Im Lande des Don Quijote. Drei Briefe. Stefan Knechtel, Holzschnitte. - Thelen, Albert Vigoleis
  • Buch

Jetzt bewerten

Produktdetails
Rezensionen
Besprechung von 26.02.2015
Scheintopf statt Eintopf
Ein bibliophiler Band bietet eine Brief-Entdeckung von Albert Vigoleis Thelen

Mallorca ist der Deutschen Lieblingsinsel, die Zahl der jährlichen Besucher geht in die Millionen. Der produktivste Einzelaufenthalt aber liegt schon acht Jahrzehnte zurück: Im Sommer 1931 reiste Albert Vigoleis Thelen mit seiner Schweizer Freundin Beatrice Bruckner nach Palma de Mallorca. Anlass war ein Telegramm von Bruckners dort lebendem Bruder: "Liege im Sterben." Das war gelogen, er hatte Liebesprobleme. Den herbeigebetenen Rettern aber kam der Anlass gerade recht zu einem Schritt, "der uns ja immer als irgendeine Lösung oder Erlösung vor Augen stand", wie Thelen vor der Abreise schrieb. Fünf Jahre sollten er und Beatrice auf Mallorca bleiben, stets unter prekären Verhältnissen, von 1933 an ohne Option auf Rückkehr nach Deutschland. 1936 schließlich flohen sie vor Francos Schergen in die Schweiz.

Aus ihren Erlebnissen erwuchs ein Roman, der zum Besten gehört, was die deutsche Nachkriegsliteratur zu bieten hat. "Die Insel des zweiten Gesichts" erschien 1953 und ist seitdem ein Dauererfolg, auch wenn viele Mallorca-Enthusiasten unter den Käufern wohl erstaunt gewesen sein dürften, was sie da erzählt bekamen: eine politische Schelmengeschichte, von der nie ganz klar war, wie viel davon auf Thelens eigenen Erlebnissen beruhte. Aber als 2010 der erste von drei geplanten Briefbänden erschien, zeigten sich etliche Parallelen, und zwar gerade bei den burleskesten Episoden. Und das, obwohl darin gerade einmal vierzehn Briefe aus der Mallorca-Zeit enthalten waren. Viel mehr hatten die Herausgeber Ulrich Faure und Jürgen Pütz nicht finden können; zwei weitere reichten sie im selben Jahr noch in der Literaturzeitschrift "die horen" (Nr. 4/2010) nach. Es fehlte jedoch ein umfangreicher Brief vom 13. Dezember 1932 (mit einem Nachtrag vom 20. Dezember) an die deutsche Verwandtschaft, dessen Existenz kurz nach Thelens Tod 1989 bekanntgeworden, aber der nie transkribiert worden war.

Kurz nach Drucklegung des Briefbandes tauchte er überraschend wieder auf, und jetzt kann man ihn erstmals lesen: in einem bibliophilen Pressendruck von Reinhard Scheubles Quetsche Verlag für Buchkunst. Eingerahmt wird er von zwei weiteren Schreiben aus Mallorca, die allerdings beide im Briefband enthalten sind: dem sogenannten "Hurenbrief" von Ende August 1931, in dem Thelen die Farce um den angeblich todkranken Bruder von Beatrice Bruckner schildert, und einem Brief von Juli 1933 an einen reichen niederländischen Schriftsteller, der sich nach den Lebensbedingungen auf Mallorca erkundigt hatte. Es sind geradezu burleske Korrespondenzbeispiele, ganz im Geist der "Insel des zweiten Gesichts". Der erstmals publizierte Brief von Ende 1932 dagegen hat einen anderen Charakter.

Den deutschen Verwandten gegenüber schrieb Thelen nämlich ungeschützter, die materielle Not wird hier drastisch deutlich gemacht. Und doch kratzte er seine letzten Peseten ("aus dem Eintopfgericht wurde dann immer ein Scheintopfgericht") für Besuche in der Stierkampfarena zusammen, deren Schauspiele ihn faszinierten. Vor allem aber kündigte er seine Eheschließung mit Beatrice an - die dann allerdings noch anderthalb Jahre auf sich warten ließ. "Nun werdet Ihr fragen, was ich denn eigentlich einer Frau zu bieten habe. Das ist leicht gesagt. Neben dem zeitgemäßen Minus einer sehr wahnen Existenz doch auch sehr viel Positives. Zum Beispiel die auf dem Heiratsmarkt so beliebte ,gediegene Herzensbildung', einige Paare ausgelatschte Schuhe, die sich im Haushalt zum Anfeuern eignen, einen abgetragenen Anzug mit noch unerschlossenen Weiterverwendungsmöglichkeiten, und dann, mein Trumpf, zwölf Handwerke und dreizehn Unglücke."

Eines der Letzteren war die politische Situation in Deutschland. Aber noch waren die Nationalsozialisten nicht an der Macht, und Thelen konnte dem Jahr 1933 wünschen: "Möge es endlich endlich ein bisschen mehr Licht in die Welt tragen. Aber wenn nicht, dann wollen wir tapfer mit dem kleinen Kerzenstummel, der uns geblieben ist, weiter den Weg gehen, der doch zum Ziel führen wird." Das blieben ein frommer Wunsch und ein frommer Vorsatz. Umso mehr bewegt dieser Brief.

Wer ihn lesen will, muss freilich einen sehr hohen Preis dafür zahlen, weil die Quetsche-Drucke in winzigen Auflagen erscheinen - der konkrete Band mit 77 Exemplaren - und buchkünstlerisch aufwendig ausgestattet sind. Diesmal hat Reinhard Scheuble den 1964 in Dessau geborenen Graphiker Stefan Knechtel dafür gewonnen, die Briefe und ein Vorwort von Jürgen Pütz durch eine zweifarbige Holzschnittserie zu ergänzen, die verschiedene mallorquinische Stimmungen versammelt. Vier dieser elf Illustrationen sind ausfaltbar, und das Ganze ist wunderschön gebunden. Doch was hätte der bitterarme Thelen der Mallorca-Jahre, der für sich selbst drei Peseten pro Tag als Lebensunterhalt veranschlagte, zu solchem Luxus gesagt?

ANDREAS PLATTHAUS

Albert Vigoleis Thelen: "Im Lande des Don Quijote". Drei Briefe aus Mallorca. Mit Illustrationen von Stefan Knechtel.

Quetsche Verlag für Buchkunst, Witzwort 2014. 56 S., Abb., geb. im Schuber, 380,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Andreas Platthaus kann den Luxus dieser Ausgabe mit Mallorca-Briefen von Albert Vigoleis Thelen kaum ertragen. Schließlich litt der Schriftsteller auf der Mittelmeerinsel große materielle Not, wie Platthaus weiß. Thelens Schilderungen des kargen Lebens auf der Insel und seine Darlegung der Farce um den auf Mallorca angeblich erkrankten Bruder seiner Frau scheinen dem Rezensenten drastisch und burlesk wie nur wenige Korrespondenzen. Zusammen mit der teuren bibliophilen Aufmachung, den Mallorca-Grafiken von Stefan Knechtel und dem Vorwort von Jürgen Pütz für Platthaus offenbar eine lohnende Investition.

© Perlentaucher Medien GmbH