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Koba der Schreckliche - Amis, Martin
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Ein aufrüttelndes Buch über die Schrecken des 20. Jahrhunderts. Martin Amis behandelt neben der Judenvernichtung im "Dritten Reich" das Jahrzente währende Terrorregime Stalins. Er bschreibt die Massaker des Bürgerkriegs, die große Hungersnot von 1922, die Säuberungen der 30er Jahre, die Schauprozesse und schließlich den Tod des Diktators. Und er beschäftigt sich mit der Frage nach dem Unterschied zwischen Hitler und Stalin. Ein fulminantes Buch, geschrieben mit Zorn und Furor, und eine wütende Attacke gegen die westlichen Intellektuellen, die geschwiegen und die Gräuel verharmlost haben, noch lange nachdem schon alles bekannt war.…mehr

Produktbeschreibung
Ein aufrüttelndes Buch über die Schrecken des 20. Jahrhunderts. Martin Amis behandelt neben der Judenvernichtung im "Dritten Reich" das Jahrzente währende Terrorregime Stalins. Er bschreibt die Massaker des Bürgerkriegs, die große Hungersnot von 1922, die Säuberungen der 30er Jahre, die Schauprozesse und schließlich den Tod des Diktators. Und er beschäftigt sich mit der Frage nach dem Unterschied zwischen Hitler und Stalin. Ein fulminantes Buch, geschrieben mit Zorn und Furor, und eine wütende Attacke gegen die westlichen Intellektuellen, die geschwiegen und die Gräuel verharmlost haben, noch lange nachdem schon alles bekannt war.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser
  • Seitenzahl: 288
  • 2007
  • Ausstattung/Bilder: 2007. 288 S. Mit Bildteil. 220 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 220mm
  • Gewicht: 542g
  • ISBN-13: 9783446208216
  • ISBN-10: 3446208216
  • Best.Nr.: 22793400
Autorenporträt
Martin Amis, geboren 1949 in Swansea, ist einer der bedeutendsten englischen Gegenwartsautoren. Er ist der Verfasser von zahlreichen Romanen, Sachbüchern und Kurzgeschichtensammlungen. Martin Amis lebt in New York.
Rezensionen
Besprechung von 06.09.2007
Die Toten der Anderen
Monströs und wichtig: Das leidenschaftliche Buch des englischen Schriftstellers Martin Amis über den Stalinismus
Dieses Buch ist monströs. Es vermischt die schrecklichsten Kapitel der jüngsten Vergangenheit mit privat Belanglosem, scheint ohne Sinn für Proportionen geschrieben. Auf nahezu jeder Seite überschreitet Martin Amis die Grenzen des rhetorisch Schicklichen. Manchmal irrt er, argumentiert verwirrend, Wesentliches fehlt – und dennoch kann man sich dem Sog seines Traktats über den Stalinismus nur schwer entziehen. Dass die Verbrechensgeschichte des Kommunismus, seine wahre Historie, ein abgeschlossenes Forschungsgebiet sei, dem man sich am besten abgeklärt nähere wie etwa den Napoleonischen Kriegen, will man nach dieser Lektüre nicht mehr glauben. Die moralische Leidenschaft des Romanciers ergreift den Leser.
Als „Koba the Dread” im Jahr 2002 im Original erschien, zog das Buch viel Häme auf sich. Martin Amis hatte keine Archive besucht, sondern bloß „etliche Meter Bücher über das sowjetische Experiment gelesen” und aus seinen Exzerpten eine zornige Anklageschrift verfertigt. Wozu? Kam er nicht ein halbes Jahrhundert zu spät? Wusste nicht längst jeder, der es wissen wollte, Bescheid über die Hungersnöte im Sowjetreich, die blutige Katastrophe der Entkulakisierung, den „Archipel Gulag” und die „Utopie der Säuberung”? In den großen Rezensionen, etwa von Anne Applebaum, die damals noch an ihrem Buch über den Gulag schrieb, oder von Orlando Figes, der knapp tausend Seiten über die russische Revolution verfasst hatte, konnte man die Verachtung für den Laien spüren, der sich zu viel vorgenommen hatte.
Den Kern des Traktats bildet ein „Kurzer Lehrgang” über Jossif, den Schrecklichen, der sich früh den Spitznamen Koba zulegte. Flankiert wird das Porträt des Diktators von familiengeschichtlichen Passagen. Der Vater, Kingsley Amis, war von 1941 bis 1956 überzeugtes Mitglied der Kommunistischen Partei gewesen, bevor er zum Anti-Kommunisten wurde. Der Historiker Robert Conquest, dessen hellsichtiges Buch über den „großen Terror” aus dem Jahr 1968 strammen Linken lange als Propagandaschrift galt, gehörte zu den Freunden Kingsleys. Dessen Sohn schreibt nun einen langen Brief an seinen Freund, den Freigeist Christopher Hitchens, der Lenin für einen großen Mann hält und Trotzki bewundert.
Wo liegt, will Martin Amis wissen, der Unterschied zwischen dem „kleinen und dem großen Schnurrbart”, warum werden die zwanzig Millionen Opfer Stalins wahrscheinlich „niemals über den Grabesernst des Holocaust gebieten können”? Er bewegt sich auf vermintem Gelände, vergleicht die Lager des Dritten Reiches mit denen in Sowjetrussland. Er wundert und empört sich über Intellektuelle des Westens, die den revolutionären Massenmord verharmlosen oder aus historischen Umständen zu erklären versuchen.
Halb Europa erregt sich über Jörg Haider, wenn dieser Hitlers beschäftigungspolitische Maßnahmen lobt, aber Wladimir Putin wird hofiert, obwohl er Stalin preist. Lenin-Bilder und Sowjetkitsch dienen der popkulturellen Distinktion. In Kolumnen liberaler Zeitungen liest man vom „Feriengulag”, aber niemand von Verstand würde auf die Idee kommen, den Massentourismus mit der Formel „Urlaub wie in Treblinka” zu charakterisieren.
Die Opfer des sowjetischen Lagersystems werden heute nicht mehr geleugnet, aber sie spielen in der europäischen Öffentlichkeit höchstens eine Nebenrolle. Sie bleiben die Toten der Anderen. Aller Aufklärung über den Stalinismus zum Trotz kann man heute unwidersprochen mit Lenin und bolschewistischen Phrasen kokettieren, während konservative und nationale Ansichten stets unter NS-Verdacht stehen.
Da die westliche Öffentlichkeit sich mit dem „antitotalitären Konsens” beruhigt und auf ein allzu genaues Bild, einen Begriff vom Kommunismus gern verzichtet, kommt ein verstörendes Buch wie dieses gerade recht. Amis meidet die Gefahren des Fanatismus. Er will keinesfalls neue Verbote einführen. Lese man, sagt er, Bücher über die Belagerung Leningrads, über die Schlachten bei Kursk und Stalingrad, wisse man instinktiv, auf welcher Seite man stehe. Aber das vermag die Unempfindlichkeit, das Desinteresse gegenüber den Opfern des NKWD nicht zu rechtfertigen.
Ausführlich zitiert er Robert Conquest, Richard Pipes, Alexander Solschenizyn, Warlam Schalamow, Nadeschda Mandelstam, Historiker und Zeitzeugen. Sein Traktat schildert Gedanken und Empfindungen eines erfolgreichen Schriftstellers, der versucht, den Stalinismus zu verstehen. Mit Verve attackiert er jene, die einen reinen revolutionären Beginn von den Exzessen unter Koba scheiden wollen. Stalin habe einen Polizeistaat übernommen, das System des Terrors, das Lenin und der erste Tscheka-Chef Dserschinski errichteten, genutzt und vollendet.
Schrecken als Produktivkraft
In seiner Schilderung des Gulag erliegt Amis der Versuchung, sich auf die dramatischen Momente zu konzentrieren, auf Folter und Hinrichtungen; die längste Zeit aber war es der Alltag der Lager, der die meisten Opfer forderte, die als Arbeitssklaven gehalten wurden und weniger durch geplante Vernichtung als durch systematische Vernachlässigung, völlige Gleichgültigkeit gegenüber dem Wert eines Menschenlebens umkamen. Lenin und Stalin haben keine Gaskammern gebaut, aber den Hunger als Waffe genutzt. Der Historiker wird auf solchen Unterschieden bestehen, in den Augen der Opfer, für das moralische Urteil sind sie bedeutungslos. Drei Monate waren in Auschwitz und in Workuta die Frist, nach der die Arbeitssklaven zusammenbrachen. So wie es im SS–Staat die „Muselmänner” gab, existierten im Gulag die „Angekommenen”, die „sich auch mit Stockschlägen nicht von den Abfallhaufen vertreiben” ließen.
Gelungen sind die Passagen über die „Politisierung des Schlafs” und die „negative Perfektion” der Bolschewiken, die im Namen der Vervollkommnung des Menschen „jede menschliche Gemeinheit” verherrlichten und förderten. Gewiss gehört der Leninismus zu den Erben der Aufklärung, aber das macht die Sache nicht besser. Gerade die Ideologie bewirkte Verhängnisvolles: „die Verschmelzung von Gewalt und Rechtschaffenheit – eine Grausamkeit ohne Makel”. Es war verheuchelt und absurd, wie ein von Amis nicht erzählter Gulag-Witz zeigt: Ein Wächter fragt den Häftling, wofür er sitze: „Für nichts” – „Du lügst, du Schwein, für nichts erhält man 10 Jahre, du aber hast 15 Jahre bekommen.” Dennoch, eben dadurch gelang Stalin die Industrialisierung, der Aufstieg zur Großmacht. Davon liest man hier wenig. Gebannt durch den Schrecken vergisst Amis allzu oft die historische Analyse.
So sehr dieses Buch durch seinen Zorn besticht, so sehr leidet es unter zwei grundsätzlichen Fehlentscheidungen: Der Fixierung auf Stalins Person und der Fixierung auf die westliche Linke. Dass Koba, der zur Macht gekommene Kleinkriminelle mit dem Mafioso-Instinkt, den Terror plante und organisierte, ist unbestritten. Aber er hätte dies nicht tun können ohne Bürokratie, ohne Partei und Sicherheitsapparat, ohne die Tausenden, die die Chance zum Aufstieg nutzten. Eine Denunziantin, die Amis ausführlich porträtiert, erscheint als Verrückte. Aber das System hatte seine Logik und seine Vernunft. Der Schrecken war in erster Linie Produktivkraft und weniger „Psychotheater in Stalins Kopf”.
Die Attacke gegen verständnisvolle Linke ist allzu pauschal und bekommt dadurch den Beigeschmack verspäteter Selbstgerechtigkeit. Arthur Koestler, George Orwell, aber auch Kingsley Amis haben die Wahrheit über den Stalinismus gesagt, als dies noch riskant war. Ausgerechnet einen ehemaligen Trotzkisten wie Christopher Hitchens für Nachsicht gegenüber Stalin anzugreifen, wirkt einfach dämlich. Das ist, meinte Timothy Garton Ash, als wolle man Lutheraner wegen ihrer Liebe zum Papst kritisieren. Die Faszinationsgeschichte des Kommunismus lässt sich in den Kategorien des Kalten Krieges nicht begreifen.
Dennoch bleibt die Frage, warum Witze über den Nationalsozialismus unter Rechtfertigungsdruck stehen, während man über den Kommunismus lachen kann, als sei da nichts gewesen. Martin Amis hat ein quälendes Buch darüber geschrieben, dem man trotz offenkundiger Schwächen viele Leser wünscht. Es lebt von dem humanen Unwillen, Vergangenes auf sich beruhen zu lassen. JENS BISKY
MARTIN AMIS: Koba der Schreckliche. Die zwanzig Millionen und das Gelächter. Aus dem Englischen von Werner Schmitz. Hanser Verlag, München 2007. 296 Seiten, 21,50 Euro.
Unter dem Banner Lenins soll die proletarische Revolution weltweit siegen: Photomontage aus dem Jahr 1933. Rechts: Häftlinge beim Bau des Weißmeerkanals (1931-1933). Die Hälfte der etwa 100 000 Arbeitssklaven starb. Fotos: AKG/PA, SV-Bilderdienst
Martin Amis Foto: Isabel Fonseca
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
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Besprechung von 11.08.2007
Wer zuletzt lacht, lacht am schlimmsten

Martin Amis hat ein zorniges Buch über Stalin geschrieben. Zu spät, sollte man meinen. Doch darin steckt eine tiefernste Auseinandersetzung mit dem eigenen Vater, dem Schriftsteller Kingsley Amis, mit jenen Intellektuellen, die glauben, man könne heute über Stalin lachen - und ungewollt auch mit sich selbst.

Von Andreas Platthaus

Im Grunde", schreibt Martin Amis bereits auf Seite 29 seines neuen Buchs, "war die Debatte beendet, nachdem 1973 und 1975 die ersten beiden Bände von Archipel Gulag erschienen waren." Damit meint er die Debatte über den Kommunismus. Der war 1973 noch ein weltpolitischer Faktor, und trotzdem hielt ihn Amis mit der Publikation der Bücher von Alexander Solschenizyn über das sowjetische Lagersystem für endgültig diskreditiert. Warum schreibt der britische Schriftsteller dann jetzt noch sein Buch "Koba, der Schreckliche"?

Dieses Buch ist eine Abrechnung mit Stalin, der sich als Kind selbst den Spitznamen Koba gegeben hatte - nach einer in Russland populären literarischen Robin-Hood-Figur. Als Abrechnung mit Stalin ist das Buch auch eine Abrechnung mit dem Kommunismus als Ideal; eine, die Amis auf der Grundlage einer einzigen furchtbaren Zahl vornimmt: den geschätzten zwanzig Millionen Toten, die Stalins Politik im eigenen Land gefordert hat.

Die Abrechnung enthält allerdings noch einen Faktor, der nicht quantitativ zu fassen ist: "Koba, der Schreckliche" ist im Kern autobiographisch, auch wenn es sich fast ausschließlich mit Stalin beschäftigt. Amis wurde 1949 in Oxford geboren. Sein Vater, der berühmte Romancier Kingsley Amis, war seit dem Einfall der Deutschen in die Sowjetunion 1941 Mitglied der Kommunistischen Partei Großbritanniens. "Die Welt", so schreibt sein Sohn, "hatte die Wahl zwischen zwei Wahrheiten; und der junge Kingsley entschied sich, wie die überwiegende Mehrheit der Intellektuellen in aller Welt, für die falsche."

Dieser Satz ist grob missverständlich und nur deshalb akzeptabel, weil er im Buch erst einen Absatz nach der Erwähnung des deutschen Angriffs steht. Martin Amis meint mit der zweiten, der richtigen Wahrheit natürlich nicht die der Nationalsozialisten, sondern die Wahrheit über Stalins seinerzeit längst etabliertes Terrorregime. Auch wenn Kingsley Amis sich später zum strammen Antikommunisten entwickeln sollte, will der Sohn den Parteibeitritt seines damals neunzehnjährigen Vaters nicht beschönigen: "Die ersten beiden Briefe in The Letters of Kingsley Amis sind die einzigen in einem Buch von 1200 Seiten, in denen ich meinen Vater nicht wiedererkenne." Beide Briefe stammen aus dem Jahr 1941 und nehmen Partei für die Partei.

Kingsley Amis sollte bis 1956 deren Mitglied bleiben, als ihm der Ungarn-Aufstand und die Enthüllungen Chruschtschows auf dem 20. Parteitag der KPdSU die Augen öffneten. Er trat dann in die Labour-Partei ein und wählte damit einen "ehrlichen Atheismus", wie sein Sohn es nennt. Er selbst, so der Autor, habe dadurch im Alter von sieben Jahren endlich die Schutzimpfung gegen die kommunistische Krankheit erhalten, die ihm bei der Geburt 1949 verweigert worden war. Dieser Impfschutz hält, das beweist "Koba, der Schreckliche" überdeutlich, bis heute vor.

Das Virus aber, das die Krankheit auslöst, hält Martin Amis immer noch für hochgefährlich. Mehr als das: Es ist mutiert und deshalb womöglich jetzt noch gefährlicher. Das Anzeichen dafür sieht Amis im Gelächter, mit dem Stalin heute oft bedacht wird - und zwar gerade von denen, die ihm einmal treu gewesen sind. Amis zitiert aus den Protokollen des 20. Parteitags die Reaktion des Plenums auf die von Chruschtschow wiedergegebene Äußerung Stalins, dass es trotz seiner Anstrengungen in den dreißiger Jahren immer noch zu viele Ukrainer gebe: wildes Gelächter. Amis führt dazu aus: "Man muss schon überlegen, ehe man versteht, aus welchem Grund Bolschewiki das komisch finden können. Belustigten sie die elefantenhafte Plumpheit und das wahnhafte Misstrauen von Stalins Paranoia? Teilweise vielleicht. Wahrscheinlicher jedoch war ihr Gelächter Ausdruck eines noch nachträglich schweren moralischen Schocks, ein Ausdruck schierer Erleichterung darüber, dass solche Ungeheuerlichkeiten jetzt der Vergangenheit angehörten. Sie lachten, weil sie lachen konnten."

Das ist die einzige Stelle im Buch, an der Amis Verständnis für das Lachen über Stalin zeigt, und es ist bezeichnend, dass dieses Gelächter 1956 erklang, als sein Vater zum Renegaten wurde. Jede spätere Heiterkeit über die Sowjetherrschaft ist für Amis dagegen ein Armutszeugnis: "Gelächter wird sich nie von der schwarzen Farce des Bolschewismus trennen lassen; Gelächter wird nie die Hand vor den Mund halten und sich verabschieden", heißt es ganz am Schluss des Buchs. "Inzwischen vermögen wir dieses Lachen zu erkennen; wir hören es, wenn wir Zeuge moralischer Verkommenheit werden."

Die Rhetorik der Empörung.

Amis kann nicht verstehen, wie man angesichts von zwanzig Millionen Toten über Stalin lachen kann. Er nennt das Phänomen das "Lachen des Vergessens" und wappnet sich dagegen mit Pathos, das angesichts der von ihm geschilderten Leidensgeschichten naheliegt, aber bisweilen zu billigen rhetorischen Tricks greift, die sich Amis in seiner erzählenden Prosa wohl verkniffen hätte: "An einem Ort, der dem Tod gewidmet ist", heißt es etwa über den GULag, "hält man nur durch, wenn man Lebenskraft besitzt: Lebenskraft." Ähnlich beschwörend in der Wiederholung ist die Schilderung der Einführung der Strafmündigkeit mit zwölf Jahren, die Stalin 1935 beschließen ließ, um seine innenpolitischen Gegner Kamenew und Sinowjew, die halbwüchsige Kinder hatten, unter Druck zu setzen: "Man stelle sich vor, was für ein gnadenloser Schlag von seiten Stalins das war; man stelle sich das vor." Und schließlich bei der Entscheidung des Diktators, zur Oktoberparade 1941 in Moskau auszuharren, obwohl die von ihm anfangs völlig falsch eingeschätzten Deutschen vorrückten: "Mit Fehlurteilen kannte er sich aus; der Initiator der Kollektivierung kannte sich garantiert sehr gut mit Fehlurteilen aus. Aber das hier? Es gibt keinen Historiker, der Stalins Fehlurteil von 1941 nicht für das vielleicht schlimmste der Weltgeschichte hält. Aber er blieb, er blieb da, und er nahm es hin wie den Schnee in seinem Gesicht."

Die Formulierung vom "vielleicht schlimmsten Fehlurteil" ist verräterisch. So reden nur Leute, die nicht den Mut zur klaren Äußerung haben oder wissen, dass ihre Meinung anfechtbar ist. Tatsächlich gibt es etliche Historiker, die andere Fehlurteile der Weltgeschichte für verheerender halten; man muss nur Bücher über Napoleon oder Hitler lesen. Amis unterstellt seine ganze Argumentation dem Primat der Zahl: Die zwanzig Millionen machen Stalin zum Monster. Dabei wäre er auch eines, wenn er auf seine Art nur ein Tausendstel davon hätte ermorden lassen. Der brillante Stilist Amis wird vom eifernden Essayisten fortgerissen - dass er mit allem recht hat, was er gegen die Sowjetherrschaft anführt, tut nichts zur Sache. Das wusste man, sofern man es wissen wollte, vorher.

Aber Amis will seinen Lesern das zuteil werden lassen, was er selbst 1956 erfuhr: eine Impfung. Als solche rechtfertigt er sein Buch, das er im Januar 2000 als Essay begann und binnen zwei Jahren Recherche auf dreihundert Seiten ausweitete. Eigene Forschung hat er nicht betrieben, die Lektüre von "etlichen Metern Bücher über das sowjetische Experiment" musste reichen. Was man mit "Koba, der Schreckliche" zu verstehen lernt, ist die Funktionsweise von Fanatismus: am Beispiel Stalin, aber auch von Martin Amis.

- Martin Amis: "Koba, der Schreckliche". Die zwanzig Millionen und das Gelächter. Aus dem Englischen übersetzt von Werner Schmitz. Carl Hanser Verlag, München 2007. 296 S., 18 Abb., geb., 21,50 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Jens Bisky weiß, dass dieses Buch von Martin Amis über die Opfer des Stalinismus von Historikerseite nicht eben wohlwollend aufgenommen wurde. Der Schriftsteller hat dafür nicht in Archiven recherchiert, sondern sich auf einschlägige Literatur gestützt, zudem durchsetzt er seine Schilderungen der stalinistischen Schrecken mit Episoden aus dem alltäglichen Privatleben, erklärt der Rezensent. Dennoch, so Bisky beeindruckt, entfaltet der Band einen "Sog", der den Leser tief in das Buch hineinzieht, der durch die "Leidenschaftlichkeit", mit der Amis für die Opfer seine Stimme erhebt, entsteht. Darüber vernachlässige Amis oft die "historische Analyse", liege in manchen Urteilen durchaus falsch und argumentiere mitunter ziemlich kraus, räumt der Rezensent ein. Auch die Konzentration auf die Person Stalins einerseits und andererseits die westeuropäischen Linken, die vor der monströsen Seite des Kommunismus lange die Augen verschlossen haben, sind für den Rezensenten eindeutig Schwächen des Buches. Und trotzdem lässt sich Bisky von den Ausführungen des Autors bannen, durch den Furor, mit dem Amis gegen das Vergessen anschreibt und den "humanen Unwillen", sich mit der Vergangenheit abzufinden.

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