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Karma und Wiedergeburt im indischen Denken - Halbfass, Wilhelm
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  • Diederichs Gelbe Reihe Bd.161
  • Verlag: Diederichs
  • 2000.
  • Seitenzahl: 342
  • 2000
  • Ausstattung/Bilder: 342 S.
  • Deutsch
  • Abmessung: 185mm
  • Gewicht: 336g
  • ISBN-13: 9783896313850
  • ISBN-10: 3896313851
  • Best.Nr.: 08545062
Rezensionen
Besprechung von 18.06.2001
Des Lebens ewig neuer Stachel
Meisterkarma: Wilhelm Halbfass' Darstellung indischer Lehren

Was passiert nach dem Tode? Einfach Schluß und aus? Oder kommt die bange Frage nach dem sündenfrei gelebten Leben, die über Himmel und Hölle entscheidet? Mit beiden Gedanken können sich viele Menschen im Westen immer weniger anfreunden. Trost bieten da allerlei Vorstellungen von Wiedergeburt, Seelenwanderung, Wiederverkörperung oder Rebirthing. Und so bietet der Büchermarkt einen entsprechenden Sinnmix: von Rudolf Steiners Vorträgen zur "Wiederverkörperung" über Thorwald Dethlefsens "Erlebnis der Wiedergeburt. Heiligung durch Reinkarnation" bis zu Hans Torwestens Frage "Sind wir nur einmal auf Erden? Die Idee der Reinkarnation angesichts des Auferstehungsglaubens". Die Spitze solcher Déjà-vu-Sammlungen haben Burkhard Hickisch und Renate Spieckermann mit ihrem "Ich war Ötzi" erklommen.

Bei solchem Drang nach einer zweiten Chance zum Leben - in Indien die beste Garantie für eine leidvolle Wiedergeburt - wundert es kaum noch, daß man in Vaduz schon Geld anlegen kann, um es innerhalb von dreiundzwanzig Jahren nach der Wiedergeburt mit Zinserträgen zurückzufordern; vorausgesetzt, man hat sich bei einem Reinkarnationstherapeuten ausgewiesen. Immer wieder bedienen sich die esoterischen Autoren auch indischer Lehren, obgleich längst gezeigt worden ist, wie unabhängig die neuen westlichen Reinkarnationsvorstellungen von solchen Quellen sind; so in Rüdiger Sachaus "Westlichen Reinkarnationsvorstellungen" oder kürzlich in Helmut Zanders ebenso gelehrter wie eleganter "Geschichte der Seelenwanderung in Europa".

Tatsächlich waren Lehren von der Seelenwanderung weit verbreitet. Das Judentum kannte sie, desgleichen Origines, Pythagoras oder Platon, aber Indien gilt von alters her als das Land der Metempsychosis. So ist denn auch Karma für viele kein fremdes Wort mehr. Die Vorstellungen, die im allgemeinen an diesen Begriff geknüpft werden, sind wahrhaft radikal: Jede Tat, ob schuldhaft oder verdienstvoll, wird für die zukünftige Existenz verrechnet, alle Handlungen tauchen kausal im Saldo nachtodlicher Vergeltungen auf. Die Allmacht der Götter ist beschränkt, der Mensch hat seine Geschicke selbst in der Hand. Mehr noch, jede Tat ist karmisch belastend und führt zu einem erneuten leidvollen Leben. Am Ende hilft nur Tatenlosigkeit und die Suche nach Erlösung.

Selten konnte der Leser zu einer Lektüre greifen, in der diesen Vereinfachungen, nach denen die Inder lethargisch und apathisch nur in ihrem Kastenschicksal verharren oder in die außerweltliche Askese gehen können, entgegengewirkt wird. Dem hat Wilhelm Halbfass mit einem brillanten Buch Abhilfe geschaffen, in dem die Vielfalt der indischen Reinkarnationslehren äußerst kundig, differenziert und klar dargestellt wird. Obgleich sich Halbfass auf philosophische und religiöse Texte konzentriert, bezieht er - im Unterschied zu vielen andern indologischen Autoren - Abhandlungen aus dem Rechtswesen, der traditionellen Ayurveda-Medizin und Astrologie ein. Er zeigt dadurch, daß auch in Indien Götter, Geister und Gestirne ihren Einfluß auf das zukünftige Leben ausüben. Er warnt mehrfach, von einem "Gesetz des Karma" zu sprechen. Zwar gibt es Texte, in denen solche Kausalbeziehungen hergestellt werden. Darin heißt es dann zum Beispiel: Wer Ehebruch begeht, wird im nächsten Leben zeugungsunfähig; wer Fleisch ißt, bekommt rote Glieder; wer Alkohol trinkt, schwarze Zähne. Dennoch sind derartige Register nur als Regeln zu sehen, nicht aber als ein Mechanismus der Tatfolgen, wie ihn Max Weber, der die Karmalehre als "vollkommenste Lösung des Problems der Theodizee" bezeichnet hat, noch annahm.

Der Mensch ist in Indien nicht Spielball eines Gottes, aber auch nicht uneingeschränkter Herr des eigenen Lebens. Es ist also zu einfach, der Allmacht des Gottes im Christentum die Allmacht des Selbst im Hinduismus gegenüberzustellen. Gleichwohl bleiben Divergenzen. Vor allem diese: hier das Erfordernis einer Bewährung im Leben, dort der Wunsch nach Befreiung vom Leben. Wiedergeburt ist in den meisten indischen Befreiungslehren nicht Belohnung, sondern Strafe oder ein notwendiges Übel.

Das Buch birgt im übrigen selbst ein tragisches Todesschicksal: Kurz nach der Veröffentlichung erlag der Autor mit sechzig Jahren einer plötzlichen Hirnblutung. Der aus einer Vorlesung in Tübingen 1997 hervorgegangene Band ist das Vermächtnis seiner langjährigen Karma-Forschungen; seine geplante umfassende Dokumentation dieses Themas muß nun unvollendet bleiben.

AXEL MICHAELS

Wilhelm Halbfass: "Karma und Wiedergeburt im indischen Denken". Diederichs Gelbe Reihe. Heinrich Hugendubel Verlag, München 2000. 342 S., br., 29,80 DM.

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Ein wirksames Gegengift gegen alle Einseitigkeiten und Klischees zum Thema indische Religionen ist dieses postum erschienene, auf Vorlesungen beruhende Buch des Indologen Wilhelm Halbfass nach Ansicht des Rezensenten Axel Michaels. Die Karma-Lehren werden ebenso "kundig, differenziert und klar dargestellt" wie die verschiedenen Auffassungen von Reinkarnation. Keineswegs funktioniere zum Beispiel die Aufrechnung von Taten gegen Schicksal im nächsten Leben so simpel wie noch etwa Max Weber glaubte. Alles in allem, befindet der Kritiker, ein "brillantes Buch".

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