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Europa erfahren - Geert Mak auf den Spuren des 20. Jahrhunderts
Geert Mak, der große Erzähler unter den Historikern unserer Zeit, legt mit diesem Buch sein bisheriges Hauptwerk vor. Seine Geschichte des 20. Jahrhunderts ist als ein Reisebericht angelegt und versteht sich als eine Bestandsaufnahme Europas am Ende eines katastrophenreichen Jahrhunderts. Mak sucht die Orte auf, an denen die Geschichte in besonderer Weise Spuren hinterlassen hat. Ein kluges und bewegendes Buch, das uns zu Augenzeugen des letzten Jahrhunderts macht.
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Produktbeschreibung
Europa erfahren - Geert Mak auf den Spuren des 20. Jahrhunderts

Geert Mak, der große Erzähler unter den Historikern unserer Zeit, legt mit diesem Buch sein bisheriges Hauptwerk vor. Seine Geschichte des 20. Jahrhunderts ist als ein Reisebericht angelegt und versteht sich als eine Bestandsaufnahme Europas am Ende eines katastrophenreichen Jahrhunderts. Mak sucht die Orte auf, an denen die Geschichte in besonderer Weise Spuren hinterlassen hat. Ein kluges und bewegendes Buch, das uns zu Augenzeugen des letzten Jahrhunderts macht.

Für dieses Buch ist Geert Mak ein Jahr lang kreuz und quer durch Europa gereist. In jedem Monat seiner Reise nimmt sich Mak einen weiteren Abschnitt des 20. Jahrhunderts vor. Im Januar besucht er Paris, wo das 20. Jahrhundert mit der großen Weltausstellung seinen optimistischen Anfang nahm. Im Dezember befinden wir uns in den Ruinen Sarajewos, die das Ende des blutigen Jahrhunderts markieren.

Mak liest die Spuren, die das 20. Jahrhundert auf unserem Kontinent hinterlassen hat, er begibt sich auf die Suche nach der Befindlichkeit Europas, wie sie an historischen Erinnerungsorten und in den Geschichten von Menschen zum Vorschein kommt. Dabei wird erkennbar, in welcher Weise die Vergangenheit unsere Gegenwart prägt, wie sie uns Europäer verbindet, vielfach aber auch trennt.

Mak versteht es wie kein anderer, der Geschichte Europas im 20. Jahrhundert ein Gesicht zu geben, sie in zahllosen Details sichtbar, fühlbar, sinnlich wahrnehmbar zu machen. Auf seiner Reise sprach Mak mit Schriftstellern und Politikern, mit Dissidenten und hochrangigen Offizieren, mit einem Bauern aus den Pyrenäen und mit dem Enkel des letzten deutschen Kaisers sowie mit zahlreichen anderen Europäern, die ihm ihre Erfahrungen und Erinnerungen anvertraut haben.

"Mak macht Europa begreifbar. Und wie immer bei Mak: ein Lesevergnügen."

Elsevier

"Lesenswert vom Vorwort bis zur letzten Fußnote"

Trouw

"Ein beeindruckendes Werk, hervorragend erzählt, voller persönlicher Geschichten."

Vrij Nederland
  • Produktdetails
  • Verlag: SIEDLER
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783886808267
  • ISBN-10: 3886808262
  • Artikelnr.: 14112872
Autorenporträt
Geert Mak wurde 1946 in einem friesischen Dorf geboren. Er ist einer der bekanntesten Publizisten der Niederlande und gehört nach drei großen Bestsellern zu den wichtigsten Autoren des Landes. Bei Siedler sind erschienen "Amsterdam " (1997), "Wie Gott verschwand aus Jorwerd" (1999) und zuletzt das sehr erfolgreiche und viel gelobte Buch "Das Jahrhundert meines Vaters" (2003).
Rezensionen
Besprechung von 21.12.2005
Gelobtes Land
Hier ist sie, die Seele unseres Kontinents: Der Niederländer Geert Mak reist in Europa durch Raum und Zeit
Jacques Delors, bekannt als „der große Europäer”, hat es immer wieder gesagt: Man müsse Europa eine Seele geben. Leider hat er nicht gesagt, wie diese Seele aussehen solle. Und so ist es denn kein Wunder, dass es den vielen kleinen Europäern bisher auch nicht gelungen ist, sie zu beschreiben. Einen Vorschlag macht Geert Mak. Dieser Vorschlag ist neunhundert Seiten dick und erfüllt damit die allererste Anforderung an eine ordentliche europäische Seele: dass sie nämlich viele Seiten habe.
1999 ist Mak im Auftrag einer niederländischen Tageszeitung ein Jahr lang durch Europa gereist, in einem Kleinbus, kreuz und quer zwischen Spanien und Finnland, zwischen London und Stalingrad. Jeden Tag hat er ein Aperçu für diese Zeitung geschrieben. Außerdem hat er eine kleine Bibliothek konsultiert, um seiner Darstellung noch mehr historische Tiefe zu geben. Europa, schreibt er, „ist ein Kontinent, auf dem man mühelos in der Zeit hin und her reisen kann”. Wohin er auch kam, fand er nicht bloß die Spuren der Geschichte vor, sondern eine dem Ort jeweils eigene Zeit: „Auf den Fähren in Istanbul herrscht das Jahr 1948, in Lissabon 1956. An der Gare de Lyon in Paris fühlt man sich wie im Jahr 2020; und in Budapest haben junge Männer die Gesichter unserer Väter.”
Geert Maks Buch „In Europa” ist eine Reise durch Raum und Zeit. Teils geschichtliche Erzählung des zwanzigsten Jahrhunderts, teils Reportage aus allen Teilen Europas, ist es das Porträt eines Kontinents, dessen Großartigkeit von Unheil so zerstückelt wurde, dass Mak sie heute vor allem in den kleinen Dingen wiederfindet: in den Seltsamkeiten der Leute, mit denen er gesprochen hat, in den Windungen der Wege, die noch nicht asphaltiert sind, in den Spuren, welche die donnernde Geschichte in Stein und Erde und in den Seelen der Menschen hinterlassen hat. Die Einschusslöcher, die man heute noch in Ost-Berliner Häusern sehen kann, beeindrucken Mak. Dass in Barcelona alle Spuren des Bürgerkrieges getilgt sind, kommt ihn ein wenig unheimlich an. Ihn interessiert der Kontrast, der allein Zeit fühlbar werden lässt. Er sucht die Überreste des Gewesenen inmitten des Gegenwärtigen. An diesem Kontrast, wo immer er ihn findet, sei es im Novi Sad oder in Poperinge, wächst seine Darstellungskraft.
Erstklassiger Abfall
Geert Maks Reportagegeschichte ist chronologisch sortiert, wobei der Reporter Mak sich stets jenen Orten zuwendet, die im Mittelpunkt des Geschehens liegen, das der Historiker Mak beschreibt. Die Geschichte beginnt in Paris um 1900. Für den Ersten Weltkrieg ist Mak unter anderem nach Wien, Verdun und Versailles gereist. 1917 finden wir ihn in Petrograd, 1938 in München, Anfang der vierziger Jahre in Auschwitz. So hat er mit seinem Kleinbus das ganze Jahrhundert besucht. Wenn es nicht die Schauplätze von Tod und Zerstörung sind, an denen er Halt machte, dann vornehmlich jene Orte, wo die Gewalt des Jahrhunderts ausgeheckt wurde.
Viele Porträts von Städten und Dörfern sind so entstanden. Während Mak den ländlichen Flecken gleichmäßig liebenswürdig-melancholische Blicke schenkt, geht er mit den Städten ruppig um: „Barcelona ist wie eine schlampige Frau mit wundervollen Augen.” In Wien wird „jeder Schneehaufen . . . unverzüglich gleichgeschaltet”. Mak kann sich „nicht vorstellen, dass diese Stadt sich noch fortpflanzt, dass man hier noch miteinander ins Bett geht, dass unter all diesen Hüten und vernünftigen Kostümen noch Körper stecken”. Und über Amsterdam ist zu lesen: „Nirgendwo sieht man so viele Menschen aus Abfalleimern essen wie in Amsterdam, was mit der Unbefangenheit der niederländischen Junkies zusammenhängt, aber auch mit der erstklassigen Qualität des holländischen Abfalls.”
Maks europäische Geschichte wird vor allem von den Kriegen des 20. Jahrhunderts und seiner eigenen Reiselust zusammengehalten. Er selbst zweifelt, „ob die ganze Diskussion über die ,europäische Identität‘ überhaupt sinnvoll ist”. Er glaubt nicht, dass es so etwas wie ein europäisches Wesen gebe. Die Europäische Union ist auch nicht mehr als ihre Geschichte. Von deren Ursprüngen erzählt Mak mit Bewunderung: Jean Monnet war nicht nur ein Vater der Europäischen Gemeinschaft, Mak erblickt in ihm obendrein auch denjenigen, der es erstmals in der europäischen Geschichte zuwege brachte, dass ein gemeinsames europäisches Interesse über nationale Egoismen gestellt wurde. Nach Beginn des Ersten Weltkrieges überredete der damals erst sechsundzwanzig Jahre alte Kognakhändler Monnet die englische und die französische Regierung, ihr Seetransportwesen und die Verwaltung ihrer Nahrungsmittel teilweise zu koordinieren. Die beiden dafür geschaffenen französisch-britischen Organisationen bezeichnet Mak als „Keimzellen” dessen, was später die EU werden sollte.
Als Historiker schreibt Mak nicht minder pointiert denn als Reiseschriftsteller. Das macht sein Buch zu einer fabelhaften Lektüre für alle, die gern etwas über die Geschichte des 20. Jahrhunderts wüssten, aber nicht wissen, wo sie anfangen sollen. Mak hält mit seiner Meinung nicht hinterm Berg. Den Briten zollt er große Hochachtung, weil sie ihr Weltreich für die Demokratie ruiniert hätten. Er zitiert Präsident Roosevelt, der sagte: Wenn das Haus des Nachbarn brennt, verhandelt man nicht erst über den Preis der Feuerspritze, man gibt sie gleich her und rechnet später ab. „Und abgerechnet wurde nach 1945 dann auch”, konstatiert Mak, „den Briten wurden gnadenlos ihre letzten Gold- und Dollarreserven abgeknöpft.” Damit - Mak sagt es nicht ohne Süffisanz - haben die USA sich auf Augenhöhe mit der Sowjetunion gebracht, die sich nämlich während des Spanischen Bürgerkrieges ihre Hilfsleistungen für die Republik mit deren Goldreserven üppig vergelten ließ.
Mak urteilt frisch, geht mit Menschen indes rücksichtsvoller um als mit Städten. Er lässt die Leute, die er auf seinen Reisen traf, meistens für sich selbst sprechen. Jene, die mehr zu sagen haben, bedeutende politische Würdenträger aller Art, lässt Mak über einige Seiten hin in einem langen Zitat zu Wort kommen. In einer neuen Ausgabe dieses Buches wäre es hilfreich, die Namen der Interviewten stets deutlich zu nennen. In der jetzigen Fassung zwingen einige dieser langen Selbstaussagen von offenbar berühmten, aber nicht in jedem Land gleichermaßen bekannten Männern den Leser ins Internet, was schade ist, weil er dabei Zeit verliert, die besser über der Lektüre von „In Europa” verbracht wäre.
Kein glückliches Ende
Mit dem Zweiten Weltkrieg ist dieses Buch noch lange nicht zu Ende. Es folgen 1956 und 1968, die Nelkenrevolution, Francos Tod, schließlich der Fall des Eisernen Vorhangs und der Kosovo-Krieg. Langatmig wirkt „In Europa” nie. Es ist das ganz seltene Beispiel eines sehr langen Sachbuches, das den Leser gegen Ende noch ebenso berührt wie am Anfang.
Die Übersetzung liest sich sehr gut, die beiden Übersetzer haben Maks mitunter elegischen Ton im Deutschen nicht abgewürgt. Oftmals spricht Mak wie ein Erbe alter Zeiten, der ausgezogen ist, den Untergang jener Welt zu besichtigen, die nach dem Untergang des Abendlandes übrig geblieben ist. Sein Buch beginnt und endet mit einem Besuch in dem kleinen ungarischen Flecken Vásárosbéc. 1999 hat Ungarn sich „EU-tauglich” gemacht. Die Bewohner osteuropäischer Länder haben damals die EU wie ein gelobtes Land betrachtet, das die Gnade habe, zu ihnen zu kommen.
Auch die Bewohner von Vásárosbéc freuten sich auf die EU. Dass sie ihre Schweine nicht mehr zu Hause schlachten würden dürfen, konnten sie sich nicht vorstellen: „Sie sahen einander ungläubig an”, schreibt Mak, „sie wussten damals noch nicht, dass sie bald in der Kneipe auch nicht mehr würden rauchen dürfen.” Seitdem Ungarn der EU beigetreten ist, verlieren die Dörfer ihre Einwohner, auch Vásárosbéc. Beraterbüros, Demokratisierungs- und Verwestlichungsprogramme machen sich breit, westliche Discount-Läden verdrängen die einheimischen Geschäfte. Mak hätte sich gewünscht, die EU-Erweiterung wäre innerhalb der einzelnen Beitrittsländer in Etappen vonstatten gegangen. Die plötzliche Veränderung habe vieles vom einheimischen Zusammenhalt zerstört; und für die Nachbarn, die nicht in der EU sind, seien die plötzlich geschlossenen Handelsgrenzen eine Katastrophe. „Ich hätte diesen Bericht gern mit einem glücklichen Ende abgeschlossen”, schreibt er.
„In Europa” zeigt, was Jacques Delors sich gewünscht hat: die Seele Europas. Allerdings befürchtet Geert Mak, dass diese Seele, so wie er sie kennen gelernt hat, in der EU nicht überstehen wird.
FRANZISKA AUGSTEIN
GEERT MAK: In Europa. Aus dem Niederländischen von Gregor Seferens und Andreas Ecke. Siedler Verlag, München 2005. 943 Seiten, 49,90 Euro.
Zerstückelte Großartigkeit: Ein Jahr lang fuhr Geert Mak als historischer Reporter mit dem Kleinbus kreuz und quer durch Europa.
Foto: blickwinkel / D. Galehr
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
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Besprechung von 20.02.2006
Keine Einschußlöcher in Barcelona gefunden
Geschichte, die das Leben schrieb: Geert Mak möchte den ratlosen Europäern auf die Sprünge helfen

Im Wagen der Erinnerung rollt der niederländische Publizist Geert Mak kreuz und quer durch Europa. So entsteht aus tausend Erlebnis-Schnipseln eine Collage des zwanzigsten Jahrhunderts. Maks History-Spiel ist eine Aufreizung der spezifischen Urteilskraft des Historikers.

Europa als selbstverständliche Gegebenheit gehört zur "Welt von gestern", die während des Ersten Weltkrieges unterging. Insgesamt sind wir immer noch nicht wieder so europäisiert, wie wir es einmal waren. Daran erinnert Geert Mak mit seinem Buch. Der Europäischen Union als wirtschaftlicher Gemeinschaft mangelt es, wie er vermutet, an geistig-ideeller Substanz, um die meist mit sich selbst beschäftigten und schlechtgelaunten Völker von ihrer Gemeinsamkeit zu überzeugen.

Eine neoabsolutistische Bürokratie in Brüssel mischt sich kleinlich ins Leben jedes einzelnen und erzeugt statt Enthusiasmus höchstens Mißtrauen. Wird die Europäische Union ein großes Belgien, in dem sich die Sprachgruppen wechselseitig auf die Nerven fallen? Die Renationalisierung Europas macht erstaunliche Fortschritte. Andernteils, das unter sich zerstrittene Belgien hat vorerst alle Spannungen überstanden. Weil alle zusammen eine Vorstellung von Belgien haben?

Geert Mak, ein niederländischer Europäer, macht sich Sorgen. Es war die Generation, die den Zusammenbruch Europas im Ersten Weltkrieg erlebte, welche nach dem Zweiten Weltkrieg begann, die institutionellen Voraussetzungen für eine europäische Einigung zu schaffen. Sie konnten die Jüngeren nach dem Zweiten Weltkrieg dafür gewinnen, alle Hoffnungen auf ein vereintes Europa zu setzen. Diese damals Jungen sind, sofern nicht gestorben, alt und einflußlos geworden. Mit ihnen verschwinden die Erinnerungen an eine unselige Geschichte mit ihren vielen Geschichten, die zur Überwindung der nationalen Gegensätze nötigte. Die Erfahrungen des Zusammenlebens, etwa der sechs Völker, die sich 1951 auf den "europäischen Weg" machten, stimmen ihn nicht zuversichtlich.

Die momentane Ratlosigkeit unter den uneinigen Europäern erklärt sich der Autor damit, daß sie zu wenig gemeinsame Erinnerungen hätten. Wenn es sich so verhielte, wie konnten dann die Europäer um 1900 sich mühelos als Europäer verstehen und miteinander trotz aller Spannungen leben? Geert Mak vertraut den Kräften des alten Europa nicht, die offenbar auch ihm zu fremd sind. Da bleibt es unvermeidlich, daß ihm das zwanzigste Jahrhundert mit seinen Trostlosigkeiten, an denen jedes Volk Anteil hatte, als das europäische Jahrhundert schlechthin erscheint. Paradoxerweise das Jahrhundert, in dem Europa zerbrach und geteilt wurde. Die Vergegenwärtigung der Schrecken und Leiden soll, wie er hofft, abschreckend wirken und helfen, die verschiedenen Willen zu einem gemeinsamen Wollen zusammenzufassen.

Geert Maks Reise durch das zwanzigste Jahrhundert als einer Reise kreuz und quer durch Europa veranschaulicht jedoch vor allem die Hilflosigkeit vor der Geschichte. "Hinter jeder Ruine verbirgt sich eine Tragödie, wenn ich auch nicht weiß, welche." Er fuhr 1999 zu sämtlichen "Ereignisorten", die zum bevorzugten Schauplatz im Drama des europäischen Jahrhunderts wurden. Es ist eine Reise von einem schon wieder vergangenen Heute in die Vergangenheit. Bloß in welche Vergangenheit? "Guernica sieht jeder anders": So geht es mit fast allen historischen Tatsachen. Als Konstruktionen sind sie darum auf eine Art wahr, weil sie zugleich auf eine Art falsch sind, wie schon der Geschichtstheologe Augustinus bemerkte.

Geert Mak hütet sich vor philosophischen Spekulationen. Er verläßt sich auf das, was heute gesucht wird: auf das authentische Leben, die Geschichte als persönliches Erlebnis und Anekdote aus einer unverwechselbaren Biographie. Wer die Obskuren nicht gefühlt hat, kann die Berühmten nicht verstehen. So kommt jeder zu Wort, denn "wir haben fast alle so eine Geschichte".

Der Autor achtet auf Lokalkolorit. Jeder Ort regt zu Stimmungen an, die zu den Geschichten aus der Geschichte gehören. Das Wien um 1900 ist nervös, es wird auch eine fröhliche Apokalypse genannt. Das Talent des Reiches hat sich dort versammelt. Deshalb die Nervosität und Neurosen. Was hilft in einer wackelnden Monarchie? Ein militärischer Muntermacher, wie nervöse Generale vermuten. Also Schwenk hinüber zum Weltkrieg, in den Graben, die Lazerette und zu dem unvergeßlichen Austausch von Nettigkeiten unter den Feinden.

Aber der Wagen rollt, und auf einmal nähert er sich Petrograd, heute wieder St. Petersburg. In St. Petersburg 1999 ist das Hotel in mancher Hinsicht russisch. Der Winter will nicht enden, obwohl die Menschen ihn leid sind. Der immer noch erlebbare kaiserliche Luxus ist der eines Parvenus, wie ein Schleier über die asiatische Barbarei geworfen. Jetzt kann es losgehen mit den asiatischen Barbarismen der Oktoberrevolution und ihren Folgen. Doch uns ist gegeben, auf keiner Stätte zu ruhn. Weiter nach Riga, das hat die Transparenz des Meeres. Barcelona ist wie eine schlampige Frau mit wundervollen Augen, Saragossa ist die unmöglichste Stadt Europas mit seinen totgeborenen Boulevards.

Spanien ist dürr. Aber es hat eine kleine, grüne Schweiz, bewohnt von einem seltsamen, alten Volk, den Basken. Diese haben eine Sprache, die knarrt wie eine Keilschrift. Nichteingeweihte verstehen nichts von dem, was diese Menschen schreiben oder sagen. Sie kommunizieren, offenbar über sich selbst nicht eingeweiht, überwiegend durch Geruch und Geschmack. Man sollte deshalb die Basken nicht über einen Kamm scheren. Bei ihnen zeigt sich der alte Konflikt zwischen Volk und Nation, wie bei den Ungarn, Lappen, Friesen und anderen kleinen Völkern, die, aus welchen Gründen auch immer, auf der falschen Seite der schraffierten Linie auf der europäischen Landkarte gelandet waren.

Auf den Flügeln solch bunter Assoziationen, unbekümmert darum, ob sie verständlich sind, trägt es den nimmermüden Spurensucher von einem Ort zum anderen. Überall wird er enttäuscht. Es gibt keine Einschußlöcher in Barcelona, nichts erinnert in Nürnberg an die Zerstörung, und in London, wo man sich im Museum sein privates Kriegserlebnis zusammenstellen kann, wird die Vergangenheit zum Spiel mit Kuriositäten. Geert Mak hat Fürchterliches aus diesem fürchterlichen Jahrhundert zusammengetragen. Aber er läßt uns nicht ohne die Gewißheit, daß in jedem Dunkel ein Licht leuchtet. Es gab trotz allem wunderbare Menschen auch während des Dritten Reiches oder des Stalinismus.

Seine Devise lautet: Wir heißen euch hoffen. Halten wir uns an das Gute, das sich in jedem Volk manifestiert. Das Böse am intensivsten in Deutschland und Rußland. Doch darf nie vergessen werden: Das Böse war und ist ansteckend. Wer frei davon ist, der werfe den ersten Stein! Es sind Schnipsel, Geschichten von Menschen für Menschen, die der niederländische Mitmensch zu einer Collage vereint, die ein Bild der allgemeinen Geschichte sein soll. Widersprüche oder Ungereimtheiten stören ihn nicht weiter. Sie sind unvermeidlich beim Verfertigen von Geschichtserzählungen, wie postmoderne Historiker lehren. Als Postmodernen darf ihn der mögliche Trug der Einzelheiten nicht irritieren.

Sie sind auf jeden Fall lebendig mit ihrer eigenen Wahrheit und erlauben es, Erlebnisse sich gleichsam als eigenes Erleben anzueignen. Sie lassen sich beliebig arrangieren, wie im Alltag des unübersichtlichen Lebens. Den Sinn und Zusammenhang stiftet - wie im wirklichen Leben der es Erlebende - ohnehin der aufmerksame Leser, der als wertefühlendes Subjekt seine Eindrücke konsequent zu seinem eigenen Bilde ordnet. Der Leser ist Partner und darf als solcher beim History-Spiel mitmachen. Auf solche Art gelingt wenigstens dem einzelnen, sich eine Legende von Europa zu bilden. Trotz aller Mühen um Geschichte mit ihren Zumutungen sehnt sich Geert Mak nach Mythen. Europa wird es erst dann als belebende geistige Kraft geben, wenn die Europäer, wie er hofft, gemeinsame Legenden haben und an sie glauben, wie die Amerikaner an die ihren. Zu diesem Fazit hätte man auch ohne diese sonderbare Reise gelangen können.

EBERHARD STRAUB

Geert Mak: "In Europa". Eine Reise durch das 20. Jahrhundert. Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke und Gregor Seferens. Siedler Verlag, München 2005. 944 S., geb., 49,90 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Karl Schlögel begeistert sich für das umfangreiche Buch des niederländischen Historikers und Journalisten Geert Mak. Er zeige in einem Dutzend Kapiteln, wie fragmentarisch und in Brüchen man von der Selbstzerstörung und Wiedergeburt des europäischen 20. Jahrhundert zu sprechen hat, ohne der Illusion einer "Meistererzählung" auf den Leim zu gehen. Dabei halte sich der Autor an die historisch vorgegeben Einteilungen durch Weltkriege und Mauerfall, die mit den Erfahrungen der jeweiligen Generationen übereinstimmen. Trotzdem erzähle der Historiker "mit einem Sinn für dramatische Abläufe" und verstehe es, das "Ineinander von longue duree und beschleunigter Ereignisgeschichte" miteinander zu verweben. Da sich die Geschichte Europas durchaus an seinen Orten ablesen lasse, lese sich das Buch wie eine Kontinentalreise durch ein Jahrhundert, wobei der Autor die Route nicht dem Zufall überlassen hat und sich von den "Entscheidungszentren über Schlachtfelder und Frontlinien an die Peripherien" vorarbeitet. Hinzu kommen Interviews, Selbstgespräche und Zitate wichtiger Zeitzeugen sowie pointierte Beschreibungen. In den Augen des Rezensenten ein wichtiges Buch.

© Perlentaucher Medien GmbH
"Detailgenau und spannend." EU-Nachrichten
"Man liest Geert Maks Reise durch die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts und denkt: Hätte man doch nur einmal die Macht, einen Kauf zu befehlen."