Johanna die Wahnsinnige 1479-1555 - Fernandez Alvarez, Manuel
  • Buch mit Leinen-Einband

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Johanna die Wahnsinnige hätte eine der mächtigsten Herrscherinnen ihrer Zeit sein können. Im zur Weltmacht aufstrebenden Spanien wäre sie nach 1516 die unumschränkte Monarchin gewesen - es wäre ihr Reich gewesen, in dem die Sonne nicht unterging. Aber im Spiel um die Macht war sie die große Verliererin. Schon im Kampf um die Herrschaft in Kastilien wurde sie von Vater und Ehemann ausgebootet - aber sie war kein bloßes Opfer, es lag auch an ihr. Johanna füllte das Vakuum der Macht nicht aus, als der Ehemann vom Fieber dahingerafft und der Vater in Neapel abwesend war. Anders als ihrer Mutter…mehr

Produktbeschreibung
Johanna die Wahnsinnige hätte eine der mächtigsten Herrscherinnen ihrer Zeit sein können. Im zur Weltmacht aufstrebenden Spanien wäre sie nach 1516 die unumschränkte Monarchin gewesen - es wäre ihr Reich gewesen, in dem die Sonne nicht unterging. Aber im Spiel um die Macht war sie die große Verliererin. Schon im Kampf um die Herrschaft in Kastilien wurde sie von Vater und Ehemann ausgebootet - aber sie war kein bloßes Opfer, es lag auch an ihr. Johanna füllte das Vakuum der Macht nicht aus, als der Ehemann vom Fieber dahingerafft und der Vater in Neapel abwesend war. Anders als ihrer Mutter Isabella war ihr jener Pragmatismus der Macht fremd, der nötig ist, ein Land zu regieren. Vakante Bischofssitze mußten beispielsweise besetzt werden, aber sie verweigerte ihre Unterschrift mit dem Argument, viel schlimmer als das Fehlen eines Bischofs sei es, "Hirten auszuwählen, die zum Hüten ihrer Herde nicht taugen".

Einer der bekanntesten Historiker Spaniens hat mit der Biographie Johannas eine große Lücke der Geschichtsschreibung geschlossen. Er erzählt ihre tragische, ihre traurige Geschichte spannend und mit großer Sympathie.
  • Produktdetails
  • Verlag: Beck
  • Seitenzahl: 228
  • Deutsch
  • Abmessung: 225mm
  • Gewicht: 425g
  • ISBN-13: 9783406529139
  • ISBN-10: 3406529135
  • Artikelnr.: 13290271
Autorenporträt
Manuel Fernández Álvarez, Mitglied der königlichen Akademie der Wissenschaften in Madrid, lehrte bis zu seiner Emeritierung an der Universität Salamanca Geschichte der Frühen Neuzeit. Er ist Autor zahlreicher Werke zur spanischen Geschichte. Für sein Werk La sociedad espanola en el Siglo de Oro erhielt er den "Premio Nacional Historia de Espana". Sein Buch über Philipp II. wurde zum besten Buch des Jahres 1998 in Spanien gewählt.
Inhaltsangabe
Vorwort
Einleitung
1. Das Zeitalter
2. Von der Magie
3. Am Hof der Katholischen Könige
4. Die Gräfin von Flandern
5. Am Hof von Brüssel
6. Prinzessin Asturien
7. Rückkehr nach Spanien
8. Königin von Kastilien
9. Johannas Wahnsinn
10. Tordesillas
11. Die Regierungszeit Ferdinands
12. Karl V. tritt auf Plan
13. Der Aufstand der Comuneros gegen Karl V.
14. Endlich frei?
15. Die endlose Einsamkeit
16. Der Tod der Königin
AnmerkungenLiteraturverzeichnis
Zeittafeln
Abbildungsverzeichnis
Personenregister
Rezensionen
Besprechung von 15.04.2005
Die Königin in der Kummerkammer der Triebe
Mit magischen Mentalitäten: Manuel Fernández Álvarez' Biographie über Johanna die Wahnsinnige

Lag auf der Schattenseite der Renaissance, was im Winter 1506/1507 auf den Feldern Altkastiliens den Augenzeugen das Grauen ins Gemüt trieb? Abends, wenn die Dämmerung hereinbrach, ließ Königin Johanna die vier Pferde aus Friesland anspannen und den Sarg ihres Gemahls, mit Gold und Seide geschmückt, auf der Lafette weiterziehen. Philipp, der schon im September gestorben war, sollte in Granada beigesetzt werden, aber Johannas Kondukt rückte nur langsam voran, von Dorf zu Dorf, die Städte meidend.

Die siebenundzwanzigjährige Monarchin befürchtete wohl Unruhen und drängendes Fordern, denn die Menschen konnten von ihr nach Jahren der Mißernten, der Unwetter, der Dürre und der furchtbaren Pest eine tatkräftige Regierung erwarten. Auch Johannas Vater, Ferdinand der Katholische, dachte auf seinem Weg nach Neapel keineswegs an eine schnelle Rückkehr, und die Kinder der jungen Witwe, die später Kaiser und Königinnen werden sollten, waren zu klein und überdies mit einer Ausnahme absent im fernen Flandern - unfähig, der Not zu steuern.

Johanna selbst wies aber alles Regieren von sich, sie wollte nur den toten Gemahl geistlich versorgt sehen und persönlich bewachen. Andere Frauen duldete sie nicht in der Nähe des Leichnams, und als ihre makabre Gesellschaft einmal versehentlich in einem Nonnenkloster Station machte, verdächtigte sie die frommen Frauen, den einbalsamierten König gestohlen zu haben. Unter freiem Himmel ließ sie Holz- und Bleisarg öffnen und befahl Adligen in ihrem Gefolge, die Leiche zu identifizieren. Kein Zweifel: Johanna war verrückt.

Oder besser gesagt: Sie war liebeskrank. Schon als sie den ihr unbekannten Bräutigam, den Grafen von Flandern, in Lille zum ersten Mal gesehen hatte - sie war damals sechzehn Jahren alt -, verlangte die Libido, sofort einen Priester zu holen, damit das Matrimonium noch zwei Tage vor dem angesetzten Termin vollzogen werden konnte. Mit rasender Eifersucht verfolgte sie später Philipps Mätressen und bettelte den kühlen, in seiner Pflicht zur Treue überforderten Gemahl geradezu um jeden Geschlechtsverkehr. Ob sie in ihrer verzehrenden Leidenschaft manchmal Juan beneidet haben mag, den etwas älteren Bruder, der noch im Jahr seiner Hochzeit an seinem zügellosen Sexualverlangen zugrunde gegangen war?

Johanna jedenfalls erwartete ein anderes Schicksal. Sie starb erst im Jahr 1555, also knapp fünfzig Jahre nach Philipp, und obwohl sie als Erbin ihrer Mutter Isabella Königin von Kastilien (1504), in der Nachfolge ihres Vaters Königin von ganz Spanien war (1516) und diese Würden nie verlor, hat sie doch nicht regiert. Nach ihrem Vater hat ihr Sohn, der künftige Kaiser Karl V., sie von der Führung der Staatsgeschäfte ausgeschaltet, zu der sie offenkundig nicht in der Lage gewesen war. Nach 1507 versagte sie sich im Jahreswechsel 1520/21 ihren königlichen Pflichten, als die Aufständischen der Comunidades von Kastilien das verhaßte Regiment der Flamen unter Karl und seinem Kardinal Adrian von Utrecht beseitigen wollten.

Von 1509 an wurde Johanna von Vater und Sohn in Tordesillas zwischen Valladolid und Salamanca gefangengehalten, wo die königlichen Gemächer beim Kloster der heiligen Klara die Tradition eines Palastes bewahrten; bis 1525 war wenigstens das jüngste Kind Philipps, die postum geborene Katharina, bei ihr, auch sie eine künftige Königin (von Portugal). Danach mußte sie noch dreißig Jahre ausharren, in der Gesellschaft ältlicher Hofdamen, die sie allesamt haßte, bewacht von einem königlichen Kommandanten, der sie mit Hilfe seiner Gattin drangsalierte, freilich auch versorgt durch einen vielhundertköpfigen Hofstaat bis hinab zu den Dienern für das Herdfeuern und Wassertragen, für das Bettenmachen oder das Putzen des Silberbestecks, natürlich ergänzt durch das Wachpersonal. Die Kasernierung war streng. Johanna wurde jeder Kontakt mit der sonstigen Bevölkerung von Tordesillas untersagt. Ihre Tochter Katharina hatte noch durch eine kleine Öffnung in der Mauer den Kindern auf der Straße Münzen zugeworfen, damit sie ihre Spiele wenigstens vor ihre Augen verlegten, aber wenn Johanna selbst vor das Haus treten wollte, fürchtete man ihren Schrei um Hilfe - oder um Liebe.

Nein, natürlich war dies nicht die Nachtseite der neuen Zeit, sondern ihr originärer Bestandteil. Man denke nur daran, daß Michelangelo gerade als Johannas Wahnsinn den Zeitgenossen offenbar wurde, den mütterlichen Seelenschmerz aus dem Marmor der Pietà von St. Peter gemeißelt hatte und im "Matthäus" von Florenz den "Zwiespalt zwischen Freiheit und Unfreiheit" (H. von Einem) vergegenwärtigte; daß Erasmus 1503 eine neue Ethik in seinem "Handbüchlein für den christlichen Streiter" begründete oder daß - vielleicht der engste Konnex - der skeptische Aristoteliker Petrus Pomponazzi (gestorben 1525) neu über den Zusammenhang von Seele und Körper nachdachte und beide, der Kirche anstößig, für unlösbar verbunden erklärte.

Solche problemgeschichtlichen Anfragen an die Gestalt Johannas von Kastilien und Aragón sind der Forschung allerdings fremd, zu stark besetzt offenbar das Lebensgeschick dieser rätselhaften Königin die Emotionen derer, die sich ihr widmen. Man vergleicht sie auch nicht mit einem anderen verrückten König, mit Karl VI. von Frankreich, der ähnlich wie Johanna zwar dreißig Jahre geherrscht, aber nicht regiert hat (1392 bis 1422). Karl freilich hatte die Liebe seines Volkes genossen und durch das ihm gewidmete Mitleid der Untertanen geradezu zur Entstehung der französischen "Königsnation" beigetragen.

Andere Vergleiche suchten vor gut zehn Jahren feministische Historikerinnen zu ziehen, als sie Johanna zur emblematischen Figur von "WahnsinnsFrauen" erklärten. Auch wenn die Frage, ob die Monarchin "wirklich wahnsinnig" war, offenbleiben müsse, wisse man doch, wie argumentiert wurde, daß "bis in die heutige Zeit mißliebige Personen gern für die eigenen Interessen unschädlich gemacht (würden), indem man einfach behauptet, sie seien verrückt". Demnach wäre Johanna also die geistige Umnachtung nur zugeschrieben worden.

Ein differenziertes Urteil hatte 1930 ein Münchner Gymnasialprofessor abgegeben. In seiner Biographie Johannas der Wahnsinnigen wog Ludwig Pfandl erblich bedingte Veranlagung und milieubedingte Einflüsse gegeneinander ab. Unter Bezug auf die Psychiatrie seiner Zeit wagte er die Diagnose einer "Dementia praecox oder Schizophrenie", die sich unter anderem an einer psychopathischen Triebsteigerung und einer ausgeprägten Willenlosigkeit oder Abulie zeige. Insbesondere das letzte Symptom, das für jede Führungsaufgabe disqualifiziert, hat schon der zeitgenössische Humanist Petrus Martyr erkannt: "Caret diffinitiva, sie entbehrt der Entschlußkraft, executivam abjicit, sie unterdrückt jede Neigung zu entschiedenem Handeln." Pfandls Werk, das nach fünf spanischen Auflagen in Johannas Heimatland hochgeschätzt wird, könnte man auch heute noch empfehlen, wenn sich der katholische Autor nicht einen ungehemmten Antisemitismus und Rassismus, verbunden mit scharfen Invektiven gegen die Protestanten hätte zuschulden kommen lassen. So aber ist die Übersetzung einer 2000 erschienenen neuen Biographie willkommen, die in Spanien bereits weit über hunderttausendmal verkauft wurde. Der Autor, Manuel Fernández Álvarez, ist bestens ausgewiesen durch wichtige Quelleneditionen, sozial- und politikgeschichtliche Studien zu Spaniens "goldenem Zeitalter" und durch erfolgreiche Biographien Karls V. und seines Sohnes Philipp II. Anders als Pfandl, der seiner bildungsbürgerlichen deutschen Leserschaft noch versichern mußte, es sei keine Schande, von Johanna nichts zu wissen, kann sich Fernández Álvarez auf die Gewißheit stützen, daß Johanna "eine der populärsten Figuren der spanischen Geschichte" sei.

Der Autor verfügt über glänzende Kenntnisse der Überlieferung, vor allem im Generalarchiv des Castillo di Simancas (bei Valladolid), das auf Karl V. zurückgeht, und er weiß die Leser durch seine Schilderungen zu packen. Sein Ansatz jedoch, den Fall Johanna nicht individualpsychologisch, sondern kollektivgeschichtlich anzugehen, ist gescheitert. Fernández Álvarez leitet seine Biographie ausführlich mit einer instruktiven Abhandlung über die "magische Mentalität des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts" ein und fragt danach, ob die "Menschen damals glaubten, daß Johanna von Kastilien verhext war". Im Laufe seiner Darstellung verliert er diese Möglichkeit einer gesellschaftlichen Rollenzuweisung aber ganz aus den Augen. Zwar wurde Johanna vorgeworfen, geweihte Kerzen nicht zu ertragen und die Sakramente zu verweigern, was auf Besessenheit durch den Teufel hindeuten konnte; aber ein Jesuitenpater, der sie am Ende ihres Lebens besuchte, konnte König Philipp II. ausdrücklich erklären, daß Hexerei nicht im Spiel war. Was bedeutet diese so wohltuende Stellungnahme aber für die Deutung abweichend-auffälligen Verhaltens durch "das ungebildete Volk"?

Fernández Álvarez beantwortet seine an Johannas Geschichte gestellte Frage leider nicht. Statt dessen, und das markiert den Bruch in seinem Buch, läßt er sich überwältigen vom Mitleid für die einsame Königin; der spanische Untertitel seines Werkes macht deutlicher als der deutsche, worauf es ihm angekommen ist: "La Cautiva de Tordesillas", und das vorletzte Kapitel "Die endlose Einsamkeit" ist sein zentrales geworden. Der sentimentale Autor klagt: "Wieviel Leid, welche Bitternis! Jahr für Jahr, Tag für Tag, Stunde für Stunde. Denn eine Gefangenschaft rechnet sich nicht in Jahren, in der Gefangenschaft scheint jede Stunde endlos. Fünfunddreißig Jahre - elf Jahre hatte sie bereits zuvor ertragen müssen - bedeuten zwölftausendsechshundertfünfundsiebzig Tage, und rechnet man dies in Stunden um, kommt man auf etwa dreihundertsechzigtausend. Das ist, was tatsächlich zählt."

Ob hier nicht der moderne Wert individueller Freiheit zu unbedenklich zum Maßstab historischen Urteilens genommen wird? Kann man sich, anders gesagt, vorstellen, daß Johanna, ohne Hoffnung auf eine Änderung ihrer Lage, so lange ausgehalten hätte, wenn sie ihr Schicksal nicht, mit welcher Kunst der Selbstüberredung auch immer, akzeptiert hätte?

MICHAEL BORGOLTE

Manuel Fernández Álvarez: "Johanna die Wahnsinnige 1479-1555". Königin und Gefangene. Aus dem Spanischen von Matthias Strobel. C.H. Beck Verlag, München 2005. 288 S., 21 Abb., geb., 19,90 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Ein starkes Buch über eine starke Frau hat Rezensent Christian Jostmann gelesen und empfiehlt es auch dem deutschen Leser, den die spanische Nationalgeschichte vielleicht nicht sonderlich interessiert. Denn zunächst einmal gehe es dem großen Mann der spanischen Geschichtsschreibung um das menschliche Los der Johanna, dann um die soziale Stellung der Frau in der höfischen Gesellschaft oder der Macht von Religion und Magie in der damaligen Zeit. Insbesondere stelle der Autor die Frage, welche Art von psychischer Erkrankung man sich tatsächlich jenseits aller Legenden um Johanna die Wahnsinnige vorzustellen habe. Manuel Fernandez Alvarez, fasst der Rezensent sein Lob zusammen, hat eine anschauliche und einfühlsame Biografie geschrieben, die nur gelegentlich durch ihre Neigung zu einem "altväterlichen" Ton getrübt wird.

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