausgereist, lebt Wolfgang Hegewald heute in Hamburg Barmbek-Süd.

Im Lexikon-Eintrag "Adressbuchpuzzle" erscheinen, mit wunderbar porträtierten Anwohnern, über die Hegewald blütenhaft ganze Milieus öffnet, 14 Straßen. Vier davon im Osten. Die Kinderzeit verbrachte der Autor im Dresdner Stadtteil Klotzsche, das Studium - zunächst Informatik, dann Theologie - in Markkleeberg (einer Kreisstadt im Landkreis Leipzig) und in Leipzig-Reudnitz. Dann geriet der Mann von 31 Jahren als "Ostflüchtling" in den bundesrepublikanischen Literaturbetrieb. Er las erfolgreich in Klagenfurt (1984), war Stipendiat der Villa Massimo in Rom (1987), leitete in Tübingen das neugegründete Studio für Literatur und Theater (1993-1996) und wurde schließlich in Hamburg Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (auch seine zukünftige Rede zur Emeritierung 2018 wird im Buch bedacht.) Da er sich aber, kurz nach seiner Ankunft im Westen, in eine evangelische Theologiestudentin verliebt hatte, führte seine Lebensspur auch ins Kloster Loccum, wo die Gefährtin ihr Vikariat machte, nach Garbsen bei Hannover, wo das Paar heiratete, nach Bremerhaven-Lehe - hier stand die junge Frau dann erstmals einer eigenen Gemeinde vor -, bis ins Pfarrhaus in Barum (bei Uelzen), wo man zehn Jahre blieb.

Das ist viel deutsch-deutscher Lebensstoff zwischen Literaturmarkt und Seelsorge. Dabei rückt die Arbeit der Frau weniger in den Blick als die problematische Schriftstellerexistenz des Mannes, der an ihrer Seite schrieb. Nach frühen Roman-Erfolgen litt Wolfgang Hegewald, wie es Marc (Schriftsteller mit M unter dem Lemma "Masochismus") nennt, zwölf Jahre unter "editorischer Obdachlosigkeit". Erst mit "Fegefeuernachmittag" (2009) bei Matthes & Seitz hat Wolfgang Hegewald wieder eine Verlagsheimat gefunden. Auch davon weiß das "Lexikon des Lebens". Und es kann sein, dass unter "Hiddensee, Insel des Freiheitsgerüchts" Schriftsteller Nathan Niedlich, "ein Abgrund an freundlicher Erfolglosigkeit" (wir kennen ihn aus "Fegefeuernachmittag"), sich nun über Heinrich (Schriftsteller mit H) an den Autor Hegewald wendet und ihn bittet, ihm für sein nächstes Buch das Pseudonym "Wolfgang Hegewald" zu leihen. Das ist von Buch zu Buch die Keksdose auf der Keksdose auf der Keksdose. Konsequent ruft der Autor Figuren seiner früheren Bücher auf, "keiner meiner Gefährten soll vergessen sein". So haben wir unter "Usambaraveilchen" auch Jakob Oberlin wieder.

Wer Jean Paul liebt, wird Hegewald verschlingen. Und sich etwa am Lemma "Klappentext" erfreuen, wo er sechs Kostproben des Genres vorlegt, von fiktiven Büchern, die real sein könnten. So spielt der Klappentext "Transit Ulan-Bator" souverän mit dem Eintrag "Nacht von Ulan-Bator", der beginnt: "Niemand berührte ungestraft eine Pforte zur Hölle" und von einem Geburtstagstreffen in einem bayrisch-schwäbischen Brauhaus erzählt, das in der Notaufnahme des örtlichen Krankenhauses endet. Unter dem Stichwort "Blindgänger" sind "Elf Gelegenheitsbilder" versammelt, darunter "Die Einladung", bei der auf abgelegenem Niemandsland in einem Hangar über einer Festtafel ein Elefant in Gurten schwebt, der sich mit dem Rüssel schlägt, wobei "feine Partikel von Elefantenhaut und Elefantenkruste" auf die Speisenden fallen, die das wie Manna mit ihren Tellern zu erhaschen suchen.

Dieses "Lexikon" ist ein Hybrid aus Füllhorn und Springbrunnen. Die Einträge "Liebe" und "Linsen" haben auf einer Seite Platz; "Predigt" hingegen birgt ein Alphabet im Lexikon und zitiert zwischen "A wie Alphabet" und "Z wie Zoon Poietikon" sprachphilosophische Überlegungen von der Antike, der Bibel über Luther, Hölderlin, Heißenbüttel bis Hegewald.

Neben Porträts von Namhaften und Namenlosen (boshaft oder liebevoll wie das schöne Medaillon über Walter Kempowski) erscheinen in diesem Kosmos immer wieder Tieraufnahmen. Wir erfahren etwas über das "hochdifferenzierte Gesellschaftsgefüge" der Nachtmulle, die Alkohol liebenden Fingertiere aus der Familie der Lemuren oder die kannibalistische Wespenspinne, die das Männchen nach der Begattung gern auffrisst (weitere Sexualdetails bei Hegewald oder auf Wikipedia).

Vielleicht sind die schönsten Passagen manche Kindheitsessenzen: "schneeweiße Winter, strohgelbe Sommer, blütenbunte mit Vogelrufen bestickte Frühlinge, und im mausefallengrauen Herbst begann allemal das Schuljahr". Oder Hegewalds Gärten - "Malven, Glück, Unsinn oder Küchenkräuter" -, in denen der "Schattenwurf des Blattwerks" die Kieswege "in Schlangenhaut" verwandeln konnte. Hier erweist sich Wolfgang Hegewald als wunderbar verführender Stilist.

Manchmal treibt er es bunt. Da gibt es die "nilschilffarbene Stretchlimousine", die "radiergummikrümelfeine Greisinnenstimme", Haarsträhnen in "Dosenmaisblond" oder Haut "in den Schattierungen von Kartoffelkeimfarben". Besonders hier wird man den schönen Kontrast in den abgründigen Kohlezeichnungen von Anke Feuchtenberger mit ihrem epischen Dunkel zu schätzen wissen, die das Buch begleiten.

ANGELIKA OVERATH.

Wolfgang Hegewald: "Lexikon des Lebens".

Mit siebenundzwanzig Zeichnungen von Anke Feuchtenberger.

Matthes & Seitz Verlag. Berlin 2017. 368 S., Abb., geb., 28,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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