Jill & Jim oder Die Romane einer wunderbaren literarischen Freundschaft. - Amis, Kingsley und Philip Larkin
  • Buch

Jetzt bewerten

Produktdetails
Rezensionen
Besprechung von 25.08.2010
Monumente des Zynismus
Die frühen Collegeromane von Philip Larkin und Kingsley Amis im Doppelpack: „Jill“ und „Jim im Glück“
„Ich habe zur Zeit sehr starke Empfindungen für Schulmädchen“, schreibt Philip Larkin 1943 an seinen Freund Kingsley Amis, und wer Larkins ersten, posthum veröffentlichten Roman „Wirbel im Mädcheninternet Willow Gables“ kennt, der wird sich an dieser Bemerkung keineswegs stoßen: Larkins Interesse an Schulmädchen war nämlich zwar durchaus sexueller Natur, aber eben nur in Bezug auf die eigene Sexualität. Gerne wäre Larkin, so erscheint es einem bei der Lektüre des herrlich schwülen und völlig männerfreien „Willow Gables“-Romans zumindest, selbst eins seiner fiktiven Schulmädchen gewesen, eine jene aufreizend erblühenden Brunette Colemans und Margaret Tattenhams.
Auch in Larkins zweitem Roman „Jill“, 1946 erstmals erschienen, ist die Neigung des Autors, ist seine Empathie für das andere Geschlecht deutlich zu spüren. Gewichen ist dagegen das Sommertraumhafte, das beinahe Unwirklich-Elysische des Internatslebens. Larkins Held heißt nun kurz und männlich John Kemp, und diesen Kemp hat es an einen deutlich dunkleren Ort verschlagen als nach Willow Gables: an die Universität Oxford. „Alle sind sehr jung und trinken sehr viel und es gibt keine Homosexualität“, schreibt Larkin dazu an Amis, und all das, die Jugend, der Alkohol, die fehlende Homosexualität lassen das College-Leben John Kemps sehr bedauernswert erscheinen.
Aus schlichten Verhältnissen stammend, unsicher und unerfahren, gerät John Kemp an einen äußerst unangenehmen Zimmergenossen, Christopher Warner, ein verzogenes, versoffenes, Verzeihung, englisches Upper-class-Arschloch. John Kemp aber bewundert Warner, hält ihn irrationaler Weise für seinen Freund und führt, mehr oder weniger subtilen Demütigungen ausgesetzt, auch so ein elendes Leben an der grau-verregneten Eliteuniversität.
Bis er sich eben jene titelgebende „Jill“ erträumt, ein Mädchen, das, wie die Freundinnen aus Larkins erstem Roman, das Willow Gables-Internat besucht. Dieser Jill erfindet Kemp ein Leben, und so lange er dabei ist, dieses auszumalen, es niederzuschreiben, vermag er die Oxforder Tristesse zu vergessen. Als er dieser Jill dann aber in der Wirklichkeit eines Oxforder Cafés begegnet, gerät seine Welt wieder aus den Fugen.
Überhaupt scheint mit der Welt in diesem Roman vieles nicht in Ordnung: Als John Kemp hört, dass sein Heimatort von deutschen Flugzeugen bombardiert wurde, fährt er gleich hin und sucht in den Trümmern seine Eltern. Zurück in Oxford dann darf er Monumente des Zynismus bewundern: „Der Luftkrieg ist wie ein gutes Theaterstück“, bemerkt einer der Schnöselfreunde seines Mitbewohners und legt dabei die Füße auf den Kamin, „wenn es längere Zeit in der Stadt gelaufen ist, geht es auf Tournee durch die Provinz“.
Diese dunkle Seite von „Jill“ scheint zur Zeit der – übrigens zensierten – Erstveröffentlichung niemanden interessiert zu haben. Aufmerksamkeit rief vielmehr die deutliche Sprache und die aus heutiger Sicht lächerlich unbedeutenden erotischen Implikationen hervor. So berichtete Kingsley Amis seinem Freund Larkin in einem Brief, er habe „Jill“ in einer Buchhandlung direkt neben „Hochhackige Yvonne“ und „Nackt und schamlos“ ausgestellt gesehen.
Larkin und Amis hatten sich 1941, beide 19jährig, in Oxford kennengelernt und blieben auch nach ihrer College-Zeit in Kontakt. Amis war, dem Briefwechsel der beiden nach zu urteilen, eine wichtige Stütze für Larkin, als dieser an seinen Romanen arbeitete. Wichtiger aber noch war Larkin offensichtlich als Ratgeber für Amis. Über Jahre hinweg las er und kommentierte die unterschiedlichen Fassungen von Amis‘ Debütroman „Jim im Glück“. Dieses Engagement ist erstaunlich, denn es war gerade „Jill“, der Amis auf die Idee brachte, ebenfalls einen Collegeroman zu schreiben. Wahrscheinlich auch, weil dieser am Ende ganz anders ausfiel als der des Freundes und Kollegen – viel leichter im Ton und ohne die Schatten, die Sexualität und Politik mitunter werfen – war „Jim im Glück“ bei seinem Erscheinen im Jahr 1954 ein großer Publikumserfolg beschieden.
Nach der langen schriftstellerischen Inkubationszeit und vielleicht vom Erfolg beflügelt, schrieb Amis in den kommenden Jahrzehnten zahlreiche weitere Romane. Larkin dagegen konzentrierte sich nach seinem dritten und letzten Roman, „A Girl in Winter“ (1947), ganz auf die Lyrik. Angesichts von „Jill“ und „Willow Gables“ scheint dies äußerst bedauernswert.
Immerhin gibt es dank Gerd Haffmans und Steffen Jacobs Larkins eindrucksvollen und Amis‘ durchaus unterhaltsamen Roman überhaupt auf Deutsch zu lesen. Ersteht man die beiden Werke gemeinsam, erhält man anbei ein kleines Beiheft mit Ausschnitten aus dem Amis-Larkin-Briefwechsel, zahlreichen Fotos sowie einer umfangreiche Zeittafel.
TOBIAS LEHMKUHL
PHILIP LARKIN: Jill. Aus dem Englischen von Steffen Jacobs. Haffmans Verlag bei Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2010. 400 S., 19,90 Euro.
KINGSLEY AMIS: Jim im Glück. Aus dem Englischen von Steffen Jacobs. Haffmans Verlag bei Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2010. 416 S., 19,90 Euro. Beide Romane im Schuber zusammen mit 64seitigem Beiheft für 36,80 Euro.
Durchaus romantauglich: Der amtierende Direktor auf dem Weg durch das All Souls College in Oxford, im November 1950 Foto: John Chillingworth / Getty Images
Philip Larkin im Jahre 1955 (links); im Vorjahr war der Roman „Lucky Jim“ seines Freundes
Kingsley Amis (rechts, ebenfalls 1955) erschienen.
Fotos: Interfoto (links); Ullstein  
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.sz-content.de
…mehr
Besprechung von 27.11.2010
Das kommt davon, wenn man sich so betrinkt

Zwei große englische Romane, "Lucky Jim" von Kingsley Amis und "Jill" von Philip Larkin, haben in einer herrlichen deutschen Ausgabe spiegelbildlich zusammengefunden.

Von Joachim Kalka

Zu den berühmten Romanen der englischen Nachkriegszeit gehört der 1954 erschienene "Lucky Jim" von Kingsley Amis, bisher nur in einer unzulänglichen und rasch in Vergessenheit geratenen deutschen Übersetzung aus dem Jahre 1957 vorliegend. Eine gelungene Neuübersetzung dieses Meisterwerks britischer Gesellschaftskomik, eines Höhepunkts jener opulenten Tradition, die Evelyn Waugh und Henry Green, P. G. Wodehouse und Anthony Powell, Barbara Pym und Muriel Spark einschließt, ist an sich schon eine willkommene Nachricht; dass von Verlag und Übersetzer gleichzeitig Philip Larkins "Jill" (1946) danebengestellt wird, ist großartig. Diese beiden Romane, die vieles verbindet und noch mehr unterscheidet, gehören schon deshalb zusammen, weil sie Zeugnisse einer der großen Autorenfreundschaften des letzten Jahrhunderts sind, einer Freundschaft voll geheimer Rivalität. Ihre Schicksale waren sehr verschieden. "Lucky Jim" erregte großes Aufsehen, Begeisterung und auch viel Kritik wegen der hier vorgeführten aggressiven Verachtung aller Schöngeistigkeit ("filthy Mozart"). Über das Erscheinen von "Jill" schrieb Larkin später lakonisch: "Eine öffentliche Reaktion gab es nicht."

Die Handlungsumrisse sind rasch skizziert. "Lucky Jim": Jim Dixon, ein junger Assistent für Geschichtswissenschaft an einer der neuen Red-Brick-Universitäten Englands, führt einen scheinbar aussichtslosen Existenzkampf gegen seinen grotesken Professor und dessen arrogant geschmäcklerische Familie; er scheitert an der Uni grandios kraft seiner unüberwindlichen Verachtung für den absurden Lehrbetrieb, bekommt jedoch eine ungleich attraktivere Stellung zugespielt und spannt dem Professorensohn, einem angeberisch unbegabten Maler, die schöne, zunächst unsympathisch auftretende, dann durch die Liebe zu Dixon umgewandelte Freundin aus. Larkin hängt mit diesem Roman von Amis auf verschiedenste Weise zusammen. Er war der Berater, der das Manuskript von überflüssigen Figuren und Exkursen befreite, er war eine Art Vorbild für Jim Dixon (vor allem in der unnachgiebigen Verachtung für alles "Kulturelle"). Und er war jener Freund des Autors, der so gerne selbst ein Romancier geworden wäre und nicht den Erfolg von Amis hatte.

"Jill": John Kemp, Anfänger an einer Traditionsuniversiät, die er als begabter Stipendiat aus ganz kleinen Verhältnissen bezieht, scheitert vollkommen an seinem Literaturstudium. Es ist ihm nicht möglich, sein Talent in einer Atmosphäre zu entfalten, die von jener fremden Upper-Class-Welt durchdrungen ist, deren unbekümmert gemeine und sich ganz und gar souverän durchs Leben bewegende Sprößlinge hier den Ton angeben. Diese Souveränität fasziniert und vernichtet den Protagonisten. Aber er fällt auch der eigenen verträumten Indolenz zum Opfer und versinkt in seinen Phantasien von einem idealen Mädchen, einer Schwester. Ob er auch gescheitert wäre, wenn ihm nun in Oxford nicht ein Mädchen aus diesem von unüberwindlichen Klassenschranken umgebenen Milieu, die reale Schwester eines anderen Studenten, unwillentlich "den Kopf verdreht" und die Grenze zwischen Phantasterei und Wirklichkeit verwischt hätte, wissen wir nicht, doch kommt es dem Leser höchst wahrscheinlich vor.

Diese Jill ist so etwas wie eine unschuldigere Form der schwül-erotisierten Schoolgirl-Phantasien, mit denen Larkin privat (und publik in einem glänzenden Pastiche der englischen Mädchenschulgeschichte, "Trouble at Willow Gables") am Rande des Pornographischen gespielt hat. Jill ist die schimmernde, verheißungsvolle Leerstelle der Tagträumerei eines einsamen jungen Mannes, an dem man oft Ähnlichkeiten mit seinem Schöpfer festgestellt hat; Christine in "Lucky Jim", eine Schönheit mit herzhaft misstönendem Gelächter, ist die begehrenswerte Wirklichkeit (geschildert von einem amourös aktiven Autor). Der träumende John Kemp ist ein Scheiternder.

Larkin hat einmal gesagt, die Herkunft von Kemp, das Unterschichtstigma, sei nur eine beliebige Form von Handicap, wie sein eigenes Stottern als Kind und junger Mann. Ob das stimmt? Die beklemmende Tradition des "ragging" (der demütigenden brachialen Streiche, die man den Schwächeren spielt) hatte an den englischen Traditionsuniversitäten eine ehrwürdige Geschichte (man vergleiche das denkwürdige Einleitungskapitel von Evelyn Waughs Roman "Decline and Fall", 1928), und diese Tradition bildet den ominösen Hintergrund von John Kemps Universitätserfahrungen.

Man erkennt, dass diese Romane spiegelsymmetrisch sind: Amis hat ein optimistisches Szenarium. Der hektisch grimassierende Jim Dixon ist deshalb "Lucky Jim", weil er eben über die beneidenswerte Fähigkeit verfügt, Glück zu haben (das Motto des Romans zitiert den "old song": "O, lucky Jim, / How I envy him, / O, lucky Jim, / How I envy him.") Larkins Handlungskonzept ist pessimistisch-melancholisch. Bei ihm ist der Protagonist Opfer der verächtlichen Sturheit der alten Verhältnisse und seiner eigenen Tagträumerei; bei Amis bleibt "Lucky Jim" zwar lange das Opfer der Inkompetenz, welche die (scheinbar neuen) Verhältnisse kennzeichnet, und muss sich vieles bieten lassen - aber alles ändert sich schließlich, und die Liebenden werden nach mancherlei Missverständnissen und Komplikationen vereint, den Regeln der uralten "Neuen Komödie" folgend. Während bei Larkin alles so bleibt. Der Sieg der alten, die glücklich opportunistische Überwindung der neuen Verhältnisse - was beide Narrationen verbindet, ist weniger der Umstand, dass beides ikonische "campus novels" sind, als die ebenbürtige Fähigkeit der beiden Autoren zur Gestaltung eines jeweils ganz anderen komischen Stils.

Bei Amis gibt es die ausführlichen Prunkstücke komischer Beschreibung wie etwa Dixons verkatertes Erwachen: "Versonnen stand er neben dem Bett. Sein Gesicht war so schwer, als ob jemand mittels einer schmerzlosen Operation kleine Sandsäckchen darin eingenäht hätte . . . Plötzlich ging es ihm schlechter, und er stieß schaudernd einen schweren Seufzer aus. Jemand schien behende hinter ihn gesprungen zu sein und ihm eine Art Taucheranzug aus unsichtbarer Watte übergeworfen zu haben."

Fast noch charakteristischer als diese Kleinepen sind die endlosen Varianten komischer Mikrologie, etwa bei der Schilderung von Professor Welchs begriffsstutzigem oder kunstvoll jeglicher Diskussion ausweichendem Mienenspiel: "Er sah aus wie ein afrikanischer Wilder, dem man einen einfachen Zaubertrick gezeigt hat." Spiel der logischen Variation: Dixon wartet nervös auf Christine. "(Er) blickte verzweifelt den Korridor hinab. Zwei Personen erschienen beinahe gleichzeitig an der Biegung. Die erste Person war nicht Christine, sondern ein betrunkener Mann, der wie besessen mit seinem Feuerzeug klickte. Die zweite Person andererseits war sie."

Ein typisches Beispiel für Larkins Komik wäre etwa der Anfang mit der Zugfahrt John Kemps nach Oxford, während der er trotz seines Hungers nicht wagt, die mitgebrachten Vesperbrote zu essen, da er befürchtet, dass man "das nicht macht" - die anderen Fahrgäste im Abteil (zwei alte Damen, ein hübsches Mädchen, ein Geistlicher, der ein Buch annotiert) könnten Anstoß nehmen. So geht er auf die Toilette, schließt sich ein und würgt hastig seine Brote hinunter. "Seine Rückkehr hätte ein zuvor vereinbartes Zeichen sein können. Die kleinere und dickere der beiden Damen sagte munter: ,Na dann!' . . ." - und alles holt Sandwiches, Obst, Brötchen, Kekse hervor und beginnt zu essen. Dieses Bild - der unsichere, nichts falsch machen wollende junge Mann auf dem Eisenbahnklo, der, während ein anderer indigniert an der Tür rüttelt, heimlich und panisch die Brote der Mutter verzehrt, ist ein Emblem des folgenden Romans und ein Beispiel für dessen wesentlich schärfere (leidvollere) Komik.

Diese Romane, außerhalb des Modernismus, sind in mehr oder weniger traditioneller Manier erzählt (das winzige "postmoderne" Einsprengsel in Amis' Fiktionen ist hier noch nicht evident - der beharrlich wiederkehrende Auftritt des schwindulösen Professors L. S. Caton, der Jim Dixons Aufsatz über den Schiffbau in der frühen Neuzeit plagiiert, auf einen Lehrstuhl in Argentinien verschwindet und dann in rätselhaften winzigen Vignetten durch vier weitere Romane Amis' irrlichtert, bis ihn in "The Anti-Death-League" ein seltsamer Tod ereilt. Aber das Erzählen hat eine wunderbare Sicherheit des Tonfalls und der treffenden Wendung.

"Lucky Jim" und "Jill" stammen aus der Lebenszeit jugendlicher, jazzbegeisterter, sich systematisch betrinkender Energie. Beide, Amis und Larkin, sollten später zu legendären Reaktionären, zu Adoranten von Mrs. Thatcher werden, was vor allem auch der umfangreiche Briefwechsel dokumentiert. Zu Zeiten dieses Erstlingsromans tritt Amis noch für Labour ein und hält vor der sozialdemokratischen "Fabian Society" den wohlwollenden Vortrag "Lucky Jim's Politics". Er blieb einer der großen Romanciers gesellschaftlicher Komik, später dann zusehends misstrauischer gegenüber jeglicher Sozialreform und gegenüber allem, was er als bloß modisches Engagement empfand. Trotz schwankender Qualität seiner Romane bleibt das Niveau insgesamt sehr hoch - ich nenne nur "Ending Up", "The Old Devils" oder die Genre-Capriccios "The Riverside Villas Murder" (ein Detektivroman) und "The Green Man" (eine Gespenstergeschichte).

Larkin schrieb noch einen zweiten schönen Roman und brach einen dritten ab. Er, der von sich sagte: "Ich wollte mit einer Intensität ,ein Romancier sein', wie ich niemals ein Dichter sein wollte. Romane scheinen mir reicher, breiter, tiefer, erfreulicher als Gedichte", wurde schließlich der große Lyriker seiner Generation, ja, seiner Jahrhunderthälfte (die Gedichte von Amis sind nicht unbedeutend, der Vergleich zeigt jedoch der Abstand zwischen einem Talent und einem Meister). Larkins am Ende höhere Größe auch als Kritiker der Gesellschaft lag unter anderem in seinem bis zur Angewidertheit selbstkritischen Blick. Das schöne Gedicht "A Study of Reading Habits" beschreibt, wie man im Laufe des Lebens liest: Zuerst identifiziert man sich mit den Helden, dann mit den glamourösen Schurken, dann erkennt man, dass man im Tiefsten seiner selbst lediglich zur moralisch bedenklichen Statisterie gehört.

Die Idee, diese beiden glänzend geschriebenen, einander so nahen Romane aus der englischen Klassengesellschaft (Produktionen zweier sich naher und doch weit voneinander entfernter Autoren) zusammen zu veröffentlichen, als Doppelpack, als Oben und Unten ein und derselben Kippfigur, ist ingeniös. Dass dies dann auch noch so sorgfältig geschehen ist, dass die Bücher hübsch ausgestattet sind, mit Larkins Einleitung zu "Jill" von 1964, Kingsley Amis' Erinnerungen an Larkin und Martin Amis' Nachruf sowie David Lodges Vorwort zu "Lucky Jim" und unter Beifügung eines instruktiven Heftchens (mit Chronologie, Fotos und vor allem einem Auszug aus dem monumentalen Briefwechsel der beiden Freunde), das macht die Zweier-Edition zu einem schönen Ereignis. Alle Leser, die sich für die Dialektik von Sehnsucht und Komik (kurz: für das Leben) interessieren, hätten hier einen bedeutenden Gegenstand ihres Interesses.

Wie geht für uns heute der Wettstreit der beiden befreundeten Autoren aus? "Lucky Jim" ist der virtuosere, der komischere Roman, der fast sinnlich befriedigende - ein Stimulans, fröhlich und frech und voll der wunderbarsten Bemerkungen beiseite; "Jill" ist, so gut auch der Autor dieses Buches Komik zu inszenieren weiß, die melancholische, die konsequente, die sich unerbittlich unserem Sehnen verweigernde (vorweggenommene) Replik in diesem zufälliger- und doch logischerweise ausgetragenen Agon. Beide Bücher entsprechen Lebensstimmungen; die Tragikomödie von Larkin hat die Wahrheit der Enttäuschung. Er schrieb einmal: "Andere Leute sind die Hölle. (Ich habe nie begriffen, weshalb man Sartre für die Umkehrung und Verfälschung dieser Binsenweisheit bewundert.)"

Philip Larkins Statur als epochaler Lyriker ist hierzulande einigermaßen bekannt; vielleicht erhalten wir ja auch noch eine Übersetzung seines erwähnten zweiten Romans "A Girl in Winter" (1947). Womöglich könnte nun auch endlich eine verspätete Rezeption des umfangreichen OEuvres von Amis père einsetzen (was in mancher Hinsicht ein Schlaglicht auf die Texte des Sohnes Martin werfen würde). Als nächsten zu übersetzenden Roman schlüge der Rezensent das Meisterwerk "Take a Girl Like You" aus dem Jahre 1960 vor.

Kingsley Amis: "Jim im Glück". Philip Larkin: "Jill". Zwei Romane. Aus dem Englischen von Steffen Jacobs. Haffmans Verlag bei Zweitausendeins, Berlin 2010. 416 S. u. 397 S., geb., 19,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Dass die beiden Collegeromane "Jill" und "Jim im Glück" zusammen neu aufgelegt wurden, macht für den Rezensenten Tobias Lehmkuhl Sinn: Kingsley Amis und Philip Larkin hätten sich in den 40er Jahren bei ihrer Arbeit gegenseitig beeinflusst, weiß Lehmkuhl, wobei er aus dem Briefwechsel der beiden liest, dass Amis erst durch Larkin auf die Idee gekommen sei, einen eigenen Collegeroman zu schreiben. Der Rezensent geht daher lediglich auf Larkins Roman näher ein, der ihm besser zu gefallen scheint ("eindrucksvoll") als Amis' Gegenstück ("durchaus unterhaltsam"): Dieser handelt davon, dass sich Oxford-Student John Kemp eine Freundin, Jill, erträumt, um damit dem tristen Alltag der Uni zu entfliehen - bis sein Phantasieprodukt leibhaftig vor ihm steht. Lehmkuhl erklärt sich den größeren Erfolg Amis' mit dessen Leichtigkeit im Ton, Larkins Roman sei von dunkleren Bildern geprägt.

© Perlentaucher Medien GmbH