In der Gewalt des Feindes - Speckner, Hubert
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Die Kriegsgefangenenlager der Deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg sind erst seit kurzer Zeit ein Forschungsthema der Zeitgeschichte. Trotz ihrer bedeutenden Rolle im Wirtschaftsleben des "Dritten Reiches" und obwohl viele Menschen fast täglich Kontakt mit den Insassen der Lager hatten, war ihre Existenz mit den Mannschaftsstammlagern (Stalag) und Offizierslagern (Oflag) weiten Teilen der Bevölkerung kaum bekannt. Hauptthemen der Arbeit sind die Organisation der Lager und ihrer Kriegsgefangenen, die zahlreichen Fluchtversuche und Widerstandsaktionen der Kriegsgefangenen, das Verhältnis der…mehr

Produktbeschreibung
Die Kriegsgefangenenlager der Deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg sind erst seit kurzer Zeit ein Forschungsthema der Zeitgeschichte. Trotz ihrer bedeutenden Rolle im Wirtschaftsleben des "Dritten Reiches" und obwohl viele Menschen fast täglich Kontakt mit den Insassen der Lager hatten, war ihre Existenz mit den Mannschaftsstammlagern (Stalag) und Offizierslagern (Oflag) weiten Teilen der Bevölkerung kaum bekannt. Hauptthemen der Arbeit sind die Organisation der Lager und ihrer Kriegsgefangenen, die zahlreichen Fluchtversuche und Widerstandsaktionen der Kriegsgefangenen, das Verhältnis der Kriegsgefangenen zur Bevölkerung sowie der Arbeitseinsatz der Kriegsgefangenen.
  • Produktdetails
  • Verlag: Oldenbourg
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783486567137
  • ISBN-10: 3486567136
  • Artikelnr.: 11318646
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Reinhard Olt spricht Hubert Speckner ein großes Lob aus. Dessen Studie über die Kriegesgefangenenlager in Österreich während des Zweiten Weltkrieges ist nach Ansicht des Rezensenten beeindruckend in ihrem Materialreichtum und überzeugend in ihrer Argumentation; Organisation und Aufbau der Lager, Arbeit und Freizeit der Gefangenen, ihre nationale Herkunft, Fluchtaktivitäten und Widerstand - all das ist lückenlos dokumentiert und ausgewertet worden. Ein Ergebnis dieses detaillierten Forschungsarbeit hebt Olt besonders hervor: Speckners Buch belege nämlich, dass die russischen Gefangenen gezielt extrem schlechter behandelt wurden als beispielsweise die amerikanischen und britischen - das Volkerrecht wurde hier bewusst außer Kraft gesetzt. Einer von hundert Amerikanern starb in der Gefangenschaft, aber ungefähr jeder zweite sowjetische Insasse - zwischen 2,5 und 3,3 Millionen von insgesamt 5,7 Millionen Gefangenen. Mit anderen Worten: Die Behandlung sowjetischer Armeeangehöriger in deutschen Gefangenenlagern gehorchte den Vorgaben gezielter Vernichtungspolitik.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 17.09.2004
Leben hinter Stacheldraht
Kriegsgefangenenlager in der "Ostmark" 1939 bis 1945

Hubert Speckner: In der Gewalt des Feindes. Kriegsgefangenenlager in der "Ostmark" 1939 bis 1945. R. Oldenbourg Verlag, Wien/München 2003. 352 Seiten, 49,80 [Euro].

Barbara Stelzl-Marx (Herausgeberin): Unter den Verschollenen. Erinnerungen von Dmitrij Cirov an das Kriegsgefangenenlager Krems-Gneixendorf von 1941 bis 1945. Horn - Waidhofen/Thaya 2003 [zu beziehen über Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung, Schörgelgasse 43, A-8010 Graz]. 272 Seiten, 22,- [Euro].

"Stalag 17" ist mehr als ein Zelluloidstreifen. Der gleichnamige Film, 1953 gedreht, trug Billy Wilder den Oscar ein. Als Verfasser und Regisseur des zugrundeliegenden Theaterstücks über das Leben hinter Stacheldraht, welches nach Kriegsende erfolgreich am Broadway und anderswo aufgeführt wurde, hatten sich zwei vormalige Kriegsgefangene betätigt. Was sie zuvor als Insassen des tatsächlich existenten "Stalag XVII B" erlebt hatten, war allerdings keine amerikanische Seifenoper-Fiktion, sondern bittere Realität. Zwischen Oktober 1943 und Kriegsende waren damit mehr als viertausend Soldaten der amerikanischen Luftwaffe konfrontiert, zumeist Flugzeugbesatzungen; Piloten und Bordpersonal befanden sich im (Kriegsgefangenen-Mannschafts-)Stammlager XVII B in Gneixendorf bei Krems in Niederösterreich im Gewahrsam der Wehrmacht, untergebracht in einem eigens von der Luftwaffe verwalteten Teillager.

Gneixendorf war im Durchschnitt mit gut fünfzigtausend Kriegsgefangenen (Höchstzahl 63 939 am 1. September 1941, selbst vier Monate vor der Kapitulation noch 41 938 Insassen) belegt, Stalag XVII B somit eines der größten Lager im Reichsgebiet und von den insgesamt zwölf Kriegsgefangenenlagern in der damaligen "Ostmark" überhaupt das größte. Zur Bewachung von 30 909 Franzosen, 23 452 Belgiern und 548 Polen (Stand September 1940) sowie 17 846 Franzosen, 9481 Sowjetsoldaten, 5403 Serben, 4179 Amerikanern, 2783 Belgiern, 1191 Briten, 699 Italienern, 208 Slowaken, 79 Polen und 69 Bulgaren (Stand Dezember 1944) verzeichnet beispielsweise die an das Oberkommando der Wehrmacht (OKW)/Chef Kriegsgefangenenwesen (KGW) ergangene Stärkemeldung für den 6. September 1940 einen "Gesamtpersonalstand" von 133 Offizieren, 739 Unteroffizieren, 9262 Mannschaften, acht Ärzten sowie 138 Zivilbeamten.

Die meisten Gefangenen gehörten indes zu einem der zahlreichen Arbeitskommandos außerhalb des Lagers, wo sie in der Land- und Forstwirtschaft, im Bergbau, in der Industrie sowie im Gewerbe und im Bauwesen arbeiten mußten. Dem verweigerten sich die amerikanischen Flieger-Unteroffiziere unter Berufung auf die ihnen gegenüber eingehaltene Genfer Konvention von 1929 nahezu durchweg. So sie nicht auf Flucht sinnten, weshalb viele auch an Tunnelgrabungen beteiligt waren, probten sie statt dessen "aus Langeweile" Theateraufführungen, besuchten die Lagerschule, auch Vorlesungen und Kurse der "Lageruniversität". Während sie auch durch Rotkreuz-Pakete aus der Heimat, welche über das IKRK ausgeliefert wurden, eine vergleichsweise privilegierte Sonderstellung genossen, worin ihnen allenfalls noch die gefangenen Briten gleichkamen, ging es den Kriegsgefangenen anderer Nationalität ungleich schlechter. Amerikaner und Briten standen in der Gefangenen-"Hierarchie" obenan, es folgten Franzosen und Belgier (nach dem "Seitenwechsel" 1943 und 1944 auch Italiener sowie Rumänen), am unteren Ende rangierte das "slawische Untermenschentum", und die Russen bildeten das Schlußlicht. Betrug die Sterblichkeitsrate kriegsgefangener Amerikaner ein Prozent (in Krems-Gneixendorf sogar nur ein Promille), so die der sowjetischen Kriegsgefangenen um die 50 Prozent. Die Zahlen sprechen für sich: von 5,7 Millionen in deutsche Kriegsgefangenschaft geratenen Sowjetsoldaten kamen vorliegenden Berechnungen zufolge zwischen 2,5 Millionen und 3,3 Millionen um. "Die Russen" erhielten die Reste von den Resten, "Russenbrot" mitunter, dem eigens Sägemehl beigemengt war; sie verstarben infolge chronischer Unterernährung oder wurden von Seuchen wie Typhus und Fleckfieber dahingerafft. Wer die Gefangenschaft überlebte und nach Hause zurückzukehren trachtete, war Stalins Repressionsapparat unterworfen und kam anstatt in seiner Heimat im "Archipel GULag" an.

Erst 1995 hat Boris Jelzin die Geschundenen per Präsidialdekret vollständig rehabilitiert. Für den Feind gearbeitet und überlebt zu haben ließ die meisten, die ein solches Schicksal getragen hatten, über ihr bemitleidenswertes Dasein erst in deutschem, dann in sowjetischem Gewahrsam schweigen. Um so mehr ist die Publikation des von der Grazer Historikerin Barbara Stelzl-Marx herausgegebenen Memoirenbands eines Heimkehrers zu begrüßen. Was der 1991 verfaßte Text des heute 82 Jahre alten Sprachwissenschaftlers Dmitrij Cirov aus Kasachstan aus eigenem Erleben in subjektiver Wahrnehmung offenlegt, verobjektiviert nun die voluminöse Studie Hubert Speckners über alle Kriegsgefangenenlager in der damaligen "Ostmark". Diese füllten sich nach Beginn des "Unternehmens Barbarossa" ab Mitte 1941 hauptsächlich mit sowjetischen Kriegsgefangenen. Speckner weist nach, daß zeitweise mehr als deren 300 in Räumen untergebracht waren, die für eine Belegung mit 200 Personen geplant waren.

Die vom OKW erlassenen Richtlinien zur Behandlung sowjetischer Kriegsgefangener verstießen bewußt gegen das Völkerrecht, schonungslos wurde der Vernichtungs- und "Weltanschauungskrieg" gegen die Angehörigen der Sowjetarmee geführt, die in Gefangenschaft gerieten. Die festgesetzten Verpflegungsrationen bedeuteten für Tausende den Tod.

Speckner beschreibt auf der Grundlage erstmals ausgewerteter vielfältiger Aktenbestände detailliert die "ostmärkische" Lagersituation. Dabei stehen Aufbau und Organisation der Lager (Unterbringung, Bewachung, Versorgung, Postwesen, Schutzmachtvertretung und Hilfsorganisationen) im Mittelpunkt. Umfangreiche Kapitel befassen sich mit der Organisation der Kriegsgefangenen, mit ihrer "Freizeitgestaltung", ihrem religiösen Leben, ihrer "Fortbildung" in Lager-Schulen und -"Universitäten". Ein nicht weniger umfänglicher Teil des Buches gilt Fluchtversuchen und Flucht, der Organisation von Gefangenen in Widerstandsgruppen sowohl in den Lagern als auch auf Arbeitskommanden außerhalb. Speckner kann zudem mit beeindruckenden Daten zum Arbeitseinsatz sowie zum Verhältnis zwischen Kriegsgefangenen und Bevölkerung aufwarten. Nicht weniger gewichtig sind seine gut untermauerten Einlassungen über die Bestrafung von Gefangenen im allgemeinen und wegen "verbotenen Umgangs" im besonderen.

REINHARD OLT

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