Produktdetails
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  • Verlag: A1
  • 2002
  • ISBN-13: 9783927743632
  • ISBN-10: 3927743631
  • Best.Nr.: 24851990
Rezensionen
Besprechung von 05.10.2002
Krieg oder Liebe
Mythenkritik: Kiran Nagarkars Geschichtsmärchen

Der Erzähler entführt den Leser ins indische Königreich Mewar zur Zeit der Wende vom fünfzehnten zum sechzehnten Jahrhundert. In den angrenzenden Sultanaten Delhi, Gujarat, Malwa lauern die Feinde. Aus dem Norden fällt der muslimische Eroberer Babur ein, der Begründer der Großmogulendynastie, welche Nordindien jahrhundertelang beherrschen wird. Am Horizont tauchen mit den Portugiesen die Europäer auf. Dies ist der Hintergrund für Kiran Nagarkars postmodernes Geschichtsmärchen, dessen detailfreudige Farbenpracht an die Miniaturen der Mogulhandschriften denken läßt.

Der 1949 in Bombay geborene Autor, der auch Theaterstücke und Filmdrehbücher verfaßt hat, füllt mit diesem Roman, der mit einem der höchsten indischen Literaturpreise ausgezeichnet wurde, eine Lücke der historischen Überlieferung. Sein Held ist der namentlich nicht bekannte Kronprinz des kriegerischen Rajputenstaates Mewar. Vermählt ist er mit einer Prinzessin, die im Gegensatz zu ihrem Gemahl im vollen Scheinwerferlicht der Überlieferung steht. Mirabais Name ist jedem Inder geläufig, sie ist Gegenstand der Volksmythologie und romantischer, in zahlreichen Filmen aufgegriffener Legenden, die bis in die heutige Hare-Krishna-Bewegung hineinwirken. Die Geschichten besagen, diese Poetin und Sängerin sei die Braut des blauhäutigen Gottes Krishna gewesen. Nagarkar erklärt mythenkritisch, daß er die Dame hasse. Ihn interessiert nur eines: Wer war der Mann, den sie mit dem Gott betrog? "Cuckold", Hahnrei, heißt das Buch in der englischen Originalversion. Dem Maharaj Kumar, also dem Maharadscha in spe - einen Namen gibt ihm der Autor nicht -, ist die Geschichte in den Mund gelegt.

Nagarkar entfesselt ein von Liebe und Gewalt grundiertes erzählerisches Spektakel, das von einem Reigen herrlicher Frauen und mutiger Männer durchzogen ist. Die Staatsaktionen der Männer unterbrechen kleine Episoden, die sich etwa um eine schöne Wäscherin und einen heimlich verheirateten Obereunuchen ranken, um eine hexenhafte Wahrsagerin, eine tüchtige Amme oder ein neunmalkluges Mädchen, das den Mann seines Lebens nicht finden kann. Die Herrscher sind größer als das Leben. Der regierende Maharadscha hat siebenundzwanzig Ehefrauen und über hundert Konkubinen. Sein Vater verspeist zum Frühstück ein Omelett aus sechsunddreißig Eiern. Sein Sohn beseitigt am Tag zehntausend Feinde. Gurgeln werden aufgeschlitzt. Köpfe abgehackt. Nagarkar kennt keine abendländischen Hemmungen, wenn es darum geht, in Blut zu waten.

Leichthändig spielt der Romancier mit seinem Stoff. Der Maharaj Kumar ist ein heutiger Held, ein Mann mit modernem, allerdings wenig aufgeklärtem Bewußtsein, ein schwächlicher Macho voller Minderwertigkeitskomplexe und Zweifel. Das Bürschchen sitzt zu Gericht, widmet sich wie ein zeitgenössischer Gemeinderat der Trinkwasserversorgung, Kanalisation, Stadtplanung. Er interessiert sich für moderne Waffen, für Methoden des Guerrillakriegs, für Geheimdienste, Spionage, ja sogar für das Verhältnis von Hindus und Muslimen. Dabei spielt ein geheimes Tagebuch Baburs, das ihm seine Spione beschaffen, eine ganz unglaubwürdige Rolle. Die Unglaubwürdigkeit hat Methode. Die Geschichtsklitterung erlaubt es Nagarkar, sich auf der Höhe des Diskurses zu bewegen.

Frauen verspeist der junge Herr, wie es ihm gefällt. Meist sind seine sexuellen Eskapaden Gewaltakte. Seine Hauptfrau vergewaltigt er in der Hochzeitsnacht, nachdem sie ihm gestanden hat, daß sie einem anderen angetraut sei. Doch als er erfährt, daß es Krishna ist, rührt er sie nicht mehr an. Das öffentliche Gespött bringt ihn auf eine Idee. Er färbt sich die Haut, erscheint in der Kostümierung des blauen Gottes, von Pfauenfedern bekrönt. Grünauge tut so, als ob sie den Betrug nicht bemerke. Doch der Betrüger findet in seiner List kein dauerhaftes Glück. Irgendwie verpufft der wunderbare Einfall im Roman, ohne Spuren zu hinterlassen. Nagarkar beschäftigt sich nämlich lieber mit Krieg und Staatsaktionen als mit der Liebe und ihren Verwicklungen. Und die Religion, die eine zentrale Rolle spielen könnte, ist seine Sache überhaupt nicht. Nur die Musik scheint dem Protagonisten und seinem Erfinder etwas zu bedeuten. Ihr widmet er lange theoretische Erörterungen und blumige Beschreibungen.

Über den widersprüchlichen, windigen Kronprätendenten erfährt man zuviel; alle anderen Personen bleiben dagegen eher blaß. Der Haupteinwand gegen den Roman ist jedoch seine Sprache, sein Ton. Nagarkar, dessen Muttersprache Marathi ist, hat den Roman - wie andere seiner Bücher zuvor - auf englisch geschrieben. Wie ein Pfau, der ein Rad schlägt, prunkt er mit seiner Kenntnis umgangssprachlicher, jargonhafter Redensarten, wie sie in den Internatsschulen der britischen Upperclass üblich sind, ohne zu bemerken, daß er häufig Klischee an Klischee reiht. Die übermäßige Verwendung dieser - blendend übersetzten - Platitüden und Flottheiten gibt dem Roman einen schulknabenhaften Anstrich. Liebesdialoge klingen neckisch, Wut wirkt künstlich. Die sprachliche Schnoddrigkeit, die wohl als Kontrast zum historischen Monumentalgemälde gedacht ist, verpufft, der Schuß geht, wie Nagarkar sagen könnte, nach hinten los. So entläßt einen dieser ehrgeizige Roman mit zwiespältigen Gefühlen.

Kiran Nagarkar: "Krishnas Schatten". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Giovanni und Ditte Bandini. A1 Verlag, München 2002. 704 S., geb., 28,80 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

"Rezensentin Renate Schostack ist von diesem "ehrgeizigen Roman" mit zwiespältigen Gefühlen entlassen worden. Zwar hat die detailfreudige Farbenpracht des "postmodernen Geschichtsmärchens" sie an die Miniaturen der Mogulhandschriften denken lassen. Der für das Buch mit einem der höchsten indischen Literaturpreise ausgezeichnete Autor entfessele ein "von Liebe und Gewalt grundiertes erzählerisches Spektakel". Dessen Bogen spannt sich, wie man einer kurzen Plotskizze entnehmen kann, von einem heutigen Helden samt sexueller Eskapaden, aufgeschlitzten Gurgeln und abgehackten Köpfen, Interesse für zeitgenössische Stadtplanung und Methoden des Guerillakrieges bis in die mythische Welt der indischen Götter. Die Schilderung des Helden, dem ebenso widersprüchlichen wie windigen Kronzprinzen des "kriegerischen Rajputenstaates Mewar" geriet allerdings für Schostacks Geschmack etwas zu dominant. Auch, weil alle anderen Personen dagegen etwas blass wirken. Ihr Haupteinwand aber gilt der Sprache des Romans. Wie ein Pfau prunke der englisch schreibende Autor mit seiner Kenntnis umgangssprachlicher, jargonhafter Redensarten, wie sie auf den Internatsschulen der britischen Upper-Class üblich seien, ohne zu merken, dass er häufig Klischee an Klischee reihe. Die übermäßige Verwendungen dieser Plattitüden gäben dem Roman einen schulknabenhaften Anstrich, schreibt die Rezensentin. Die Übersetzung allerdings wird mit der Wertung "blendend" versehen.

© Perlentaucher Medien GmbH"
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