Kurzer Rock - Wahlden, Christina
  • Gebundenes Buch

6 Kundenbewertungen

Es ist nicht deine Schuld. Du hast Nein gesagt Madde wurde von zwei Mitschülern, Uffe und Bergström vergewaltigt. Sie hatte ein kurzes Kleid an mit einem tiefen Ausschnitt. Sie wollte es nicht anders. Das sagen Uffe und Bergström. Und Madde? Ist so zerstört, beschmutzt, verängstigt, dass sie fast selbst daran glaubt. Der Roman von Christina Wahlden, die lange als Polizeireporterin gearbeitet hat, ist ein Aufschrei, direkt und ungemein einfühlend: "Die Medien konzentrieren sich immer auf das Verbrechen und die Vergewaltiger. Die Geschichte des Opfers aber ist viel länger."…mehr

Produktbeschreibung
Es ist nicht deine Schuld. Du hast Nein gesagt
Madde wurde von zwei Mitschülern, Uffe und Bergström vergewaltigt. Sie hatte ein kurzes Kleid an mit einem tiefen Ausschnitt. Sie wollte es nicht anders. Das sagen Uffe und Bergström. Und Madde? Ist so zerstört, beschmutzt, verängstigt, dass sie fast selbst daran glaubt.
Der Roman von Christina Wahlden, die lange als Polizeireporterin gearbeitet hat, ist ein Aufschrei, direkt und ungemein einfühlend: "Die Medien konzentrieren sich immer auf das Verbrechen und die Vergewaltiger. Die Geschichte des Opfers aber ist viel länger."
  • Produktdetails
  • Verlag: Oetinger
  • Seitenzahl: 156
  • Altersempfehlung: ab 12 Jahren
  • 2001
  • Ausstattung/Bilder: 2001. 156 S.
  • Deutsch
  • Abmessung: 205mm
  • Gewicht: 308g
  • ISBN-13: 9783789143137
  • ISBN-10: 3789143138
  • Best.Nr.: 09915316
Rezensionen
Besprechung von 06.11.2001
Danach geht das Leben eigentlich ganz normal weiter
Jedenfalls für alle anderen: Christina Wahldéns überzeugender Report einer Vergewaltigung und ihrer Folgen

Die sechzehn Jahre alte Madde ist vergewaltigt worden. Nicht an einsamer Stelle von unbekannten Tätern, sondern von ihren Mitschülern Uffe und Bergström nach der obligaten Fete zu Beginn der Sommerferien. Viel Alkohol und auch ein paar Aufputschmittel waren im Spiel, die den Jungen die Hemmungen nahmen und Madde die Kraft, sich gezielter wehren oder auch nur lauter um Hilfe schreien zu können. Am Ende hat Madde Glück im Unglück: Uffes Mutter kommt unvermutet nach Hause, und die Täter müssen von ihr ablassen. Zudem haben beide Jungen sie auf eine Weise verletzt, daß vor Gericht die Beweisführung zu einer einfachen Angelegenheit wird: Uffe und Bergström werden zu zwei Jahren Haft verurteilt. Aber damit ist für Madde die Vergewaltigung noch längst nicht zu Ende.

Vergewaltigung ist bis heute ein emotional aufgeladenes Thema und entzieht sich gerade deswegen in den meisten Fällen einer adäquaten literarischen Umsetzung. Zu eindeutig sind gerade hier die Rollen verteilt, so daß jeder Versuch, die starren Grenzen zwischen Tätern und Opfern aufzuweichen, als eine weitere Vergewaltigung des Opfers erscheinen muß. Dieses Dilemma hat die Autorin, die als Polizeireporterin mehrfach mit ähnlich gelagerten Fällen konfrontiert worden ist, literarisch sehr gut in den Griff bekommen. Mehrfach wird die Handlung durch Protokolle, unter anderem über die gerichtsmedizinische Untersuchung und die Vernehmungen der Täter, unterbrochen - Protokolle, deren Nüchternheit in diametralem Gegensatz zur Verzweiflung und zum aufkeimenden Selbsthaß des Mädchens stehen. Denn zunehmend kreisen ihre Gedanken um die Frage nach der Mitschuld an den Ereignissen. Dabei bewegt sich Madde durchaus in einem Umfeld, das ihr Verständnis entgegenbringt, ohne ihr dabei jedoch wirklich helfen zu können.

Die unaufdringliche Schilderung dieser Figuren jenseits aller Schwarzweißmalerei zählt ebenfalls zu den großen Stärken der Erzählung, denn mit wenigen Strichen werden hier Personen gezeichnet, deren Leben ganz normal weitergeht: die hilflose Ärztin, die tatkräftige Anwältin, die Freundin Cilla, die fernsehsüchtige, von Arbeitslosenhilfe lebende Mutter, deren Verhältnis zur Tochter auch nach der Vergewaltigung vordringlich von Sprachlosigkeit gezeichnet ist. Selbst die beiden Täter erhalten zwar kein Verständnis, wohl aber ein Gesicht: Während der freundliche Mitläufer Uffe die Tat zugibt, aber doch lieber von sexueller Nötigung als von Vergewaltigung sprechen möchte, streitet Bergström, der sich in den letzten Jahren mühsam vom fetten, als tuntig verschrieenen Mobbingopfer zum coolen Typen mit Lederjacke gemausert hat, seine Verantwortung rundweg ab.

Um so störender ist an dieser Stelle die Verwendung einiger vermeidbarer Klischees. Es scheint kaum glaubhaft, daß junge Gymnasiasten wirklich der Ansicht sind, daß die Inhalte von Pornofilmen in irgendeiner Beziehung zum wirklichen Leben stehen. Ebenso undifferenziert werden die Reaktionen von Maddes Klassenkameraden dargestellt, die ihr eine Mitschuld an der Vergewaltigung zusprechen. Ihren Höhepunkt findet diese Darstellung im Auftreten zweier Schüler, von denen Madde erneut belästigt wird. Es ist nicht einzusehen, warum ausgerechnet diese beiden Schüler arabische Namen tragen müssen. Gängige Stammtischvorurteile über Ausländer finden auf diese Weise ihre Bestätigung.

Ein überzeugender Schluß zählt zu den schwierigsten Unterfangen einer solchen Erzählung. Ein Happy-End ist hier ebenso unglaubwürdig wie die bieder-praktischen Lebenshilfetips in den konventionellen Problemerzählungen. Die Autorin hat sich hier mit einem achtbaren Kompromiß aus der Affäre gezogen. Madde wird die Schule und die Wohnung wechseln, um in einem neuen Umfeld wenigstens die Chance eines Neuanfangs zu haben. Auf einem Bauernhof lernt sie, neue Pläne für ihre Zukunft zu schmieden, um nicht nur die zu bleiben, "die vergewaltigt worden ist". Gleichzeitig weiß sie jedoch, daß in ihrem Prozeß noch nicht das letzte Wort gesprochen worden ist, denn beide Täter haben gegen das Urteil Berufung eingelegt.

Jenseits von allem Betroffenheitsgestus und jenseits aller Sensationshascherei ist hier eine Erzählung entstanden, deren Inhalt sich vordringlich auf die Gefühle des Opfers konzentriert. Dabei erscheint Madde als ein ganz normales Mädchen, mit einem ganz normalen Umfeld, so wie sich auch das Ungeheuerliche aus einer ganz normalen Situation heraus ergibt. Selten ist dieses Thema so mitfühlend und gleichzeitig literarisch so überzeugend gestaltet worden wie in dieser Erzählung.

GABRIELE VON GLASENAPP.

Christina Wahldén: "Kurzer Rock". Aus dem Schwedischen übersetzt von Maike Dörries. Oetinger Verlag, Hamburg, 2001. 160 S., geb., 19,80 DM. Ab 12 J.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr
Besprechung von 18.09.2001
Schuldgefühle
Sexuelle Gewalt hinterlässt ihre Spuren ein Leben lang
CHRISTINA WAHLDEN: Kurzer Rock, Oetinger Verlag, Hamburg 2001. 156 Seiten, 19,97.
Madde ist vergewaltigt worden. Nach einer Zeugnisfeier zu Beginn der Sommerferien war sie mit zwei Mitschülern und ihrer besten Freundin Cilla in Stockholm ausgegangen. Hat zuviel getrunken, geflirtet, gelacht, sich mal bei diesem, mal bei jenem eingehängt. Cilla wurde schlecht, sie ging heim. Madde trank noch ein, zwei Cola-Rum bei Uffe und Bergström, den zwei Jungen aus ihrer Klasse. Während einer kotzen ging, fiel der andere über sie her. Dann der andere. Madde ging erst am nächsten Tag mit Cilla und deren Mutter zur Polizei. Der eigenen Mutter mochte sie nichts erzählen.
Seither sitzt sie auf dem Dach eines Bauernhauses bei einer Pflegefamilie in Nordschweden.Kommt nicht mehr herunter. Starrt in die Ferne. Fragt sich, ob sie selbst schuld war. War der Rock zu kurz? War sie zu betrunken, um klare Signale zu geben? Cilla sagt, egal wie betrunken man ist und wie kurz der Rock – die Kerle haben kein Recht, über eine Frau herzufallen. Aber was hilft das, wenn auch nach Monaten noch der Bauch weh tut? Wenn das Träumen Angst macht? Wenn alle mit den Fingern auf sie zeigen und die Jungs in der Schule blöde Witze reißen?
Christina Walden, die Autorin dieses präzisen, schlicht erzählten und gerade deshalb anrührenden Jugendbuches, war lange Zeit Polizeireporterin. Sie lässt das Mädchen Madde in einem langen Rückblick beschreiben, was in einer Frau und mit einer Frau passiert, wenn sie vergewaltigt wird – und was danach geschieht: die seltsam unbeteiligten Fragen der für solche Fälle ausgebildeten Polizistin, die rüde Untersuchung durch eine desinteressierte Ärztin, die aufmunternde Betreuung durch eine mütterliche Anwältin, die Sprachlosigkeit der überforderten Mutter, die höhnischen Reaktionen der Mitschüler.
Die Autorin beschönigt nichts und erliegt nicht der Versuchung, durch eine möglichst positive Darstellung der Polizeiarbeit und des Gerichtsverfahrens potentiellen Opfern Mut machen zu wollen. Uffe und Bergström werden verurteilt, aber Bergström bestreitet bis zum Schluss die Tat. Mädchen wollten so was, sagt er, sie hätten es gern hart, und Madde habe nicht gezeigt, dass sie sich ekelt. Doch der Anwalt legt Revision gegen das Urteil ein, ein zweiter Prozess steht bevor, in dem Madde zum x-ten Mal erzählen muss, was die Jungen mit ihr getan haben. Das erträgt sie nicht. Sie verlässt die Stadt und sucht ihre Rettung in der Flucht aufs Land bei fremden Menschen. Ihr gehe es darum, die Geschichte der Opfer zu erzählen, sagt Christina Walden. „Die Medien konzentrieren sich immer auf das Verbrechen und die Vergewaltiger.” Die Geschichte der Opfer, ihr Trauma, ihre Verzweiflung aber seien viel länger; sie währten ein Leben lang.
CATHRIN KAHLWEIT
BU]
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
…mehr

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

"Vergewaltigung ist bis heute ein Thema, dass sich meist der adäquaten literarischen Umsetzung entzieht. Von Christina Wahldens Buch über die Vergewaltigung des jungen Mädchens Madde ist die Rezensentin Gabriele von Glasenapp nahezu restlos überzeugt: "Selten ist dieses Thema so mitfühlend und gleichzeitig literarisch so überzeugend gestaltet worden wie in dieser Erzählung", die sich vordringlich auf die Gefühle des Opfers konzentriere, schreibt von Glasenapp. Zwar moniert sie die Verwendung einiger vermeidbarer Klischees, doch insgesamt bewege sich die schwedische Autorin, die offenbar als Polizeireporterin mehrfach mit ähnlichen Fällen konfrontiert worden ist, "jenseits von allem Betroffenheitsgestus und jenseits aller Sensationshascherei".

© Perlentaucher Medien GmbH"