Kurt Riezler - Hammerstein, Notker
15,00 €
versandkostenfrei*

inkl. MwSt.
Sofort lieferbar
0 °P sammeln

    Broschiertes Buch

Mit Kurt Riezler (1882-1955) im Amt des Kurators (1928 bis 1933) erlebte die Frankfurter Universität eine intellektuelle Blüte. Souverän und weltgewandt verfolgte er das Ziel, Frankfurt zu einem Zentrum der deutschen Universitätskultur zu machen. Herausragende Gelehrte wie Paul Tillich, Max Wertheimer oder Ernst Kantorowicz konnten dank Riezlers Engagement berufen werden.…mehr

Produktbeschreibung
Mit Kurt Riezler (1882-1955) im Amt des Kurators (1928 bis 1933) erlebte die Frankfurter Universität eine intellektuelle Blüte. Souverän und weltgewandt verfolgte er das Ziel, Frankfurt zu einem Zentrum der deutschen Universitätskultur zu machen. Herausragende Gelehrte wie Paul Tillich, Max Wertheimer oder Ernst Kantorowicz konnten dank Riezlers Engagement berufen werden.
  • Produktdetails
  • Gründer, Gönner und Gelehrte - Biographienreihe der Goethe-Universität Frankfurt am Main
  • Verlag: Societäts-Verlag
  • Seitenzahl: 221
  • Erscheinungstermin: Januar 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 208mm x 126mm x 17mm
  • Gewicht: 414g
  • ISBN-13: 9783955423162
  • ISBN-10: 3955423166
  • Artikelnr.: 52532665
Autorenporträt
Hammerstein, Notker
Prof. Dr. Notker Hammerstein (Jahrgang 1930) war von 1973 bis 1999 Professor für Mittlere und Neuere Geschichte am Historischen Seminar der Goethe-Universität und langjähriger Leiter des Universitätsarchivs. Er ist ausgewiesener Kenner der Frankfurter Universitätsgeschichte von den Anfängen bis heute. Seine Forschungsinteressen liegen vor allem auf dem Gebiet der Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte sowie der Geschichte des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 08.03.2019

Akademische Kultur lässt sich auch im Kaffeehaus etablieren
Gruppenbild mit einem reformerisch gesinnten Verwaltungsmann: Notker Hammerstein über Kurt Riezler und die Frankfurter Universität

Wer mit dem Namen Kurt Riezler in erster Linie die Tagebücher verbindet, die der damalige Berater des Reichskanzlers Theobald von Bethmann-Hollweg während des Ersten Weltkriegs führte, mag überrascht sein, dass ihm nun in der Biographiereihe, mit der die Frankfurter Goethe-Universität ihre "Gründer, Gönner und Gelehrte" ehrt, ein eigener Band gewidmet ist. Im Gegensatz zu seiner Mitwirkung am sogenannten Septemberprogramm, das die machtbewussten Kriegsziele des Deutschen Reichs umriss, war die Position als Kurator, die Riezler von 1928 bis 1933 an der Universität Frankfurt innehatte, schließlich wenig dazu angetan, ihn ins Scheinwerferlicht des historischen Interesses zu rücken. Als Verwaltungsdirektor hatte er dort zwar einen relativen Freiraum, agierte jedoch zwischen der Universität, dem preußischen Kultusministerium und der Stadt Frankfurt, in deren Trägerschaft sich die Universität befand - eine Konstruktion, die wenig nach Gestaltungsfreiheit, sondern mehr nach Administration aussah.

Verwaltungserfahrung brachte Riezler, der jahrelang als Legationsrat in der Reichskanzlei Akten gewälzt hatte, bevor er 1920 aus dem Dienst schied, zur Genüge mit. Doch war diese, wie Notker Hammerstein mit zahlreichen neuen Belegen aus dem Universitätsarchiv anschaulich macht, für ihn offenbar nur die Voraussetzung, um einen souveränen und gelegentlich ironischen Umgang mit der Bürokratie und ihren Vertretern zu pflegen. Entscheidend war vielmehr, dass er in wesentlichen bildungspolitischen Fragen mit dem preußischen Kultusminister Carl Heinrich Becker übereinstimmte, auf dessen Empfehlung er ins Amt gewählt wurde und der ihn als einen durch und durch "geistigen Menschen" schätzte. Einzelne Elemente dieser Geschichte sind aus unterschiedlicher Perspektive erforscht und erzählt worden, sei es im Zusammenhang der Frankfurter Universitätsgeschichte oder fachgeschichtlicher Studien. Notker Hammerstein zeichnet denn auch weniger Riezlers individuelle Lebensgeschichte nach, zu der sich vor allem für die Frankfurter Zeit wenig Dokumente finden lassen, sondern er entwirft ein Gruppenporträt, das durch die Perspektivierung auf Riezler neue Tiefenschärfe erhält.

Man findet darin all die illustren Männer, die während seiner Zeit nach Frankfurt berufen wurden, darunter Paul Tillich, Karl Mannheim, Max Wertheimer, Adolf Löwe oder Ernst Kantorowicz, für dessen Ernennung zum Honorarprofessor sich Riezler einsetzte. Was diese Aufzählung zeigt, charakterisiert die damals verfolgte Berufungspolitik insgesamt: der Wunsch, nur die besten Vertreter ihres Faches zu verpflichten; von ihm zeugen nicht zuletzt die gescheiterten Versuche, einen Ernst Cassirer, Gustav Radbruch oder den späteren Chemie-Nobelpreisträger Georg von Hevesy zu bekommen.

Aber ob renommierte Gelehrte oder aufsehenerregende Newcomer wie Kantorowicz: entscheidend war für Riezler, dass sie über die Grenzen ihres eigenen Faches hinaus dachten. Dies galt vor allem für die Sozialwissenschaften, denen vor dem Hintergrund des allgegenwärtigen Kulturpessimismus die Aufgabe zukam, Lösungen für die krisenhafte Gegenwart zu entwickeln. "Geselligkeit" war das Stichwort, unter dem das, was man später mit Präpositionen wie "Inter-" oder "Trans-" beschwor, in Frankfurt die Zusammenarbeit der Disziplinen kennzeichnete. Hammerstein zeichnet die gesamte Skala an gemeinschaftlichen Unternehmungen nach und macht dabei auch deutlich, wie eng die Universität mit dem kulturellen Leben der Stadt verknüpft war. Die Professorenschaft verkehrte im Hause Oppenheim oder kam zu den Mittwochsgesellschaften bei Lilly von Schnitzler. Leo Frobenius oder die Tillichs waren bekannt für ihre ausgelassenen Festlichkeiten; war man bei dem Gräzisten Karl Reinhardt eingeladen, erwartete einen eine eher klassische bildungsbürgerliche Veranstaltung mit Musik und Klassikerlesungen.

Solches Beisammensein ging nahtlos über in die sich überschneidenden "Kränzchen" und "Kreise": Legendär war das Seminar Karl Mannheims, das im Café Laumer einen egalitären akademischen Stil pflegte. Nachhaltige Wirkung sollte schließlich der Riezler-Kreis entfalten, eine Arbeitsgruppe, zu der man sich im Hause des Kurators zur Diskussion hochschulpolitischer Fragen traf. Hammerstein macht zu Recht geltend, dass alle diese Veranstaltungen jenseits der in der Literatur gelegentlich anzutreffenden Kränzchen-Seligkeit kulturelle Manifestationen von "antibürgerlich-reformbereiter Geschlossenheit", aber auch Orte der Selbstverständigung über einen dezidiert als solchen verstandenen institutionellen wie intellektuellen Aufbruch waren.

Wie sehr dieser Aufbruch missfiel, sollte sich 1933 in aller Brutalität zeigen. Am 1. April 1933 wurde Riezler verhaftet und so lange festgehalten, bis er einen Antrag auf Beurlaubung vom Kuratorenamt unterzeichnet hatte. An seiner Lehre, die er fortzusetzen versuchte, hinderte ihn eine Gruppe lärmender nationalsozialistischer Studenten, die laut verkündeten, er sei "verantwortlich für die Judenpolitik", er habe "die ganzen Juden hierherberufen". Im Dezember 1938 emigrierte Riezler mit seiner jüdischen Frau, der Tochter Max Liebermanns, in die Vereinigten Staaten. 1952, der seinerzeit von den Frankfurter Zeitungen als "junge Kraft" Gefeierte war mittlerweile siebzig Jahre alt, lud ihn die Universität als Gastprofessor ein. Der Rektor, der die Einladung aussprach, hieß Max Horkheimer. Er war während Riezlers Amtszeit zum Direktor des Instituts für Sozialforschung berufen worden und mit ihm auch in der gemeinsamen Zeit des New Yorker Exils in Kontakt geblieben. "Von der damals herrschenden Atmosphäre", so malte Horkheimer ihm in seinem Brief die Nachkriegs-Universität aus, sei "mehr als nur ein Hauch geblieben".

SONJA ASAL

Notker Hammerstein: "Kurt Riezler". Der Kurator und seine Universität.

Societäts-Verlag, Frankfurt am Main 2019. 220 S., br., 15,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr