Kriegslügen. Vom Kosovokonflikt zum Milosevic-Prozess [Mar 22, 2004] Elsässer, Jürgen - Kriegslügen. Vom Kosovokonflikt zum Milosevic-Prozess [Mar 22, 2004] Elsässer, Jürgen
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Besprechung von 08.06.2004
Kurz und knapp
JÜRGEN ELSÄSSER: Kriegslügen. Vom Kosovokonflikt zum Milosevic-Prozess. Kai Homilius Verlag, Berlin 2004. 331 Seiten, 18 Euro.
Fußnoten sind verführerisch. In nichtwissenschaftlichen Werken vermitteln sie den Eindruck, der Autor habe so viele gewichtige Belege gesammelt, dass er sie im Fließtext gar nicht alle unterbekommen konnte. Dieser Methode folgt auch Jürgen Elsässer. Fast 700 Fußnoten auf 280 Seiten führt er in „Kriegslügen – Vom Kosovokonflikt zum Milosevic-Prozess” an, um seine in der Einleitung formulierte These zu untermauern: „Das hier behandelte Thema ist die Zerstörung Jugoslawiens, die im Krieg 1999 ihren Höhepunkt hatte, und diese Zerstörung war vor allem das Werk der deutschen Außenpolitik.”
Zur Zumutung wird die gewagte Behauptung dadurch, dass der Autor seine Beweisführung als investigativen Journalismus verkauft, wo in Wirklichkeit Auslassungen und das Zitieren dubioser Quellen die Stoßrichtung des Buchs bestimmen. „Petritsch – Frontmann der Deutschen”, heißt da etwa ein Abschnitt, in dem Elsässer den EU-Verhandlungsführer bei der Kosovo-Konferenz von Rambouillet, Wolfgang Petritsch, als Handlanger Joschka Fischers darzustellen versucht.
Nun könnte man es bei der Methodenkritik und dem Verweis auf gezielte Ungenauigkeiten belassen, ähnelte Elsässers Vorgehen nicht so sehr jenem, das er den Regierungen der Nato-Staaten bei der propagandistischen Vorbereitung des Kosovo-Krieges vorwirft. Kein Wunder, dass er so ins Fahrwasser jener Kreise in Belgrad und Banja Luka gerät, die jegliche Verantwortung der serbischen Führung für die Kriege der neunziger Jahre bestreiten. So ist es der Autor selbst, der die mediale Darstellung des Massakers von Srebrenica als Schlüsselereignis hervorhebt, „das den direkten deutschen Kriegseintritt vorbereitet”. In seinen Augen aber ist das die „Mutter aller Lügen”.
Und um ihr entgegenzuwirken, dreht er den Spieß einfach um – mit Angaben, die sich durch den reinen Augenschein auf dem vor einem Jahr eröffneten Friedhof nahe Srebrenica widerlegen lassen. Mehr als 1000 der insgesamt mehr als 7000 Opfer sind dort in Gräbern bestattet worden, die mit Namen versehen wurden. Und dennoch schreibt Jürgen Elsässer in einem seiner zahllosen Quellenverweise, erst „70 davon konnten bislang identifiziert werden”. Fehlende Recherchen lassen sich eben auch durch eine Fülle von Fußnoten nicht kaschieren.
MARKUS BICKEL
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

In keiner Weise überzeugt zeigt sich Markus Bickel von Jürgen Elsässers Buch "Vom Kosovokonflikt zum Milosevic-Prozess", in dem der Autor zeigen will, dass die Zerschlagung Jugoslawiens vor allem ein Werk der deutschen Außenpolitik war. Eine "gewagte Behauptung", wie Bickel findet, die für ihn dadurch zur "Zumutung" wird, dass der Autor seine Beweisführung als investigativen Journalismus verkauft, "wo in Wirklichkeit Auslassungen und das Zitieren dubioser Quellen die Stoßrichtung des Buchs bestimmen". Zudem hält er dem Autor vor, sich genau des Vorgehens zu bedienen, das er den Regierungen der Nato-Staaten bei der propagandistischen Vorbereitung des Kosovo-Krieges vorwirft. Dabei scheint er es mit den Belegen, immerhin 700 Fußnoten auf 280 Seiten, nicht so genau zu nehmen. Der Rezensent kommt jedenfalls zu dem Schluss: "Fehlende Recherchen lassen sich eben auch durch eine Fülle von Fußnoten nicht kaschieren."

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